Von klobigen Steckern der 70er Jahre bis zur nahenden Quantengrenze: Das Elektronik-Urgestein teilt spektakuläre Erfahrungen aus der Praxis und rechnet schonungslos mit der „hoffnungslosen Übertreibung“ aktueller Hypes wie der KI-Entwicklung ab.
Hermann Strass: Das Elektronik-Urgestein begleitete und prägte die Branche für Jahrzehnte als internationaler Technik-Experte, Normungsspezialist und kritischer Fachautor.
(Bild: Stefan Bausewein)
Hermann Strass legte eine technische Karriere hin, die so heute wohl kaum mehr vorstellbar wäre, und das völlig ohne klassisches Ingenieursstudium. Vom elterlichen Bauernhof führte ihn sein Weg über den rauen Bergbau im australischen Outback direkt an die Radarschirme und Düsenjäger der Bundeswehr. Später verantwortete er die Installation von hochgeheimen Computersystemen in südafrikanischen Bunkern, arbeitete weltweit für amerikanische Chip- und Speichergiganten, prägte internationale Elektronik-Normen maßgeblich mit und verfasste im Laufe seines Lebens rund 2.000 Fachartikel. In unserem Format „Urgesteine der Elektronik“ spricht er mit der ELEKTRONIKPRAXIS über handfeste Technik-Abenteuer, übertriebene Hypes der US-Industrie und erklärt, warum das, was wir heute als künstliche Intelligenz bezeichnen, für ihn eher „rasante Fleißarbeit“ ist.
Herr Strass, wenn man sich Ihren Lebenslauf ansieht, gleicht der eher einem Abenteuerroman als einer geradlinigen Ingenieurskarriere. Wie kommt man von einem bayerischen Einöd-Bauernhof zur internationalen Hochtechnologie?
Hermann Strass: Das war in der Tat alles andere als geradlinig und vor allem der damaligen Zeit geschuldet. Ich wuchs auf einem Einöd-Bauernhof auf, weit weg vom nächsten Dorf. Ich besuchte zwar die Oberrealschule mit gymnasialem Zweig, aber mein Vater hatte andere Pläne. Seine klare Ansage war: „Du darfst dich nicht den Rest deines Lebens hinter Büchern verstecken.“ Also musste ich zurück auf den Bauernhof. Da aber mein deutlich älterer Bruder den Hof übernehmen sollte, war ich dort irgendwann schlichtweg überflüssig.
Hermann Strass: Vom Autodidakten zum gefragten Technik-Experten und Autor von rund 2.000 Fachartikeln.
(Bild: Hermann Strass)
Also wanderte ich nach Australien aus. Ich kam nach zwei Jahren eigentlich nur auf Heimaturlaub nach Deutschland zurück und hatte keine Ahnung, dass inzwischen die allgemeine Wehrpflicht eingeführt worden war. Als ich ankam, hieß es plötzlich von der Bundeswehr. Ich habe mich dann für die kürzestmögliche Zeit verpflichtet und wollte dorthin, wo es die meiste Elektronik gab, weil mich das extrem interessierte.
Was war der Moment, in dem Sie zum ersten Mal gespürt haben, dass Elektronik die Welt grundlegend verändern wird?
Strass: Das war in der Zeit bei der Luftwaffe. Ich meldete mich für den Aufbau eines neuen Luftüberwachungsnetzes in Süddeutschland. Die Geräte kamen frisch aus den USA. Wir saßen tief unterirdisch in einem Bunker voller Computer und ich habe miterlebt, wie wir auf unseren Radarschirmen zuschauen konnten, wie sowjetische Düsenjäger während des Prager Frühlings über Prag hinwegflogen.
Gab es in dieser frühen Zeit ein Projekt, das Sie nachhaltig geprägt hat?
