Als langjähriger CEO von Zollner prägte Johann Weber die globale EMS-Branche maßgeblich. Im exklusiven Interview blickt das Branchen-Urgestein auf 60 Jahre Technologiewandel zurück und teilt sein Rezept für nachhaltigen Erfolg.
Johann Weber: Der langjährige Vorstandsvorsitzende der Zollner Elektronik AG ist seit 2021 im Ruhestand.
(Bild: Heidi Klein)
Der Aufstieg vom einfachen Elektrobetrieb zum europäischen Top-Player ist eng mit seinem Namen verbunden. Über Jahrzehnte lenkte er die Geschicke der Zollner Elektronik AG. Für sein Lebenswerk ausgezeichnet, zieht der erfahrene Manager nun detailliert Bilanz. Er spricht über Meilensteine wie die Einführung der SMD-Technik, den harten Weg zur lückenlosen Traceability und den immensen Wert von starken Netzwerken. Ein tiefer Einblick in die Evolution der Fertigungsindustrie.
Wenn Sie auf die Anfänge Ihrer Karriere zurückblicken: Was war der Moment, in dem Sie zum ersten Mal gespürt haben, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?
Das war eher ein fortlaufender Prozess. Die Elektronik bringt einfach so viele Vorteile mit sich, die mit der früheren Technologie niemals zu erreichen gewesen wären. Ich denke hier insbesondere an die enorme Zuverlässigkeit, an die stetig steigende Miniaturisierung sowie an die Schnelligkeit. Hinzu kamen die immer höhere Integration und die andauernde Erweiterung der Funktionalitäten. Ein absoluter Quantensprung in dieser Hinsicht war für mich damals die Einführung der SMD-Technik, also der Surface-Mount Devices.
Gab es ein frühes Projekt, ein Gespräch oder ein Gerät, das Sie nachhaltig geprägt hat?
Da erinnere ich mich stark an die Produktion von komplexen Maschinensteuerungen, sogenannten PCBAs (Printed Circuit Board Assembly), und insbesondere an die Einführung neuer Testverfahren im Produktionsprozess. Das war damals der "Fault Finder", aus dem sich der heutige In-Circuit-Test, kurz ICT, entwickelt hat. Die Investition dafür stand eigentlich in keinem gesunden Verhältnis zu unseren damaligen Aufträgen. Trotzdem hat der Inhaber damals die mutige und zukunftsorientierte Entscheidung getroffen, in so einen FF/ICT zu investieren. Damit konnten wir plötzlich Fehler wie Toleranzabweichungen oder Leckströme bei Bauteilen sowie generelle Produktionsfehler finden, die ein herkömmlicher Funktionstest nie entdeckt hätte. Dadurch ließ sich die Produktqualität enorm steigern. Damit hatten wir im Jahr 1982 ein echtes Alleinstellungsmerkmal und einen Meilenstein als Elektronikdienstleister gesetzt.
Prägend war auch unsere Weiterentwicklung von der bloßen „verlängerten Werkbank“ hin zu einem umfassenden Elektronik-Dienstleistungsunternehmen. Wir deckten plötzlich die komplette Materialbeschaffung und die Produktion ab, um dem Kunden später auch noch Entwicklungsunterstützung und somit einen noch größeren Mehrwert bieten zu können. Was mich in dieser Zeit ebenfalls sehr beeindruckt hat, war die professionelle Fehler- und Ursachenanalyse von Feldausfällen, die wir durch den Kunden beziehungsweise gemeinsam mit ihm durchgeführt haben.
Gab es in Ihrer Laufbahn einen Moment, in dem Ihnen klar wurde: Hier geht es nicht mehr nur um Technik, sondern um Verantwortung?
Dieser Moment kam recht schnell. Es geht ja vor allem darum, Verantwortung für die Mitarbeitenden und deren Familien mitzutragen und die Sicherheit der Arbeitsplätze zu gewährleisten. Dazu kommt natürlich auch die Produktverantwortung, was den gesamten Herstellungsprozess betrifft. Ein prägnantes Beispiel war für mich die Einführung einer gesamtheitlichen Traceability, also der Rückverfolgbarkeit. Das Ziel, Risiken zu minimieren und Transparenz bezogen auf die Produkte und die Prozesse zu bekommen, hat mich damals intern wie auch extern im Branchenverband ZVEI viel Überzeugungskraft gekostet. Eine weitere große Herausforderung war die Erstellung des Traceability-Leitfadens im ZVEI. Erst durch diesen wurde wirklich flächendeckend Transparenz in diesem komplexen Thema geschaffen.
Wo endet für Sie technischer Fortschritt und wo beginnt die Pflicht zum Innehalten?
