Lichtbogen- und Überschlagsanalyse Elektrische Entladungen mittels Feldsimulationen verstehen

Von Dr. techn. René Fuger * 6 min Lesedauer

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Warum zündet ein elektrischer Überschlag oft genau dort, wo man ihn nicht erwartet? Scharfe Kanten, Feldmaxima und kleinste – oft nur toleranzbedingte – Geometrieabweichungen entscheiden darüber, wann die Durchschlagsfestigkeit von Luft überschritten wird und ein Lichtbogen entsteht.

Simulation: 
Lichtbogen in der Elektroindustrie mit zugehöriger Feldsimulation.(Bild:  CADFEM)
Simulation: 
Lichtbogen in der Elektroindustrie mit zugehöriger Feldsimulation.
(Bild: CADFEM)

Ein elektrischer Überschlag entsteht, wenn die lokale elektrische Feldstärke entlang eines potenziellen Entladungswegs die Durchschlagsfestigkeit des Mediums übersteigt. Diese Schwelle hängt von den Eigenschaften des Isoliermediums ab – bei Luft liegt dieser Richtwert häufig bei etwa 3 kV/mm. Die elektrische Feldstärke wiederum folgt aus der Ladungsverteilung, die wesentlich durch Materialeigenschaften und Geometrie bestimmt wird. Scharfe Kanten, Spitzen oder enge Radien führen zu lokalen Feldmaxima – und diese Effekte verschieben den Überschlag oft weg von der erwarteten Engstelle hin zur tatsächlich höchsten Feldkonzentration.

Die Jakobsleiter (Hornableiter) – zwei sich nach oben öffnende Stromschienen, die einen Luftspalt bilden – ist aus dem Physikunterricht oder von Anlagen mit Hochspannung bekannt. Hornableiter (engl. Horn Gap Arrester bzw. Horn Fuse) wurden früher verwendet, um Überspannungen kontrolliert zur Erde abzuleiten. Tritt eine überhöhte Spannung auf, zündet zwischen den Hörnern ein Lichtbogen, der den Strom zur Erde führt. Nach dem Zünden erwärmt der Lichtbogen die Luft und steigt aufgrund des Kamineffekts nach oben. Da der Abstand der Hörner zunimmt, trifft der Lichtbogen auf einen immer breiteren Spalt, bis er sich trennt und erlischt.

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Hornableiter sind anschauliche Beispiele für die Entstehung eines Lichtbogens und das Zusammenspiel von elektrischen Feldern und Strömungsmechanik. Die gleichen Mechanismen wirken in Steckverbindern, Leistungselektronik und Relais ebenso wie bei elektrostatischen Entladungen (ESD) – mit unterschiedlicher Intensität und Dynamik.

Analyse elektrischer Felder und Hotspots

Zwischen Bauteilen, die sich auf unterschiedlichen elektrischen Potenzialen befinden, baut sich ein elektrisches Feld auf, das durch geringe Abstände, Spitzen oder scharfe Kanten stark konzentriert werden kann. Eine elektrostatische Simulation ermöglicht es, die Felder an realen 3D‑Geometriemodellen zu berechnen und dadurch kritische Bereiche frühzeitig im Entwicklungsprozess zu erkennen. Durch die Analyse der Feldlinien – diese verlaufen immer parallel zum elektrischen Feldvektor – lassen sich Pfade bestimmen, an denen Entladungswege am wahrscheinlichsten sind und ob lokale Feldstärken kritisch werden.

Die tatsächliche Feldverteilung hängt von den Geometrieabmessungen, Ladungsverteilung und Materialeigenschaften ab. Diese Effekte sind nicht intuitiv sichtbar und werden erst durch eine elektrostatische Simulation vor dem Hardwareaufbau erkennbar. Die Simulation des hier betrachteten Beispiels der Jakobsleiter zeigte, dass die Kanten der Metallstäbe das lokale Feld verstärken. Der initiale Überschlag entsteht dadurch nicht an der geometrisch engsten Stelle, sondern an den Kanten – ein typischer, oft übersehener Effekt.

Entladungen sind somit keine Zufälle, sondern direkte Folgen der Feldverteilung. Wer versteht, wo und warum das Feld zu stark wird, kann Durchschläge vermeiden – oder gezielt erzeugen – und legt damit die Grundlage für die Analyse der eigentlichen Überschlagszündung.

Simulation der Überschlagszündung

Mit der Inception-Voltage-Analyse, wie sie in Ansys Maxwell integriert ist, lässt sich die Durchschlagsspannung entlang eines Pfads mit der höchsten Feldstärke in einem Gas semianalytisch abschätzen. Die Methode bewertet die lokale Feldstärke entlang eines Pfades und verknüpft diese mit den Materialdaten des Mediums. So ergibt sich ein Spannungswert, ab dem ein Durchschlag wahrscheinlich wird. Während die reine E-Feld-Analyse lediglich zeigt, wo ein Durchschlag bevorzugt entstehen kann, beantwortet die Inception-Voltage-Analyse die Frage, ab welcher Spannung ein Überschlag realistisch wird. Die Inception Voltage sagt, wann es zündet – aber nicht, wie sich der Überschlag anschließend entwickelt.

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Ein Lichtbogen entsteht nicht instantan, sondern entwickelt sich über die Zeit – auch wenn diese sehr kurz ist. Mit Ansys Charge Plus lässt sich der zeitliche Verlauf eines Lichtbogens mittels gekoppelter elektrischer Felder und der Gasphysik modellieren und zeigt, wann die ersten freien Ladungsträger entstehen und wie sie sich entlang eines bevorzugten Pfads zu einem leitfähigen Plasmakanal verstärken. Die Simulation der Jakobsleiter demonstriert dieses Verhalten anschaulich: Wird der Strom erhöht, steigt die Elektronendichte zunächst lokal an, breitet sich entlang der stärksten Feldlinie aus und bildet schließlich einen durchgängigen Kanal.

