Der Elektronikfertiger aus dem saaleländischen Querfurt hat DDR-Zeiten erlebt, die Wende überlebt, ist mit der Automobilindustrie gewachsen und hat mit ihr gelitten. Corona hat das Lager gefüllt und den Markt danach durcheinandergeworfen. Seit 2023 ist die Konjunktur schwach, viele Kunden kämpfen selbst. Und seit August 2025 steht mit Christian Seliger ein Geschäftsführer an der Spitze, der das Unternehmen noch einmal neu ausrichten will.
Die Firmenzentrale von VTQ in Querfurt: Der EMS-Dienstleister entwickelt und fertigt elektronische Baugruppen und Systeme für anspruchsvolle Anwendungen.
(Bild: VTQ Videotronik GmbH)
Eine Geschichte, die nicht abgerissen ist
Es gibt in Ostdeutschland viele Industriegeschichten, die mit der Wende enden. Und es gibt einige wenige, die danach erst richtig spannend werden. VTQ gehört zur zweiten Kategorie.
Der Elektronikfertiger aus Querfurt ist kein Start-up mit Hochglanzfolien und auch kein Konzernstandort mit globaler PR-Erzählung. VTQ ist ein Unternehmen, das geblieben ist. Durch die DDR-Zeit geprägt, nach der Wende nicht verschwunden, später mit der Automobilindustrie gewachsen, mit der Digitalisierung mitgezogen, von Corona und Marktverwerfungen durchgeschüttelt – und nun erneut im Umbau. Dass ein solcher Betrieb nach all den Brüchen noch immer existiert, ist bemerkenswert. Und vielleicht gerade deshalb erzählenswert.
Denn bei VTQ geht es nicht nur um Leiterplatten, Baugruppen oder Funksysteme. Es geht auch um industrielle Kontinuität in einer Region, in der wirtschaftliche Biografien nicht selten gekappt wurden. Es geht um einen Betrieb, der sich über Jahrzehnte nicht durch Größe abgesichert hat, sondern durch Beweglichkeit. Und es geht um die Frage, ob Erfahrung allein reicht, oder ob sie erst dann zum Vorteil wird, wenn ein Unternehmen bereit ist, alte Routinen hinter sich zu lassen.
Die Firma aus Sicht derer, die geblieben sind
Ein guter Ausgangspunkt für diese Geschichte ist nicht das Büro des Geschäftsführers, sondern der Blick eines Mitarbeiters, der fast alles schon einmal gesehen hat.
Axel Bielefeld ist seit Jahrzehnten im Unternehmen. Seine Laufbahn erzählt im Kleinen, was VTQ im Großen ausmacht. Er war im Werkzeugbau, arbeitete an analogen Videoübertragungssystemen, später in der Bestückung im Schichtdienst, dann wieder im Sonderbau, heute hilft er bei Umbau- und Modernisierungsarbeiten am Standort. Seine Frau arbeitet ebenfalls im Unternehmen. Solche Sätze klingen in manchen Managementpräsentationen nach „gewachsener Unternehmenskultur“. Hier sind sie schlicht die Wirklichkeit.
Bielefeld spricht nicht in Floskeln. Er beschreibt eine Firma, die sich immer wieder auf neue Kunden und neue Anforderungen eingestellt habe. Maschinen wurden umgerückt, Linien verändert, Prüfverfahren ergänzt, neue Kundenwünsche integriert. Nicht, weil man strategisch jede Marktbewegung antizipiert hätte, sondern weil es gar nicht anders ging. Wer als mittelständischer Elektronikfertiger in Deutschland über Jahrzehnte bestehen will, braucht die Bereitschaft, sich zu bewegen.
Wir haben immer versucht, für den Kunden eine Lösung zu finden – egal ob im EMS-Bereich oder oben in der Sonderfertigung.
Axel Bielefeld
Darin liegt womöglich ein Kern der VTQ-Geschichte: Das Unternehmen ist nicht groß geworden, weil es auf ein einziges Erfolgsmodell gesetzt hätte. Es hat überlebt, weil es sich immer wieder angepasst hat.
