Die Leiterplatten wurden immer kleiner, die Wende warf ihre Schatten voraus und auf dem Markt gab es plötzlich alles zu kaufen. Alles, außer einer Lösung für Boundary Scan. Thomas Wenzel, Mitgründer von Göpel electronic, blickt auf eine 35-jährige Erfolgsgeschichte zurück. Warum Testen in Deutschland noch immer massiv unterschätzt wird.
Göpel electronic aus Jena kann auf eine 35-jährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Entstanden ist das High-Tech-Unternehmen aus der Abteilung für Mess- und Prüftechnik des VEB Kombinat Carl Zeiss Jena.
(Bild: Göpel electronic)
35 Jahre ist eine Zeit, „die wie im Fluge vergangen ist“, sagt Thomas Wenzel rückblickend im persönlichen Gespräch. Wenn der Mitgründer und Geschäftsführer heute durch die Firmengebäude in Jena läuft, sieht er ein international agierendes Hightech-Unternehmen mit rund 240 Mitarbeitern, das 2019 erstmals die Umsatzmarke von 40 Mio. Euro knackte. Doch die Anfänge dieser Geschichte lesen sich wie ein handfester Elektronik-Krimi aus der Wendezeit.
Die Geburtsstunde einer Idee im VEB Carl Zeiss
Thomas Wenzel ist einer der Gründer von Göpel electronic. Der Markt verlange Anfang der 1990er Jahre eine marktreife Boundary-Scan-Lösung.
(Bild: Göpel electronic)
Wir schreiben die späten 1980er-Jahre. Thomas Wenzel, damals der Jüngste im Bunde, arbeitet zusammen mit Holger Göpel, Manfred Schneider und Rainer Frank-Polz in der Abteilung für Mess- und Prüftechnik des VEB Kombinat Carl Zeiss Jena. Ihre Aufgabe war es, Prüfautomaten für Leiterplatten zu entwickeln. Schon um 1986 wird dem Team klar, dass die Platinen immer kleiner werden und die Integration immer dichter. Klassische, physische Kontaktierungen über Nadeladapter stoßen an ihre physikalischen Grenzen.
Als sie in der Fachliteratur von einem neuen Standard lesen, dem Joint Test Action Group (JTAG), packt sie der Forschergeist. „Wir dachten uns: Das müssen wir ausprobieren“, erinnert sich Wenzel. Es entstehen die erste Plug-in-Karte für einen PC XT und die Ur-Version der späteren Cascon-Software, die bis heute das Herzstück der Embedded JTAG Solutions von Göpel ist. „Damals war das wie die Entdeckung neuer Welten. Ein Schieberegister direkt in den Chip zu integrieren und das Ganze elegant über den PC zu steuern, das war damals ein absoluter Hype.“
Der Sprung ins kalte Wasser
Spatenstich bei Göpel electronic. Die Anfänge nach der Neuausrichtung von Carl Zeiss in Jena waren nicht einfach. Doch mit Mut und dem festen Willen, am Standort Jena zu bleiben, haben sich 1991 vier Ingenieure selbstständig gemacht.
(Bild: Göpel electronic)
Im ersten Jahr nach der Gründung von Göpel electronic im Dezember 1992.
(Bild: Göpel electronic)
Mit dem Mauerfall und der Neuausrichtung von Carl Zeiss steht das Team plötzlich vor dem Nichts. „Standard-Prüftechnik konnte man nun plötzlich überall auf dem freien Markt kaufen. Unsere Existenzberechtigung als interner Ratio-Mittelbauer war über Nacht hinfällig“, sagte Wenzel. Das Einzige, was der Markt jedoch noch nicht bot, war eine marktreife Boundary-Scan-Lösung.
Mit einer gehörigen Portion Mut und dem festen Willen, den Standort Jena zu erhalten, machen sich die vier Ingenieure am 17. Mai 1991 selbstständig. Die Anfangsjahre sind hart; Banken fordern Businesspläne für eine Technologie, die kaum ein Kreditberater versteht. Ein Schlüsselmoment auf dem Weg zum globalen Player ist die Zusammenarbeit mit einem Vertriebspartner in München.
Wenzel erinnert sich an eine markante Lektion in Sachen Markenwert: „Der Geschäftsführer dort nahm vor unseren Augen einen 20-Mark-Schein und verbrannte ihn. Er sagte: ‚Das ist nur Geld. Sie müssen begreifen, dass ein hochwertiges Produkt einen hochwertigen Preis braucht. Qualität hat ihren Wert.‘“ Diese Erkenntnis saß. Bald klopften Branchengrößen wie Philips und Siemens an.
35 Jahre Göpel electronic
17. Mai 1991: Gründung der GmbH in Jena durch Holger Göpel, Thomas Wenzel, Manfred Schneider und Rainer Frank-Polz.
1993: Erstes vollautomatisches Inspektionssystem für die Serienfertigung.
