KI-Infrastruktur in Asien Rechenzentren stoßen auf wachsenden Widerstand

Von Henrik Bork 7 min Lesedauer

In Asien formiert sich örtlicher Widerstand gegen den Bau neuer KI‑Rechenzentren. In Ländern wie Australien, Indien, Südkorea, Malaysia und Thailand protestieren Anwohner gegen die Errichtung von Serverfarmen in ihrer Nähe. Einige Projekte sind bereits gestoppt worden. 

Für Rechenzentrumsprojekte wird es zunehmend wichtiger, auch die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung einzuholen.(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Für Rechenzentrumsprojekte wird es zunehmend wichtiger, auch die Zustimmung der betroffenen Bevölkerung einzuholen.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Neben Strom, Land, Wasserversorgung und Netzanschluss wird nun auch die Zustimmung der Anwohner zunehmend zu einer knappen Ressource für Rechenzentrumsbetreiber und Hyperscaler wie Amazon, Microsoft und Google.

In Moss Vale, einer kleinen Stadt zwischen Sydney und Canberra, begann der Widerstand gegen die Errichtung eines Data Centers in einer Whatsapp-Gruppe von Eltern.

Der Betreiber des lokalen Rechenzentrums plant schon den Bau eines zweiten Gebäudes, das mit drei eigenen Gaskraftwerken unabhängig vom existierenden Stromnetz betrieben werden soll. Das größte der drei Kraftwerke wäre mit 673 Megawatt das leistungsstärkste in New South Wales, berichtet die japanische Wirtschaftszeitung Nikkei Asia.

„Erst als wir das volle Ausmaß erkannten, haben wir alle mobilisiert“, sagte Heather Champion, Gemeinderätin und Organisatorin der Kampagne „Stop the Gas Plant“, gegenüber der Zeitung. Die Zentralregierung in Canberra plant jetzt, Rechenzentren gesetzlich zu verpflichten, ihre Stromversorgung selbst zu finanzieren.

Proteste auch in Indien

Im südindischen Visakhapatnam, kurz Vizag, gibt es ebenfalls Bürgerproteste. Dort errichtet Google mit dem Adani-Konzern ein Rechenzentrum mit einem Gigawatt Leistung. Es ist die größte Investition dieser Art, die Google bisher außerhalb der USA angekündigt hat. Umweltgenehmigungen sind Medienberichten zufolge verdächtig schnell erteilt worden, manchmal innerhalb weniger Tage.

„Unsere größte Sorge ist die Geschwindigkeit der Genehmigungen“, sagte Deeksha Vanguru, Organisatorin einer örtlichen Bürgerbewegung gegen das Rechenzentrum, gegenüber Nikkei Asia. Die Sorgen drehen sich hier außerdem um die Wasserversorgung. Rechenzentren müssen intensiv gekühlt werden. Die Stadt benötigt täglich 480 Millionen Liter Wasser, erhält aber schon jetzt nur 410 Millionen.

In Seoul forderten 22 von 25 Bezirksbürgermeistern im August eine gesonderte Bauprüfung für Rechenzentren in Wohngebieten, berichtet die Korea JoongAng Daily. „Wir lehnen den Bau von Rechenzentren, die Gesundheit und Eigentumsrechte bedrohen, entschieden ab!“, stand auf einem Transparent, das Demonstranten im Stadtbezirk Yeongdeungpo aufhängten. Im vergangenen Jahr verzögerten sich in Südkorea 17 von 33 genehmigten Projekten aufgrund von Anwohnerprotesten, zeigt eine Statistik der Immobilienberatung Savills.

In Malaysia zog ein Entwickler am 20. August 2026 seinen Bauantrag für ein Rechenzentrum in Kota Damansara bei Kuala Lumpur zurück. Eine Online-Petition gegen das Vorhaben hatte innerhalb einer Woche mehr als 6.000 Unterschriften gesammelt. Anwohner befürchteten Lärm und Wasserknappheit. Thailand stoppte im September 2026 den Bau von 49 Rechenzentren, berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg. Es ist eine Art Moratorium der Regierung, die nun innerhalb eines Monats neue Vorschriften erlassen will. In Bangkok war zuvor ein Rechenzentrum neben einem Krankenhaus genehmigt worden, indem es als Lagerhaus deklariert wurde und so Auflagen umgangen werden konnten.

