Kommentar: KI am Arbeitsplatz Wir bezahlen dafür, uns selbst überflüssig zu machen

Von Dipl.-Ing. (FH) Michael Richter 6 min Lesedauer

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Wir haben eine digitale Welt geschaffen. Nun erschaffen wir darin ein Monster. Das klingt drastisch, vielleicht sogar übertrieben. Doch je länger ich die Entwicklung der künstlichen Intelligenz beobachte, desto schwerer fällt es mir, eine harmlosere Beschreibung zu finden.

Wir bezahlen für Systeme, die menschliche Arbeit übernehmen, ohne bislang geklärt zu haben, wie die dadurch entstehende Wertschöpfung künftig verteilt werden soll.(Bild:  frei lizenziert / Pexels)
Wir bezahlen für Systeme, die menschliche Arbeit übernehmen, ohne bislang geklärt zu haben, wie die dadurch entstehende Wertschöpfung künftig verteilt werden soll.
(Bild: frei lizenziert / Pexels)

Bill Gates warnt in seinem Blog davor, dass KI entweder zum größten Gleichmacher der Geschichte oder zu einer gewaltigen Quelle neuer Ungleichheit werden könnte. Ich fürchte, dass wir gerade mit erstaunlicher Konsequenz auf die zweite Möglichkeit zusteuern. Natürlich sehe ich die Vorteile. In der Medizin kann künstliche Intelligenz riesige Datenmengen auswerten und Muster erkennen, die einem Menschen womöglich entgehen würden. Sie kann Bilddaten vergleichen, Auffälligkeiten identifizieren und Ärzte bei Diagnosen unterstützen. Ähnliches gilt für Forschung, industrielle Prozesse und viele andere Bereiche. KI ist ein außerordentlich leistungsfähiges Werkzeug.

Die Sorge vor dem „Ende der Arbeit“ Begleitet uns seit der Erfindung der Dampfmaschine. Bisher hat Automatisierung meist nicht die Arbeit vernichtet, sondern ihre Natur verändert und völlig neue Industriezweige geschaffen. Allerdings unterscheidet sich KI in der Geschwindigkeit und Breite ihrer Adaption. Während frühere Wellen vor allem körperliche Arbeit betrafen, trifft KI den Kern der Wissens- und Kreativarbeit. Die Frage ist also wie schnell Politik und Gesellschaft mit Regulierung, neuen Steuermodellen (z. B. Wertschöpfungsabgabe) und Leitplanken gegensteuern.

KI ist kein allwissender Erfinder

Die Industrie verbindet mit KI derzeit die Hoffnung auf schnelle Lösungen für nahezu jedes Problem. Dabei wird leicht übersehen, worauf heutige KI-Systeme beruhen: auf vorhandenen Daten, bestehendem Wissen und menschlichen Arbeitsergebnissen. Daraus können sie beeindruckende Zusammenhänge ableiten und neue Kombinationen erzeugen. Das ist mehr als simples Nachschlagen. Es ist aber noch lange keine Garantie für einen echten Erkenntnissprung.

Eine KI kann aus Bekanntem plausible Antworten erzeugen. Ob diese Antworten richtig, neu, technisch umsetzbar oder gesellschaftlich sinnvoll sind, muss weiterhin jemand beurteilen. Doch dort, wo keine ausreichenden Daten existieren und tatsächlich unbekanntes Terrain betreten wird, stößt sie an Grenzen. Trotzdem bauen Unternehmen derzeit Stellen ab oder besetzen sie nicht mehr, weil sie darauf hoffen, dass KI diese Arbeit künftig übernehmen wird. Besonders betroffen sind ausgerechnet Einstiegspositionen. Damit verschwindet aber nicht nur ein Arbeitsplatz. Es verschwindet auch der Ort, an dem Menschen Erfahrungen sammeln, Fehler machen und sich zu jenen Fachkräften entwickeln, die später die Ergebnisse einer KI noch beurteilen könnten.

