Am 22. Oktober 2025 fand in Würzburg der 23. EMS-Tag statt. Rund 140 Teilnehmende kamen zum Branchentreffen, um über Trends, Strategien und neue Formen der Zusammenarbeit zu sprechen. Am Ende blieb die Erkenntnis: Die EMS-Branche braucht Aufbruch – mit Mut, Haltung und deutlich mehr Kommunikation.
Impressionen von der Vorabendveranstaltung und vom 23. Würzburger EMS-Tag am 21. und 22. Oktober 2025.
(Bild: Stefan Bausewein)
Der 23. Würzburger EMS-Tag ist vorbei und bleibt hoffentlich nicht nur den Organisatoren der ELEKTRONIKPRAXIS, sondern auch vielen Teilnehmern in Erinnerung. Hervorragende Redner und spannende Gäste boten das Rahmenprogramm für den allerwichtigsten Part: das Netzwerken. Und damit ging es wie gewohnt bereits am Vorabend im Würzburger Bürgerbräu los. Viele Gäste trafen ungewöhnlich früh ein, als könnten sie es kaum erwarten, loszulegen.
Die Anstrengungen der vergangenen Jahre und die unerfüllten Hoffnungen für das Jahr 2025 taten der guten Stimmung am Vorabend keinen Abbruch. Nach der Begrüßung durch die Chefredakteurin der ELEKTRONIKPRAXIS, Maria Beyer-Fistrich, begann ein Abend, der den Ton für den kommenden Tag vorgab: herzlich, lebendig, gesprächsfreudig. Beim Buffet – Lachs, Weidenochsen-Ragout, Burrata mit Tomatenkonfit, Edamame-Bällchen und ein zarter Brownie mit fruchtigem Eis – wurde nicht lange gefackelt. Spätestens beim Champagner-Tasting flossen die Gespräche ebenso leicht wie der Sekt. Diskutiert wurde über geopolitische Entwicklungen, Unternehmenshistorien, Eigenentwicklungen und Innovationen. Und über all dem schwebte der Gedanke: Austausch ist kein Luxus, sondern eine Überlebensstrategie. Diese Erkenntnis scheint in diesem Jahr überall angekommen zu sein.
Am nächsten Morgen eröffneten Moderatorin Claudia Mallok und Maria Beyer-Fistrich den offiziellen Teil. Beide betonten, wie wichtig Orientierung und Dialog gerade in einer Zeit sind, in der die Branche zwischen Marktdruck, Fachkräftemangel und technologischem Wandel steht.
Den Auftakt in den EMS-Tag machte Sven Krumpel, Manager aus der Elektronikbranche und insbesondere aus der Distribution, mit einem Appell zur Selbstreflexion. Aufgrund seiner Erfahrungen aus der Distribution, einem Bereich, in dem Konsolidierungsmaßnahmen in den vergangenen Jahren enormen Einfluss auf den Markt genommen haben, kann Krumpel der EMS-Branche die Furcht vor der bereits laufenden Konsolidierung möglicherweise mindern. Denn Konsolidierung, so Krumpel, sei kein Feindbild, sondern eine Realität – und eine Chance. Entscheidend sei, sich aktiv dafür zu rüsten. „Man sollte alle paar Jahre die Lupe in die Hand nehmen und die eigene Strategie hinterfragen“, sagte er. Wichtig ist es, nicht in die Breite zu wachsen, sondern in die Tiefe: Fokus statt Streuung, Nische statt Masse. „Weniger ist oft mehr.“
Sanierung ohne Schönfärberei
Wie schwierig, aber auch lohnend dieser Fokus sein kann, zeigte Klaus Schuster, Geschäftsführer der SG Automotive. Offen sprach er über die harte Realität von Sanierungen: „Bei einer Sanierung bluten alle – erst die Bank, dann die Kunden, dann die Eigentümer und Lieferanten.“ Sein wichtigster Rat: Produkte in einer Krise nicht zu billig anbieten und stattdessen auf Ehrlichkeit und Transparenz setzen. „Als Sanierer stehst du ständig mit einem Fuß im Strafrecht – da muss man verdammt kreativ sein.“ Der Vertrieb dürfe auch in schwierigen Zeiten nicht stillstehen und sei letztlich Vertrauensarbeit: „Knock-Knock-Management“, das persönliche Klinkenputzen, funktioniere zuverlässiger als jede Software. Und auch Schuster schloss sich der Erkenntnis des Tages an: Stärke entsteht in der Nische. SG Automotive will nun über den Automotive-Bereich hinauswachsen.
Kooperation statt Konkurrenzdenken
Nach der Kaffeepause trat Fahir Veladzic, Gründer und CEO von Chipsconnect, auf die Bühne – mit einem klaren Plädoyer für Zusammenarbeit. „Ein Mangel an Informationen in Kombination mit schwankender Versorgung verlangsamt die Lieferkette und führt zu irrationalen Marktreaktionen“, zitierte er aus seiner Präsentation. Seine Plattform Chipsconnect will diese Lücke schließen, indem sie Unternehmen zu kollaborativen Netzwerken verbindet – API-Schnittstelle inklusive, für einen akzeptablen Preis von etwa 300 Euro im Jahr. Das Ziel ist klar: gemeinsame Transparenz statt isolierter Krisenreaktionen.