Moratorium zum Ziel

Die Bürger in Asien fühlen sich zum Teil inspiriert durch ähnliche Proteste in Europa und den USA. Der Bundesstaat New York verhängte im Juli ein einjähriges Moratorium für neue Hyperscale-Rechenzentren. In Europa und Singapur gibt es solche Beschränkungen bereits, sagte James Murphy von DC Byte, einer auf Rechenzentren spezialisierten Marktforschungsagentur in London, gegenüber Nikkei Asia. Im ersten Quartal 2026 blockierte oder verzögerte lokaler Widerstand in den USA mindestens 75 Projekte im Wert von rund 110 Milliarden Euro, so die Forschungsgruppe Data Center Watch.

An erster Stelle der Bedenken steht vielerorts der Stromverbrauch. KI-Modelle benötigen sehr viel Energie. Anwohner befürchten daher steigende Strompreise. Wo Betreiber eigene Gaskraftwerke planen, kommt die Angst vor neuer Luftverschmutzung durch Abgase hinzu. An anderen Standorten geht es vorwiegend um den Wasserverbrauch. Rechenzentren benötigen auch davon große Mengen zur Kühlung, was in wasserarmen Regionen wie Vizag problematisch ist. Manchmal reicht schon die allgemeine Unsicherheit über die Auswirkungen der KI auf Arbeitsplätze und Gesellschaft, um Proteste auszulösen, berichtet Bloomberg.

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Der Boom beim Bau neuer Rechenzentren bleibt trotzdem vorerst ungebrochen. Die Nachfrage sei „nach wie vor glühend heiß in praktisch jedem Markt der Region“, zitiert Nikkei Asia James Murphy. Bis 2030 könnte sich die Kapazität der Rechenzentren im asiatisch-pazifischen Raum verdreifachen, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey. Thailand genehmigte im ersten Halbjahr 88 Projekte im Wert von rund 23 Milliarden Euro, bevor es in jüngster Zeit zu Protesten kam. Weltweit sollen bis 2050 rund 27 Billionen Euro in Rechenzentren investiert werden, schätzt PricewaterhouseCoopers.

Lokale Vorkommnisse

Noch handele es sich um „vereinzelte, lokale Opposition“, sagte Adib Zalkapli von der Risikoberatungsfirma „Viewfinder Global Affairs“ gegenüber Nikkei Asia. Doch mit wachsender Aufmerksamkeit sei „mit stärkerer Kontrolle durch die Öffentlichkeit zu rechnen“. Viele Regierungen reagieren mit neuen Auflagen, ohne den Bau von Rechenzentren ganz zu stoppen. „Die heutige Entscheidung bedeutet nicht, dass Thailand die Tür für Investitionen in Rechenzentren schließt“, sagte Thailands Finanzminister Ekniti Nitithanprapas laut Bloomberg. „Wir wollen klare und einheitliche Standards, damit die Branche nachhaltig wachsen kann.“

Auf der Seite der Entwickler von Rechenzentren lösen die vielen Proteste allmählich ein Umdenken aus. Hatte man Bürgerproteste lange als kleinen Stolperstein im Verlauf der Bauphase betrachtet, wird der Dialog mit Anwohnern nun vielerorts zum Teil der Projektentwicklung. Der Begriff „Social Licence to Operate“ gewinnt an Bedeutung. Nachhaltigkeit und der Umgang mit Anwohnern entscheiden zunehmend über den Zugang zum Markt.

Robin Khuda, Chef des australischen Betreibers AirTrunk, sieht im öffentlichen Widerstand eine der größten Hürden für den Ausbau der KI‑Infrastruktur. Dieser Widerstand sei aber durch Gespräche mit den Bürgern oft gut zu mindern. „Probleme gibt es dort, wo die Entwickler nicht auf die Gemeinde zugehen“, sagte Murphy von DC Byte. Die Interessengegensätze zwischen Anwohnern und Betreibern von Rechenzentren sind ein Dilemma. Die künstliche Intelligenz ist eine große Chance für Wirtschaftswachstum und neuen Wohlstand auch in den betroffenen Gemeinden. Zugleich gibt es ein kompliziertes Gemisch aus berechtigten Einwänden und Partikularinteressen. Manche wollen zwar intensiv KI nutzen, aber kein unansehnliches Rechenzentrum vor der eigenen Haustür sehen.

Ohne Rechenzentren gibt es keine künstliche Intelligenz und keine Produktivitätsgewinne, auf die Asiens Volkswirtschaften setzen. Regierungen in der Region müssen daher zwischen den Sorgen einzelner Bürgergruppen und dem Nutzen für die Gesamtbevölkerung abwägen. In China, wo der Ausbau von Rechenzentren mit Rekordgeschwindigkeit betrieben wird, gibt es kaum Bürgerproteste. Doch Peking steht vor demselben Dilemma wie die anderen asiatischen Regierungen. Der Energie- und Wasserverbrauch für die KI muss gedeckt werden, ohne an anderer Stelle Engpässe zu schaffen.

