Ende der Von-Neumann-Architektur Chinesen bauen kein Auto mehr, sondern einen Roboter

Ein Gastbeitrag von Henrik Bork 3 min Lesedauer

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Wenn der Gründer des chinesischen Herstellers Li Auto, Li Xiang, zwei Stunden lang über Halbleiter, KI-Agenten, Weltmodelle und „verkörperte Intelligenz“ spricht, markiert das einen Wendepunkt in der Industrie: Es ist die Geburtsstunde des Mach M100.

Abschied von der Warteschlange: Die Dataflow-Architektur des Mach M100 lässt Datenströme parallel fließen, statt sie in eine klassische Befehlsschlange zu zwingen.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Abschied von der Warteschlange: Die Dataflow-Architektur des Mach M100 lässt Datenströme parallel fließen, statt sie in eine klassische Befehlsschlange zu zwingen.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

Im Mittelpunkt seiner Präsentation stand ein eigens entwickelter Halbleiter. Der neue Mach M100 ist laut Li Auto der weltweit erste Dataflow-KI-Chip für Fahrzeuge. Gefertigt im hochmodernen 5-Nanometer-Verfahren, liefert der Chip eine Rechenleistung von beeindruckenden 1.280 TOPS (Billionen Rechenoperationen pro Sekunde). Damit ist er der leistungsstärkste in Serie gefertigte Fahr-Chip der Welt. Im neuesten SUV-Modell des Herstellers, dem „Li L9 Livis“, kommen direkt zwei dieser Rechenkerne zum Einsatz.

Abschied von der Von-Neumann-Architektur

Der technologische Stolz von Li Auto begründet sich in einer radikalen Abkehr von etablierten Standards. Seit sieben Jahrzehnten dominiert in der Informatik die Von-Neumann-Architektur. Doch deren zentrale Befehlswarteschlange wird zunehmend zum Flaschenhals: Sie verdeckt die natürliche Parallelität moderner Rechenprozesse und bindet wertvolle Transistoren für die Verwaltung statt für die eigentliche Kalkulation.

Da KI-Berechnungen von Natur aus parallel ablaufen, geht der Mach M100 einen anderen Weg: Er löst die zentrale Warteschlange auf und lässt den Datenfluss die Berechnung direkt steuern. Das chinesische Fachportal EE World kommentiert: „Es ist nicht einfach ein schnellerer Chip, sondern ein völlig neues Haus, gebaut mit einem grundlegend anderen Ansatz.“

Performance-Sieg gegen die Industrie-Giganten

Die Zahlen geben dem Ansatz recht: Mehr als die Hälfte der Chipfläche entfällt auf den neuronalen Rechenkern mit seinen 56 Einheiten. Im Vergleich zum bisherigen Branchenstandard, dem Orin-Chip von Nvidia, erweist sich der Mach M100 in Testmodellen als um ein Mehrfaches schneller. Beim Betrieb großer Sprachmodelle (LLMs) schlug der Fahrzeug-Chip sogar einen Desktop-Supercomputer von Nvidia. Damit erreicht die KI-Rechenleistung im Fahrzeug erstmals echtes Desktop-Niveau.

„Im Technologiekrieg um das chinesische Elektroauto hat sich eine neue Front aufgetan“, stellt die South China Morning Post fest. Die Hersteller drängen massiv auf Unabhängigkeit – und zwar sowohl von US-Giganten wie Nvidia als auch von heimischen Zulieferern wie Horizon Robotics.

Massive Nachfrage nach Rechenpower

Die Nachfrage nach solchen Chips ist enorm. 2025 waren in China bereits 67,6 Prozent aller verkauften Pkw mit Assistenzsystemen ausgerüstet. Der Anteil mittlerer und höherer Systeme stieg von 21,6 Prozent im Vorjahr auf 42,6 Prozent, wie aus dem Jahresbericht von Horizon Robotics hervorgeht.

Besonders abrupt war der Sprung bei den günstigeren Modellen: Im Segment unterhalb von 200.000 Yuan (umgerechnet rund 25.000 Euro), das für 65 Prozent aller Pkw-Verkäufe steht, kletterte die Verbreitung mittlerer und höherer Assistenzsysteme von lediglich fünf Prozent zu Jahresbeginn auf mehr als 50 Prozent zum Jahresende 2025.

Dahinter steckt eine knallharte ökonomische Kalkulation. Ein Jahrzehnt lang waren Motor und Getriebe die teuersten Komponenten, dann übernahm die Batterie diese Rolle. Heute ist es die Rechenleistung. Das Technikportal 36Kr warnt: Wer glaubt, es ginge nur um Kostensenkung, irrt. Wenn eine KI das Fahrzeug von der Wahrnehmung bis zur Entscheidung steuert, ist der Chip das Gehirn. Dieses Gehirn an einen Dritten auszulagern, hieße, die eigene Achillesferse preiszugeben.

Wenn das Auto zum Roboter wird

Was die neue Rechenleistung praktisch bedeutet, zeigt ein Bremsmanöver: Das KI-Fahrsystem von Li Auto reagiere in 0,28 Sekunden, während ein durchschnittlicher menschlicher Fahrer etwa 0,45 Sekunden benötigt. Bei Tempo 120 kommt das Auto deshalb sechs Meter früher zum Stehen. Bis Jahresende soll ein Software-Update den Wert sogar unter 0,2 Sekunden drücken. „Wenn die Reaktionszeit eines Autos die eines Menschen übertrifft, ist es kein Auto mehr, sondern ein Roboter in der Hülle eines Autos“, wird 36Kr zitiert.

Vom Autohersteller zum Tech-Provider

Chinas Autobauer transformieren sich zu Technologie-Lieferanten für die gesamte Industrie. So hat Nio sein Chipgeschäft bereits ausgegliedert und beliefert mit über 550.000 Einheiten künftig auch Wettbewerber. Xpeng exportiert seinen „Turing-Chip“ mit 1.500 TOPS im Verbund bereits nach Deutschland, wo er unter anderem im VW ID. UNYX eingesetzt wird.

Xpeng-Chef He Xiaopeng plant bereits den nächsten Schritt: Der Chip soll künftig auch in humanoiden Robotern und Flugautos zum Einsatz kommen. Für diese Unternehmen ist das Auto nur noch eine von vielen Formen für ihr eigentliches Geschäft: die verkörperte Intelligenz. (heh)

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* Henrik Bork

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