Fragen an die „Urgesteine“ „Ein Ingenieur im Jahr 2026 benötigt ein deutlich breiteres Kompetenzspektrum“

Von Sebastian Gerstl 17 min Lesedauer

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PLC2-Gründer Eugen Krassin hat die Entwicklung von FPGAs fast von Anbeginn mitgemacht. Im Interview spricht der Coach über 40 Jahre FPGA-Geschichte und die Anforderungen an Ingenieure im Jahr 2026.

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Auch fast 40 Jahre, nachdem sich der Elektrotechnik-Ingenieur als Berater für ASIC- und FPGA-Entwicklung selbstständig machte, hält Eugen Krassin immer noch Schulungen und Seminare zur programmierbaren Logik.(Bild:  Toby Giessen)
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Auch fast 40 Jahre, nachdem sich der Elektrotechnik-Ingenieur als Berater für ASIC- und FPGA-Entwicklung selbstständig machte, hält Eugen Krassin immer noch Schulungen und Seminare zur programmierbaren Logik.
(Bild: Toby Giessen)

Schon 1986, gerade mal ein Jahr nach der offiziellen Markteinführung der ersten FPGAs, kam der Freiburger Ingenieur Eugen Krassin erstmals mit den programmierbaren Logikbausteinen in Berührung. Diese sollten seine Laufbahn fortan prägen: 1995 gründete der zu diesem Zeitpunkt als Elektrotechnik-Ingenieur und ASIC-Consultant arbeitende Entwickler das Schulungszentrum PLC2. Als erster Trainer im deutschsprachigem Raum verschrieb er sich damit explizit der Fort- und Weiterbildung rund um die zu diesem Zeitpunkt seit 10 Jahren vorhandenen programmierbaren Logikbausteine. Auch nach Übergabe der Geschäftsführung an seinen Sohn Nikolai Krassin ist der mehrfach international ausgezeichnete FPGA-Coach weiterhin als Trainer in Seminaren und auf Fachkongressen aktiv.

Eugen, wenn du auf die Anfänge deiner Karriere zurückblickst: Was war der Moment, in dem du zum ersten Mal gespürt hast, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?

Ein Schlüsselmoment in meiner frühen Karriere war die Zeit des Übergangs in das LSI- und später VLSI-Zeitalter. Mit diesen Technologien haben sich Möglichkeiten eröffnet, die es zuvor schlichtweg nicht gab. Plötzlich war es möglich, hochkomplexe integrierte Schaltungen mit enormer Funktionalität auf einem einzigen Chip zu realisieren.

Parallel dazu kamen die sogenannten Full-Custom- und Semi-Custom-Technologien auf – Ansätze, aus denen später das hervorging, was wir heute als ASICs kennen. Es ging nicht mehr nur darum, vorhandene Bausteine zu kombinieren, sondern Elektronik gezielt für eine konkrete Anwendung zu entwerfen, und das maßgeschneidert und optimiert bis ins Detail.

Ich hatte damals das große Glück, als junger Ingenieur von meinem Arbeitgeber ins Silicon Valley geschickt zu werden. Für jemanden mit Technikbegeisterung war das wie eine Reise ins Mekka der Mikroelektronik. Dort konnte ich diese neue Technologie praktisch von Grund auf kennenlernen und anwenden.

In dieser Zeit wurde mir klar, welches Potenzial in der Elektronik steckt. Wenn man Schaltungen nicht mehr nur zusammensetzt, sondern sie gezielt für eine Funktion entwirft, eröffnet das völlig neue Möglichkeiten. Die Entwicklung von leistungsfähigeren Geräten bis hin zu ganz neuen Anwendungen war jetzt wesentlich vereinfacht. Das war der Moment, in dem ich gespürt habe: Diese Technologie wird unsere Welt nachhaltig verändern.

Gab es ein frühes Projekt, ein Gespräch oder ein Gerät, das dich nachhaltig geprägt hat?

