Übernahme von Hugging Face Nvidia greift nach dem „GitHub der KI“

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 4 min Lesedauer

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Nvidia soll bereit sein, 12,9 Milliarden US-Dollar für Hugging Face zu zahlen. Damit würde sich der Chiphersteller nicht nur eine bedeutende Plattform für offene KI-Modelle sichern, sondern eine weitere zentrale Ebene des KI-Ökosystems kontrollieren. Bestätigt ist die Übernahme allerdings noch nicht.

Hugging Face gilt als zentrale Plattform für offene KI-Modelle. Eine Übernahme würde Nvidia näher an die gesamte Wertschöpfungskette rücken – von der Rechenhardware bis zur Modellentwicklung und -verteilung.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Hugging Face gilt als zentrale Plattform für offene KI-Modelle. Eine Übernahme würde Nvidia näher an die gesamte Wertschöpfungskette rücken – von der Rechenhardware bis zur Modellentwicklung und -verteilung.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Nvidia nähert sich offenbar einer der größten Übernahmen seiner Unternehmensgeschichte. Nach einem Bericht von The Information hat der Chiphersteller einer Übernahme von Hugging Face für 12,9 Milliarden US-Dollar zugestimmt. Das Medium beruft sich dabei auf eine mit dem Vorgang vertraute Person. Eine offizielle Bestätigung der beiden Unternehmen liegt bislang nicht vor. Zudem zeichnet Business Insider ein vorsichtigeres Bild: Demnach verhandeln Nvidia und Hugging Face zwar über eine Transaktion mit einer Bewertung von mehr als 13 Milliarden US-Dollar, eine unterzeichnete Vereinbarung gebe es jedoch noch nicht. Die Gespräche könnten weiterhin scheitern. Auch Anfragen von Reutersblieben zunächst unbeantwortet. Die Meldung ist daher derzeit nicht als bestätigte Übernahme, sondern als übereinstimmender Medienbericht über laufende beziehungsweise weit fortgeschrittene Verhandlungen einzuordnen.

Ein Modellverzeichnis?

Hugging Face wird häufig als „GitHub der KI“ bezeichnet. Auf der Plattform veröffentlichen Unternehmen, Forschungseinrichtungen und unabhängige Entwickler Modelle, Datensätze und Anwendungen. Nutzer können diese dort finden, vergleichen, herunterladen, anpassen und für eigene Projekte einsetzen.

Die Bedeutung der Plattform ist seit 2025 noch einmal deutlich gewachsen. Hugging Face meldete für Ende 2025 bereits 13 Millionen registrierte Nutzer, mehr als zwei Millionen öffentliche Modelle und über 500.000 öffentliche Datensätze. Im August 2026 wurde nach Angaben auf der Plattform die Marke von drei Millionen öffentlichen Modellen überschritten. Hugging Face ist damit nicht nur ein Ablageort für Modelldateien, sondern eine wesentliche Entwicklungs- und Distributionsschicht des offenen KI-Ökosystems.

Genau darin dürfte der strategische Wert für Nvidia liegen. Eine Übernahme würde dem Unternehmen nicht bloß zusätzliche Software oder ein weiteres KI-Modell verschaffen. Nvidia erhielte direkten Zugang zu jener Plattform, auf der Entwickler Modelle entdecken, evaluieren, verändern und in Anwendungen integrieren. Das Unternehmen würde damit näher an die eigentliche Entwicklungsarbeit seiner Kunden rücken.

Nvidia baut am gesamten KI-Stack

Bisher beruht Nvidias Stellung primär auf der Infrastruktur. Die GPUs des Unternehmens bilden zusammen mit der Softwareplattform CUDA die technische Grundlage zahlreicher KI-Rechenzentren. Viele Entwickler von Sprach- und Multimodalmodellen trainieren und betreiben ihre Systeme zumindest teilweise auf Nvidia-Hardware.