Anpassung statt Stillstand
VTQ als Aussteller auf der Milipol in Paris 2025
(Bild: VTQ Videotronik GmbH)
Nach der Wende half dabei zunächst auch der Markt. In den alten Bundesländern saßen EMS-Fertiger, die vom Boom der Automobilindustrie profitierten und nicht alle Aufträge allein abarbeiten konnten. VTQ arbeitete als Subunternehmer zu. Das verschaffte dem Unternehmen Luft, Erfahrung und Anschluss. Später kamen eigene Kunden hinzu. Langjährige Begleiter aus verschiedenen Branchen stabilisierten das Geschäft. Andere verschwanden wieder, weil sich Märkte veränderten, Produkte ausliefen oder Technologien überholt waren.
Elektronik ist kein statisches Geschäft. Wer gestern noch analoge Sender verbaute, steht heute vor vollständig digitalisierten Systemen. Alte Produkte, alte Übertragungswege, alte Märkte – vieles davon existiert so nicht mehr. Was bleibt, ist der Zwang zur Weiterentwicklung.
Wir sind nicht stehen geblieben und haben gesagt: Das ist nichts für uns. Wir haben eigentlich jedes Jahr irgendetwas umgebaut, um dem Kunden gerecht zu werden.
Bei VTQ lässt sich dieser Wandel bis in die Belegschaft hinein erzählen. Zu DDR-Zeiten arbeiteten dort mehr als 300 Menschen, viele davon Frauen. Die Bestückung, das Löten, die Fertigung im Detail - das waren Tätigkeiten, die das Bild des Unternehmens mitprägten. Heute ist die Struktur eine andere, die Belegschaft kleiner, die Märkte anspruchsvoller, die Produkte komplexer. Aber der industrielle Kern ist geblieben: Elektronik, Fertigung, Anpassung.
Zu DDR-Zeiten waren wir über 300 Beschäftigte, und der Hauptanteil waren Frauen. Das war damals ganz klar ein Frauenbetrieb.
Gewachsen, nicht geschniegelt
Dass das Unternehmen organisch gewachsen ist, lässt sich in Querfurt buchstäblich am Gebäude ablesen. Kein Neubau auf der grünen Wiese. Stattdessen kamen nach und nach Flächen, Hallen und Gebäudeteile im Ortskern dazu. Der Innenhof wurde erweitert, auf der anderen Straßenseite sitzt bis heute ein Teil des Vertriebs. Es ist eine gewachsene Struktur, sicherlich keine ideale. Man könnte auch sagen: ein bauliches Archiv unternehmerischer Entscheidungen. Charmant ist das nur so lange, wie man nicht modernisieren muss.
Mit dieser Geschichte verbindet sich auch eine starke lokale Verankerung. Für viele ist VTQ eben nicht nur ein Arbeitgeber, sondern Teil des eigenen Lebenslaufs.
Es ist ein arbeiternaher Ort. Wenn ich um sechs aufstehe, bin ich fünf nach sechs hier.
Das ist mehr als eine beiläufige Bemerkung. Es sagt etwas über Bindung, über Region und über die Art von Mittelstand, die sich nicht aus Standortstrategien auf PowerPoint-Folien erklärt, sondern aus Nähe.
Stand: 08.12.2025
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Die nächste Transformation läuft bereits
VTQ-Geschäftsführer Christian Seliger spricht über die Entwicklung des Unternehmens, die Anforderungen der Kunden und die Rolle von EMS-Dienstleistern in einem herausfordernden Markt.
(Bild: VTQ Videotronik GmbH)
Und dort setzt die Gegenwart ein. Mit Christian Seliger steht seit August 2025 ein Geschäftsführer an der Spitze, der nicht aus der Tradition des Hauses kommt, sondern aus einer größeren, stärker professionalisierten Unternehmenswelt. Er beschreibt VTQ als Elektronikunternehmen mit viel Potenzial, tiefem Erfahrungswissen und attraktiven Entwicklungsperspektiven. Seine Sprache ist die eines Managers, der gestalten will: Low Volume, High Mix, Lean, Shopfloor-Management, CRM, digitale Prozesse, Innovationsnetzwerk, Horizon 2032. Das klingt zunächst nach den Vokabeln, die Unternehmen heute benutzen, wenn sie in die Zukunft wollen. Bei VTQ bekommt das ein anderes Gewicht, weil der Kontrast zum Gewachsenen so deutlich ist.