Ein prägendes Erlebnis war für mich die Zeit, als kurz nach den ersten ASIC-Technologien die sogenannten LCAs aufkamen – das, was wir heute als FPGAs kennen. Diese Bausteine eröffneten plötzlich eine ganz neue Art zu denken: Hardware war nicht mehr starr, sondern konnte flexibel konfiguriert und immer wieder neu angepasst werden.

Im Rahmen einer Vorentwicklung hatte ich die Gelegenheit, genau mit dieser neuen Technologie zu arbeiten. Dabei konnte ich mein Wissen aus dem ASIC-Design direkt einbringen. Für mich war das ein faszinierender Moment, weil ich sofort das enorme Potenzial erkannt habe. Plötzlich konnte man Ideen sehr viel schneller in funktionierende Hardware umsetzen und auch wieder verändern. Das war etwas das vorher deutlich aufwendiger war.

Vielleicht war genau diese Kombination entscheidend: Einerseits die solide Grundlage aus dem ASIC-Design, andererseits die neue Freiheit, die diese programmierbare Logik bot. Für mich fühlte sich das an, als würde sich eine völlig neue Spielwiese für Ingenieure öffnen. Ich war begeistert, Teil dieser Entwicklung zu sein.

FPGAs gibt es jetzt etwas über 40 Jahre. Wann hattest du mit den Bausteinen das erste Mal zu tun?

Zum ersten Mal bin ich 1986 im Rahmen einer Vorentwicklung mit dieser damals noch sehr jungen Technologie in Berührung gekommen.

Zuvor wurden häufig PAL- und GAL-Technologien eingesetzt, typischerweise zur Realisierung sogenannter „Glue Logic“. Diese basierten auf relativ einfachen zweidimensionalen UND/ODER-Strukturen, mit begrenzten Möglichkeiten – etwa für Adressdekoder oder kleine Zustandsautomaten. Vereinzelt standen Flip-Flops zur Verfügung, aber die Komplexität war stark eingeschränkt.

Mit dem Aufkommen der FPGAs änderte sich das grundlegend. Plötzlich standen deutlich leistungsfähigere Architekturen zur Verfügung, die wesentlich komplexere digitale Systeme ermöglichten. Für mich war es äußerst spannend, diese Entwicklung von Anfang an aktiv mitzuerleben und mitzugestalten.

Was war für dich der Auslöser, dass du gesagt hast: „Die Technologie ist wichtig, das braucht es jetzt, die Technologie wird was verändern“?

Der entscheidende Punkt war für mich die enorme Flexibilität dieser Technologie. Mit FPGAs konnte man Hardware entwickeln und verändern, ohne den langen und kostenintensiven Weg über eine eigene Halbleiterfertigung gehen zu müssen.

Das bedeutete eine ganz neue Unabhängigkeit in der Entwicklung. Man war nicht mehr zwingend auf externe Halbleiterfertigungsunternehmen angewiesen, um neue Ideen umzusetzen. Gleichzeitig eröffnete sich ein klarer wirtschaftlicher Vorteil: Entwicklungen konnten schneller realisiert werden, Prototypen ließen sich rasch anpassen und Produkte deutlich früher auf den Markt bringen.

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Diese Kombination aus technischer Freiheit, Kostenersparnis und beschleunigtem Marktzugang hat mir sehr früh gezeigt, dass diese Technologie enormes Veränderungspotenzial hat.

Was war deine Mission, als du PLC2 gegründet hast?

FPGAs waren zu dieser Zeit eine neue und anspruchsvolle Technologie. Mir war früh klar, dass ohne fundierte Ausbildung und strukturierte Wissensvermittlung viele Entwickler Schwierigkeiten haben würden, dieses Potenzial zu nutzen. Gleichzeitig gab es kaum geeignete Schulungsangebote – weder von unabhängigen Anbietern noch von Herstellern. Das war die zentrale Motivation für die Gründung von PLC2: ein spezialisiertes Schulungsunternehmen aufzubauen, das sich konsequent auf FPGA-Technologie fokussiert.