Unterstützt wurde Veladzic von Jasmin Konnegen, Transformation Manager und CEO von Change Lightly, die kurzerhand zum EMS-Tag vorbeigekommen ist. Sie arbeitet an der Initiative „Proudly Engineered in Europe“, die grenzübergreifende Zusammenarbeit fördern will. „Lasst uns miteinander reden – nicht nur in Deutschland“, forderte sie. In Gesprächen am Rande des EMS-Tags wurde deutlich, dass bereits erste Kollaborationen zwischen Frankreich, Deutschland und Polen erfolgreich sind.
Dirk Stans, Managing Partner bei Eurocircuits, griff den Gedanken auf: „Es müsste proudly engineered in Europe und proudly manufactured in Europe heißen.“ Ein Satz, der viel Beifall fand – und den Nerv der Diskussion traf: Europa braucht mehr Zusammenhalt entlang der gesamten Lieferkette.
Zufriedenheit? Kommt darauf an, wen man fragt.
Michael Künsebeck und Matthias Holsten stellten anschließend die Ergebnisse ihrer EMS-Scout-Umfrage unter OEMs vor. Nur 142 verwertbare Antworten – und dennoch ein klarer Befund: Zwischen Anspruch und Realität klafft eine Lücke. Jedoch ist es schade, dass sich trotz des enormen Einsatzes nicht mehr Teilnehmer finden ließen. Holsten und Künsebeck wollen aber definitiv am Thema dranbleiben, denn es gibt bislang keine Datenlage, insbesondere keine über längere Zeiträume.
Stand: 08.12.2025
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Was blieb also hängen? 55 Prozent der befragten OEMs haben keine eigene Fertigung, überraschend wenig, befindet Künsebeck. Die Diversität der Antworten auf viele der Fragen ließ erkennen, dass es keine einheitliche Strategie bei den OEMs gibt, der alle folgen. Manche wollen die Fertigung oder Auftragsfertigung aus China zurückholen, andere wollen nach China oder Indien. Eine starke europäische Leiterplatte wird den Antworten zufolge gewünscht, aber offenbar, so mutmaßt Künsebeck, will keiner der erste sein, der den ersten, bedeutsamen Schritt macht.
Besonders spannend waren die Widersprüche: „Qualität“ und „Flexibilität“ werden häufig eingefordert, aber selten definiert. „Was fällt unter hohe Qualität? Die Reklamationsrate? Die Einhaltung von IPC-Standards? Das muss vorher festgelegt werden“, so Künsebeck. Sein Fazit: EMS-Dienstleister sollten nachfragen – und notfalls auch „nerven“ –, um Erwartungen klar zu verstehen und fair kalkulieren zu können. Innovation sei vonseiten der OEM willkommen, aber bitte kostenneutral, bemerkt Holsten auf Basis der Daten. Er betonte außerdem, dass die Nische eine Chance sein kann, aber auch gefährlich; das solle man bedenken. „Die Gefahr droht, wenn mittlere bis große Kunden wegbrechen.“
Führung, Vertrieb und Verantwortung
Der Vortrag von Holger Steitz zählte zu den Höhepunkten vieler Teilnehmer und fand großen Anklang. Sein Thema: Klarheit, Struktur und Konsequenz im Vertrieb. Statt hektischem Multitasking brauche es Fokus und Führung mit Haltung und Verantwortung. Anschließend sprach Andreas Blaut (EPS) über Führungskultur im Wandel. Anhand eigener Erfahrungen zeigte er, wie transformationale Führung Unternehmen verändern kann. „Machen Sie transparent, was Sie vorhaben – und was passiert“, lautete sein Appell. Workshops und Kommunikation auf allen Ebenen seien entscheidend. „Egal, wie Sie’s machen, Hauptsache, Sie tun’s.“ Und er gab den Teilnehmern noch einen wichtigen Denkanstoß mit: „Service ist unser Vorteil über China.“
Da Boris Ulmer krankheitsbedingt fehlte, nutzte Claudia Mallok spontan die Gelegenheit, die Aussteller ins Rampenlicht zu holen. Unternehmen wie bee produced, Lacon, Treston, Electronic Direct, Felder Löttechnik, Peters und Vision4Quality präsentierten sich kurz, aber pointiert – ein sympathischer Moment der Sichtbarkeit. Den Abschluss bildete Sebastian Schaal von Luminovo. Sein Vortrag zeigte, wie Digitalisierung neue Geschäftsmodelle eröffnet – vom Risikomanagement as a Service bis zu Vendor Managed Inventory. Digitalisierung, so sein roter Faden, beginnt mit Bewusstsein: Nur wer seine eigenen Leistungen wirklich kennt, kann sie auch richtig bepreisen. Ein Gedanke, der perfekt zur OEM-Umfrage passte.
Fazit: Reden hilft. Immer.
Der 23. Würzburger EMS-Tag hat gezeigt, dass die Zukunft der Elektronikfertigung weniger von Technologie als von Kommunikation abhängt.
Transparenz zwischen EMS und OEM, Mut zur Spezialisierung, klare Strategien und eine offene Fehlerkultur – das waren die Themen, die den Tag prägten. Unsere Stärke liegt in der Nische, in der Nähe zum Kunden und im Service. China kann Masse – Europa kann Komplexität, Flexibilität und Vertrauen. Aber all das funktioniert nur, wenn man miteinander spricht. Am Ende lautete die Botschaft des Tages: mehr reden. Offener. Direkter. Denn Innovation entsteht nur im Dialog. Und Überleben geht am besten gemeinsam.