Der technische Fortschritt wird in meinen Augen nie aufhören, es wird vielmehr immer einen entsprechenden Übergang in die nächste Phase geben. Daher ist es enorm wichtig, sich dem „Neuen“ nicht zu verschließen. Ganz egal, ob es sich dabei um neue Komponenten, neue Verfahren und Prozesse oder um völlig neuartige Technologien handelt.
An welchem Punkt Ihrer Karriere haben Sie ernsthaft gezweifelt, ob die Richtung noch die richtige ist?
Um ehrlich zu sein: So richtige Zweifel habe ich nie gehabt. Die Zukunft aktiv mitzugestalten und sich den täglichen Herausforderungen der Kunden und des Marktes zu stellen, hat mir immer Spaß gemacht – und der Erfolg hat diesen Weg ja auch bestätigt. Wann immer es schwierig wurde, konnten die Herausforderungen mit einem großartigen Team im Hintergrund und durch die tolle Unterstützung der Kunden stets überwunden werden.
Gab es eine technologische Entwicklung, der Sie lange skeptisch gegenüberstanden und die Sie heute anders bewerten?
Ja, das war das Bestreben, bei der Leiterplatte den klassischen Schaltungsträger aus FR4 durch Keramiksubstrate oder durch die MID-Technik (Molded Interconnect Devices) zu ersetzen. Dem stand ich lange skeptisch gegenüber. Heute sehe ich: Es gibt durchaus Anwendungen, in denen der Einsatz von Keramiksubstraten beziehungsweise der MID-Technik ganz klare Vorteile bringt. Allerdings muss man auch sagen, dass diese Technologien bis heute eher in Nischenbereichen angewendet werden.
Welche Geschichte hätten Sie im Rückblick gern noch erzählt und warum ist sie nie erschienen?
Es ist vielleicht weniger eine konkrete Geschichte, als vielmehr ein großes Dankeschön, das ich gerne noch öfter erzählt hätte. Vielen lieben Dank an all die Kolleginnen und Kollegen sowie die vielen Wegbegleiter, die mich so wunderbar unterstützt und mir ihr Vertrauen geschenkt haben – und das möchte ich sowohl intern im Unternehmen als auch extern aussprechen. Ein Unternehmen in den Erfolg zu führen, ist nie mein eigener, persönlicher Erfolg. Es ist stets der Erfolg des kompletten Teams sowie unserer externen Partner, inklusive der jeweiligen Eigentümer. Nach meiner festen Überzeugung gilt: Das Team ist der eigentliche Star.
Stand: 08.12.2025
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Wie viel Haltung darf, wie viel Haltung muss Fachjournalismus aus Ihrer Sicht haben?
Ein guter Fachjournalismus soll und muss Haltung zeigen, indem er kritische Fragen stellt – gerade wenn es um neue Technologien oder Verfahren geht. Er muss aber auch den Blick öffnen und über die gesamtheitliche Entwicklung, den Fortschritt und den Markt berichten sowie die Megatrends stets im Auge behalten. Ein wichtiges Beispiel: Es gilt, die wirklichen Vor- und Nachteile von Produktionen in Low-Cost Countries (LCC) und Best-Cost Countries (BCC) gesamtheitlich darzustellen und sich nicht immer nur eindimensional an den Lohnkosten zu orientieren. Ich erwarte zudem, dass über Fachveranstaltungen, Netzwerk- und Verbandsaktivitäten objektiv berichtet wird. Die entsprechenden Trends, Fachvorträge und Erkenntnisse aus der Forschung müssen fundiert dargestellt werden. Kurzum: Eine neutrale und objektive Berichterstattung ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt.
Welche Eigenschaften sind bei Ingenieuren zeitlos? Was unterscheidet einen guten Entwickler von damals von einem aus dem Jahr 2026?
Früher war die jahrelange persönliche Erfahrung unter anderem ein ganz entscheidender und wesentlicher Faktor. Wir hatten deutlich längere Entwicklungs- und Testzeiten und benötigten meist mehrere Herstellerfreigaben für jede einzelne Komponente. Der Entwickler der Gegenwart hat heute unzählige Möglichkeiten, die uns früher schlichtweg nicht gegeben waren. Zum Beispiel den Digitalen Zwilling, durchgängig digitale Prozesse sowie umfassende Prozess- und Produktsimulationen. Hinzu kommen all die DfX-Themen (Design for Excellence). Viele Prozesse laufen heute, etwa durch das Digitale Wertstromdesign, parallel ab. Das macht einen riesigen Unterschied in der täglichen Arbeit aus.
Was ist im Laufe der Jahrzehnte in der Elektronik verloren gegangen und was ist neu hinzugekommen, das Sie wirklich schätzen?