Zu dieser Zeit war das Know-how rund um FPGA-Entwicklung noch relativ wenig verbreitet. Viele Unternehmen erkannten zwar das Potenzial, aber es fehlte oft an Erfahrung und an strukturiertem Wissenstransfer. Genau darin sah ich eine große Chance.

Mit PLC2 wollte ich beides verbinden: die Arbeit an innovativen Technologien und die Weitergabe dieses Wissens an Ingenieure und Entwickler. Rückblickend war das eine spannende Phase, weil wir uns in einem Feld bewegt haben, das sich gerade erst begann, weltweit zu etablieren.

Zu Beginn war das Schulungsangebot von PLC2 bewusst klein und überschaubar. Der Fokus lag darauf, wenige Themen dafür aber mit hoher technischer Tiefe und Qualität zu vermitteln. Gerade in der Anfangsphase war es entscheidend, Vertrauen aufzubauen und sich als kompetenter Partner im Bereich FPGA-Entwicklung zu etablieren.

Mit der Zeit – und parallel zur rasanten Entwicklung der Technologien – wurde das Angebot kontinuierlich erweitert. Neue Themenfelder wie komplexe FPGA-Architekturen, High-Speed-Interfaces, Embedded Systeme, Verifikation, Timing-Analyse und moderne Design Methodiken kamen hinzu. Dabei war es stets unser Anspruch, nicht einfach Inhalte zu übernehmen, sondern eigene, praxisnahe Schulungskonzepte zu entwickeln, die sich an den realen Anforderungen der Industrie orientieren.

Heute umfasst das Portfolio rund 100 verschiedene Schulungen, die ein breites Spektrum von Grundlagen bis hin zu hochspezialisierten Themen abdecken, ob jetzt In-House, in Unternehmen oder als offene Workshops oder Seminare, zum Beispiel auf der FPGA Conference Europe.

Was waren für dich die bewegendsten und wichtigsten Meilensteine, die du (bzw PLC2) auf den Weg gebracht habt?

Ein wichtiger Meilenstein war die Anerkennung durch den FPGA-Pionier Xilinx. PLC2 wurde weltweit der erste Authorized Training Provider. In dieser Rolle konnten wir Trainingsprogramme international anbieten und Ingenieure rund um den Globus in dieser Technologie ausbilden. Unser Konzept diente später sogar als Vorlage für den weltweiten Ausbau ihres Trainingsnetzwerks. Zu sehen, dass ein Ansatz, der ursprünglich aus unserer eigenen Vision entstanden ist, international übernommen wird, war für mich ein sehr besonderer, bewegender Moment.

Der FPGA-Kongresses war ein weiterer wichtiger Meilenstein. Trotz anfänglicher Skepsis hielten wir 2007 erstmals eine derartige Veranstaltung ab, zunächst als „PLC2 FPGA Days“. 2016 haben wir uns dann erstmals mit der ELEKTRONIKPRAXIS zusammengetan, die zuvor die eigenen FPGA-Tage angeboten hatten. Damit ging die Reise erst so richtig los. Heute zählt die FPGA Conference Europe zu den führenden Veranstaltungen Europas in diesem Bereich und hat sich zu einer wichtigen Plattform für Austausch und Weiterbildung in der Branche entwickelt. Solche Initiativen tragen dazu bei, eine Technologie nicht nur zu nutzen, sondern eine ganze Community darum entstehen zu lassen.

Welche Eigenschaften sind bei Ingenieuren zeitlos? Was unterscheidet einen guten Entwickler von damals von einem aus dem Jahr 2026?

Neugier, analytisches Denken und die Fähigkeit, komplexe technische Zusammenhänge wirklich zu verstehen – solche Eigenschaften sind bei einem guten Ingenieur immer zeitlos. Und damals wie heute zeichnet sich ein guter Entwickler vor allem durch solides Grundlagenwissen in der Digitaltechnik und die Bereitschaft aus, ständig weiter zu lernen.