Strass: Das war 1971, nachdem meine Zeit bei der Bundeswehr glücklicherweise vorbei war. Ich war inzwischen bei einem deutsch-amerikanischen Gemeinschaftsunternehmen. Wir hatten den Auftrag, für die NATO ein gigantisches Computersystem zur Seeüberwachung in Südafrika zu installieren. Ich war plötzlich nicht mehr nur Techniker, sondern verantwortlich für ein Großprojekt und die gesamte Logistik, noch zu dem in einem fremden, politisch extrem angespannten Land. Schon der Flug war denkwürdig. Wir mussten mit dem Flugzeug weit außen um Afrika herumfliegen, weil die südafrikanische Fluggesellschaft in den meisten afrikanischen Ländern aufgrund der Apartheidspolitik nicht zum Tanken zwischenlanden durfte.
Später wechselten Sie in die amerikanische Halbleiter- und Speicherindustrie. Sie waren in Deutschland der Spezialist für Speichersysteme von Mostek. Was genau haben Sie dort gemacht?
Strass: Mostek war damals, nach IBM, einer der größten Hersteller von Speicherchips weltweit – eine Ausgründung von Texas Instruments. Sie bauten Nachbau-Speicher für die großen Computer. Damals war das ein hochpolitisches Thema: Hersteller wie IBM oder Digital Equipment wollten unter keinen Umständen, dass man Fremdspeicher in ihre sündhaft teuren Rechner steckt. Das dauerte lange, bis das überhaupt legal und technisch möglich war. Ich war damals der Einzige, der wusste, wie man diese Speichersysteme in die fremden Rechner integriert. Da gab es keine Plug-and-Play-Schnittstellen. Ich musste genau wissen, wo im Rechner der Speicher saß, musste den Kunden die Angst nehmen, dass ihr Millionen-Computer danach nicht mehr läuft, und habe die Systeme anfangs oft selbst verbaut.
Stand: 08.12.2025
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Wie lief so eine Installation damals in der Praxis ab? Da durfte man sich vermutlich keinen Fehler erlauben.
Strass: Oh ja. Das eindrücklichste Erlebnis hatte ich in der Kreisverwaltung von Helsinki in Finnland. Es ging um ein großes System von Digital Equipment, das damals eine ganze Reihe von Stahlschränken füllte. Ich flog extra am Nachmittag nach Helsinki, denn ich durfte nur nachts, nach Feierabend, an den Rechner. Der zuständige finnische Techniker blieb die ganze Nacht wach und saß mir im Nacken, um sicherzugehen, dass ich seinen Rechner nicht zerstöre. Ich musste den Rechner komplett stromlos machen, alte Kabelbäume abziehen, die ganzen Käfige ausbauen und die neuen Mostek-Platinen mit der doppelten Speicherkapazität einsetzen. Als ich alles wieder mühsam verkabelt hatte und wir die Maschine hochfuhren, stockte uns der Atem: Der Rechner lief nicht hoch, sondern spuckte rote Fehlermeldungen aus!
Da stand ich nun ganz allein, nachts in Finnland, in einer dunklen Nische zwischen diesen Stahlschränken und der Wand. Ich suchte alles noch einmal akribisch mit der Taschenlampe ab. Dabei sah ich, dass bei einem der riesigen, mehrreihigen Steckverbinder eine leere Kontaktreihe spiegelte. Ich hatte den Stecker um exakt eine Reihe verschoben aufgesteckt! Ich habe unglaublich geschwitzt, denn das hätte im schlimmsten Fall einen gewaltigen Kurzschluss geben können. Ich steckte alles vorsichtig um, kontrollierte es dreimal mit der Taschenlampe, und wir schalteten wieder ein. Das System lief perfekt hoch. Die Finnen trugen es zufrieden ins Logbuch ein, und der Rechner lief von da an fehlerfrei.
Sie haben Ihre gesamte Karriere praktisch in oder mit US-Unternehmen verbracht. Was schätzten Sie daran, und was sahen Sie kritisch?
