World Robot Conference 2026 Humanoide Roboter zwischen Börsenhype und Realitätstest

Von Henrik Bork 7 min Lesedauer

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Auf der World Robot Conference in Peking zeigten Humanoide weiterhin beeindruckende Bewegungen. Doch Unitree-Gründer Wang Xingxing bremst die Euphorie. Der entscheidende Entwicklungsschritt liegt nicht bei Saltos und Boxkämpfen, sondern bei Generalisierungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und wirtschaftlich nutzbaren Anwendungen.

Der extraleichte R1 von Unitree.(Bild:  Unitree)
Der extraleichte R1 von Unitree.
(Bild: Unitree)

Zwischen all den tanzenden Humanoiden gab es diesmal einen empfindlichen Dämpfer. Geliefert hat ihn ausgerechnet der neue Star der chinesischen Robotikwelt, Wang Xingxing. Der Gründer von Unitree sagte, der „ChatGPT-Moment“ der humanoiden Roboter sei noch mindestens zwei bis drei Jahre entfernt. Es könne aber auch noch fünf bis zehn Jahre dauern, so der frischgebackene Milliardär.

Wang sprach während einer Rede auf dem Hauptforum der „World Robot Conference“ in Peking. Fünf Tage lang, vom 19. bis 23. August 2026, zeigten 373 Aussteller im Pekinger Stadtteil Yizhuang, was ihre Zweibeiner können.

Am Stand von Unitree boxten und tanzten die Humanoiden wie gewohnt. Einer spielte Tischtennis gegen einen menschlichen Gegner. Die größte Jahresschau der chinesischen Robotikbranche hatte 69 Prozent mehr Aussteller als im Vorjahr, allerdings den Abschlussberichten der Konferenz zufolge nur etwa 40 von außerhalb Festlandchinas.

Zwischen Höhenflug und Realitätscheck

Wang war der Mann der Woche. Das von ihm gegründete Unternehmen „Unitree Robotics“ aus Hangzhou hatte gerade in Shanghai einen beeindruckenden IPO hingelegt. Die Aktie schloss am ersten Handelstag am A-Aktienmarkt der chinesischen Börse mit einem Plus von 460 Prozent.

Die Firma, die 2025 mehr als 5.500 Humanoide ausgeliefert hat, war damit vorübergehend 340 Milliarden Yuan wert, umgerechnet gut 50 Milliarden US-Dollar, berichtete die staatliche chinesische Zeitung Global Times. Dieser Höhenrausch war zwar ein Stück weit spekulativ. In den Tagen danach fiel der Wert der Aktie stark, am 25. August zeitweise auf unter 600 Yuan. Damit lag sie 46 Prozent unter dem Hoch des ersten Handelstages, berichtete das Technologieportal 36Kr.

Es wäre allerdings ein Denkfehler, Spekulationen an der Börse mit einem unberechtigten „Hype“ für Roboter zu verwechseln. Die junge Branche der verkörperten Intelligenz (Embodied AI) hat trotz dieser Achterbahnfahrt erstmals einen Maßstab dafür, was an den Kapitalmärkten für so eine Hardware-Firma gezahlt wird. Im Klartext heißt das, dass Investoren offensichtlich davon überzeugt sind, dass humanoide Roboter eine große Zukunft haben. Der Sektor habe erstmals eine Benchmark für die Bewertung von Start-ups, sagte ein Analyst eines chinesischen Wertpapierhauses gegenüber der Wirtschaftszeitung Jingji Guancha Bao.

Umso erstaunlicher war der nüchterne Auftritt des Unitree-Gründers am ersten Tag nach dem großen IPO. Wang Xingxing, der auffallend wenig lächelt, will ganz offensichtlich nicht für verfrühte Lobgesänge auf zweibeinige Roboter missbraucht werden. Er begründete seine kritische Bemerkung über den Status quo der Branche mit der noch mangelnden „Generalisierungsfähigkeit“ der Roboter. Dort, wo sie stets gleichbleibende, repetitive Aufgaben erledigen, erreichten die Humanoiden aktuell nach ausreichendem Training schon Erfolgsraten von nahezu 100 Prozent.

