EMS-Dienstleister Hanza BMK: Warum die Fusion keine klassische Übernahme ist

Von Susanne Braun 7 min Lesedauer

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BMK ist Teil des schwedischen Hanza-Konzerns geworden und tritt inzwischen als Hanza BMK auf. Für viele in der EMS-Branche kam der Schritt überraschend. Tatsächlich war er das Ergebnis jahrelanger Gespräche und einer Nachfolgefrage, die viele mittelständische Elektronikfertiger nur zu gut kennen.

Auf dem ersten Blick sichtbar: Der Augsburger Standort tritt inzwischen als Hanza BMK auf.(Bild:  Hanza BMK)
Auf dem ersten Blick sichtbar: Der Augsburger Standort tritt inzwischen als Hanza BMK auf.
(Bild: Hanza BMK)

Als der Zusammenschluss von BMK und Hanza öffentlich wurde, war die Reaktion in der EMS-Branche deutlich: Damit hatte kaum jemand gerechnet. Von außen wirkte der Schritt wie eine plötzliche Übernahme. Intern war er das Gegenteil. „Die Gespräche liefen über die letzten Jahre immer wieder“, sagt Florian Weiß, Head of Business Development Region Central Europa der Hanza Group, im Gespräch mit ELEKTRONIKPRAXIS.

Bereits seit 2018 habe es Kontakte zwischen BMK und Hanza gegeben, ergänzt Geschäftsführerin Bärbel Götz. Der Auslöser war ein Thema, das viele mittelständische Elektronikfertiger beschäftigt hat oder in den kommenden Jahren noch beschäftigen wird: die Nachfolge.

Nachfolge als Ausgangspunkt

BMK wurde 1994 im Rahmen eines Management-Buy-outs aus einem geschlossenen NCR/AT&T-Werk in Augsburg heraus gegründet. Stephan Bauer, Alois Knöferle und Dieter Müller kauften damals Maschinen heraus, übernahmen zunächst Aufträge und starteten mit rund 25 Mitarbeitenden in die Selbstständigkeit. Drei Jahrzehnte später ist daraus ein EMS-Dienstleister mit rund 1.500 Mitarbeitenden in Augsburg geworden.

Bärbel Götz, Geschäftsführerin von Hanza BMK, hat den über Jahre vorbereiteten Zusammenschluss eng begleitet. Ein wichtiges Thema dabei war die langfristige Nachfolge für das Augsburger Unternehmen.(Bild:  Hanza BMK)
Bärbel Götz, Geschäftsführerin von Hanza BMK, hat den über Jahre vorbereiteten Zusammenschluss eng begleitet. Ein wichtiges Thema dabei war die langfristige Nachfolge für das Augsburger Unternehmen.
(Bild: Hanza BMK)

Die drei Gründungsgesellschafter sind inzwischen deutlich über 60 Jahre alt. Nachfolger aus dem familiären Umfeld haben sich allerdings nicht angeboten. Gleichzeitig sollte BMK nicht einfach an irgendwen gehen. „Es war allen dreien immer wichtig, dass es kein Private Equity ist und dass die Firma in europäischen Händen bleibt“, sagt Götz.

Entsprechend beschreiben Götz und Weiß den Schritt nicht als klassischen Verkauf. Die früheren Gesellschafter hätten einen Anteilstausch vorgenommen und hielten nun rund 27 Prozent an der gesamten Hanza-Gruppe. Hanza BMK selbst steuert etwa ein Drittel zum Konzernumsatz bei. Zudem stellen die früheren BMK-Gesellschafter einen Vertreter im Aufsichtsrat des Konzerns.

Für Weiß ist genau das wichtig: BMK verschwindet nicht in einem größeren Wettbewerber, sondern wird Teil eines Konzerns, dessen Konzept zum eigenen Profil passt. Hanza ergänzt das bisherige BMK-Portfolio unter anderem um Metallbearbeitung, Zerspanung, Schwermechanik, Kabelkonfektion und Gerätemontage. Über mehr als 30 europäische Standorte kann der Konzern zudem die gesamte Supply Chain abdecken. Hanza BMK wird dabei zum zentralen Elektronikstandort. „Wir sind die Kettensäge im Taschenmesser des Hanza-Konzerns“, sagt Weiß.

Diskret bis zur letzten Minute

Dass die Branche überrascht war, lag auch daran, wie diskret der Prozess ablaufen musste. Hanza ist börsennotiert. Entsprechend eng war der Zeitplan für Notartermin, Veröffentlichung und interne Kommunikation getaktet. Die Meldung musste zunächst in Schweden veröffentlicht werden, kurz darauf in Deutschland.

Bei BMK selbst wussten nach Angaben von Weiß nur wenige Personen außerhalb der Gesellschafter Bescheid. Die interne Kommunikation an die Belegschaft erfolgte mit wenigen Stunden Versatz zur Veröffentlichung in Schweden: Für die Spätschicht wurde am selben Abend ein Video ins Intranet gestellt, am nächsten Morgen folgte eine Mitarbeiterversammlung für alle Mitarbeiter. Der Hanza-Vorstand war persönlich vor Ort, ebenso Geschäftsführung und Gesellschafter.