Was definitiv verloren gegangen ist und schmerzt, ist die Abwanderung von Technologien und der damit verbundene Verlust von wertvollem Know-how in Europa. Ich denke da nur an die heimische Leiterplattenindustrie, ganz egal, ob es die Laminathersteller oder die eigentlichen Leiterplattenhersteller waren. Was ich demgegenüber nach wie vor sehr schätze: Der Begriff „Made in Germany“ hat glücklicherweise noch immer einen bestimmten Stellenwert und bietet uns gewisse Vorteile auf dem Weltmarkt.
Wenn Sie jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren heute zuhören: Was klingt vertraut und was ist Ihnen fremd?
Es ist zunächst einmal sehr schön zu hören und mitzubekommen, mit welchem Einsatz neue Technologien und Verfahren angewendet werden und wie diese positive Entwicklung den Herausforderungen der Zukunft standhält. Vertraut klingt für mich, dass es eben nicht immer ausreicht, einfach nur auf dem neuesten Stand der Technik zu sein. Man muss sich tiefgehend mit der Forschung beschäftigen und die Megatrends sowie die weltweiten Marktentwicklungen betrachten, um die Herausforderungen der Zukunft wirklich bewältigen zu können. Das ist heute so enorm wichtig wie damals. Ich empfehle daher stets: Auf den Erfahrungen der Vergangenheit aufbauen, das Bewährte bewahren und Neues hinzugewinnen.
Was mir hingegen etwas fremd erscheint, ist dieser zu starke Fokus auf das Homeoffice. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wenn Personen im Homeoffice arbeiten, ihre Tätigkeit das prinzipiell ermöglicht und sie über die erforderlichen Fähigkeiten sowie die Möglichkeit verfügen, dort ungestört zu arbeiten, ergeben sich daraus sicherlich viele Vorteile. Dennoch dürfen wir die zahlreichen Nachteile nicht außer Acht lassen, die entstehen, wenn der direkte, persönliche Kontakt im Unternehmen wegfällt. Dadurch gehen sehr viele Hintergrundinformationen verloren, die man im Büro ganz nebenbei aufschnappt, und mir fehlt in solchen Konstellationen einfach das spontane, persönliche Gespräch.
Welcher berufliche Irrtum hat Sie im Nachhinein am meisten weitergebracht?
Ich halte es da mit der Weisheit: Wer nicht versucht, das Unmögliche zu realisieren, wird auch das Mögliche nicht erreichen. Ich würde das, was mich weitergebracht hat, also nicht zwingend als "Irrtum" bezeichnen. Es ging vielmehr darum, stets offen für neue Herausforderungen zu sein und immer wieder über den eigenen Gartenzaun zu schauen. Sehr weitergebracht hat mich zum Beispiel die Teilnahme an verschiedenen Benchmarks. Auch bei meinen Tätigkeiten im Verband habe ich glücklicherweise früh erkannt, dass die reine Mitgliedschaft nur die halbe Wahrheit ist und keinen entscheidenden Vorteil bringt. Erst die aktive Mitarbeit im Verband führt zu messbarem Erfolg für das Unternehmen. Mein Leitspruch lautet bis heute: Ein Verband gibt mehr zurück, als man selbst gibt. Unbezahlbar waren auch die vielen Gespräche mit den Experten aus Wirtschaft und Hochschulen – ganz besonders mit unseren Kunden, aber auch mit den Lieferanten, den Herstellern und jenen Pionieren, die Unternehmen und Techniken vor uns geprägt und weiterentwickelt haben. Und was mich wohl am meisten beflügelt hat: Das große Vertrauen, das immer wieder in meine Person gesetzt wurde.
Gibt es eine Entscheidung, die Sie damals getroffen haben und heute anders fällen würden?
Im Nachhinein ist man natürlich oft schlauer, egal ob es damals um Personalentscheidungen oder um große Investitionsentscheidungen ging. Aber meine Haltung dazu ist klar: Jede Entscheidung wurde zu dem damaligen Zeitpunkt, basierend auf den damals vorliegenden Informationen, nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Daher sollte man sie im Nachhinein auch nicht in Frage stellen. Letztlich gilt: Wer keine Fehler macht, ist auch nie an seine Grenzen gegangen.
Welchen Rat, den man Ihnen zu Beginn Ihrer Karriere gegeben hat, haben Sie ignoriert und sind heute froh darüber?
Als junge Führungskraft hat man ja oft den Drang, die ganze Welt auf den Kopf stellen und sofort alles anders machen zu wollen. Diesen eigenen Übermut durfte ich dank erfahrener Begleiter ablegen. Ich bin heute noch sehr froh darüber, von Vorbildern entsprechende Ratschläge bekommen zu haben, die die Realität im Blick hatten und mich rechtzeitig auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt haben.