Gleichzeitig versuchen große KI-Anbieter, ihre Abhängigkeit zu verringern. Google setzt seit Jahren eigene Tensor Processing Units ein. Amazon entwickelt Trainium- und Inferentia-Beschleuniger, Microsoft eigene Maia-Chips. Auch OpenAI und Anthropic verfolgen Berichten zufolge eigene oder gemeinsam mit Partnern entwickelte Halbleiterlösungen. Nvidia kann sich deshalb nicht darauf verlassen, dass seine heutige Marktstellung bei KI-Beschleunigern dauerhaft unangetastet bleibt.

Die Antwort des Unternehmens besteht zunehmend darin, weitere Ebenen der Wertschöpfung zu besetzen. Nvidia entwickelt nicht nur Prozessoren und Serversysteme, sondern auch Netzwerkkomponenten, Entwicklungswerkzeuge, Inferenzsoftware, Cloud-Angebote und eigene offene Modelle. Modelle der Nemotron-Familie veröffentlicht das Unternehmen bereits über Hugging Face. Sollte Nvidia die Plattform übernehmen, würden damit sowohl die eigenen Modelle als auch die Modelle zahlreicher anderer Anbieter über eine Infrastruktur verbreitet, die zum Nvidia-Konzern gehört.

Das bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche auf Hugging Face angebotenen Modelle an Nvidia-Hardware gebunden wären. Die Plattform unterstützt auch Systeme und Software anderer Halbleiteranbieter. Gerade diese Neutralität gehört zu ihren Stärken. Eine Übernahme könnte deshalb die Frage aufwerfen, ob AMD, Intel, Google und weitere Wettbewerber Hugging Face weiterhin als unabhängige Plattform betrachten würden.

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Wall Street soll den Ausbau finanzieren

Auch auf der Finanzierungsseite erweitert Nvidia seinen Einfluss. Das Unternehmen hat Partnerschaften mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR angekündigt. Gemeinsam sollen Finanzierungsplattformen entstehen, die im Laufe der Zeit mehr als 500 Milliarden US-Dollar an externem Kapital für KI-Infrastruktur mobilisieren.

Das ist wichtig. Nvidia hat nicht selbst 500 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. Ebenso handelt es sich nicht um einen einzigen bereits vollständig finanzierten Fonds. Geplant sind vielmehr Kapitalpools, über die Kunden den Bau von Rechenzentren und die Beschaffung von KI-Infrastruktur finanzieren können. Davon dürfte wiederum Nvidia profitieren, weil ein erheblicher Teil dieser Infrastruktur aus Nvidia-Beschleunigern, Netzwerktechnik und Software bestehen soll.

Das Unternehmen hilft damit, die Voraussetzungen für den Kauf seiner eigenen Produkte zu schaffen. KI-Labore und Cloudanbieter erhalten Zugang zu Kapital, bauen damit Rechenkapazitäten auf und bestellen dafür Nvidia-Systeme. Dieses Modell kann das Wachstum der gesamten Branche beschleunigen, verstärkt aber zugleich die gegenseitigen finanziellen Abhängigkeiten innerhalb des KI-Marktes.

Der strategische Wert

Der gemeldete Kaufpreis von 12,9 Milliarden US-Dollar erscheint hoch. Hugging Face wurde bei seiner Finanzierungsrunde 2023 noch mit 4,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Nach Angaben von The Information soll das Unternehmen zuletzt einen jährlichen Umsatz von rund 150 Millionen US-Dollar erreicht haben. Der mögliche Kaufpreis entspräche damit einem außergewöhnlich hohen Umsatzmultiplikator.

Aus strategischer Sicht bezahlt Nvidia jedoch nicht allein für den aktuellen Umsatz. Entscheidend wären die Plattform, die Entwicklergemeinschaft und die Position von Hugging Face als Zugangspunkt zu offenen KI-Modellen. Wer kontrolliert, wo Entwickler Modelle finden und wie sie diese ausführen, kann technische Standards, Integrationen und letztlich auch die Wahl der benötigten Recheninfrastruktur beeinflussen. (mr)

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