Deutsche Leiterplattenindustrie unter Druck Unimicron schließt Leiterplattenwerk in Geldern

Von Susanne Braun 3 min Lesedauer

Unimicron stellt die Leiterplattenfertigung in Geldern ein. Von dieser Entscheidung sind rund 240 Arbeitsplätze betroffen. Die Schließung fällt in eine Phase steigender Materialpreise und angespannter Lieferketten. Gleichzeitig schrumpft die Produktionsbasis der deutschen Leiterplattenindustrie weiter.

Leiterplattenfertigung bei Unimicron in Geldern: Das Unternehmen will den Standort im ersten Halbjahr 2027 schließen. Damit gehen weitere Produktionskapazitäten der deutschen Leiterplattenindustrie verloren.(Bild:  Unimicron)
Leiterplattenfertigung bei Unimicron in Geldern: Das Unternehmen will den Standort im ersten Halbjahr 2027 schließen. Damit gehen weitere Produktionskapazitäten der deutschen Leiterplattenindustrie verloren.
(Bild: Unimicron)

Der taiwanische Leiterplattenhersteller Unimicron zieht sich aus der Produktion in Geldern zurück. Die Gesellschafterin der Unimicron Germany GmbH hat am 27. Oktober 2026 beschlossen, das Unternehmen zum 1. November aufzulösen und freiwillig zu liquidieren. Es handelt sich ausdrücklich nicht um ein Insolvenzverfahren. Die Produktion soll im ersten Halbjahr 2027 schrittweise eingestellt werden.

Betroffen sind nach Medienberichten (via Antenne Niederrhein) rund 240 Beschäftigte. Der Betriebsrat wurde über die Entscheidung informiert und zu Verhandlungen über einen Interessenausgleich und einen Sozialplan eingeladen. Bestehende Aufträge und Lieferverpflichtungen sollen im Rahmen der Abwicklung mit den Kunden abgestimmt werden. Als Gründe nennt Unimicron anhaltende Verluste und ein schwieriges Marktumfeld. Der Konzern habe den Standort über mehrere Jahre finanziell unterstützt und verschiedene Möglichkeiten zur Fortführung geprüft. Eine wirtschaftlich tragfähige Lösung sei jedoch nicht gefunden worden.

Für die Abwicklung will die taiwanische Konzernmutter bis zu 35 Millionen Euro über ihre Tochter UniRuwel Holding bereitstellen. Das Geld ist unter anderem für bestehende Aufträge, Abfindungen, die Rückzahlung von Krediten sowie Liquidationskosten vorgesehen.

Erst 2022 wurde noch investiert

Die Schließung betrifft einen traditionsreichen Standort, der in den vergangenen Jahren modernisiert wurde. Noch 2022 investierte Unimicron rund zwölf Millionen Euro in ein neues Produktionsgebäude sowie Anlagen zur Entfernung von Bohrschmiere und zur Verkupferung. Damals sollte der Ausbau insbesondere die Nachfrage aus Automotive, Industrieelektronik, erneuerbaren Energien und Medizintechnik bedienen.

In Geldern werden neben Standardleiterplatten auch technologisch anspruchsvollere Produkte gefertigt. Zum Portfolio gehören HDI-, Hochfrequenz-, Dickkupfer- und Semiflex-Leiterplatten sowie Lösungen für Hochstromanwendungen und das Wärmemanagement. Mit der Schließung geht damit nicht nur Produktionskapazität, sondern auch entsprechendes Fertigungs-Know-how am Standort verloren.

Steigende Preise und Engpässe bei Leiterplattenmaterialien

Die Entscheidung fällt in eine schwierige Phase für die Leiterplattenindustrie. Einerseits verteuern sich wichtige Vormaterialien, andererseits schränken Materialzuteilungen die Beschaffungsmöglichkeiten mancher Hersteller ein. Bereits im Juli warnte der Fachverband Elektronikdesign und -fertigung (FED) vor steigenden Preisen, sinkenden Lagerbeständen und ersten Allokationsprogrammen bei Herstellern von FR-4-Basismaterialien und Glasfasergeweben.

Der Leiterplattenanbieter Leiton berichtete Anfang Oktober von weiteren Preiserhöhungen bei Laminaten. Demnach erhöhte Kingboard im August die Preise für FR-4 um zehn Prozent und für bestimmte dünne Prepregs um bis zu 20 Prozent. Panasonic habe die Preise zum 1. August um 20 bis 25 Prozent angehoben. Dabei bedeutet der Preisanstieg nicht, dass sämtliche Basismaterialien knapp geworden sind. Standard-FR-4 ist nach Einschätzung von Leiton weiterhin verfügbar. Engpässe bestehen insbesondere bei dickeren Materialien, bestimmten Multilayer-Kernen und dünnen Prepregs. Zudem werden verfügbare Mengen zunehmend nach Priorität vergeben.

Wie stark sich die höheren Materialkosten auf fertige Leiterplatten auswirken, hängt von Technologie, Lagenzahl, Materialeinsatz und Produktionsstandort ab. Ein einheitlicher Preisanstieg für alle Leiterplatten lässt sich daraus nicht ableiten.

Nachfrage steigt – deutsche Produktion schrumpft

Wie stark die aktuelle Marktentwicklung durch Preissteigerungen und vorgezogene Bestellungen geprägt ist, zeigt der Quartalsbericht der NCAB Group vom 23. Oktober 2026. Der Leiterplattenanbieter meldete für das dritte Quartal einen um 166 Prozent höheren Auftragseingang und ein Umsatzplus von 54 Prozent. Allerdings entfielen nach Unternehmensschätzung rund 80 Prozentpunkte des organischen Auftragswachstums auf vorgezogene Bestellungen und weitere 50 Prozentpunkte auf gestiegene Preise. Eine Entspannung bei der Materialversorgung erwartet NCAB frühestens Ende 2027.

Für die europäische Leiterplattenfertigung ergibt sich daraus eine widersprüchliche Entwicklung. Während die Nachfrage steigt und sich Vormaterialien verteuern, bleibt der strukturelle Druck auf die hiesigen Produktionsstandorte bestehen. Die Schließung von Unimicron in Geldern ist vor diesem Hintergrund mehr als ein einzelner Unternehmensrückzug. Sie zeigt, dass eine anziehende Nachfrage am Weltmarkt nicht zwangsläufig die wirtschaftliche Perspektive deutscher Fertigungsstandorte verbessert. (sb)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

(ID:51005161)