Was 2002 als studentisches Projekt begann, um die Lücke bei bezahlbarer Messtechnik zu schließen, hat sich zu einem Vollsortimenter für das Elektroniklabor entwickelt. Eine Geschichte vom ersten eigenen Oszilloskop bis hin zu aktuellen Vektornetzwerkanalysatoren und Source Measure Units.
Signalintegrität im Fokus: Der technologische Weg von Siglent führte vom einfachen Oszilloskop hin zu High-End-Geräten für die Analyse schneller Datenübertragungen, wie diesem Vektornetzwerkanalysator mit Augendiagramm-Darstellung.
(Bild: Siglent)
Die Initialzündung für viele Technologieunternehmen ist oft der Mangel an verfügbaren Werkzeugen. Im Jahr 2002 standen Eric Qin, der heutige CEO von Siglent, und seine Studienkollegen vor genau diesem Problem: Professionelle Messtechnik zur Validierung eigener Designs war außerhalb der Universitätslabore für junge Entwickler kaum finanzierbar. Die etablierten Platzhirsche konzentrierten sich auf High-End-Anwendungen mit entsprechenden Preisschildern. Für Studenten, Bastler oder junge Ingenieure, die ihre ersten eigenen Schaltungen prüfen wollten, klaffte eine Lücke zwischen theoretischem Wissen und praktischer Messmöglichkeit.
Der Ansatz der Gründer war pragmatisch: Sie begannen mit der Entwicklung einer eigenen Hardware-Plattform für ein digitales Speicheroszilloskop (DSO). Was folgte, war eine klassische Hardware-Entwicklungsphase mit mehreren Iterationen von Prototypen, Debugging und Softwareanpassungen. Erst fünf Jahre später, 2007, war das Produkt reif für den lokalen Markt. Der Fokus lag zu diesem Zeitpunkt klar auf der Demokratisierung von Messtechnik: Solide Grundfunktionen für Triggerung und Signaldarstellung sollten für eine breite Schicht von Anwendern zugänglich gemacht werden.
Vom Messtechnik-Lieferanten zu einem Lösungsanbieter
Der Wandel vom reinen Hardware-Lieferanten zu einem Lösungsanbieter für die Mess- und Prüftechnik wird auch von langjährigen Vertriebspartnern wahrgenommen. Die Verfügbarkeit von lokalem Support und Service ist für den Verkauf höherwertiger Messtechnik oft entscheidend.
Ein deutscher Premium-Distributor, der Siglent bereits vor der Gründung der europäischen Niederlassung begleitete, beschreibt die Entwicklung mit folgenden Worten: „Seit der ersten Begegnung haben sich Innovationsrate, Technologie und Qualität enorm gesteigert. Aktueller Höhepunkt ist die Premium-A-Serie für anspruchsvolle Anwendungen, wobei das Preisgefüge fair bleibt.“ Besonders der Umzug der Niederlassung nach Augsburg habe die Kommunikation und die Abwicklung von „Sonderfällen“ für den Distributor wesentlich beschleunigt.
Ähnlich sieht es Auglit AS, ein Partner für den Nischenmarkt in Norwegen: „Unser Erfolg hängt von der Zuverlässigkeit der Produkte ab. Seit Beginn unserer Zusammenarbeit im Jahr 2015 haben das Angebot und das Kaliber der Instrumente erheblich zugenommen.“
Das Portfolio schrittweise erweitern mit Funkions- und Arbiträrsignalgeneratoren
Bild 1: Mit preiswerten Digitaloszilloskopen wie diesem Modell der frühen SDS1000-Serie (Bandbreite 70 MHz) startete Siglent vor knapp zwei Jahrzehnten, damit Messtechnik für eine breite Anwenderschicht zugänglich wurde.
(Bild: Siglent)
Ein Oszilloskop ist das zentrale Auge des Elektronikentwicklers, aber selten das einzige benötigte Werkzeug. Um eine komplette Signalkette zu charakterisieren oder ein Embedded-System zu debuggen, sind Stimuli und Energie notwendig. Die logische Konsequenz für den Hersteller war die horizontale Erweiterung des Portfolios. Schrittweise kamen Funktions- und Arbiträrsignalgeneratoren hinzu, um definierte Testsignale bereitzustellen. Programmierbare Labornetzgeräte deckten die Stromversorgung ab.
Mit der Einführung erster Spektrumanalysatoren wagte sich das Unternehmen zudem aus der reinen Zeitbereichsanalyse in den Frequenzbereich vor. Technologisch bewegte sich das Unternehmen in dieser Phase im sogenannten „General Purpose“-Bereich. Die Geräte boten die notwendigen Spezifikationen für typische Mikrocontroller-Anwendungen im niedrigen MHz-Bereich, analoge Basisschaltungen und die Ausbildung. Die Marktpositionierung war in dieser Phase primär über das aggressive Preis-Leistungs-Verhältnis definiert.