Stattdessen habe ich mich auf sehr wertvolle Ratschläge konzentriert: Zum Beispiel den Rat, immer das Gute noch weiter zu verbessern. Bewährtes zu bewahren und gleichzeitig Neues hinzuzugewinnen. Ich denke: Wer aufhört, besser zu werden, hat schon lange aufgehört, gut zu sein. Sehr wichtig war auch der Ansatz, entstandene Fehler nicht erst am Ende eines Produktionsprozesses mühsam zu reparieren, sondern den Fokus direkt auf die Prozess- und Produktfähigkeit zu legen. Die Qualität muss immer im Vordergrund stehen. Gleichzeitig gilt es, die Fähigkeiten der Mitarbeitenden permanent weiterzuentwickeln, denn die Erfahrung und das entsprechende Wissen im Team sind der alles entscheidende Faktor. Natürlich muss man als Führungskraft Entscheidungen selbst treffen. Aber ich kann jedem nur wärmstens empfehlen, stets auf Augenhöhe mit früheren Führungskräften, Experten und Vorbildern zu kommunizieren und sich rechtzeitig Rat einzuholen. Man braucht immer die gesamtheitliche Betrachtung: Welche Folgen hat meine Entscheidung? Und wenn etwas schiefgeht: Aus den Fehlern lernen und denselben Fehler definitiv kein zweites Mal machen. Die wichtigste Lektion war für mich aber diese: Beziehe die Mitarbeiter in wichtige Entscheidungen mit ein, und du kannst dich vor Erfolg und Unterstützung kaum noch retten.
Welche Erfahrung möchten Sie der nächsten Generation mitgeben?
Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Es ist existenziell wichtig, starke Netzwerke auf- und auszubauen, diese auch wirklich zu pflegen und so Synergien zu schaffen. Dasselbe gilt für Verbandstätigkeiten. Im operativen Geschäft sollte es der Anspruch sein, die Kunden nicht nur zufriedenzustellen, sondern sie regelrecht zu begeistern. Man muss sich als echter Lösungsanbieter für die Kunden verstehen. Außerdem ist eine zukunftsorientierte Arbeitsweise unerlässlich, bei der man das Dreieck aus Megatrends, dem Markt und dem Kunden stets im Fokus hat. Zu guter Letzt das Allerwichtigste: Man muss in der Lage sein, seine Mitarbeiter täglich zu motivieren.
Wenn man Ihre Zeit als Geschäftsführer in einem Satz zusammenfassen müsste: Welcher wäre das?
Wenn ich das am Beispiel von Zollner festmache, lautet der Satz: Ein EMS-Elektronikunternehmen ist vor 60 Jahren entstanden, hat sich über diese 60 Jahre hinweg bestens bewährt und wird auch in der Zukunft am weltweiten Elektronikmarkt absolut unverzichtbar sein.
Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns auch in den kommenden Jahren noch beschäftigen?
Dass wir in Deutschland und Europa leider nicht mehr in der Lage sind, komplette Elektroniken – durchgängig vom Halbleiter bis hin zum fertigen Endprodukt – selbst herzustellen. Wir benötigen beispielsweise immer wesentliche Komponenten aus anderen Regionen der Welt. Eine schnelle Lösung für dieses Problem sehe ich auch in den nächsten Jahren nicht. Umso wichtiger ist und bleibt eine funktionierende Globalisierung in der Elektronikindustrie.
Welches elektronische Gerät aus Ihrer Laufbahn steht heute noch bei Ihnen zu Hause – einfach, weil es eine Seele hat?
Da gibt es gleich mehrere: Zum Beispiel den alten Computer C64, mein erstes Nokia-Handy, meinen ersten Blackberry und auch den allerersten Toshiba-Laptop. Die haben alle ihren Platz. Besonders stolz bin ich zu Hause aber vor allem auf die vielen Auszeichnungen, die sich über die Jahre angesammelt haben. Am meisten freut mich dabei die Auszeichnung zum „Manager des Jahres in der EMS–Industrie“ und – als absoluter Höhepunkt im letzten Jahr meiner aktiven Zeit – die Ehrung als „Manager des Jahres für die Lebensleistung“.
Wann hat Ihnen die Elektronik zuletzt wieder dieses alte Kribbeln beschert?
Das Kribbeln ist nach wie vor da. Zuletzt hatte ich es wieder in meinem Ruhestand, als ich Gespräche mit Personen führen durfte, die nach wie vor meine Meinung, meine Einschätzung beziehungsweise meinen Rat zu den unterschiedlichsten Fachthemen hören wollten.