Strass: Amerikanische Firmen hatten einen großen Vorteil für mich: Es interessierte sie nicht, dass ich kein Abitur und kein klassisches Studium hatte. Für die zählte nur, dass ich etwas tat, das ihnen Geld einbrachte. Ich habe mir die Elektronik damals einfach selbst mit amerikanischen Handbüchern beigebracht.
Auf der anderen Seite habe ich in den USA aber auch diese hoffnungslose, typisch amerikanische Übertreibung kennengelernt. US-Firmen haben oft die Welt mit Dingen vollgelabert, die angeblich das Nonplusultra seien. Eine Firma wie Intel hat damals neue Technologien oft gar nicht mehr in Standardisierungsbehörden gegeben, sondern sie durch reine Marktmacht zum Standard erklärt.
Und dann das Patentwesen: In den USA gab es inoffiziell die akzeptierte Begründung, dass man sich doch bitte mit Anwälten streiten solle, weil es dort dreimal so viele Patentanwälte gibt wie im Rest der Welt. Man verklagte sich gegenseitig auf irrwitzige Summen, oft nur, um dem anderen Schaden zuzufügen. Das stand im harten Kontrast zu vielen Firmen in der deutschen Provinz, die auf absolutem Weltniveau arbeiteten, ohne groß Lärm darum zu machen. Über diese soliden Betriebe habe ich als Fachjournalist immer gerne meine "Mutmacher-Artikel" geschrieben.
Sie sprechen Ihre journalistische Arbeit an. Sie haben im Laufe der Jahrzehnte etwa 2.000 Fachartikel geschrieben und zudem intensiv in Gremien an internationalen Elektronik-Normen mitgewirkt. Wie passte das zusammen?
Erfolgreiche Partnerschaft: Hermann Strass und Johann Wiesböck, Ex-Chefredakteur der ELEKTRONIKPRAXIS, mit dem er erste gemeinsame Fachtagungen und Kongresse konzipierte.
(Bild: Hermann Strass)
Strass: Das eine bedingte oft das andere. Ich war lange für die VITA (VMEbus International Trade Association) tätig. Das US-Militär hatte in den 90er Jahren erkannt, dass es viel zu teuer ist, für jedes Projekt eine eigene Computerarchitektur zu erfinden, und setzte stattdessen auf Industrienormen wie den VMEbus. Mitte der 1990er Jahre flog ich beispielsweise nach Sydney zur australischen Marine, wo ich die Seeleute schulte, ihre Systeme mit neuen Teilen auszustatten. Und diese tiefe Praxis-Erfahrung half mir beim Schreiben. Ich kannte die Forschungsabteilungen von IBM und anderen von innen. Wenn Firmen neue Pressemitteilungen verschickten, baten mich die Redakteure oft um eine Einordnung. Die wussten: Der Strass plappert nicht einfach diese aufgeblasene amerikanische Werbung nach. Für mich war und ist bei der Technik nur eines wichtig: Man muss bei der Wahrheit bleiben und die Naturgesetze beachten. Alles andere funktioniert auf Dauer nicht.
Apropos Hypes und Naturgesetze: Wie bewerten Sie den aktuellen globalen Hype um die künstliche Intelligenz?
Strass: Das, was uns heute verkauft wird, hat mit Intelligenz, wie wir sie im deutschen Sprachraum verstehen – also Kreativität und echtes Verständnis –, überhaupt nichts zu tun. Man muss wissen: In den USA bedeutet "Intelligence" oft schlicht Informationsbeschaffung und Datensammeln. Die Systeme stochern unermüdlich und mit enormem Energieaufwand im riesigen Sandhaufen des Internets herum, um etwas Passendes zusammenzufinden. Es ist gewaltige Fleißarbeit, ja. Aber KI in ihrem wahren Sinn wird es erst, wenn Systeme tatsächlich den Weg in Richtung echter, kreativer Intelligenz nehmen und nicht nur gigantische Textbaustein-Wahrscheinlichkeiten berechnen.
