Chip-Design Europas Chip-Start-ups brauchen mehr als gute Werkzeuge

Von Susanne Braun 3 min Lesedauer

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Siemens EDA hat sich im Mai 2026 zum ersten Softwarepartner der europäischen Chips Joint Undertaking positioniert. Das klingt nach einem Erfolg für das europäische Chip-Ökosystem, doch was steckt tatsächlich dahinter?

Jean-Marie Saint-Paul, Senior Vice President, EDA Global Sales, Siemens EDA, Siemens Digital Industries Software.(Bild:  Siemens EDA)
Jean-Marie Saint-Paul, Senior Vice President, EDA Global Sales, Siemens EDA, Siemens Digital Industries Software.
(Bild: Siemens EDA)

Im Rahmen der User2User-Hausmesse von Siemens EDA ging eine Neuigkeit fast schon ein wenig unter: Siemens Digital Industries Software ist der erste EDA-Anbieter, der einen strategischen Rahmenvertrag mit dem European Chips Joint Undertaking (Chips JU) unterzeichnet hat. Das Ziel ist es, kleineren Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen den Zugang zu professionellen EDA-Werkzeugen zu erleichtern, und das zu planbaren Konditionen. Das klingt gut und nach einer echten Chance für das europäische Chip-Ökosystem.

Doch unter Nachfragen europäischer Journalisten ordnete der zuständige Siemens-Manager Jean-Marie Saint-Paul, verantwortlich für den globalen Vertrieb, spürbar nüchterner ein, wie viele Probleme und Stolperfallen diese Vereinbarung tatsächlich lösen kann. Auf die erste Nachfrage reagierte er zurückhaltend. Siemens EDA sei in dem Feld kein Game Changer, sondern nur ein Teil des Puzzles für eine nachhaltige und gestärkte Chipentwicklung in Europa.

Mit seinen Antworten zeichnete Saint-Paul ein deutlich komplizierteres Bild von Europas Start-up-Problem, als die Pressemitteilung nahelegt. Der Zugang zu den Werkzeugen ist nicht das einzige Problem, das gelöst werden muss. Um ein europäisches Halbleiterunternehmen erfolgreich zu gründen, bedarf es laut Saint-Paul Geld, Talente und insbesondere der Fähigkeit zur konsequenten Umsetzung. Und in all diesen Bereichen hakt es.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Saint-Paul ist kein Neuling in der Branche. Als er die EDA-Branche vor acht Jahren verließ, habe „jeder über Software“ gesprochen, Hardware sei zweitrangig gewesen. Heute wolle „jeder seinen eigenen ASIC“ entwickeln. Das ist ein interessanter Stimmungsumschwung, der die aktuelle Häufung von Chip-Start-ups einem größeren Trend zurechnet, aber eben auch bedeutet, dass der Wettbewerb um Talente in diesem Bereich eine „sehr, sehr erbitterte Schlacht“ ist. Diese Situation kann kein Software-Zugangsprogramm allein lösen.

Einer der an der Fragerunde teilnehmenden Journalisten sprach die Diskrepanz zwischen der Zahl europäischer Förderprogramme und ihrem tatsächlichen Output an. In den Augen vieler sei die Relation zwischen Projekt- sowie Subventionsmenge und dem realen Produktoutput „nahezu null“. Saint-Paul widersprach der Zuspitzung zwar in der Sache, räumte aber ohne Umschweife ein, dass Europas Erfolgsquote im Vergleich zu den USA und teils auch Asien niedriger liegt – und lieferte dafür eine bemerkenswert offene Erklärung: Der US-Markt und vergleichbare Ökosysteme hätten eher die Möglichkeit, auch Geld in Projekte zu stecken, deren Ausgang unsicher ist. In Europa sei man viel wählerischer, da in dieser Region letztendlich weniger Geld zur Verfügung stünde.

Das ist, im Kern, ein Eingeständnis: Nicht mangelnde Ideen sind Europas Problem, sondern ein Kapitalmarkt, der zu risikoavers ist, um die schiere Menge an Versuchen zu finanzieren, aus der in den USA am Ende die wenigen „goldenen“ Erfolge entstehen. Ein EDA-Zugangsprogramm wie EuroCDP ändert an dieser strukturellen Kapitalfrage – das machte Saint-Paul selbst deutlich – nichts.

Das eigentliche Nadelöhr: Skalierung, nicht Gründung

Ein Problem, das die Pressevertreter sehen, ist der Markteintritt. Die Start-ups klagten selten über fehlende Unterstützung von Universitäten oder in der frühen Gründungsphase – das eigentliche Problem sei, mit einem fertigen Produkt tatsächlich Kunden zu finden. Siemens könne, so Saint-Pauls Antwort, bestenfalls als Vermittler auftreten und Kontakte herstellen. Doch die eigentliche Aufgabe, Ideen in ein tragfähiges Geschäftsmodell mit ersten Kunden zu übersetzen, sei „nicht so sehr die Kompetenz von Siemens“. Dafür brauche es spezialisierte Ökosysteme wie Accelerator-Programme.

Auf die Nachfrage, ob es nicht genau dieser fehlende Übergang sei, der Start-ups am Ende zum Abwandern aus Europa bewege, entgegnete Saint-Paul nicht ausweichend, sondern zustimmend. Als konkretes, wenn auch kleinformatiges Beispiel für eine komplementäre Rolle, die Siemens einnehmen könnte, wurde „Cre8Ventures“ genannt – ein von Siemens unterstütztes Programm, das Start-ups mit Investoren und Industrievertretern zusammenbringen soll. Ein sinnvoller Baustein, aber, das wurde in der Kürze der Erwähnung ebenfalls deutlich, kein Ersatz für die strukturellen Kapital- und Marktzugangsprobleme, die zuvor benannt worden waren. (sb)

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