Japanische Hersteller suchen nach Wegen aus der Abhängigkeit von chinesischen seltenen Erden. Im Fokus stehen Elektromotoren, die weniger oder gar kein Neodym, Dysprosium und Terbium benötigen. Was zunächst nach Materialsubstitution klingt, ist längst ein strategisches Thema.
Im Juni 2026 teilte Astemo mit, dass der elektrische Antriebsstrang des Nissan Leaf die Reichweite durch ein effizientes Energiemanagementsystem verbessert. Das wird durch den „3-in-1“-Antriebsstrang ermöglicht, der drei Schlüsselkomponenten vereint: den Motor, den Wechselrichter und das Untersetzungsgetriebe.
(Bild: Astemo)
Japanische Hersteller von Elektromotoren versuchen mittlerweile, ohne seltene Erden auszukommen. Die kommen vorwiegend aus China, was aufgrund politischer Querelen immer wieder zum Problem wird. Zulieferer Astemo habe deswegen einen Elektroantrieb entwickelt, der kein Neodym mehr braucht, berichtet das chinesische Fachportal Dianzi Jishu Yingyong. Der Rotor darin kommt mit schlichtem Eisen aus.
Auch die Firma Mitsuba stellt seit drei Jahren einen Motor mit Eisen her, der bereits im Honda Accord verbaut werde. Er ist stark genug, um die Scheibenwischer anzutreiben. Honda selbst hatte schon 2016 gemeinsam mit Stahlhersteller Daido Steel einen Magneten ohne schwere seltene Erden für den Minivan Freed entwickelt.
Das sind einige von vielen Beispielen aus Japan. Die Anstrengungen, ohne seltene Erden auszukommen, werden aus Sicht japanischer Unternehmen immer wichtiger. Die Beziehungen zwischen Tokio und Peking sind schlecht, seit die sehr konservative Premierministerin Sanae Takaichi im November 2025 im Parlament angedeutet hatte, ihr Land könne bei einem Angriff auf Taiwan militärisch eingreifen.
Für Peking ist das ein Reizthema. Kurz nach den Bemerkungen von Takaichi verschärfte China die Ausfuhrkontrollen für mehrere „Dual Use“-Güter, zu denen auch seltene Erden zählen. Seither folgten noch weitere Maßnahmen.
Monopol für seltene Erden und weiterverarbeitete Produkte
China hat beim Abbau seltener Erden Zahlen der Internationalen Energieagentur zufolge einen globalen Anteil von rund 60 Prozent, bei der Weiterverarbeitung aber mehr als 90 Prozent und bei der Fertigung der Permanentmagnete für E-Motoren fast 95 Prozent. Die Lieferungen von Dysprosium und Terbium nach Japan sind japanischen Medienberichten zufolge zuletzt auf null gefallen.
In Europa kletterte der Preis für Dysprosium auf 1.750 US-Dollar je Kilogramm, umgerechnet rund 1.600 Euro. Das ist ein Plus von 90 Prozent seit dem Jahresende, wie die britische Agentur Argus Media meldet. Da ist ein Motor, der diese seltenen Erden nicht braucht, verständlicherweise sehr gefragt. Astemo, ein Gemeinschaftsunternehmen von Hitachi, Honda und dem japanischen Staatsfonds JIC Capital, setzt dafür auf einen Synchron-Reluktanzmotor.
Dieser gewinnt sein Drehmoment aus der unterschiedlichen magnetischen Leitfähigkeit eines fein geschichteten Eisenrotors. Dafür war einige technische Raffinesse erforderlich. Magnete aus Ferrit, die ohne seltene Erden hergestellt werden, erreichen nur ein Drittel der Kraft eines Neodym-Magneten. Ein Motor allein mit Ferrit müsste deshalb auf das Dreifache anwachsen. Induktionsmotoren und fremderregte Motoren wiederum kommen ohne Dauermagnete aus, brauchen dafür aber so viel Kupfer, dass auch dieser Rohstoff knapp werden kann.
Serie in den 2030ern
Astemo umgeht das mit einer Kombination. Der Hauptmotor nutzt Ferritmagnete nur zur Unterstützung, leistet 180 Kilowatt und fällt dabei lediglich rund 30 Prozent größer aus als ein herkömmlicher Motor mit Neodym. Ein zweiter Motor für die Zusatzleistung arbeitet dann ganz ohne Magnete und schaltet sich nur zu, wenn er gebraucht wird, mit bis zu 135 Kilowatt. Zusammen kommen beide Antriebe auf 315 Kilowatt. Der Serieneinsatz solcher Motoren wäre nach Angaben des Unternehmens eine Weltpremiere. Geplant ist er um das Jahr 2030.
Eine andere technologische Route ist es, zwar seltene Erden einzusetzen, aber wesentlich weniger als zuvor. Diesen Weg geht Nissan. Der Autobauer habe den Anteil schwerer seltener Erden im Motor des neuen Modells „Leaf“ gegenüber der ersten Generation von 2010 um mehr als 90 Prozent gesenkt, berichtete kürzlich die Wirtschaftszeitung Nikkei Asia. Dies ist vor allem durch eine bessere Wärmeableitung gelungen, weshalb weniger Dysprosium und Terbium nötig sind, hieß es.
Auch andere Elektronikhersteller versuchen, die Abhängigkeit ihrer Produktion von chinesischen seltenen Erden zu verringern. Mitsubishi Electric zerlegt seit Juni 2026 als erstes Unternehmen in Japan ausrangierte Klimaanlagen, um die Magnete daraus zurückzugewinnen. „Damit lassen sich rund 35 Prozent der seltenen Erden, die für die Herstellung einer Klimaanlage nötig sind, aus recyceltem Material gewinnen“, teilte der Konzern mit. Chinesische Medienberichte machen sich über diese Versuche lustig und verweisen auf die hohen Kosten solcher Recycling-Lösungen.
Stand: 08.12.2025
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Ernstzunehmende Entwicklungen
Die japanische Regierung hat das Problem zur Chefsache erklärt. Gemeinsam mit Frankreich fördert Tokio seit Kurzem ein Werk des Metallverarbeiters Caremag in Südfrankreich, das Anfang 2027 anlaufen und später ein Fünftel des japanischen Bedarfs an schweren seltenen Erden decken soll.
„Wir teilen das Ziel, wirtschaftlich widerstandsfähiger zu werden“, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im April bei einem Besuch in Japan. Die G-7-Staaten wollen ihre Abhängigkeit von einem „einzelnen Lieferanten“ außerhalb der Gruppe bis 2030 auf unter 60 Prozent drücken. China wurde hier zwar nicht explizit genannt, aber alle wissen, dass es dieser einzelne Lieferant ist.
Egal ob durch neue Motoren, durch Recycling oder durch Subventionen für eigene Hersteller: Der Weg zu eigenen Lieferketten ohne die Abhängigkeit von seltenen Erden aus China ist äußerst langwierig. Es sind nicht mehr als erste Schritte auf diesem Weg, die gerade in Japan zu beobachten sind. (sb)