Sobald sich aber das bearbeitete Objekt oder die Umgebung nur leicht ändere, breche die Erfolgsrate ein, zitierte ihn die Wirtschaftszeitung aus seiner ersten öffentlichen Rede nach dem Börsengang. „Wenn ein Roboter nach einem Objekt greift, sieht es so aus, als hätte er es fast zu fassen bekommen. Aber dieses letzte Stück taktiles Feedback, diesen letzten kleinen Restfehler, kann er nicht korrigieren“, sagte Wang.

ChatGPT-Moment verschoben

Den „ChatGPT-Moment“ definierte er mit einer Art 80-80-Regel. Er sei erreicht, wenn ein Roboter in 80 Prozent aller ihm unbekannten Umgebungen etwa 80 Prozent der Aufgaben erledigen könne. Diese kritische Einschätzung des Ist-Zustandes mag direkt nach dem Börsengang und seinem Medienecho überraschend gewesen sein. Sie passte allerdings gut zu einem deutlich erkennbaren Trend auf der diesjährigen Robotikschau in Peking. Die Kritik, dass Humanoide zwar tanzen und kickboxen können, aber bislang wenig Nützliches leisten, ist bei den Herstellern ganz klar angekommen.

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Diesmal wurde viel weniger getanzt. Zwar gab es wieder ein paar vereinzelte Saltos und Boxkämpfe für die Medien, die so etwas lieben. Doch Humanoide holten diesmal auch Medikamente aus nachgebauten Apotheken oder andere Waren aus Regalen. Sie falteten Kleidung und räumten in simulierten Wohnzimmern auf.

UBTECH, neben Unitree der zweite große Name der Branche, zeigte Modelle von Humanoiden für die Industrie. Sie bewegten Bauteile wie am Fließband einer Fabrik. Die Diskussion darüber, wie gut die humanoiden Roboter bereits sind und wann sie beginnen, menschliche Fabrikarbeiter im großen Maßstab abzulösen, war eines der wichtigsten Themen in den Foren der Messe.

An einem unbemannten Verkaufsstand, einer Art Einzelhandelsladen der Zukunft, nahm ein Roboter per App eine Bestellung entgegen, legte dann ohne Probleme eine Packung Sojamilch auf den Tresen. Beim nächsten Versuch stockte er dann aber plötzlich. Die vielen Zuschauer hätten ihn irritiert, sagte ein Firmenvertreter während der Schau. Dafür hagelte es beißende Kritik. Wenn schon eine kleine Menschentraube den Roboter einfrieren lasse, dann werde er in einem echten Laden niemals bestehen, kommentierte ein Messebesucher. Anderswo scheiterte ein Roboter minutenlang bei dem Versuch, ein Hemd zu falten.

Flexibilität mangelhaft?

Heutigen Humanoiden fehle schlicht noch ein Gehirn, das so flexibel sei wie das menschliche, war ein auf der Messe zu hörender Konsens. Die Maschinen seien schon einwandfrei bei antrainierten Routinen, gestützt auf vorher gesammelte Daten oder Simulationstraining. Bei Handgriffen, die sich ständig wiederholen, mit anderen Worten. Doch in ungewohnten Situationen, die von Fachleuten auch „Long-Tail-Probleme“ genannt werden, wissen sie oft nicht weiter. Die Wahrscheinlichkeit des Versagens wächst mit der Komplexität der Aufgabe, was oft mit deren Länge korreliert.

Bei Aufgaben von drei bis fünf Sekunden erreichen Roboter 70 bis 100 Prozent der menschlichen Effizienz, bei 30 bis 60 Sekunden 60 bis 70 Prozent, jenseits einer Minute rund 30 Prozent, sagte Xiang Diyun, General Manager der Robotiksparte von Xiaomi, der Wirtschaftszeitung. Jede Wahrnehmungs- und Steuerungsschleife produziere kleine Fehler, erklärte auch der Unitree-Gründer Wang Xingxing in seiner Rede. Je länger eine Aufgabe dauere, desto stärker summierten sich diese Abweichungen vom gewünschten Verhalten.

„Kunden kaufen Roboter, um Probleme zu lösen, nicht um sich um die Roboter zu kümmern“, sagte Duan Yanbiao, Produktchef des Serviceroboter-Herstellers Yunji Technology, am Rande der Robotikmesse. Yunji hat eigenen Angaben zufolge bereits Roboter in mehr als 40.000 Hotels weltweit im Einsatz (manche davon fahren auf Rädern). Die Firma sammelt dabei viele Erfahrungen mit Long-Tail-Problemen. Im Hotel bleiben die Roboter zum Beispiel gerne an Teppichkanten hängen. Anstatt selbstständig zu arbeiten, werden sie dann wieder zu einer Zusatzaufgabe für das Hotelpersonal.