Wenn Sie die heutigen jungen Entwickler mit der Generation von damals vergleichen: Was unterscheidet einen Ingenieur aus den 70ern von einem aus dem Jahr 2026?
Strass: An den grundlegenden Eigenschaften hat sich nichts geändert: Man muss wissen, was man tut, man muss sorgfältig arbeiten, und man kann mit der Physik nicht verhandeln. Der große Unterschied ist die Sichtbarkeit der Technik. Früher haben wir Computer aus unzähligen Einzelbauteilen zusammengebaut. Ich habe im Scherz immer gesagt: Ich kannte jeden Transistor auf dem Schaltplan mit Vornamen, wusste genau, was dieser oder jener da macht und wo das Signal durchgeht. Heute haben Sie einen hochintegrierten Chip. Da können Sie nicht mehr hineinschauen, nichts mehr auslöten. Sie können das System nur als Ganzes betrachten und austauschen. Moderne Technik und das Internet machen es natürlich viel leichter, Fakten zu erforschen. Aber das tiefe Systemverständnis bleibt unerlässlich.
Was möchten Sie der nächsten Generation mitgeben – nicht als technischen Rat, sondern als Lebenserfahrung?
Strass: Ganz einfach: Nie aufgeben. Als ich damals aus Australien zurückkam, mein Visum verfiel und ich zur Bundeswehr musste, standen meine Sachen noch am anderen Ende der Welt. Ich musste bei absolut null anfangen. Aber ich habe die Zeit genutzt, habe die Amerikaner kennengelernt und mich in die Elektronik eingearbeitet. Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Aber man muss sich seine Neugier bewahren. Ich bin heute im Ruhestand, aber ich verfolge die Elektronik nach wie vor eifrig. Es ist einfach alles so unfassbar interessant, und man lernt nie aus.
Eine letzte Frage, Herr Strass: Welches ungelöste Problem der Elektronik wird uns in den kommenden Jahren am stärksten beschäftigen?
Strass: Das wird definitiv das Erreichen der atomaren Grenzen sein. Bei dem heutigen Fortschrittstempo und der fortlaufenden Miniaturisierung wird die Winzigkeit der Atomebene irgendwann „zu groß“ für unsere bisherigen Konzepte. Wir verlassen den Bereich der klassischen Mikroelektronik und stoßen in die Quantentechnik vor. Dort haben wir das Problem, dass die Zustände nicht mehr deterministisch schwarz-weiß, also klar 0 oder 1 sind. In der Quantenwelt geht es um Wahrscheinlichkeiten, Zustände und Häufigkeiten. Sich auf dieser Ebene zu bewegen und daraus oben auf Anwendungsebene wieder verlässliche, bearbeitbare Ergebnisse zu bekommen, das wird eine gigantische Herausforderung. Die Quantentechnik wird das nächste wirklich große Ding.
Herr Strass, wir bedanken uns sehr herzlich für diese spannenden Einblicke und die Zeit, die Sie sich genommen haben.
(mc)
Hermann Strass
Ohne Ingenieursstudium legte eine technische Karriere hin, die so heute wohl kaum mehr vorstellbar wäre: Vom elterlichen Bauernhof führte ihn sein Weg über den rauen Bergbau im australischen Outback direkt an die Radarschirme und Düsenjäger der Bundeswehr. Später verantwortete er die Installation von hochgeheimen Computersystemen in südafrikanischen Bunkern, arbeitete weltweit für amerikanische Chip- und Speichergiganten, prägte internationale Elektronik-Normen maßgeblich mit und verfasste im Laufe seines Lebens rund 2.000 Fachartikel. In unserem Format „Urgesteine der Elektronik“ spricht er mit der ELEKTRONIKPRAXIS über handfeste Technik-Abenteuer, übertriebene Hypes der US-Industrie und erklärt, warum das, was wir heute als künstliche Intelligenz bezeichnen, für ihn eher „rasante Fleißarbeit“ ist.