Mehr Ingenieure oder andere Ingenieure? Warum Qualifizierung zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 3 min Lesedauer

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Mehr arbeitslose Ingenieure, weniger offene Stellen – der aktuelle VDI-/IW-Ingenieurmonitor scheint zunächst Entwarnung beim Fachkräftemangel zu geben. Doch die Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn während die Konjunktur den Arbeitsmarkt kurzfristig bremst, verändert der technologische Wandel die Anforderungen an Ingenieurberufe.

Ingenieurberufe verändern sich: Neben der aktuellen Konjunktur treiben Digitalisierung, KI und neue Technologien den Bedarf an kontinuierlicher Qualifizierung.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Ingenieurberufe verändern sich: Neben der aktuellen Konjunktur treiben Digitalisierung, KI und neue Technologien den Bedarf an kontinuierlicher Qualifizierung.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Der aktuelle VDI-/IW-Ingenieurmonitor zeigt eine ungewöhnliche Entwicklung. Mit rund 58.000 arbeitslosen Ingenieur- und IT-Fachkräften wurde der höchste Wert seit Beginn der Erhebung erreicht. Gleichzeitig sank die Zahl der offenen Stellen innerhalb eines Jahres um mehr als 18 Prozent.

Auf den ersten Blick könnte dies darauf hindeuten, dass sich der Fachkräftemangel entspannt. Tatsächlich spiegelt diese Entwicklung jedoch vor allem die anhaltend schwache Konjunktur wider. Unternehmen verschieben Investitionen und stellen weniger Personal ein. Gleichzeitig bleiben mit knapp 97.000 offenen Stellen weiterhin erhebliche Engpässe bestehen.

Der eigentliche Wandel findet innerhalb der Berufe statt

Noch spannender als die Arbeitsmarktzahlen ist deshalb die Frage, welche Kompetenzen künftig gefragt sein werden.

Eine VDI-Studie im Rahmen der Initiative „Zukunft Deutschland 2050“ zeigt, dass sich Ingenieurberufe derzeit tiefgreifend verändern.

Rund 80 Prozent der befragten Ingenieure gehen davon aus, ihre Kompetenzen innerhalb der kommenden drei Jahre erweitern zu müssen. Knapp zwei Drittel sehen einen hohen oder sehr hohen Re-Skilling-Bedarf in ihrer Branche, und 71 Prozent interessieren sich aktiv für entsprechende Weiterbildungsangebote. Damit verschiebt sich die Diskussion vom klassischen Fachkräftemangel hin zur Frage, wie vorhandene Fachkräfte für neue Aufgaben qualifiziert werden können.

KI verändert Kompetenzprofile schneller als der Arbeitsmarkt

Als wichtigsten Auslöser nennen die Befragten den technologischen Fortschritt durch Künstliche Intelligenz und Automatisierung. 87 Prozent sehen hierin den stärksten Treiber für den steigenden Weiterbildungsbedarf. Dabei geht es weniger darum, Ingenieure zu ersetzen, sondern ihre Aufgaben zu verändern.

Routinearbeiten bei Berechnungen, Dokumentation oder Softwareentwicklung lassen sich zunehmend automatisieren. Gleichzeitig gewinnen Systemverständnis, interdisziplinäre Entwicklung, Validierung komplexer Systeme sowie die Integration von KI-Werkzeugen an Bedeutung. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt vieler Ingenieurberufe von der reinen Fachdisziplin hin zur Beherrschung komplexer Gesamtsysteme.

Nicht jeder Ingenieurarbeitsmarkt entwickelt sich gleich

Die aktuellen Arbeitsmarktdaten zeigen außerdem, dass sich einzelne Fachrichtungen zunehmend unterschiedlich entwickeln. Während beispielsweise die technische Forschung und Produktionssteuerung deutlich stärker von steigender Arbeitslosigkeit betroffen sind, bleibt die Situation in anderen Bereichen vergleichsweise stabil. Besonders optimistisch beurteilen Ingenieure laut VDI die Zukunftsperspektiven in den Bereichen:

  • Elektrotechnik
  • Energieversorgung
  • Luft- und Raumfahrt
  • Bauwesen

Deutlich kritischer wird die Lage dagegen in Teilen der Chemie-, Metall- und Fahrzeugindustrie eingeschätzt. Der Ingenieurarbeitsmarkt entwickelt sich damit immer weniger als ein einheitlicher Markt, sondern zunehmend als Summe einzelner Technologiefelder mit sehr unterschiedlichen Perspektiven.

Demografischer Wandel bleibt ein struktureller Faktor

Unabhängig von der aktuellen Konjunktur bleibt der demografische Wandel eine der größten Herausforderungen. Nach Schätzung des VDI werden innerhalb der kommenden zehn Jahre rund 315.000 Ingenieur- und IT-Fachkräfte altersbedingt aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Bereits heute sind gleichzeitig über 100.000 Stellen unbesetzt. Zusätzlichen Bedarf erzeugen Investitionen in Infrastruktur, Verteidigung, Energiewende, Digitalisierung und Halbleitertechnologien.

Hinzu kommt, dass der Ingenieurmonitor den hohen Beitrag internationaler Fachkräfte verdeutlicht. Ohne Zuwanderung wäre die Zahl der Beschäftigten in Ingenieur- und IT-Berufen seit 2012 deutlich geringer gewachsen. Die Fachkräftesicherung der vergangenen Jahre wäre ohne internationale Ingenieure kaum möglich gewesen.

Re-Skilling wird zur strategischen Aufgabe

Die Studie kommt deshalb zu einem klaren Ergebnis: Re-Skilling darf nicht erst einsetzen, wenn Stellen bereits abgebaut wurden. Unternehmen, die erfahrene Fachkräfte weiterqualifizieren, können bestehendes Know-how erhalten und gleichzeitig neue Kompetenzfelder erschließen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen dabei jedoch vor erheblichen Herausforderungen. Zeitmangel, Kosten und eine komplexe Förderlandschaft erschweren systematische Weiterbildung.

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Die aktuellen Arbeitsmarktzahlen markieren keinen Wendepunkt beim Ingenieurbedarf, sondern spiegeln vor allem die konjunkturelle Schwäche wider. Parallel dazu verändert sich der Beruf selbst grundlegend. Entscheidend wird künftig weniger sein, wie viele Ingenieure verfügbar sind, sondern ob ihre Kompetenzen mit den Anforderungen neuer Technologien Schritt halten.

Qualifizierung und Re-Skilling entwickeln sich damit von einer Personalmaßnahme zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor. Wer vorhandene Fachkräfte gezielt weiterentwickelt, dürfte voraussichtlich bei der nächsten Investitions- und Wachstumsphase im Vorteil sein. (mr)

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