Zu Beginn der FPGA-Ära wurden diese Bausteine häufig als sogenannte „Glue Logic“ eingesetzt – also als flexible Verbindung zwischen komplexen Standardkomponenten, die in LSI- oder VLSI-Technologie gefertigt waren. Die Komplexität der FPGAs war damals noch begrenzt, ebenso ihre Geschwindigkeit. Entsprechend konnten wirklich große digitale Systeme nur eingeschränkt in programmierbarer Logik realisiert werden.

Heute hat sich das Bild grundlegend verändert. Die Leistungsfähigkeit moderner FPGAs ist mit den frühen Generationen kaum noch vergleichbar. Komplexität, Integrationsgrad und Geschwindigkeit haben enorm zugenommen – und damit auch die Anforderungen an die Entwickler.

Ein FPGA-Ingenieur im Jahr 2026 benötigt daher ein deutlich breiteres Kompetenzspektrum: Dazu gehören Hardwarebeschreibungssprachen wie VHDL, Verilog oder SystemVerilog, fundierte Kenntnisse in Simulation und Verifikation sowie Timing- und Power-Analyse. In sicherheitskritischen Bereichen kommen zusätzlich Anforderungen wie die Einhaltung von Normen – etwa DO-254 oder SIL – sowie strukturierte Dokumentation, Traceability und Konfigurationsmanagement hinzu.

Auch der geopolitische Kontext spielt heute eine Rolle. FPGAs haben sich in vielen sicherheitskritischen Anwendungen zu einer Schlüsseltechnologie entwickelt. Durch ihre hohe Rechenleistung, ihre Flexibilität und ihre Wiederverwendbarkeit ermöglichen sie anspruchsvolle Systeme für Datenverarbeitung, Kommunikation und Signalverarbeitung. Gleichzeitig steigen damit die Anforderungen an Entwicklungsprozesse, Zertifizierungen und Dokumentation erheblich.

Der Unterschied zwischen früher und heute liegt vor allem in der Dimension der Systeme, an denen wir arbeiten.

Wer war der beeindruckendste Ingenieur, dem du je begegnet bist? Was machte ihn besonders?

Ohne Zweifel war das mein Gruppenleiter und Mentor während meiner Anfangszeit. Ich erinnere mich noch genau an seine erste Ansage: „Eugen, vergiss mal alles, was du über die Entwicklung digitaler Schaltungen zu wissen glaubst – jetzt wirst du es richtig lernen.“

Besonders beeindruckend war, wie er komplexe Ideen auf den Punkt brachte und gleichzeitig kreative Lösungen fand. Viele seiner Konzepte und Denkansätze habe ich später in meine eigenen Vorträge und Seminare übernommen. Wir stehen auch heute noch im Kontakt. Jedes Gespräch mit ihm ist eine Erinnerung daran, wie wertvoll gute Mentoren für die eigene Entwicklung als Ingenieur sein können.

Was ist im Laufe der Jahrzehnte in der Elektronik verloren gegangen – und was ist neu hinzugekommen, dass du wirklich schätzt?

Was im Laufe der Zeit vielleicht etwas verloren gegangen ist, ist die Hartnäckigkeit und der echte Wille, ein Problem wirklich zu verstehen und bis zum Kern zu lösen. Moderne Medien und das große Angebot an fertigen Lösungen verleiten oft dazu, sofort auf Musterlösungen zurückzugreifen, ohne sich vorher intensiv mit dem zugrundeliegenden Problem auseinanderzusetzen. Ich kritisiere das nicht grundsätzlich – Musterlösungen sind wertvoll – aber sie sollten bewusst und fundiert eingesetzt werden.

Neu hinzugekommen und für mich besonders wertvoll sind die leistungsfähigen Simulationswerkzeuge. Sie ermöglichen es, komplexe elektronische Systeme vorab realistisch zu testen und zu optimieren. Ohne diese Hilfsmittel wäre die Entwicklung moderner, hochkomplexer Hardware schlichtweg nicht denkbar. Die Kombination aus bewährtem Ingenieursgeist und modernen Werkzeugen macht die Arbeit heute besonders spannend.