Diese Sorgfalt war nötig. In der Belegschaft hatte es in den Jahren zuvor durchaus Unsicherheit gegeben. Wie geht es weiter, wenn die Gründer eines Tages aussteigen? Wird das Unternehmen an einen amerikanischen Konzern verkauft? An einen Finanzinvestor? An einen Wettbewerber? „Da waren schon Ängste auch in der Belegschaft da“, sagt Götz.

Dass am Ende Hanza einstieg, wurde deshalb auch als Entlastung wahrgenommen. Veränderung bleibe Veränderung, sagt Götz. Aber der Schritt gebe eine Antwort auf die Frage, wie BMK langfristig weitergeführt werden kann.

Groß genug für komplexe Projekte, offen für High Mix/Low Volume

Dass BMK für Hanza interessant wurde, liegt nicht nur an der Größe. Das Unternehmen hat sein Leistungsspektrum über Jahre erweitert. Weiß beschreibt Hanza BMK als Any-Mix-Any-Volume-Fertiger, also als Anbieter, der nicht nur eine bestimmte Seriengröße oder einen engen Kundentyp bedienen will.

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„Manufacturing made easy“ heißt die Marschroute. Das bedeute dabei nicht, dass Fertigung einfach sei, betont Götz. Gemeint sei, sie für den Kunden zu erleichtern: weniger Schnittstellen, weniger Lieferantensteuerung, mehr Verantwortung beim Fertigungspartner.

Das beginnt bei Entwicklungsdienstleistungen und Fast Prototyping, reicht über High-Mix/Low-Volume-Aufträge bis zu Großserien, Key-Accounts und After-Sales-Service. Genau hier will Hanza BMK bewusst offen bleiben. Weiß berichtet von Interessenten, die zunächst davon ausgingen, für Hanza BMK ohnehin zu klein zu sein. Diese Wahrnehmung will das Unternehmen weiterhin ändern.

Florian Weiß, Head of Business Development Region Central Europe der Hanza Group, sieht im Zusammenschluss vor allem die Chance, Elektronikkompetenz mit dem breiteren Fertigungsnetzwerk von Hanza zu verbinden.(Bild:  Hanza BMK)
Florian Weiß, Head of Business Development Region Central Europe der Hanza Group, sieht im Zusammenschluss vor allem die Chance, Elektronikkompetenz mit dem breiteren Fertigungsnetzwerk von Hanza zu verbinden.
(Bild: Hanza BMK)

„Wir wollen ja jetzt nicht mit Einstiegshürden kommen und sagen: Unter drei Millionen EMS-Volumen nehmen wir dich nicht“, sagt Weiß. Auch Kunden, die dreimal im Jahr 500 Stück bestellen, seien willkommen, wenn sie Qualität, Service und lokale Fertigung suchten.

Gerade in einem konsolidierenden Markt ist das keine Nebensache. Viele kleinere Kunden suchen zwar die Fähigkeiten eines großen Fertigers, wollen dort aber nicht als zu kleiner Auftrag durch das Raster fallen. Hanza BMK will groß genug sein, um komplexe Projekte zu stemmen, aber nicht so auftreten, als seien kleinere Aufträge nur Ballast.

Damit kleinere Kunden in der größeren Struktur nicht untergehen, setzt das Unternehmen auf Customer Focus Units und Kundenteams. Eine Customer Focus Unit betreut jeweils eine überschaubare Zahl von Kunden, und die Ansprechpartner bleiben nach Möglichkeit gleich. Weiß verweist auf Zufriedenheitsbefragungen, in denen BMK beim Thema Ansprechpartner regelmäßig sehr hohe Werte erreiche. Nähe soll also nicht nur behauptet, sondern organisatorisch abgesichert werden. Florian Weiß bringt den Kundennutzen so auf den Punkt: „Es ist vielleicht den einen oder anderen Euro mehr wert, wenn ich sage: Das funktioniert. Dann rufe ich an, da geht jemand hin – und den kenne ich.“

Mehr als grüne Leiterplatten

Hanza BMK fertigt längst nicht mehr nur bestückte Leiterplatten. Das Unternehmen übernimmt auch Systemmontage und Box-Build. Als Beispiele nennt Weiß einen Lawinenrucksack und einen Industrie-PC auf Raspberry-Pi-Basis. Solche Produkte würden nicht nur elektronisch aufgebaut, sondern mit Gehäuse, kundenspezifischer Verpackung, Klebeband mit Kundenlogo und Logistik abgewickelt.

Trotz eigener Entwicklungs- und Testkompetenz versteht sich Hanza BMK aber nicht als Hersteller eigener Produkte. Das ist Absicht. „Keine eigenen Produkte, das heißt reine Auftragsfertigung“, sagt Weiß. „Kein interner Wettbewerb, alle 100 Prozent arbeiten kundenzentriert.“ Der Gedanke dahinter ist klar: Ein eigenes Produkt würde intern um dieselben Ressourcen konkurrieren wie Kundenprojekte. Genau diesen Interessenkonflikt will man vermeiden. Kunden sollen nicht befürchten müssen, dass ein internes Produkt im Zweifel Vorrang bekommt.

