Vernetzte Medizinelektronik Warum das Potenzial der Hardware an Schnittstellen scheitert

Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Härter 2 min Lesedauer

In deutschen Kliniken liefern High-End-Sensoren zwar hochwertige Daten, doch mangelnde Interoperabilität verhindert deren systemübergreifende Nutzung. Der VDE fordert nun ein Umdenken in der Geräteentwicklung, um den Weg für KI-Diagnostik und Closed-Loop-Systeme frei zu machen.

Ungenutztes Potenzial: In Krankenhäusern hinkt die Vernetzung medizinischer Geräte hinterher. Das wirkt sich auf Diagnostik und Therapie aus.(Bild:  frei lizenziert /  Pixabay)
Ungenutztes Potenzial: In Krankenhäusern hinkt die Vernetzung medizinischer Geräte hinterher. Das wirkt sich auf Diagnostik und Therapie aus.
(Bild: frei lizenziert / Pixabay)

In deutschen Krankenhäusern herrscht derzeit eine paradoxe Situation: Die medizintechnische Ausstattung ist auf einem technologischen Höchststand, doch das große Potenzial der generierten Daten bleibt weitgehend ungenutzt. Wie der VDE DGBMT in seinem aktuellen Impulspapier analysiert, sind die hochmodernen Medizingeräte heute primär ein isoliertes Datensilo. Obwohl Sensoren kontinuierlich Vital- und Bilddaten erfassen und lokal sogar KI-gestützt interpretieren können, scheitert die klinische Effizienz an der mangelnden Kommunikation zwischen den Systemen.

Wenn die Schnittstellen den Datenfluss blockieren

Das Kernproblem liegt dabei nicht in einem Mangel an Standards, denn diese sind laut Experten international längst etabliert. Vielmehr blockieren herstellerspezifische, proprietäre Schnittstellen den freien Datenfluss. In der Praxis führt dies dazu, dass wertvolle Informationen nicht systemübergreifend für automatisierte Entscheidungsprozesse zur Verfügung stehen.

Ein Beispiel ist die Früherkennung kritischer Zustände wie einer Sepsis oder Ateminsuffizienz: Sie erfordert die Korrelation von Datenströmen unterschiedlicher Geräteklassen in Echtzeit. Solange jedoch die Interoperabilität und die semantische Konsistenz, also das einheitliche Verständnis der übertragenen Dateninhalte, nicht flächendeckend umgesetzt sind, bleibt die Vision einer präventiven, KI-gestützten Patientenüberwachung ein theoretisches Konstrukt.

Das Problem der organisatorischen Hürden

Zusätzlich verschärft wird die Situation durch eine mangelnde Integration in den gesamten Produkt-Lifecycle. Viele Geräte verfügen nicht über ausreichende Cybersecurity-Konzepte, die eine sichere Vernetzung in einer kritischen Infrastruktur wie dem Krankenhaus ermöglichen würden. Auch organisatorische Hürden, wie die strikte Trennung von Medizintechnik (MT) und Informationstechnik (IT) innerhalb der Kliniken, verhindern, dass aus einzelnen „Smart Devices“ ein funktionierendes Gesamtsystem wird.

Der VDE fordert daher einen Paradigmenwechsel in der Geräteentwicklung: Weg von der Optimierung der isolierten Hardware-Funktion, hin zu einem sogenannten Security-by-Design-Ansatz und der verpflichtenden Implementierung offener Schnittstellen. Nur wenn Medizintechnik-Hersteller, Krankenhäuser und Politik die Vernetzung als systemkritische Infrastrukturaufgabe begreifen, können adaptive Therapien, wie beispielsweise etwa Closed-Loop-Systeme in der Neuroprothetik, ihren Weg aus dem Labor in die breite Patientenversorgung finden. (heh)

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