Der entscheidende Wendepunkt in der technischen Ausrichtung war die Expansion auf internationale Märkte ab 2014, mit der Gründung von Niederlassungen in den USA und kurz darauf in Europa. Das direkte Feedback aus den westlichen Märkten konfrontierte die Entwicklungsabteilung in Shenzhen mit neuen, härteren Anforderungen. Es ging nicht mehr nur um das Vorhandensein einer Funktion auf dem Datenblatt, sondern um deren qualitative Umsetzung unter realen Bedingungen. Westliche Industriekunden forderten höhere Bandbreiten, tiefere Speicher für die Erfassung längerer Signalfolgen, eine bessere vertikale Auflösung (Abkehr von den klassischen 8 Bit) und vor allem eine stabilere Signalintegrität (SI) mit geringerem Grundrauschen. Auch die Anforderungen an die Software und die Analysefunktionen, etwa zur Dekodierung komplexer serieller Busse, stiegen exponentiell.
Diese Evolution war mit Standard-Komponenten kaum noch zu bewältigen. Sie erforderte Investitionen in die eigene Basistechnologie. Die Entwicklung proprietärer Hardwareplattformen, die tiefere Integration von FPGAs zur Echtzeit-Signalverarbeitung und schließlich das Design kundenspezifischer ASICs (Application-Specific Integrated Circuits) bildeten das Fundament, um das reine Einstiegssegment technologisch zu verlassen.
Eine veränderte Unternehmensstruktur in Europa
Bild 2: „Die europäische Präsenz war eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen“: Thomas Rottach leitet den Vertrieb und das Marketing der europäischen Niederlassung in Augsburg und treibt den Aufbau von technischem Applikationswissen vor Ort voran.
(Bild: Siglent)
Der Schritt in höhere Leistungsklassen veränderte auch die Unternehmensstruktur, insbesondere in Europa. „Die europäische Präsenz war eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen“, betont Thomas Rottach, der seit 2018 den Vertrieb und das Marketing der europäischen Niederlassung leitet. Die Anfänge in Europa ab 2014 waren noch bescheiden. Die erste Niederlassung in Hamburg fungierte primär als logistische Drehscheibe zur Händlerbetreuung und Auftragsabwicklung, oft noch direkt aus der chinesischen Zentrale gesteuert.
Die europäische Präsenz war eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen.
Thomas Rottach, Siglent
Mit dem Umzug nach Augsburg im Jahr 2018 änderte sich die Strategie grundlegend: Es begann der systematische Aufbau technischer Kompetenz vor Ort. Der Grund ist simpel: Im Performance-Segment reichen reine Hardwarespezifikationen nicht aus. Ein 2-GHz-Oszilloskop ist nutzlos ohne passende aktive Tastköpfe und das Wissen um deren korrekten Einsatz. Applikationsunterstützung, Pre-Sales-Beratung bei komplexen Messaufgaben und verlässlicher After-Sales-Support werden zu kritischen Faktoren der Gesamtlösung. Der Aufbau eines lokalen Teams aus Applikationsingenieuren war daher die zwingende Begleitmaßnahme zur Produktentwicklung.
Der Sprung in die HF- und Performance-Klasse
Bild 3: Angekommen in der Performance-Klasse: Aktuelle Multi-Gigahertz-Oszilloskope (hier ein Modell der SDS7000A-Serie mit aktiven Tastköpfen) adressieren anspruchsvolle Entwicklungsaufgaben wie die Analyse der Signalintegrität schneller digitaler Busse.
(Bild: Siglent)
Dieser technologische und strukturelle Reifeprozess wurde zu Beginn der 2020er Jahre sichtbar. Mit der Einführung von Oszilloskopen im Multi-Gigahertz-Bereich, wie der SDS6000A-Serie, und von leistungsfähigen Vektornetzwerkanalysatoren wie dem Modell SNA5000A adressierte Siglent nun Anwendungen, die deutlich über die klassische Embedded-Entwicklung hinausgingen. Dazu zählen beispielsweise das Design schneller digitaler Schnittstellen oder komplexer HF-Frontends.