Wenn du jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren heute zuhörst: Was klingt vertraut, und was ist dir fremd?

Vertraut ist mir vor allem das grundlegende Interesse an der Lösung von Problemen. Egal in welcher Generation, die Neugier, der Ehrgeiz und die Freude daran, eine Herausforderung zu meistern, sind Eigenschaften, die allen Ingenieurinnen und Ingenieuren gemeinsam sind.

Fremd hingegen ist für mich manches aus der heutigen Welt der rasanten technologischen Entwicklung. Neue Methoden, Werkzeuge und Konzepte entstehen so schnell, dass vieles für mich neu ist – obwohl die Grundprinzipien vertraut bleiben. Gleichzeitig bin ich immer offen für frische Ideen und innovative Ansätze, denn sie inspirieren und bereichern auch meine eigene Sicht auf Technik und Entwicklung.

Was sind die heutigen Anforderungen an Ingenieure im Vergleich zu früher?

In den letzten Jahrzehnten hat sich ein fundamentaler Wandel vollzogen. Ein FPGA-Entwickler war ursprünglich ein klarer Spezialist für digitale Schaltungstechnik, mit tiefem Verständnis für Logikdesign, Timing und Hardwarearchitekturen.

Doch schon kurz nach ihrer Einführung entwickelten sich FPGAs zu hochintegrierten Systemplattformen. Moderne Bausteine enthalten heute komplexe IP-Cores wie Block-RAM, DSP-Einheiten, High-Speed-Interfaces wie Ethernet oder PCIe sowie eingebettete Prozessorkerne. Damit wurde aus einem reinen Logikbaustein ein vollständiges System-on-Chip.

Diese Entwicklung hat die Anforderungen an Ingenieure grundlegend verändert. Neben klassischem RTL-Design in VHDL oder Verilog sind heute Kenntnisse in Systemarchitektur, Simulation und Verifikation, Timing-Closure, Power-Analyse sowie im Umgang mit komplexen Toolchains erforderlich.

Ich erinnere mich noch gut an eine Aussage aus dieser Zeit: 40.000 Hardwareentwickler standen etwa 400.000 Softwareentwicklern gegenüber. Genau dieses Potenzial wollten die FPGA-Hersteller erschließen, indem sie leistungsfähige Entwicklungswerkzeuge und abstrahierte Designmethoden geschaffen haben.

Das führte dazu, dass sich das Berufsbild vom spezialisierten Digitaltechniker hin zum Systemingenieur entwickelt hat. Heute arbeiten häufig auch Informatiker oder Physiker in der FPGA-Entwicklung – was grundsätzlich eine sehr positive Entwicklung ist. Allerdings zeigt sich gerade bei komplexen Designs: Wenn Systeme auf sehr hoher Abstraktionsebene entwickelt und optimiert werden, wird die Fehlersuche schwierig. Probleme wie nicht eingehaltene Timing-Constraints oder sporadische Fehler lassen sich oft nur mit tiefem Verständnis der digitalen Grundlagen lösen.

Die modernen Werkzeuge steigern die Produktivität und Qualität erheblich – aber der klassische Digitaltechnik-Spezialist bleibt auch in Zukunft unverzichtbar.

Welcher berufliche Irrtum hat dich im Nachhinein am meisten weitergebracht?

Antwort

Wer arbeitet, macht Fehler oder trifft falsche Annahmen. Interessanterweise fällt mir jedoch kein einzelner „Fehler“ ein, der mich direkt weitergebracht hätte. Vielmehr haben meine Fehler meine Arbeit verzögert. Aber ich denke der kontinuierliche Umgang mit Fehlern ist, und das trotz moderner Software-Werkzeuge, ein ständiger Begleiter eines FPGA Entwicklers. Jeder korrigierte Fehler hat mir gezeigt, wie wichtig Sorgfalt, Reflektion und Anpassungsfähigkeit sind – Eigenschaften, die im Laufe der Karriere oft entscheidender sind als ein einzelner „Aha-Moment“. Für mich ist Lernen also immer ein Prozess, der eng mit eigenen Korrekturen und Verbesserungen verbunden ist.