Was ist nachhaltig, was nicht?

Chinas Datenwirtschaft ist innerhalb eines Jahres um 15,7 Prozent auf 6,78 Billionen Yuan (rund 870 Milliarden Euro) gewachsen, zeigen amtliche Statistiken. Der Strombedarf der Rechenzentren könnte sich bis 2030 noch einmal mehr als verdoppeln oder sogar verdreifachen, auf bis zu 600 Terawattstunden, wie aus verschiedenen Prognosen hervorgeht.

Das wäre dann allein für Rechenzentren mehr, als Deutschland heute insgesamt an Strom verbraucht (rund 500 Terawattstunden). Peking muss diesen Bedarf mit verschiedenen Zielen in Einklang bringen, darunter seine nationale Energiesicherheit, die zuverlässige Versorgung chinesischer Fabriken und das erklärte Klimaziel, bis 2030 den Höhepunkt der Kohlendioxid-Emissionen zu erreichen. China setzt daher beim Ausbau seiner KI-Rechenzentren stark auf grünen Strom. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist ein integraler Teil der KI-Strategie der Pekinger Zentralregierung. In Ningxia wurde im Mai 2025 Chinas erstes KI-Rechenzentrum in Betrieb genommen, das mit lokalem Ökostrom versorgt wird, berichtete die South China Morning Post.

Ein Cloud-Standort im dortigen Zhongwei wird direkt aus einem Solarpark mit einer Kapazität von 500 Megawatt gespeist. Bis zum Ende dieses Jahres sollen 1,5 Gigawatt Windkraft dazukommen. Peking macht den Einsatz erneuerbarer Energie zur Pflicht für die Genehmigung neuer Rechenzentren. In acht Rechenzentrums-Clustern Chinas, die mit der zentralen Regierungsstrategie „Dong Shu Xi Suan“ (Daten aus dem Osten, Rechnen im Westen) gesteuert werden, müssen mindestens 80 Prozent des Stroms aus sauberen Quellen kommen. Ende Juni dieses Jahres nahmen die zentrale Planungsbehörde NDRC und die Energiebehörde NEA die direkte Anbindung von Rechenzentren an Wind- und Solarparks offiziell in ihren Energieplan bis 2030 auf, berichtete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua.

KI aus der Wüste

Rechenzentren in der Wüste, beziehungsweise generell in sehr abgelegenen Regionen, sind jedoch nicht immer eine geeignete Lösung. „Daten müssen nah bei den Nutzern sein, um Übertragungsverzögerungen zu verringern“, sagte Lee Seung-won von ET Solutions der Korea JoongAng Daily. Schon eine Verzögerung von einer Zehntelsekunde könne ein selbstfahrendes Auto rund drei Meter weiter rollen lassen. Peking prüft daher gerade, welche Rechenlasten weniger zeitkritisch sind und an abgelegene Standorte verlagert werden können und welche nicht.

Auch der umgekehrte Weg wird aktiv erprobt, bei dem der grüne Strom zu den Rechnern in den Küstenprovinzen fließt. China baut gerade sein großes Netz von Ultrahochspannungsleitungen mit hoher Geschwindigkeit weiter aus, um Wind- und Solarstrom aus den Wüstenregionen im Westen des Landes in die dicht besiedelten und stark industrialisierten Küstenprovinzen zu transportieren. Vor der Küste bei Shanghai ist zudem vor einigen Monaten ein Unterwasser-Rechenzentrum in Betrieb genommen worden, das mit Meerwasser gekühlt und von einem nahegelegenen Offshore-Windpark mit Ökostrom versorgt wird.

Die Integration der künstlichen Intelligenz in die Industrie ist überall in Asien eine der größten Umwälzungen seit der ersten industriellen Revolution. Rechenzentren verschlingen Strom, Wasser und Land. Gleichzeitig verspricht die KI einzigartige Produktivitätszuwächse für die Volkswirtschaften der Länder und weitere Fortschritte wie eine bessere und besser verfügbare Gesundheitsversorgung. Die Länder, die diesen Widerspruch am besten lösen, werden langfristig besonders wettbewerbsfähig sein. Asiens Demokratien ringen damit in Gemeinderäten, Petitionen und Aufsichtskommissionen. China versucht es mit seinen Fünfjahresplänen. Diesen Konflikt aus Vor- und Nachteilen der künstlichen Intelligenz aktiv und gut zu managen, ist zu einer der wichtigsten Fähigkeiten moderner Staatskunst geworden. (sb)

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