Chips Act 2.0 Behörden sollen mehr europäische Chips kaufen

Ein Kommentar von Scott Lehmann * 2 min Lesedauer

Der „Chips Act 2.0“ soll die europäische Halbleiterindustrie stärken, strategische Abhängigkeiten verringern, die Nachfrage nach Chips anzukurbeln und die Entwicklung und Produktion in der Europäischen Union zu fördern.

Scott Lehmann, Global VP bei Sphera: „Beschaffungsverträge sind keine Resilienzstrategie.“(Bild:  Sphera)
Scott Lehmann, Global VP bei Sphera: „Beschaffungsverträge sind keine Resilienzstrategie.“
(Bild: Sphera)

Die EU-Kommission will Behörden nahelegen, ihre Prozessoren vorrangig bei EU-Start-ups zu bestellen. Das Gesetzespaket – der „Chips Act 2.0“ – wird voraussichtlich im Juni vorgestellt.

Die von der EU vorgeschlagenen Notfallbefugnisse für die Halbleiterversorgung sollten die Art und Weise verändern, wie Unternehmen über Lieferkettenrisiken nachdenken. Die meisten sind jedoch noch nicht auf diese Diskussion vorbereitet.

Was Brüssel vorschlägt, kommt faktisch einem Defence Production Act in Friedenszeiten gleich: Regierungen greifen ein, um die Versorgung mit Chips unabhängig von bestehenden Verträgen auf strategische Prioritäten wie Verteidigung, Medizintechnik und kritische digitale Infrastruktur umzulenken. Wenn Chip-Hersteller in einer Mangellage dazu verpflichtet werden können, kommerzielle Vereinbarungen zu übergehen, bietet ein unterzeichneter Vertrag nicht mehr den Schutz, den viele Unternehmen voraussetzen.

Die Zuteilung von verfügbaren Mengen beeinflusst die Lieferketten

Dabei handelt es sich um eine andere Art von Risiko, als die meisten Supply-Chain-Teams derzeit berücksichtigen. Die Frage der Zuteilung von verfügbaren Mengen ist ein zentraler Faktor bei Entscheidungen über die Gestaltung von Lieferketten. Aktuell wird dieses Thema jedoch oft als Sonderfall behandelt oder sogar ganz ignoriert, obwohl man eigentlich davon ausgehen sollte, dass solche Eingriffe jederzeit eintreten können.

Das größere Problem ist, dass die meisten Unternehmen gar nicht über die notwendige Transparenz in ihren vorgelagerten Lieferketten verfügen, um ihr tatsächliches Risiko zu kennen. Bekannt sind zwar die direkten Zulieferer, aber zwei oder drei Ebenen tiefer fehlt häufig der Überblick. Genau dort liegt oft die Abhängigkeit von Halbleitern.

Ohne Lieferketten-Transparenz sind Risiken nicht beherrschbar

Eine typische Halbleiter-Lieferkette umfasst zahlreiche Zulieferer in Dutzenden von Ländern. Ohne diese Transparenz werden nicht Risiken gemanagt, sondern Überraschungen. Das betrifft nicht nur Elektronikhersteller. Branchen von der Automobilindustrie über die Lebensmittelverpackung bis hin zur industriellen Fertigung weisen erhebliche Halbleiterabhängigkeiten auf, die oft erst in Mangelsituationen sichtbar werden.

Die Lehre aus den Lieferengpässen während der Covid-Pandemie und diesem regulatorischen Wandel ist eindeutig: Beschaffungsverträge sind keine Resilienzstrategie. Unternehmen benötigen ein realistisches Bild ihrer Risiken und der Schnittstellen zwischen ihren Lieferketten und nationalen Sicherheitsinteressen. Nur so können sie frühzeitig reagieren, anstatt darauf angewiesen zu sein, die ihnen letztlich zugewiesenen Ressourcen abzuwarten. (mk)

* Scott Lehmann ist Global VP bei Sphera.

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