Gibt es eine Entscheidung, die du damals getroffen hast und heute anders fällen würdest?

Während meines Elektrotechnikstudiums habe ich mich ausschließlich auf die Technik konzentriert und kaufmännische oder betriebswirtschaftliche Aspekte völlig außen vor gelassen. Damals erschien mir das richtig, aber heute würde ich das anders machen.

Bei der Gründung von PLC2 wurde mir dieser Wissensbereich schmerzlich bewusst: Ich wusste praktisch nichts über Unternehmensführung, Buchhaltung oder Geschäftsplanung. Um zumindest ein Grundverständnis zu bekommen, habe ich reihenweise Bücher durchgearbeitet, Titel wie „Wie gründe ich eine Firma“ inklusive. Eine besondere Expertise habe ich dadurch nie erreicht, aber glücklicherweise konnte meine Frau mit ihrem kaufmännischen Know-how unsere Gründerzeit entscheidend stützen. Gemeinsam waren wir in der Lage diese Herausforderung zu meistern.

Mein Rat an junge Ingenieurinnen und Ingenieure, die vielleicht irgendwann selbstständig arbeiten wollen: Sorgt früh für ein Grundwissen in Betriebswirtschaft – selbst als Wahlfach kann das später enorm wertvoll sein. Es erspart viele Stolpersteine und verschafft die Freiheit, sich technisch entfalten zu können.

Welchen Rat, den man dir zu Beginn deiner Karriere gegeben hat, hast du ignoriert – und bist heute froh darüber?

Ich erinnere mich an die zahlreichen Hindernisse, die ich überwinden musste. Ohne entsprechendes Kapital war die Gründungsphase von PLC2 sehr schwierig. Notwendige Investitionen wie Drucker oder PCs wurden dadurch finanziert, dass ich als Ghostwriter Fachartikel verfasste und pro Wort bezahlt wurde. Mein erster Entwicklungsrechner war ein alter, bereits ausgemusterter PC, den ich als „Bezahlung“ für eine FPGA-Auftragsentwicklung erhielt. Als Büro diente ein ca. 15 m² großes Einzimmer-Appartement, möbliert mit Möbeln von einem Billiganbieter.

Selbst renommierte deutsche Finanzinstitute verweigerten mir ein Gründungsdarlehen, da ich keine Immobilien, Edelmetalle oder Edelsteine als Sicherheiten vorweisen konnte. Außerdem hieß es: „Kein Unternehmen wird für eine Schulung bezahlen, lass es.“ Diesen Rat habe ich bewusst ignoriert.

Trotz dieser Widerstände habe ich meinen Weg konsequent verfolgt, PLC2 gegründet und die Trainingsprogramme Schritt für Schritt aufgebaut. Rückblickend bin ich sehr froh, dass ich mich von diesen skeptischen Aussagen nicht habe beirren lassen. Genau diese Entschlossenheit hat es mir ermöglicht, neue Standards in der FPGA-Ausbildung zu setzen und PLC2 langfristig erfolgreich zu machen.

Wie ist PLC2 für die Zukunft gerüstet?

PLC2 ist aus meiner Sicht in mehreren Dimensionen sehr gut für die Zukunft aufgestellt. Aufgrund meiner jahrzehntelangen Präsenz auf dem Mikroelektronikmarkt kann ich auf ein breites Netzwerk an Kontakten zurückgreifen. Damit war es mir möglich, sowohl Management- als auch Technik-Experten für PLC2 und PLC2 Design zu gewinnen. Zusammen mit der Kombination aus technischem Know-how, internationalem Management und Marketingkompetenz innerhalb der Familie ist PLC2 heute auch organisatorisch sehr gut für die Zukunft aufgestellt.