Seliger trifft auf ein Unternehmen, das über lange Zeit von stabilen Beziehungen, Fachwissen und Pragmatismus getragen wurde, aber eben auch auf Strukturen, die erkennbar nicht mehr ausreichen, wenn man wachsen will. Er selbst spricht davon, Silos aufzubrechen und „Zahnräder“ ineinandergreifen zu lassen. Gemeint ist: Einkauf, Vertrieb, Entwicklung, Fertigung und Industrial Engineering sollen nicht länger nebeneinanderher arbeiten, sondern durchgängig verbunden werden. Das ist kein exotischer Managementgedanke. Aber für einen mittelständischen Betrieb mit historisch gewachsenen Strukturen ist genau das oft der eigentliche Kraftakt.
Bielefeld beschreibt den Einschnitt aus der Perspektive des Hauses: „Mit der neuen Geschäftsführung merkt man, dass eine andere Strategie dahinter ist.“
Nicht alles für alle
Der Strategiewechsel wird auch deshalb so deutlich, weil Seliger eine klare Entscheidung getroffen hat: VTQ soll sich auf Low & Mid Volume, High Mix ausrichten. Also auf kleinere bis mittlere Stückzahlen, höhere Variantenvielfalt und komplexere Anforderungen - nicht auf das Spiel großer Volumina, in dem andere mit ganz anderer Skalierung unterwegs sind. Ein Unternehmen in der Größenordnung von VTQ kann nicht gleichzeitig alles sein. Wer beides will, kleine flexible Serien und große standardisierte Volumen, verzettelt sich schnell.
Wir haben bewusst entschieden, dass wir uns auf Low & Mid Volume, High Mix ausrichten.
Christian Seliger
Diese Festlegung betrifft auch die Zielbranchen. VTQ konzentriert sich auf Medizintechnik, Bahn, Industrie, Governmental-Anwendungen sowie Automotive im Sinne von Mobile Equipment und After Sales – also gerade nicht auf das klassische Volumengeschäft der Automobilindustrie. Dahinter steckt ein Kalkül. Diese Märkte verlangen häufig hohe Variantenvielfalt, Systemverständnis, Dokumentation, Testkompetenz und die Fähigkeit, Produkte nicht nur zu bestücken, sondern bis zum fertigen Gerät mitzudenken.
Mehr als nur Fertigung
Dafür wiederum braucht es mehr als klassische Fertigung.
Seliger legt großen Wert auf Entwicklung und Industrial Engineering. Genau dort sieht er eine Lücke, die in der Elektronikindustrie oft unterschätzt wird: zwischen einem funktional guten Produkt und einem Produkt, das sich auch stabil und wirtschaftlich fertigen lässt.
Ein Produkt ist nie fertig.
Für VTQ soll daraus ein Geschäftsmodell werden. Das Unternehmen will Entwicklung nicht nur ausbauen, sondern über ein Innovationsnetzwerk erweitern. Eigene Kompetenzen werden gezielt gestärkt und bei Bedarf durch ein belastbares Partnernetzwerk ergänzt. Das schafft Flexibilität und erhöht die Umsetzungssicherheit in Kundenprojekten. Die Idee dahinter ist plausibel: ein mittelständischer Fertiger, der nicht behauptet, alles selbst zu können, sondern Entwicklungs- und Systemkompetenz gezielt organisiert.
Die Entwicklung spielt für uns eine zunehmend größere Rolle. Wir können nicht alles selbst leisten – deshalb bauen wir ein Innovationsnetzwerk auf.
Ob dieses Modell trägt, wird sich zeigen. Aber es ist klüger, die eigenen Grenzen sauber zu benennen, als mit Allzuständigkeit zu glänzen.
Dass Geschwindigkeit und Anpassungsdruck zugenommen haben, daran lässt Seliger keinen Zweifel. Kunden erwarteten heute mehr Flexibilität, schnellere Reaktionen, kürzere Lieferzeiten und feste Ansprechpartner. Zudem gebe es eine wachsende Notwendigkeit, Entwicklung und Fertigung enger zu verzahnen. Für VTQ ist daraus eine Konsequenz entstanden: Das Unternehmen will nicht mehr bloß als Fertiger wahrgenommen werden.
Wir wollen nicht nur als Lieferant, sondern als Partner verstanden werden.
Für einen deutschen Mittelständler ist das fast eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Über den Preis allein lässt sich dieses Geschäft nicht gewinnen. Also muss der Mehrwert an anderer Stelle entstehen: in Transparenz, Systemverständnis, Entwicklungsnähe und Reaktionsfähigkeit.