Wer heute die Juniorstellen streicht, weil eine KI die ersten Aufgaben erledigt, darf sich morgen nicht darüber wundern, wenn ihm die erfahrenen Mitarbeiter fehlen. Wir automatisieren nicht nur Arbeit. Wir unterbrechen möglicherweise die Weitergabe von Wissen. Noch schwerer wiegt die ökonomische Verschiebung. Millionen Menschen könnten ihre Arbeit verlieren oder zumindest einen Teil ihres Einkommens und ihrer Verhandlungsmacht einbüßen. Die Systeme, die ihre Aufgaben übernehmen, gehören jedoch nicht der Allgemeinheit. Sie gehören wenigen Unternehmen, die Modelle, Rechenzentren, Plattformen und Zugänge kontrollieren. Open AI, Meta, Google, nur um ein paar zu nennen.

Unternehmen zahlen diesen wenigen Anbietern Geld, um menschliche Arbeit einzusparen. Beschäftigte trainieren die Systeme durch ihre Texte, Programme, Bilder, Entscheidungen und Rückmeldungen oftmals sogar mit. Am Ende fließen Produktivität, Wissen und Wertschöpfung zu einigen wenigen Plattformbetreibern. Die wie wir alle wissen so gut wie nie in Deutschland sitzen. Wir geben diesen Unternehmen also Geld, damit ihre Systeme uns überflüssig machen.

Das ist der eigentliche gesellschaftliche Sprengstoff. Nicht die Maschine nimmt uns aus eigenem Antrieb die Arbeit weg. Wir selbst organisieren den Übergang, weil jede einzelne Einsparung aus betriebswirtschaftlicher Sicht zunächst vernünftig erscheint. Wenn ein Unternehmen mit KI günstiger produziert, geraten alle Wettbewerber unter Druck, es ihm gleichzutun. Was für den einzelnen Betrieb rational ist, kann für die Gesellschaft insgesamt verheerend sein.

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Denn unser Wirtschaftssystem beruht darauf, dass Menschen ihre Arbeitskraft verkaufen, Einkommen erzielen und damit am wirtschaftlichen Leben teilnehmen. Wenn Arbeit in großem Umfang durch Systeme ersetzt wird, die wenigen Unternehmen gehören, lässt sich die entstehende Produktivität nicht länger automatisch über Löhne verteilen. Dann wachsen die Gewinne, während die gesellschaftliche Grundlage dieser Gewinne erodiert.

Deshalb reicht es nicht, immer neue KI-Anwendungen zu feiern und anschließend über Weiterbildungen für diejenigen zu sprechen, deren Stellen verschwunden sind. Nicht jeder entlassene Sachbearbeiter wird zum KI-Entwickler. Und selbst wenn alle Menschen entsprechend qualifiziert wären, entstünden dadurch nicht automatisch genügend neue Arbeitsplätze.

Wir müssen deshalb jetzt darüber sprechen, wem die durch KI erzeugte Produktivität gehört, wie sie verteilt wird und welche Aufgaben wir bewusst Menschen überlassen wollen. Eine Besteuerung von KI-generierter Wertschöpfung, wie Gates sie vorschlägt, darf kein Tabu sein. Ebenso wenig die Frage, ob bestimmte Tätigkeiten nicht deshalb menschlich bleiben sollten, weil eine Maschine sie nicht ausführen kann, sondern weil wir als Gesellschaft nicht wollen, dass sie es tut.

Früher entstanden Unternehmen aus einer technischen Idee. Ingenieure und Entwickler gründeten sie, weil sie ein Problem lösen, ein Produkt verbessern oder etwas bauen wollten, das es zuvor nicht gab. Heute werden selbst technologiegetriebene Unternehmen häufig von Managern geführt, deren wichtigste Kennzahlen nicht Innovationshöhe, technische Substanz oder langfristige Wettbewerbsfähigkeit sind, sondern Marge, Aktienkurs und Dividende. Künstliche Intelligenz erscheint in dieser Logik als das perfekte Werkzeug, um Menschen einzusparen.

