Studie zu chinesischer Einflussnahme Exportkontrollen schützen Europas Chip-Know-how nur begrenzt

Von Susanne Braun 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Eine Studie stuft die niederländische Halbleiterindustrie als besonders gefährdet durch chinesische Einflussnahme ein. Das betrifft ganz Europa, denn niederländische Unternehmen besetzen Schlüsselpositionen bei Fertigungsanlagen, Chips und Prozesswissen.

In der im Juli 2026 veröffentlichten Studie „Beyond Borders“ wird untersucht, mit welchen Mitteln China auf strategisch wichtige Industriezweige in den Niederlanden einwirken könnte. Die Halbleiterindustrie sei demnach besonders gefährdet.(Bild:  HCSS)
In der im Juli 2026 veröffentlichten Studie „Beyond Borders“ wird untersucht, mit welchen Mitteln China auf strategisch wichtige Industriezweige in den Niederlanden einwirken könnte. Die Halbleiterindustrie sei demnach besonders gefährdet.
(Bild: HCSS)

Die niederländische Halbleiterindustrie ist nach Einschätzung des The Hague Centre for Strategic Studies (HCSS) in besonderem Maße durch chinesische Einflussnahme gefährdet (via Tom's Hardware). In der im Juli 2026 veröffentlichten Studie „Beyond Borders“ untersuchen die Autoren, mit welchen Mitteln China auf strategisch wichtige Industriezweige in den Niederlanden einwirken könnte.

Neben der Halbleiterindustrie betrachtet der Bericht die maritime Wirtschaft sowie die Luft- und Raumfahrt. Von diesen drei Branchen weist der Halbleitersektor nach Einschätzung der Autoren das höchste strategische Risiko auf. Ausschlaggebend sind sowohl die Wahrscheinlichkeit einer Einflussnahme als auch deren mögliche wirtschaftliche, technologische und sicherheitspolitische Folgen.

Die Bewertung beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen sowie Interviews mit Branchenvertretern und Fachleuten. Die Studie selbst entstand im Rahmen des China Knowledge Network, das vom niederländischen Außenministerium finanziert wird. Für Inhalte und Schlussfolgerungen sind laut HCSS jedoch allein die Autoren verantwortlich. Es handelt sich damit nicht um eine Risikobewertung der niederländischen Regierung, sondern um die strategische Analyse eines Forschungsinstituts. Der Bericht ist beim HCSS abrufbar.

Niederlande besetzen europäische Schlüsselpositionen

Der niederländische Halbleitersektor nimmt innerhalb der internationalen Wertschöpfungskette eine besondere Stellung ein. ASML ist der weltweit einzige Hersteller von EUV-Lithografieanlagen, die für die Fertigung besonders leistungsfähiger Chips benötigt werden. Unternehmen wie NXP und Nexperia sowie zahlreiche Zulieferer und Forschungseinrichtungen gehören ebenfalls zum niederländischen Halbleiterökosystem.

Diese Technologien und Kenntnisse seien für China besonders interessant, argumentieren die Autoren. Trotz hoher Investitionen sei das Land bei der Fertigung fortschrittlicher Halbleiter weiterhin auf ausländische Technologie angewiesen.

Damit reicht das Risiko über die Niederlande hinaus. Anlagen, Komponenten und Prozesswissen niederländischer Unternehmen sind für die Halbleiterentwicklung und -fertigung in ganz Europa relevant. Fließt proprietäres Wissen unrechtmäßig ab, betrifft das nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Unternehmen. Europa könnte zugleich technologischen Vorsprung und Einfluss innerhalb der globalen Halbleiterwertschöpfungskette verlieren.

Neben den großen Herstellern betrachtet der Bericht auch Zulieferer, Dienstleister und Hochschulkooperationen als mögliche Zugangspunkte. Hinzu kommt der Wechsel von Beschäftigten zwischen Unternehmen und Ländern. Während sensible Produktionsbereiche und Entwicklungsumgebungen vergleichsweise gut geschützt seien, gelte dies nicht zwangsläufig für das gesamte industrielle Umfeld.

