IP-Lizenzierung und Foundry-Strategie Intel lizenziert RTL-Code für x86-Atom-Kern an Startup

Von Sebastian Gerstl 3 min Lesedauer

Intel hat Nachrichtenagenturen zufolge dem bislang unbekanntem Startup Rosaic Labs die Lizenz für den RTL-Code einer seiner x86-Atom-Kerne überlassen. Die für den Prozessorhersteller ungewohnte Lizenzvergabe weckt Spekulationen bezüglich Marktanteilen im Server-und Embedded-Bereich und möglicher Bindung neuer Kunden an das eigene Foundry-Geschäft.

Plant Intel, künftig Lizenzen an der hauseigenen x86-Architektur an Fabless-Prozessorhersteller zu vergeben? Medienberichten zufolge hat das Unternehmen den RTL-Code einer seiner Atom-Prozessorkerne an ein frisch gegründetes Startup lizenziert. Über die Generation des Prozessors oder genauere Details zur Lizenzvergabe ist derzeit noch nichts bekannt.(Bild:  Intel)
Plant Intel, künftig Lizenzen an der hauseigenen x86-Architektur an Fabless-Prozessorhersteller zu vergeben? Medienberichten zufolge hat das Unternehmen den RTL-Code einer seiner Atom-Prozessorkerne an ein frisch gegründetes Startup lizenziert. Über die Generation des Prozessors oder genauere Details zur Lizenzvergabe ist derzeit noch nichts bekannt.
(Bild: Intel)

Intel will dem bislang weitgehend unbekannten Start-up Rosaic Labs Zugriff auf den RTL-Code eines Atom-Prozessorkerns gewähren. Das berichtet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Dokumente und eine mit dem Vorgang vertraute Quelle.

Bei dem geplanten Transfer ginge es den Medienberichten zufolge um deutlich mehr als um das Recht, den x86-Befehlssatz zu verwenden. RTL-Code beschreibt die logische Schaltung eines Prozessors und ermöglicht es dem Lizenznehmer, den Kern anzupassen, mit eigenen Speichercontrollern, Schnittstellen oder Beschleunigern zu kombinieren und daraus einen kundenspezifischen SoC zu entwickeln. Für Intel wäre dies ein ungewöhnlicher Schritt, da der Konzern seine x86-Kern-IP seit den 1980er Jahren kaum mehr für externe Chipdesigns geöffnet hat.

Gegenüber Reuters oder anderen Medien hat Intel den Bericht bislang nicht kommentiert. Auch zu Lizenzgebühren, Änderungsrechten, Exklusivität und der betroffenen Atom-Generation liegen keine Angaben vor.

Vom Prozessorhersteller zum IP-Anbieter

Sollte Intel aus dem Einzelfall ein reguläres Lizenzmodell entwickeln, könnte neben Arm und RISC-V ein weiterer Weg zu maßgeschneiderten Prozessoren entstehen. Lizenznehmer könnten das breite x86-Software-Ökosystem nutzen, ohne einen vollständigen CPU-Kern von Grund auf entwickeln zu müssen. Besonders interessant wäre dies für Edge-Systeme, Embedded-Anwendungen und kundenspezifische Rechenzentrumschips mit integrierten KI-, Netzwerk- oder Speicherbeschleunigern.

Für den Prozessormarkt hätte eine solche Öffnung weitreichende Folgen. Intel würde nicht mehr ausschließlich fertige CPUs verkaufen, sondern könnte zusätzlich als Anbieter von Prozessor-IP auftreten. Das würde neue x86-Chipvarianten und möglicherweise auch neue Wettbewerber hervorbringen. Gleichzeitig könnte Intel verhindern, dass Entwickler kundenspezifischer Prozessoren mangels verfügbarer x86-IP automatisch auf Arm oder RISC-V ausweichen.

Damit daraus ein tragfähiges Geschäft wird, müsste Intel allerdings mehr anbieten als einzelne Sondervereinbarungen. Fabless-Unternehmen benötigen klar definierte Lizenzbedingungen, Entwicklungswerkzeuge, Verifikationsumgebungen, langfristige Produktpflege und belastbare Roadmaps. Entscheidend wäre zudem, ob Intel nur ältere, energieeffiziente Atom-Kerne freigibt oder künftig auch modernere CPU-Bausteine und Erweiterungen lizenzierbar macht.

Lizenzkunden als Türöffner für Intel Foundry

Besonders attraktiv könnte das Modell für Intel Foundry sein. Intel kennt die eigenen Prozessorkerne und deren Anforderungen an Fertigungsprozesse, Bibliotheken, Packaging und Leistungsaufnahme bis ins Detail. Ein Fabless-Unternehmen, das Intel-IP verwendet, ließe sich deshalb frühzeitig auf einen Intel-Fertigungsprozess abstimmen. Auch wenn eine Lizenz grundsätzlich die Produktion bei anderen Foundrys erlauben sollte, hätte Intel bei der gemeinsamen Optimierung von Kern, Prozess und Gehäusetechnik einen erheblichen Vorteil.

Für Intel könnte so ein neues Geschäftsmodell mit mehreren Erlösquellen entstehen: Lizenzgebühren für die Prozessor-IP, Fertigungsaufträge für Intel Foundry sowie zusätzliche Umsätze mit Packaging und Chiplet-Integration. Zugleich würden externe Designs helfen, die Auslastung der Fabriken zu erhöhen. Gerade für eine Foundry, die neben den eigenen Produkten mehr unabhängige Kunden gewinnen muss, könnten lizenzierte x86-Kerne deshalb als Türöffner dienen.

RosaicLabs ist erst im Mai diesen Jahres in Delaware eingetragen worden. Das Startup besitzt bislang weder eine öffentlich bekannte Website noch ein vorgestelltes Produkt und soll eine Seed-Finanzierung über zehn Millionen US-Dollar vorbereiten. CEO Amarjit Gill ist ein langjähriger Co-Investor und Weggefährte von Intel-Chef Lip-Bu Tan; beide waren unter anderem bei Nuvia und Rivos engagiert. Dass ausgerechnet ein persönlich gut vernetzter Gründer mit einem noch kaum sichtbaren Start-up zu den ersten Empfängern einer derart seltenen Lizenz zählt, dürfte in Teilen der Branche für Verstimmung sorgen. Für den Markt ist jedoch vor allem entscheidend, ob Intel hier lediglich eine Ausnahme macht oder den Auftakt zu einem transparenten, skalierbaren x86-Lizenzprogramm vorbereitet.(sg)

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