Im Bereich der Schulungskonzepte war es von Anfang an unser Anspruch, eigene Formate zu entwickeln, statt vorgefertigte Inhalte von Partnern zu übernehmen. Viele Standardformate waren nicht optimal auf den europäischen Markt abgestimmt – etwa durch zu starke Fokussierung auf Multiple-Choice oder rein folienbasierte Vermittlung ohne Raum für echte Erklärung und Interaktion. Deshalb haben wir über die Jahre zahlreiche eigene Trainingsformate entwickelt, die praxisnah, interaktiv und technisch fundiert sind – und genau das wird auch in Zukunft unser Fokus bleiben.

Ein weiterer wichtiger Baustein sind unsere Partnerschaften. Besonders die langjährige Zusammenarbeit mit dem FPGA-Pionier Xilinx – heute Teil von AMD – eröffnet neue Möglichkeiten. Durch die Integration in AMD stehen uns zusätzliche Technologien und Plattformen zur Verfügung, die wir aktiv in unser Portfolio aufnehmen werden.

Auch in Bezug auf unsere Geschäftsfelder sind wir breit aufgestellt. Aus dem Schulungsgeschäft heraus entstanden früh Anfragen für Design- und Consulting-Dienstleistungen. Deshalb haben wir mit PLC2 Design eine Schwesterfirma gegründet, in der hochqualifizierte Hardware- und Softwareentwickler tätig sind. Die enge Verzahnung von Training und praktischer Entwicklung schafft eine starke Synergie.

Was das Management betrifft, bin ich überzeugt, dass nicht jeder gute Techniker automatisch ein guter Manager ist – und ich zähle mich selbst dazu. Deshalb war es mir wichtig, frühzeitig Strukturen zu schaffen und die Verantwortung in die nächste Generation zu übergeben.

Gab es Entscheidungen in der Firmengeschichte, die schnell getroffen werden mussten, um Schlimmeres zu vermeiden?

Eine der prägendsten Situationen war zweifellos die Corona-Pandemie. Unser Geschäftsmodell basierte ursprünglich stark auf Präsenzformaten – Inhouse-Schulungen, mehrtägige Workshops und Seminare in Hotels an verschiedenen Standorten.

Mit den Lockdowns und Versammlungsverboten war dieses Modell von einem Tag auf den anderen so nicht mehr tragfähig. Zwar hatten wir bereits zuvor darüber nachgedacht, unser Angebot um Online-Formate zu erweitern, aber die Umsetzung verlief eher zögerlich. Zudem war meine Einschätzung lange, dass insbesondere europäische – und vor allem deutsche – Ingenieure Präsenzveranstaltungen bevorzugen. Die Pandemie hat uns jedoch gezwungen, sehr schnell zu handeln. Innerhalb kurzer Zeit haben wir unser gesamtes Schulungsangebot auf Online-Formate umgestellt. Das war eine große Herausforderung . Und das sowohl technisch als auch didaktisch.

Rückblickend war diese schnelle Entscheidung entscheidend für die Stabilität des Unternehmens. Interessanterweise hat sich das Online-Format nachhaltig etabliert: Auch heute werden etwa ein Drittel unserer Schulungen weiterhin virtuell durchgeführt.nDiese Erfahrung hat uns gezeigt, wie wichtig Flexibilität und schnelle Entscheidungsfähigkeit sind, und das gerade in unerwarteten Krisensituationen.

Was möchtest du der nächsten Generation mitgeben – nicht als Rat, sondern als Erfahrung?

