Frühe Halbleitertechnik Karl Siebertz: Der Siemens-Pionier, der an den Transistor glaubte

Von Antonio Funes 5 min Lesedauer

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Siemens erkannte das Potenzial der Halbleitertechnik früh, doch tat sich schwer, daraus ein entschlossen finanziertes Massengeschäft zu machen. Karl Siebertz leitete ab 1952 das erste Halbleiterwerk des Konzerns und musste immer wieder für die neue Technik kämpfen.

Die Illustration greift Karl Siebertz im historischen Laborumfeld auf. Als Leiter des ersten Siemens-Halbleiterwerks stand er für den schwierigen Übergang von der Röhren- zur Transistortechnik.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Die Illustration greift Karl Siebertz im historischen Laborumfeld auf. Als Leiter des ersten Siemens-Halbleiterwerks stand er für den schwierigen Übergang von der Röhren- zur Transistortechnik.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Karl Siebertz war eine wichtige Persönlichkeit für die frühe deutsche Halbleitertechnik, denn er leitete nicht nur das erste Halbleiterwerk bei Siemens, damals noch Siemens & Halske. Innerhalb des Konzerns musste Siebertz jedoch immer wieder gegen strukturelle und finanzielle Hemmnisse kämpfen, weil neue Halbleitertechnologien nicht immer früh und entschlossen in Richtung Massenfertigung gebracht wurden.

Zu Karl Siebertz finden sich leider nicht allzu viele Quellen über sein Leben, vor allem zu seinem Lebensende. Wir haben trotzdem einige Eckdaten gesammelt und uns vor allem auf Fakten und Geschichten zu seinen Bemühungen rund um die Halbleitertechnik konzentriert. Den Kern unseres Artikels bildet die Arbeit von Karl Siebertz als Leiter des Halbleiterwerks von Siemens, mit dem wichtige Grundlagen gelegt wurden. Durch die neue Technik konnte man in den 1960er-Jahren zunächst die Röhrentechnik ergänzen. Nachfolgend aber verdrängten die Transistoren die Röhren je nach Anwendung zunehmend.

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Kindheit, Studium und eine Karriere bei Siemens & Halske

Geboren wurde Karl Siebertz am 10. September 1905 in München. Sein Abitur, oder besser gesagt seine Matura, legte er im Jahr 1924 in Österreich ab, denn schon 1907 zog seine Familie nach Wien, das damals und noch bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Für sein Studium in den Fächern Chemie, Mathematik und Physik zog Karl Siebertz wiederum zuerst nach Frankfurt am Main und dann nach München, wo er 1930 mit einer Dissertation zur „Struktur der Anregungsfunktion von Quecksilberlinien“ seinen Doktortitel erlangte.

1936 folgte schließlich seine Habilitation mit einer wissenschaftlichen Arbeit über Edelgas-Quecksilbergemische. 1936 trat er in das Entwicklungslaboratorium für Röhren bei Siemens ein, wo er später maßgebliche Positionen übernahm. Seine Rückkehr nach Österreich im Jahr 1943 war dem damaligen Zweiten Weltkrieg geschuldet, wegen dessen die Röhrenentwicklung bei Siemens & Halske nach Wien verlegt worden war.

Nach Kriegsende war Siebertz am Abbau des Wiener Werks beteiligt; Teile der Anlagen gingen im Zuge der Nachkriegsordnung in die Sowjetunion. Schon kurz danach war er beim Aufbau eines neuen Werkes in Wien dabei, und zwar unter der nun zum österreichischen Staat gehörenden Firma „Siemens Austria“. Siemens & Halske in Deutschland wiederum hatte mittlerweile in München eine Produktion für Röhrentechnik etabliert.

Halbleiterwerk: frühe Chancen, knappe Mittel

1952 beschloss Siemens & Halske den Aufbau einer Halbleiterfabrik. Erster Direktor wurde Karl Siebertz. Ursprünglich war Karlsruhe als Standort vorgesehen. Nach dem Transistorsymposium der Bell Laboratories in Murray Hill, an dem Siebertz mit weiteren Siemens-Wissenschaftlern teilnahm, fiel die Wahl jedoch auf München. Dort sah man offenbar die besseren Voraussetzungen, um die neue Technik industriell weiterzuentwickeln. Karl Siebertz war das Potenzial der Transistoren klar, allerdings wurde die Abteilung für Transistortechnik über viele Jahre hinweg stiefmütterlich behandelt und sollte eigenständig Gewinne abliefern, obwohl es sich eigentlich noch um ein Feld handelte, das sehr viel Investitionen benötigte, um erfolgreich zu wachsen.

Der Umsatz der von Siebertz geleiteten Halbleiterfertigung bei Siemens stieg nach den verfügbaren Angaben von 1955 bis 1970 sukzessive von unter fünf auf gut 300 Millionen Deutsche Mark, allerdings erzielte man in den ersten acht Jahren sechsmal Verluste von bis zu über 40 Prozent des Umsatzes und lag von 1964 bis 1970 wiederum sechsmal über dem Strich, meist aber mit Renditen von unter zehn Prozent des Umsatzes. Die Siebertz vorgesetzten Gremien und Entscheidungsträger der übergeordneten Werksleitung des gesamten Siemenskomplexes, des Wernerwerkes für Bauelemente sollen dabei häufig in Konflikt mit der Halbleitersektion gewesen sein.