Mehr als Elektronik: Hanza bündelt im Konzern unter anderem Elektronikfertigung, Kabelkonfektion, Metallbearbeitung, Zerspanung und Montage – Kompetenzen, auf die nun auch Hanza BMK zugreifen kann.(Bild:  Hanza BMK)
Mehr als Elektronik: Hanza bündelt im Konzern unter anderem Elektronikfertigung, Kabelkonfektion, Metallbearbeitung, Zerspanung und Montage – Kompetenzen, auf die nun auch Hanza BMK zugreifen kann.
(Bild: Hanza BMK)

Dass Hanza BMK trotzdem deutlich mehr kann als reine Bestückung, werde nicht immer gesehen. Viele hätten das Unternehmen noch als Fertiger im Kopf, der „grüne Leiterplatten mit Bauteilen“ herstellt, sagt Götz. Tatsächlich gehören auch Lackieren, Vergießen, Silikonieren, Systemmontage, DFM- und DFX-Beratung, eigener Betriebsmittelbau und maßgeschneiderte Prüftechnik zum Angebot. Allein in der Testentwicklung arbeiten nach Angaben von Götz und Weiß mehr als 30, teilweise bis zu 40 Mitarbeiter.

Weiß nennt das Unternehmen deshalb einen „Hidden-Hidden-Champion“: einen Zulieferer im Hintergrund jener Unternehmen, die selbst als Hidden Champions gelten. Passend dazu zitiert Götz einen Satz von Hanza-Vorstand Erik Stenfors: „Unhide BMK.“ Unter neuer Flagge soll der EMS-Dienstleister sichtbarer werden. Auch der Name trägt den Zusammenschluss inzwischen nach außen: Der Augsburger Standort tritt postalisch als Hanza BMK auf. Mit Dr. Markus Ernst ist zudem ein neuer Managing Director hinzugekommen.

Local for Local und Defense als neuer Schwerpunkt

Gleichwohl soll Hanza BMK unter dem Dach von Hanza weiterhin eigenständig handeln. Weiß beschreibt das Konzernprinzip als „Local for Local“. Die Hanza-Zentrale in Schweden bestehe im Kern aus wenigen Personen, die vor allem Reporting und Investor Relations abdecken. Entschieden wird an den Standorten, an denen Markt, Kunden und Region verstanden werden.

Das bedeutet: Die Augsburger bleiben verantwortlich für ihren Markt. Gleichzeitig eröffnet Hanza neue Möglichkeiten. Der Konzern hat mit Hanza BMK den Eintritt in den deutschen Markt deutlich ausgebaut und will sein Konzept auch in Zentraleuropa weiter ausrollen. Denkbar seien weitere Zukäufe, etwa im Bereich Blechbearbeitung, wenn Kunden diese Leistungen lokal brauchen.

Der Augsburger Standort von Hanza BMK bleibt der zentrale Elektronikstandort im Konzernverbund und beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter.(Bild:  Bernd Jaufmann / Hanza BMK)
Der Augsburger Standort von Hanza BMK bleibt der zentrale Elektronikstandort im Konzernverbund und beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter.
(Bild: Bernd Jaufmann / Hanza BMK)

Ein konkreter neuer Schwerpunkt ist bereits ausgemacht: Hanza BMK steigt stärker in den Verteidigungsbereich ein. Das Unternehmen hat dafür ein eigenes Kompetenzzentrum gegründet und arbeitet an einer Zertifizierung nach der EN-9100-Familie. Damit sollen künftig auch Anforderungen aus Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung systematischer abgedeckt werden.

Dass Hanza diesen Weg unterstützt, betonen Götz und Weiß ausdrücklich. Im Konzern gebe es dafür ein eigenes Programm. Der Schritt hat nicht nur geschäftliche Gründe, sondern auch geopolitische. In Skandinavien und im Baltikum sei der Blick auf Verteidigung längst ein anderer als in Deutschland. Auch für Hanza BMK ist Verteidigung kein Thema, über das man verschämt spricht. Es ist ein Bereich, in dem Fertigungskompetenz, lokale Verfügbarkeit und verlässliche Lieferketten wichtiger werden.

Ein neues Kapitel, aber kein Neustart

Hanza BMK ist damit kein Neustart auf der grünen Wiese. Es ist eher der nächste Schritt einer Entwicklung, die lange vorbereitet wurde. Für Hanza BMK bedeutet der Zusammenschluss deshalb vor allem eines: Das Unternehmen soll größer werden, ohne seine Kundennähe aufzugeben. Hanza liefert zusätzliche Mechanik- und Supply-Chain-Kompetenz, Hanza BMK bleibt der zentrale Elektronikstandort des Verbunds in Deutschland. Aus dem bisherigen Hidden-Hidden-Champion soll so ein sichtbarer Partner für Kunden werden, die Entwicklung, Fertigung und zunehmend auch komplette Lieferketten aus einer Hand organisieren wollen. (sb)

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