Der entscheidende Unterschied ist folgender: Wer ein Unternehmen vom Produkt her denkt, nutzt KI, um Entwickler leistungsfähiger zu machen. Wer es ausschließlich von der Bilanz her denkt, nutzt dieselbe Technologie, um Entwickler einzusparen. Kurzfristig verbessert das möglicherweise die Bilanz. Langfristig verschwindet jedoch genau das Wissen aus dem Unternehmen, aus dem seine nächsten Produkte entstehen müssten. Eine Abhängigkeit gegenüber den Tech-Konzernen entsteht. Diese können dann alles verlangen, was sie aufrufen wollen. Eine Dividende ist keine Innovation. Personalabbau ist keine Strategie. Und ein Unternehmen wird nicht zukunftsfähig, indem es diejenigen entlässt, die seine Zukunft entwickeln sollen.

Besonders trügerisch wirken in diesem Zusammenhang Unternehmen, die ihren Beschäftigten vermitteln, wie dankbar sie für ihren Arbeitsplatz sein sollten. Denn diese Dankbarkeit ist meist erstaunlich einseitig. Ein Arbeitsplatz ist kein Geschenk. Beschäftigte tauschen ihre Zeit, ihr Wissen, ihre Kreativität und häufig auch ihre Gesundheit gegen ein Einkommen. Sie entwickeln Produkte, lösen Probleme, betreuen Kunden und schaffen damit überhaupt erst den Wert, den ein Unternehmen anschließend verteilen kann.

Wenn dieselben Menschen durch KI ersetzt werden können, zeigt sich schnell, wie wenig die zuvor beschworene Gemeinschaft tatsächlich wert war. Dann werden aus „unseren wichtigsten Mitarbeitern“ plötzlich Kostenstellen und aus jahrelanger Loyalität ein Posten im Restrukturierungsprogramm. Natürlich müssen Unternehmen wirtschaftlich handeln. Aber sie sollten nicht von Verbundenheit sprechen, solange sie Gewinne erzielen, und sich auf reine Marktlogik berufen, sobald Menschen entbehrlich erscheinen.

Am deutlichsten spüre ich diese Entwicklung in der Kreativbranche. Überall entstehen plötzlich dieselben makellosen Inhalte. Alles ist technisch sauber, schnell produziert und auf den ersten Blick professionell. Doch immer seltener ist darin ein Mensch zu erkennen. Inzwischen wäre mir ein handgemaltes Plakat lieber.

Kreativität lebt nicht allein vom Ergebnis. Sie lebt von Persönlichkeit. KI kann vorhandene Stile in Sekunden nachbilden und miteinander kombinieren. Aber wenn jeder auf dieselben Modelle und dieselben ästhetischen Muster zurückgreift, entsteht Monotonie. Das Absurde daran ist, dass wir diese Verarmung auch noch als Fortschritt verkaufen. Wir sparen den Grafiker, den Fotografen oder den Illustrator ein und erhalten dafür mehr Inhalte als je zuvor. Doch mehr Inhalte bedeuten nicht mehr Kultur. Vielleicht produzieren wir gerade eine unendliche Menge an Bildern, Texten und Musik, die keinen Menschen berührt.

KI kann uns von monotoner Arbeit befreien, Forschung beschleunigen und Menschen Zugang zu Wissen verschaffen. Sie könnte tatsächlich zu mehr Wohlstand und Freiheit führen. Doch das geschieht nicht automatisch. Wenn wir ihre Einführung allein den Marktkräften überlassen, wird sie vor allem dort eingesetzt, wo sich menschliche Arbeit am schnellsten einsparen lässt. Dann erschaffen wir kein Werkzeug, das für uns arbeitet. Wir finanzieren ein System, das die Früchte unserer Arbeit privatisiert und die Folgen seiner Rationalisierung der Allgemeinheit überlässt.  (mr)

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