Doch während solche „Kinderkrankheiten“ einer sehr jungen Branche ernst genommen werden müssen, sollten sie nicht zu Fehleinschätzungen führen, was die Zukunft der Robotik betrifft. Das Jahr 2026, dies war ebenfalls auf dieser Konferenz zu erkennen, ist eindeutig das Jahr des „Proof of Concept“ für Humanoide. Sie beweisen gerade ihre Nützlichkeit in vielen kommerziellen Szenarien. Ob man das als Vorstufe oder als Beginn der Massenfertigung definieren will, ist Ansichtssache.

Man lernt noch dazu

Der neue Humanoide „Tieda“ des Autoherstellers Xiaomi zieht seit März in einem Werk des Konzerns Muttern fest. Diesen Handgriff wiederholt er am Ende einer Montagelinie, mehrere hundert Mal am Tag. Es ist genau die Art von eigentlich „stumpfer“ Aufgabe, die aber ein hohes Maß an Präzision erfordert.

Anfangs habe die Erfolgsquote dabei bei 90 Prozent gelegen, erzählte Xiang auf der Robotikschau. Menschen kommen auf 99 Prozent. Tieda lerne aber ständig dazu und werde vermutlich bis zum Jahresende auch bei 99 Prozent angekommen sein, so der Mitarbeiter des Autobauers.

Bis Humanoide schlauer werden, kämpfen sie mit zwei wesentlichen Engpässen: erstens Daten durch Training oder Simulation und zweitens Rechenleistung. An beiden Fronten gibt es schnelle Fortschritte. Der chinesische Handelskonzern JD.com öffne gerade seine Logistik und Läden für Robotikhersteller, sagte Zheng Xiaodan am Rande der Robotikschau gegenüber einem Reporter. Zheng ist bei JD Retail für die verkörperte Intelligenz zuständig. In den kommenden zwei Jahren sollen so rund zehn Millionen Stunden hochwertiger Szenariodaten gesammelt werden, sagte er. Die Roboter seien auf dem Weg vom „Vorführen“ zum „Arbeiten“, sagte der Manager.

Auch bei der Rechenleistung gibt es Fortschritte. KI-Chips liefern immer mehr TOPS (Tera Operations Per Second). Jede neue Generation von KI-Chips ermöglicht den Robotern daher, mehr Berechnungen direkt vor Ort auszuführen, anstatt sie erst in die Cloud schicken zu müssen. Auch so werden sie bei komplexen Aufgaben immer besser.

Restriktionen

Über der Robotikmesse hing in diesem Jahr allerdings auch ein geopolitischer Schatten. Erst wenige Wochen zuvor hatte die US-amerikanische Federal Communications Commission (FCC) im Ausland gefertigte „advanced robotic devices“ auf ihre sogenannte Covered List gesetzt. Dazu zählen unter anderem humanoide und vierbeinige Roboter sowie weitere autonome mobile Systeme. Neue Modelle können damit grundsätzlich keine FCC-Zulassung mehr erhalten, die für den Import, die Vermarktung und den Verkauf in den USA erforderlich ist. Bereits zugelassene Geräte sind von der Regelung zunächst nicht betroffen. Unter bestimmten Bedingungen sind außerdem Ausnahmen möglich.

Der Schritt sei gegen China gerichtet, wie unter anderem die amerikanische Nachrichtenagentur AP schrieb. Formal gilt die Regelung allerdings für im Ausland gefertigte Roboter unabhängig vom Herkunftsland. Die FCC begründete die Entscheidung mit möglichen Risiken für die nationale Sicherheit. Sie verwies darauf, dass die Geräte Daten sammeln, an ausländische Geheimdienste gelangen oder aus der Ferne übernommen werden könnten. Konkrete Belege für solche Fälle legte die Behörde in ihrer öffentlichen Begründung nicht vor.

Die Stimmung unter den chinesischen Robotikherstellern in Peking hat diese jüngste Salve im Handelskrieg aus Washington allerdings wenig getrübt. Die Debatte hat sich ohnehin verschoben. Gestritten wird inzwischen weniger darüber, ob Humanoide eine Zukunft haben, sondern vor allem darüber, wie schnell sie wirtschaftlich einsetzbar werden. (sb)

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