Wenn ein bevölkerungsreiches und technikaffines Land wie China die US-amerikanischen KI-Chips in den heimischen Rechenzentren durch welche von Huawei ersetzen will, dann geht ein Beben durch die KI-Landschaft. So jüngst geschehen.
Chinas bekanntestes KI-Modell von Deepseek will sich von der Nvidia-Abhängigkeit freischwimmen. Die Verantwortlichen haben erste Schritte unternommen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Das chinesische KI-Unternehmen Deepseek hat sein jüngstes Modell für Halbleiter von Huawei optimiert. Die Deepseek-V4-Modellreihe unterstütze explizit den inländischen KI-Chip Huawei Ascend 950, berichtete das chinesische Wirtschaftsmagazin Caijing am ersten Tag der offiziellen V4-Vorschau.
Huawei selbst habe Stunden nach Beginn der Vorschau eine „enge Chip-Modell-Kooperation“ mit Deepseek bestätigt, meldete das chinesische Fachportal IT Zhijia. V4 unterstützt demzufolge die gesamte Ascend-Supernode-Produktreihe von Huawei.
Diese Meldungen sind von Marktbeobachtern in China mit großem Interesse verfolgt worden, weil sie eine erste Distanzierung chinesischer Modellentwickler von Nvidia signalisieren. Die vertiefte Zusammenarbeit zwischen Deepseek und Huawei wird als Versuch gewertet, Chinas Abhängigkeit von US-Technologie zu reduzieren.
„Der Tag, an dem Deepseek zuerst auf Huawei erscheint, ist ein schreckliches Ergebnis für unsere Nation“, hatte Nvidia-Chef Jensen Huang Anfang April 2026 in einem beliebten Podcast gewarnt. Manche Berichte legten nahe, dieser Tag sei nun eher gekommen als erwartet. „Tschüss, Nvidia! V4 wechselt komplett zu Huawei Ascend“, lautete eine Überschrift des Branchenportals EET China. „Jensen Huangs Sorge ist wahr geworden“, schrieb Taimeiti (TMT).
Der große Sprung bleibt noch aus
Allerdings handelt es sich bei genauerem Hinsehen wohl eher um eine vorsichtige architektonische Entkoppelung Deepseeks von Nvidia als um einen vollständigen Bruch. Dies wäre auch schwer möglich, denn derzeit stammen noch immer rund 55 Prozent aller Beschleunigerkarten in chinesischen Rechenzentren von Nvidia, heißt es in einem aktuellen Bericht von IDC. Nvidias Entwicklungssoftware CUDA ist auch in China weit verbreitet und nicht über Nacht zu ersetzen.
Der KI-Chip Ascend 950 unterstützt nach den bisher vorliegenden Informationen eindeutig die Inferenz mit dem neuen Deepseek-Modell. Es ist aber unklar, ob V4 schon während seiner Entwicklung auf einem Cluster von Huawei-Chips trainiert worden ist oder auf einer Kombination aus Huawei- und Nvidia‑GPUs. Die Unternehmen haben dazu bislang keine Informationen veröffentlicht.
Deepseek scheine nur einen Teil des V4-Trainingsprozesses für chinesische Chips angepasst zu haben, sagte Liu Zhiyuan, Informatikprofessor an der Tsinghua-Universität, in einem Interview mit der MIT Technology Review. Der von Deepseek veröffentlichte technische Bericht lasse offen, ob auch zentrale Long-Context-Funktionen an chinesische Chips angepasst worden seien.
Losgelöst von der US-amerikanischen Technologie
Bei alldem steht allerdings außer Frage, dass sich Chinas KI-Entwickler und die Hyperscaler des Landes gemeinsam um den Aufbau eines eigenen KI-Technologie-Stacks bemühen, der nicht mehr von Chip- und Technologieboykotten aus Washington bedroht ist.
Der leistungsstärkste KI-Chip von Nvidia, der H200, ist von der US-Regierung abwechselnd für den Export nach China gesperrt und dann wieder erlaubt worden, verharrt aber derzeit in einer Art regulatorischem Niemandsland und ist in China Medienberichten zufolge nur auf dem Schwarzmarkt zu haben. Selbst der von Nvidia eigens für China entwickelte, in seiner Leistung reduzierte H20 ist nicht mehr zuverlässig zu beschaffen.
Seit der jüngsten Modellveröffentlichung von Deepseek sei die Nachfrage nach den KI-Chips der Huawei-Reihe Ascend 950 daher „sprunghaft gestiegen“, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters in einem exklusiven Bericht aus China. Einkäufer von Alibaba, Bytedance und Tencent seien sofort in den Schnellzug nach Hangzhou gestiegen. Man wolle um Kontingente bitten, so die Agentur.
Es sieht also so aus, als würden die US-Boykotte der Halbleitersparte von Huawei derzeit nach schwierigen Anfängen endgültig zum Durchbruch verhelfen, vor allem auch dem KI-Chip 950 PR, auch wenn Nvidia technisch noch immer leicht überlegen ist.
Token-Preise im Schleudersitz
Von einiger Relevanz, sowohl für die Anwendung der künstlichen Intelligenz in China selbst als auch für das schlagzeilengenerierende „KI-Wettrennen“ mit den USA, sind die Token-Preise des neuen Modells von Deepseek.
Stand: 08.12.2025
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In der Preisliste von Deepseek für sein neues Modell findet sich eine Stelle, die explizit auf Huawei verweist, das unter Hochdruck an der Skalierung seiner Halbleiterfertigung arbeitet. „Aufgrund der Knappheit an High-End-Rechenleistung ist der Service-Durchsatz von Deepseek-V4-Pro derzeit stark begrenzt. Sobald die Ascend-950-Supernodes in der zweiten Jahreshälfte in größeren Stückzahlen auf den Markt kommen, wird der Pro-Preis voraussichtlich deutlich gesenkt“, heißt es in der Preisliste.
Den genannten Preisen zufolge ist auch V4 wieder ein recht günstiges KI-Modell, vor allem im Vergleich mit amerikanischen Konkurrenzmodellen von OpenAI oder Anthropic. Und dank seiner FP4-Unterstützung sei der neue Ascend-950-Chip von Huawei ebenfalls besonders schnell und günstig, heißt es. Seine Single-Card-Rechenleistung solle das 2,87-fache des Nvidia-H20 erreichen, schreibt Caijing.
Für die großen chinesischen KI- und Cloudunternehmen Alibaba und Tencent wäre es von enormer strategischer Bedeutung, wenn hier mithilfe von Deepseek und Huawei ein sowohl günstiger als auch von Drangsalierungen aus Washington unabhängiger, heimischer KI-Stack heranwüchse. Beide Unternehmen sollen noch unbestätigten Medienberichten zufolge mit dem Deepseek-Gründer gerade über eine Investition in sein Unternehmen verhandeln. (sb)