2016: Generationswechsel: Jörg Schneider übernimmt die Verantwortung von Manfred Schneider.
2018: Alice Göpel übernimmt die Geschäftsführung von Holger Göpel.
2019: Das Unternehmen überschreitet erstmals die Umsatzmarke von 40 Mio. Euro.
Heute: Über 240 Mitarbeiter, weltweiter Technologieführer für Embedded JTAG Solutions und optische Inspektionssysteme.
Die Evolution der Geschäftsfelder
Dass das Team den richtigen Riecher für Automatisierung hatte, bewies es bereits 1993. Das war lange vor der Zeit, als sich das Schlagwort „Industrie 4.0“ entwickelte. Göpel electronic entwickelte das erste vollautomatische Inspektionssystem für die Serienfertigung von Ladenwaagen und damit den Grundstein für die heutige 3D-AOI- und Röntgeninspektion. Parallel dazu entstanden kundenspezifische Funktionstester, aus denen sich die Spezialisierung auf den Automotive-Bereich entwickelte. Heute ist dieser Sektor mit Lösungen für die Prüfung von Haptik, Akustik oder Fahrzeugsitzen das größte Standbein des Unternehmens.
Symbiose von Optik und Elektronik
Blick in die Fertigung: Heute ist Göpel electronic wohl der einzige europäische Anbieter, der Test, optische Inspektion und komplexen Funktionstest aus einer Hand anbietet.
(Bild: Göpel electronic)
Aktuell ist Göpel electronic der wohl einzige europäische Anbieter, der das gesamte Spektrum aus elektrischem Test (Boundary Scan), optischer Inspektion (AOI, SPI, AXI) und komplexem Funktionstest aus einer Hand liefert. „Das ist unser strategischer Vorteil“, erklärt Wenzel. „Wir bedienen horizontale Märkte. Ob Medizintechnik, Defence oder Automotive, damit greifen unsere Lösungen überall.“
Stand: 08.12.2025
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Trotz der aktuellen Schwächephase im Automobilsektor bleibt Göpel krisenfest. Während Wenzel die Auslastung in Teilen der Branche auf dem Stand von 2016 sieht, boomt das Geschäft mit High-End-Inspektion und KI-basierten Lösungen. „Unsere Assets sind unsere Mitarbeiter. Wenn das Know-how geht, geht irgendwann die Produktion“, betont Wenzel mit Blick auf die flachen Hierarchien im Haus.
KI, Green Machines und der Fachkräftemangel
Göpel electronic hat den Testmarkt schon immer verändert und beeinflusst. Das aktuelle Produkt ist eine AXI-Röntgeninspektionsmaschine, die komplett ohne Druckluft auskommt.
(Bild: Göpel electronic)
Stillstand ist in Jena ein Fremdwort. Aktuell verändert Göpel electronic den Markt mit einer neu gedachten AXI-Röntgeninspektionsmaschine. „Wir haben die Basis komplett neu aufgebaut. Die neue Generation kommt ohne Druckluft aus. Damit ist es eine echte ‚Green Machine‘ mit konsequentem europäischen Sourcing“, verrät Wenzel. Zudem werden Test-Coverage-Analysen bereits heute durch KI-Unterstützung massiv beschleunigt.
Sorge bereitet Wenzel hingegen der Nachwuchs. „Testen wird an Hochschulen kaum gelehrt. Es wird oft als nicht wertschöpfender Kostenfaktor missverstanden. Dabei ist der Test der wichtigste Sensor für Qualität und Prozessoptimierung!“ Göpel steuert hier gegen: Durch intensive eigene Ausbildung, Kooperationen mit Universitäten und eine beratende Rolle, die weit über den Verkauf von Hardware hinausgeht.
Generationswechsel als Zukunftsgarant
Die Weichen für die Zukunft sind gestellt, der Generationswechsel verläuft fließend. Bereits 2016 übernahm Jörg Schneider die Geschäftsanteile von seinem Vater Manfred Schneider. 2018 folgte der nächste große Schritt: Alice Göpel übernahm die Geschäftsführung von ihrem Vater Holger Göpel. Sie leitet heute den Bereich Inspektion, während die nächste Generation auch im Automotive-Sektor zunehmend Verantwortung übernimmt. „Die Mischung aus dem Drang der Jungen und der Erfahrung der Älteren ist perfekt“, resümiert Wenzel.
Trotz globaler Unsicherheiten bleibt Göpel electronic seiner Linie treu: Innovation „Made in Jena“. Ein Leitspruch von Holger Göpel bleibt dabei der Kompass: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“ Solange das Team diesen Grundsatz beherzigt, wird Göpel electronic auch in den nächsten Jahrzehnten die Standards in der Prüftechnik definieren. (heh)