So werden lokale, für das Engineering entscheidende Effekte sichtbar:

  • Wie schnell zündet der Lichtbogen – und wie verläuft das initiale Zünden des Lichtbogens – und was passiert während des Entladevorgangs?
  • Wo setzt der Plasmakanal tatsächlich an – an der engsten Stelle oder am stärksten Feldmaximum?
  • Welche Strom- und Spannungsverläufe treten beim Zünden auf – und wie stark fällt die Spannung beim Übergang ins Plasma ab?
  • Wie beeinflussen Gas, Druck oder Feuchte den Prozess – etwa über die lokale Durchschlagsfestigkeit?

So entsteht nicht nur eine anschauliche Visualisierung, sondern eine belastbare physikalische Grundlage für konstruktive Entscheidungen. Damit ist klar, dass die Zündung kein Zufallsereignis ist, sondern ein determinierbarer physikalischer Prozess.

Verhalten und Dynamik von Lichtbögen

Ein stabiler Lichtbogen entsteht, wenn genügend Leistung im System vorhanden ist, um das Plasma dauerhaft leitfähig zu halten. Dieses Zusammenspiel aus elektrischen Strömen, Temperaturfeldern, Gasbewegung und Lorentzkraft lässt sich in einer Maxwell Fluent Kopplung transient simulieren. Sobald ein Lichtbogen gezündet hat, entstehen Verluste im Arc Kanal, die zu erhöhter Temperatur und damit zu geringerer Gasdichte führen.

Gleichzeitig beeinflussen die elektrischen Ströme das Magnetfeld, wodurch Lorentzkräfte entstehen. Damit die gekoppelte Physik realistisch bleibt, müssen elektromagnetische und strömungsmechanische Berechnungen in jedem Zeitschritt miteinander kommunizieren. Hier ist es wichtig, dass die Zeitschrittweite am Anfang sehr klein ist, um die Effekte gut abzubilden, und während der Simulation vergrößert wird, um die Gesamtberechnungszeit möglichst klein zu halten. System Coupling erlaubt es, die Zeitschrittweite über Funktionen vom gerade berechneten Zeitpunkt abhängig zu machen.

Die Jakobsleiter demonstriert dieses Zusammenspiel eindrucksvoll: Der Lichtbogen steigt nicht aufgrund einer „mystischen Plasmaeigenschaft“ nach oben, sondern wegen der verringerten Gasdichte und des daraus resultierenden thermischen Auftriebs. Position und Form des Lichtbogens verändern sich fortlaufend – ebenso wie Strömung und Temperaturfelder. Die gleichen Mechanismen wirken auch in technischen Schaltgeräten, in denen ein Lichtbogen unter Leistung kontrolliert geführt oder verdrängt werden muss.

Ein anschauliches Beispiel ist das Öffnen eines Relais: Wird der Kontakt geöffnet entsteht ein Lichtbogen, dieser wird durch das Magnetfeld der integrierten Permanentmagnete seitlich aus dem Kontaktbereich gedrückt. Das Magnetfeld wirkt mit dem Strom im Plasmakanal zusammen und erzeugt Lorentzkräfte, die den Lichtbogen „ausblasen“. Eine gekoppelte Maxwell und Fluent Simulation bildet diesen Vorgang realistisch ab: Maxwell liefert Stromdichte, Verluste und Lorentzkraft, Fluent berechnet Temperaturfelder, Gasbewegung und die veränderte Leitfähigkeit. Der Lichtbogen verhält sich im Modell so, wie man es aus Experimenten kennt – ein Baustein für belastbare Designentscheidungen.

Nutzen für Engineering und Entwicklung

Die Kombination aus Feldanalyse, Durchschlagsspannung, Plasmaentstehung und gekoppelter Arc‑Simulation ermöglicht es, Entladungsrisiken früh zu erkennen und gezielt zu steuern. Statt nur „geht / geht nicht“ zu prüfen, entsteht ein tiefes Verständnis dafür, wo ein Überschlag entsteht, wie er sich ausbreitet und unter welchen Bedingungen er stabil bleibt. Auf dieser Grundlage lassen sich Baugruppen gezielt robuster auslegen, Prototyp‑Iterationen reduzieren und der Weg zu einem sicheren, normgerechten Design deutlich verkürzen.

Für Produktdesigner und Entwicklungsingenieure bedeutet das: Man erkennt nicht nur, dass ein Problem entsteht, sondern kann anhand der simulierten Entladungspfade, lokalen Feldmaxima und Lichtbogenverläufe eindeutig nachvollziehen, warum es auftritt. Diese physikalische Transparenz macht den entscheidenden Unterschied - sei es durch kleine Anpassungen der Geometrie, optimierte Radien an potenziellen Hotspots oder eine gezielte Führung des Lichtbogens über Magnetfelder. Gerade bei Bauteilen, die im realen Betrieb hohen Spannungsgradienten ausgesetzt sind, entscheidet die bewusste Kontrolle der Feldverteilung oft darüber, ob eine Baugruppe 100, 10.000 oder 100.000 Schaltzyklen zuverlässig übersteht. (mr)

* Dr. techn. René Fuger ist Berechnungsingenieur bei CADFEM Austria GmbH.

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