1963 soll die Personallage so angespannt gewesen sein, dass die Zukunft der Abteilung infrage stand. Nur durch den Durchbruch in den USA bei der Computertechnik, der auf Transistoren basierte, konnte die Halbleitersektion von Siemens weitermachen. Es blieb aber bei der Problematik, dass die Werksleitung wenig Mittel zur Verfügung stellte, um die moderne Technik auch massenmarkttauglich zu machen. Dr. Ernst Hofmeister, der von 1955 bis 1987 im Halbleiterwerk arbeitete, kritisierte im Nachhinein bei seiner Verabschiedung im Jahr 1989 die Werksleitung des gelernten Ingenieurs Professor Eduard Mühlbauer (1901–1980).

Hofmeister kritisierte rückblickend, die Werksleitung habe die Bedeutung der Mikroelektronik zu spät erkannt und mit der Vorgabe, das Halbleiterwerk müsse sich selbst finanzieren, Potenzial verschenkt. Hofmeister lobte Karl Siebertz als feinfühligen Wissenschaftler mit Ruhe und Klarheit, dessen Mitarbeiter sich wohlfühlten – den Werksleiter Mühlbauer hingegen verglich er eher mit einem bulligen Industrieführer. Karl Siebertz musste aufgrund dieser Einstellung seiner Vorgesetzten und der schwankenden Umsatz- und Gewinnzahlen immer wieder erneut um Finanzmittel kämpfen. Rückblickend liegt zumindest nahe, dass eine frühere und kontinuierlichere Finanzierung der Halbleitersektion den Ausbau beschleunigt hätte.

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Halbleiter als nicht gern gesehene Konkurrenz zu Röhren

Ein möglicher Grund für die Skepsis, was die Relevanz der Halbleiter angeht, kann aus einer Anekdote aus dem Jahr 1955 hergeleitet werden. Der damalige Bundespräsident Theodor Heuss besuchte das Wernerwerk von Siemens & Halske in München. Nachdem Siebertz dem Bundespräsidenten die Werkhallen für die Röhrentechnik gezeigt hatte, die vor allem wegen der deutschen Rundfunk-Produkte eine enorme Bedeutung hatte, präsentierte er ihm stolz die damals noch neue Produktionsstätte für Transistoren und sprach davon, dass die neue Technik die Röhrentechnik ergänzen würde.

Theodor Heuss soll daraufhin ein wenig verdutzt und mit seinem alemannischen Dialekt gefragt haben, ob die neue Technik die alte Röhrentechnik wirklich ergänzen oder quasi umbringen, also ersetzen würde, da er beide Aussagen gehört hatte. Im Endeffekt traf beides zu: Transistoren konnten zum einen bei röhrenbasierten Produkten als ergänzendes Bauteil verwendet werden, zum anderen aber je nach Einsatzzweck Röhren komplett ersetzen. Heuss wollte also wissen, ob es für die Röhrentechnik überhaupt noch eine Zukunft geben würde. Darin schwang ein wenig die Sorge mit, dass Deutschland darunter leiden könnte, wenn die für die deutsche Wirtschaft wichtige Röhrentechnik obsolet werden sollte.

In den Folgejahren zeigte sich aber, wie erfolgreich die Transistortechnik sein kann. Die Hochfrequenz-MESA-Transistoren eroberten Ende der 1950er- und im Laufe der 1960er-Jahre den Markt, unter anderem mit dem sehr erfolgreichen UKW-Radioempfangsgerät Mambo der Firma Nordmende aus dem Jahr 1958. Der MESA-Transistor AF139 verhalf zu großen Erfolgen und wurde unter anderem für VHF- und UHF-Tuner für Fernsehgeräte massenhaft verbaut.

Das Halbleiterwerk: Retrospektiv ein Erfolg

Bis zum Jahr 1980 lieferte Siemens etwa 350 Millionen Transistoren der MESA-Kategorie aus, wobei Karl Siebertz damals nicht mehr direkt für den Bereich der Halbleiter verantwortlich war. Er übergab den Bereich im Jahr 1970 an seinen Nachfolger, und zwar mit der Bilanz, dass die Anzahl der Mitarbeiter von 32 auf 7.800 angewachsen war und es für das Jahr 1970 bei einem Umsatz von 308 Millionen DM einen Gewinn von 16,1 Millionen DM gab.

Vor allem im Verlauf der 1970er-Jahre, nachdem er die Leitung des Halbleiterwerks abgegeben hatte, versuchte Siebertz die Mikroelektronik immer wieder durch Vorträge und Veröffentlichungen gesellschaftsfähiger zu machen. Denn bevor Heimcomputer in deutschen Haushalten hoffähig wurden, herrschte in der Bevölkerung eine eher ablehnende Haltung gegenüber der Halbleitertechnik, da sie als Jobkiller dargestellt wurde. Leider konnten wir zu der Lebensphase von Karl Siebertz nach seiner Siemens-Zeit keine verlässlichen Quellen finden. (sb)

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