Eine der wichtigsten Erfahrungen, die ich weitergeben möchte, betrifft den Umgang mit Kunden und Partnern. Besonders in einem Schulungsunternehmen ist es entscheidend, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Eine Schulung sollte nie als einmaliges Geschäft betrachtet werden. Zufriedene Kunden bringen oft weitere Mitarbeiter zu späteren Schulungen – manchmal Wochen später, manchmal erst nach einem Jahr. Viele Unternehmen bilden ihre Mitarbeiter über Jahrzehnte hinweg bei uns aus, und genau in dieser langfristigen Beziehung liegt der Wert unserer Arbeit. Wer dieses Prinzip versteht und lebt, legt den Grundstein für nachhaltigen Erfolg.

Aber auch die Kooperation mit FPGA-Herstellern und Anbietern hat ihre Regeln. Diese schätzen und unterstützen zwar Schulungsunternehmen, aber es geht hauptsächlich darum ihre Technologie zu präsentieren und zu verbreiten. Auch stellen sie Unterlagen in unterschiedlichster Form zur Verfügung , jedoch aus unserer Erfahrung sind diese Materialien nicht immer sofort und direkt für Schulungen nutzbar. Aus Sicht der Hersteller ist das Schulungsgeschäft oft nicht ihr primäres Ziel; für sie geht es vor allem um den Bausteinumsatz. Daher liegt der größte Teil der Verantwortung, das Geschäft erfolgreich zu betreiben, beim Schulungsunternehmen selbst. Ein erfolgreiches Networking und ein reger Ideen- und Gedankenaustausch mit Distributoren und Herstellern sind deshalb Pflicht, um die Angebote praxisnah, aktuell und nachhaltig gestalten zu können.

Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns auch in den kommenden Jahren noch beschäftigen?

Ich denke, auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz stehen uns in den kommenden Jahren enorme Umwälzungen bevor. Die KI steckt zwar noch in den Kinderschuhen, aber die ersten beeindruckenden Ergebnisse, insbesondere bei Large Language Models (LLMs), zeigen schon jetzt ihr Potenzial.

Für die FPGA-Entwicklung bleibt das Mooresche Gesetz nach wie vor eine Einschränkung für monolithische Schaltungen. Die Lösung wird wahrscheinlich in hochkomplexen, heterogenen Multi-Die-FPGAs liegen. Um die entstehende Komplexität effektiv zu beherrschen, werden wir voraussichtlich nicht auf KI verzichten können – sie wird zum integralen Werkzeug bei Design, Optimierung und Simulation künftiger elektronischer Systeme.

Wann hat dir die Elektronik zuletzt wieder dieses alte Kribbeln beschert?

Dieses Kribbeln hat bei mir eigentlich nie aufgehört. Vor einigen Jahren habe ich offiziell meine Firma an meine Kinder übergeben und bin in Rente gegangen. Anfangs habe ich mehrere Monate mit Müßiggang und Nichtstun verbracht – bis mir klar wurde: Ich bin einfach nicht für die Rente gemacht.

Also gründete ich ein neues Consulting-Unternehmen, richtete ein Entwicklungslabor ein und beschäftige mich seitdem mit der Entwicklung autonomer Robotersysteme. Gerade dieses Arbeitsfeld ist besonders spannend, weil es verschiedene Design-Disziplinen vereint: Regelungstechnik, Softwareentwicklung und natürlich auch komplexe digitale Schaltungen interagieren hier auf faszinierende Weise. Genau diese Vielfalt und die Herausforderung, alles zusammenzuführen, sorgt nach wie vor für dieses alte Kribbeln.  (sg)

Eugen Krassin

1995 gründete der Freiburger Elektrotechnik-Ingenieur und ASIC-Consultant Eugen Krassin das Schulungszentrum PLC2. Als erster Trainer im deutschsprachigem Raum verschrieb er sich damit explizit der Fort- und Weiterbildung rund um die zu diesem Zeitpunkt seit 10 Jahren vorhandenen programmierbaren Logikbausteine. Auch nach Übergabe der Geschäftsführung an seinen Sohn Nikolai Krassin ist der mehrfach international ausgezeichnete FPGA-Coach weiterhin als Trainer in Seminaren und auf Fachkongressen aktiv.

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