Supply-Chain-Probleme Wenn die Lieferkette zum Flickenteppich wird

Von Margit Kuther

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Keine Besserung in Sicht bei globalen Lieferketten: Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei Reichelt spricht über die Folgen für die deutsche und europäische Elektronikindustrie.

Lieferketten: Das stockende Uhrwerk der Produktion.
Lieferketten: Das stockende Uhrwerk der Produktion.
(Bild: myUKhub2, Pixabay / Pixabay)

Lieferengpässe bleiben weiterhin eine der größten wirtschaftlichen Herausforderungen in ganz Europa. Doch wie unterscheiden sich die Sorgen deutscher Unternehmen von ihren europäischen Nachbarn? Und welche Optionen bleiben ihnen, um Engpässe zu überstehen?

Bangen um die Lieferketten – vom Regen in die Traufe

Ein Wechselspiel aus Ereignissen hat in den letzten zwei Jahren sowohl die Produktions- als auch die Transportkapazitäten immer wieder deutlich eingeschränkt. Derzeit stellen dramatische Staus an wichtigen Häfen der Welt die Wirtschaft erneut vor eine Zerreißprobe.

Durch den langen Lockdown in Shanghai kommt es dort und in der Nachbarprovinz Zhejiang noch immer zu einem großen Stau, der etwa drei Prozent der weltweiten Frachtkapazität bindet. Und auch vor der Nordseeküste stehen Frachter mit wichtigen Lieferungen im Stau und müssen auf eine Abfertigung in den Häfen von Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam oder Antwerpen warten.

Diverse Streiks in deutschen Häfen und Personalmangel im Transportwesen hierzulande verschlimmern die Situation zusätzlich. Bisher sind nach Angaben des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) Exporte im Wert von 700 Millionen Euro von China nach Deutschland entfallen. Darunter leidet auch die Elektronikindustrie, denn wichtige, in China gefertigte Bauteile, fehlen.

Auch der anhaltende Ukraine-Krieg übt einen Einfluss auf die Lieferketten aus. Transportwege über Luft, Straße, Schiene und Wasser sind blockiert und versperren wichtige Handelsrouten. Embargos erschweren den Handel mit einigen Rohstoffen. Der Krieg führt auch langfristig zu Zerstörung, wie etwa am Beispiel der ukrainischen Häfen am Schwarzen Meer oder wichtige Produktionsanlagen in Odessa für Neongas, das für die Chipherstellung benötigt wird. Auf der anderen Seite entspannt sich bei manchen Produkten wie etwa Grafikkarten die Marktsituation in Europa, da Abnehmer aus Russland fehlen.

Das stockende Uhrwerk der Produktion

Krisen wie diese lassen Lieferketten immer wieder ins Stocken geraten und halten so das Uhrwerk der Produktion an. Die Liefersituation ist derzeit durch viele unterschiedliche Einflüsse sehr komplex.

Den Unternehmen in Europa, die von den Lieferungen von Rohstoffen, Vorprodukten und Bauteilen abhängig sind, bleibt nur übrig, schnell und agil zu reagieren und möglichst vorausschauend zu planen. Denn vorhersehbar waren viele der derzeitigen Krisen nur bedingt. So sagten in einer von Reichelt Elektronik im Januar und Februar durchgeführten Studie noch 42 Prozent der deutschen Industrieunternehmen, sie rechneten in diesem Jahr mit einer Verbesserung der Lieferkettensituation. Heute würde eine Befragung wohl ganz anders aussehen.

Lieferengpässe, Produktionsausfälle und deutscher Pessimismus – ein europäischer Vergleich

Alles in allem war der Einfluss von Lieferschwierigkeiten bereits im letzten Jahr enorm. Dazu zählen nicht nur Verzögerungen und Produktionsausfälle, sondern auch deutlich gestiegene Kosten für Produkte sowie Fracht. 43 Prozent der Industrieunternehmen in Europa sagen, die aufgetretenen Lieferengpässe hätten einen großen Einfluss ausgeübt. In diesem Vergleich bewertet Deutschland die Lage sogar relativ gut – mit nur einem Drittel der Unternehmen (33%), die dieser Meinung sind. In Italien, Österreich und den Niederlanden ziehen Unternehmen die schlechteste Bilanz. Dort kam es neben der Schweiz auch zu mehr Tagen erzwungenem Produktionsstop.

Dennoch sieht gerade Deutschland die Lage pessimistisch. 20 Prozent der deutschen Unternehmen – im Gegensatz zu 11 Prozent im europäischen Durchschnitt – haben bereits Anfang des Jahres nicht mit einer Verbesserung der Liefersituation gerechnet. Ebenso vertrauen auch durchschnittlich weniger deutsche Firmen auf das Just-in-Time-Modell. Während 21 Prozent der deutschen Unternehmen nicht mit einer Rückkehr zu Just-in-Time-Lieferungen rechnet, sagen dies im Rest Europas nur 14 Prozent.

Diversifizierung der Lieferkette, Lageraufstockung, Eigenproduktion – europäische Unternehmen werden erfinderisch

Eine Diversifizierung der Lieferketten ist für einige Produkte möglich, jedoch in den meisten Fällen keine schnelle Lösung. Der Wechsel des Chipproduzenten kann bis zu einem Jahr Vorlaufzeit beanspruchen.

Einige Unternehmen haben deshalb innerhalb des letzten Jahres die eigenen Lagerbestände ausgebaut. In der oben erwähnten Studie gaben exakt 50 Prozent der befragten Unternehmen an, diesen Schritt getan zu haben. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich sogar etwas hinten. In Italien, Niederlande, Österreich und der Schweiz haben sogar 57 bis 69 Prozent der Unternehmen diese Maßnahme gewählt. Dennoch geben auch 82 Prozent der europäischen Unternehmen an, oft oder zumindest manchmal Probleme beim Aufbau von Lagerbeständen erlebt zu haben.

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Deshalb steigt ein signifikanter Teil der Unternehmen dort wo es geht auf Eigenproduktion um. 54 Prozent der europäischen Unternehmen produzieren bereits Teile wieder selbst, die sie vormals gekauft haben. Besonders in Österreich (74%) und der Schweiz (65%) ist diese Option beliebt, während Frankreich (36%) darin keine Möglichkeit sieht.

2022 könnte noch immense Herausforderungn mit sich bringen

Anstatt einer Entspannung am Elektronikmarkt wartet 2022 womöglich mit den größten Herausforderungen der letzten Jahre auf. Eines haben die Unternehmen jedoch durch all die Herausforderungen gelernt: sich anpassen, insourcen, Alternativen finden, Lagerbestände erhöhen und neue Wege gehen. Und wenn sich insbesondere die deutschen Unternehmen auf ihre hervorragenden fachlichen Kompetenzen, Flexibilität, Mut und Entschlossenheit besinnen, dann kann diese Krise für sie eine große europäische Chance sein – trotz schlechterer Rahmenbedingungen bei Energie- und Arbeitskosten. Denn die Wege von und nach USA oder China sind für alle europäischen Länder länger und unsicherer geworden – daher klappt es vielleicht jetzt umso besser mit den „Nachbarn“ in Europa.

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