Die ursprüngliche Marktpositionierung als reiner Best-Value-Anbieter war mit diesen High-End-Geräten technisch nicht mehr vereinbar. Thomas Rottach erläutert die dahinterstehende Strategie: „Zunächst ging es darum, über den Preis Marktanteile im Einstiegssegment zu gewinnen und die Marke bekannt zu machen. Mit der technischen Reife verlagerte sich der Fokus. Heute zielt man darauf ab, nicht unbedingt die absolute Cutting-Edge-Lösung für Nischenanwendungen zu bieten, sondern zuverlässige, präzise Geräte für den breiten Alltagseinsatz, aber eben bis in höhere Leistungsklassen hinein. Besonders im vertrauensorientierten deutschen Markt setzte man zudem verstärkt auf technische Schulungen und direkte Kommunikation, um das Image des reinen Billiganbieters abzulegen.“
Dieser strategische Schwenk war kein Selbstläufer, besonders nicht im anspruchsvollen deutschen Markt, wo technische Expertise und langfristiges Vertrauen oft wichtiger sind als der letzte Euro im Einkaufspreis. Um den Sprung aus den Hobbykellern und Uni-Laboren hin zu den Arbeitsplätzen der Industrieentwickler zu schaffen, reichte eine neue Preisliste nicht aus. Das Unternehmen musste aktiv beweisen, dass die neuen Performance-Geräte nicht nur auf dem Datenblatt, sondern auch am realen Prüfling liefern. Man setzte daher verstärkt auf direkte technische Kommunikation, spezifische Schulungen, Webinare zu Applikationsproblemen und großzügige Leihstellungen für Evaluierungen. Diese Vertrauensarbeit am Objekt war die notwendige Brücke, um das Image des reinen Preisbrechers abzulegen und als ernsthafter Partner für komplexe Messaufgaben wahrgenommen zu werden.
Erweiterung in die Breite: Präzisions-DC und Mobileinsatz
Bild 4: Der Schritt in den Frequenzbereich: Das Portfolio wächst stark in Richtung Hochfrequenztechnik. Das Bild zeigt einen komplexen VNA-Messaufbau mit Frequenzextendern für Messungen im Millimeterwellen-Bereich von 55 bis 90 GHz.
(Bild: Siglent)
Aktuell wächst das Portfolio nicht nur in Richtung höherer Frequenzen, sondern auch in die Breite neuer Applikationsfelder. Handheld-Geräte bringen die HF-Messtechnik aus dem Labor in den Feldeinsatz, etwa für Pre-Compliance-Tests an großen Anlagen oder Wartungsaufgaben im Mobilfunkumfeld. Ein weiterer technologischer Baustein ist die Einführung von Source Measure Units (SMUs). Diese Geräteklasse ist Grundlage für die präzise Charakterisierung von Halbleiterbauelementen, etwa MOSFETs oder IGBTs, sowie für die Analyse von Low-Power-Designs im IoT-Umfeld. Die technische Herausforderung liegt hier in der extrem hohen Genauigkeit und Dynamik bei der gleichzeitigen Strom- und Spannungsmessung über viele Dekaden hinweg. Das Spektrum reicht vom Pikoampere bis zum Ampere.
Ausblick: Fertigungstiefe und Frequenzhunger
Bild 5: Um die steigenden Stückzahlen und die Qualitätsanforderungen des globalen Marktes zu bedienen, investiert der Hersteller am Stammsitz in Shenzhen kontinuierlich in moderne Produktionsinfrastruktur und Testverfahren.
(Bild: Siglent)
Bild 6: Um globale Qualitätsstandards effizient zu erfüllen, setzt die Fertigung verstärkt auf Automatisierung. Das Bild zeigt einen parallelen Teststand für bestückte Leiterplatten (PCBs) vor der Endmontage.
(Bild: Siglent)
Um die steigenden Stückzahlen und die wachsenden Qualitätsanforderungen des breiteren Portfolios bedienen zu können, investiert der Hersteller auch in die Produktionsinfrastruktur. Die Integration moderner Fertigungstechnologien in Shenzhen ist dabei essenziell. Automatisierte Bestückung und Tests, strengere Qualitätskontrollen und internationale Zertifizierungen sind die Voraussetzung, um auch in der Performance-Klasse die notwendige Reproduzierbarkeit und Langzeitstabilität zu gewährleisten. Ein weiterer entscheidender Baustein für die globale Lieferfähigkeit ist der neue Fertigungsstandort in Malaysia, der im Sommer 2026 die Produktion aufgenommen hat und die Kapazitäten deutlich erweitert.
Die technische Richtung wird durch Anforderungen der Elektronikentwicklung vorgegeben. Thomas Rottach sieht das derzeit größte Wachstumspotenzial in der Hochfrequenztechnik, konkret in den Anwendungsfeldern Netzwerkanalyse, Spektrumanalyse und HF-Signalerzeugung, sowie in der Leistungselektronik. Höhere Schaltgeschwindigkeiten in SiC- und GaN-Designs verlangen mehr Bandbreite und eine höhere Signalintegrität bei der Messtechnik, komplexere Modulationsverfahren im Funk treiben den Bedarf an höherer Analysebandbreite, und der Zwang zu höherer Energieeffizienz erfordert leistungsfähigere, softwarebasierte Analysefunktionen im Gerät.
(ID:50970056)
Stand: 08.12.2025
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