Seliger formuliert das entsprechend klar: „Im EMS-Geschäft können wir nur wachsen, wenn unsere Kunden wachsen.“
Kein Neustart bei null
Die O.R.C.A-5-Produktfamilie umfasst verschiedene Module zur drahtlosen Übertragung, die speziell für professionelle Anwendungen entwickelt wurden.
(Bild: VTQ Videotronik GmbH)
Gleichzeitig wäre es zu einfach, daraus die übliche Geschichte vom rückständigen Familienunternehmen und dem modernen Retter zu machen. So funktioniert Industrie selten. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Ohne die Jahrzehnte der Beharrlichkeit, ohne die Bindung der Belegschaft, ohne Kundenbeziehungen und ohne die Bereitschaft, immer wieder individuelle Lösungen zu finden, gäbe es dieses Unternehmen heute womöglich gar nicht mehr. VTQ steht noch – nicht trotz seiner Geschichte, sondern auch ihretwegen.
Die Frage ist eher, was von dieser Geschichte in die Zukunft trägt.
Der Markt hat sich verändert. Viele Kunden kämpfen selbst mit schrumpfenden Märkten, verschobenen Investitionen oder dem Ende alter Produktwelten. Corona und die Zeit der Bauteilverknappung haben zunächst Sondereffekte erzeugt: volle Lager, hohe Auslastung, scheinbar sichere Nachfrage. Die Ernüchterung kam später. Seit 2023 ist die Konjunktur schwach, viele Branchen leiden, gerade auch rund um die Automobilindustrie. Diese Wellen treffen Zulieferer und Fertiger mit Verzögerung, aber mit Wucht.
Auch VTQ blieb davon nicht verschont. Gerade deshalb fällt auf, wie stark im Unternehmen heute über Kundennähe, Produktzyklen und frühe Einbindung gesprochen wird. Die Lehre daraus scheint klar: Wer als Fertiger erst dann ins Spiel kommt, wenn das Produkt fertig entwickelt ist, kommt oft zu spät. Wer früher eingebunden ist, kann helfen, Reibung, Fehler und Kosten zu vermeiden.
Noch da – und wieder im Umbau
In dieser Perspektive wird VTQ vom verlängerten Arm der Fertigung zum beratenden Produktionspartner. Das ist der Anspruch. Und er ist, nüchtern betrachtet, auch zwingend. Denn nur über Preis wird ein deutscher Mittelständler dieses Geschäft nicht gewinnen.
Die Stärke dieses Unternehmens liegt dabei gerade nicht in einer glatten Oberfläche. Hier wird nicht behauptet, alles sei schon gelöst. Die Gebäudestruktur ist ein Problem. Die Transformation kostet Kraft. Alte Denkweisen sitzen tief. Nicht jede Marktchance wird automatisch zum Erfolg. Genau diese Unebenheiten machen die Geschichte glaubwürdig.
VTQ ist kein glatt polierter Erfolgsfall deutscher Industrie. VTQ demonstriert Beharrlichkeit unter schwierigen Bedingungen.
Und genau deshalb lohnt der Blick.
Denn während vielerorts über Transformation gesprochen wird, lässt sich in Querfurt beobachten, wie sie aussieht, wenn sie nicht im Innovationscampus, sondern im laufenden Betrieb stattfindet. Zwischen alten Gebäuden und neuen Prozessen. Zwischen langer Betriebszugehörigkeit und neuer Führung. Zwischen Erfahrung, die unverzichtbar ist, und Routinen, die nicht mehr tragen.
Wie schnell VTQ die ambitionierten Wachstumsziele in Richtung Top 30 der deutschen EMS-Branche erreicht, lässt sich heute nicht seriös vorhersagen. Strategien sind schnell formuliert, Märkte oft störrisch, und Mittelstand bleibt ein anstrengendes Geschäft. Klar ist aber schon jetzt: Das Unternehmen verfügt über eine starke Basis, eine klare strategische Ausrichtung und den Anspruch, seine Position in der deutschen EMS-Branche nachhaltig auszubauen.
Dass VTQ noch da ist, wenn so viele andere ostdeutsche Industriegeschichten nur noch in Archiven stattfinden, ist bereits eine Aussage. Dass dieser Betrieb den Ehrgeiz hat, sich noch einmal neu zu erfinden, macht ihn relevant. Oder, etwas weniger feierlich gesagt: Wer 70 Jahre Industriegeschichte in Deutschland überlebt hat, der hat sich sein Porträt redlich verdient. (mbf)