Als Hinweise auf die Gefährdung führen die Autoren unter anderem den zwischen 2017 und 2020 erfolgten Zugriff der Hackergruppe Chimaera auf NXP sowie bekannte Fälle des Abflusses von ASML-Know-how an. Neue Spionagefälle deckt der Bericht allerdings nicht auf.

Einflussnahme geht über Cyberangriffe hinaus

Unter ausländischer Einflussnahme versteht die Studie gezielte und häufig schwer erkennbare Aktivitäten, mit denen ein Staat wirtschaftliche oder technologische Systeme eines anderen Landes beeinflussen oder ausnutzen will. Im Halbleiterbereich betrachten die Autoren vor allem drei mögliche Vorgehensweisen:

  • Cyberangriffe und digitale Wirtschaftsspionage,
  • den Abfluss von Wissen über Beschäftigte und Fachkräfte,
  • wirtschaftlichen Druck über Marktzugang, Beteiligungen oder kritische Rohstoffe.

Diese Instrumente könnten auch miteinander kombiniert werden. So könne eine Unternehmensbeteiligung den Zugang zu Informationen erleichtern, während Rohstoffabhängigkeiten dazu genutzt werden könnten, wirtschaftlichen Druck auszuüben. Dies zeige sich etwa mit Blick auf die europäische Abhängigkeit von Gallium und Germanium. Beide Rohstoffe werden für verschiedene Halbleiteranwendungen benötigt, während China einen großen Teil der Förderung und Verarbeitung kontrolliert. Einschränkungen bei der Ausfuhr könnten sich daher nicht nur auf niederländische Unternehmen, sondern auf die internationale Chipproduktion auswirken.

Exportkontrollen erfassen nicht alle Risiken

Die Niederlande haben den Export bestimmter Halbleiter- und Lithografietechnologien nach China bereits eingeschränkt. Zudem werden ausländische Investitionen in strategisch relevante Unternehmen stärker geprüft. Diese Instrumente erfassen nach Einschätzung des HCSS jedoch vor allem Produkte, Beteiligungen und einzelne Transaktionen.

Sie verhindern nicht zwangsläufig, dass Wissen über Beschäftigte, Forschungskooperationen oder weniger geschützte Teile der Lieferkette abfließt. Auch schrittweise entstehende Abhängigkeiten bei Materialien und Absatzmärkten ließen sich damit nur begrenzt erfassen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Die Autoren empfehlen deshalb unter anderem eine nationale Kontinuitätsstrategie für den Halbleitersektor. Diese soll festlegen, welche Technologien, Zulieferer und Produktionskapazitäten in einer Krise besonders geschützt werden müssen. Hinzukommen sollen erweiterte Sicherheitsanforderungen für Unternehmen mit fortgeschrittenen Fertigungstechnologien sowie risikobasierte und diskriminierungsfreie Sicherheitsüberprüfungen für besonders sensible Funktionen.

Ein möglicher Vergleich mit Taiwan

Vollständig ungeregelt ist der Schutz von Wissen in den Niederlanden nicht. Ein erweitertes Spionagegesetz etwa stellt die Weitergabe sensibler Unternehmensinformationen unter bestimmten Voraussetzungen unter Strafe. Erfasst werden unter anderem Handlungen für eine ausländische Macht, durch die wichtige niederländische Interessen gefährdet werden. Die niederländische Regierung nennt ausdrücklich den Diebstahl von Hightech-Wissen als Anwendungsfall.

Einen technologiebezogeneren Ansatz verfolgt Taiwan. Das Land hat besonders sensible Technologien als nationale Kernschlüsseltechnologien eingestuft. Der Diebstahl der damit verbundenen Geschäftsgeheimnisse für eine Nutzung im Ausland kann dadurch als Verstoß gegen das nationale Sicherheitsgesetz verfolgt werden. Auf dieser Grundlage ergingen auch die Urteile im jüngsten Fall um entwendetes TSMC-Know-how. Das taiwanische Gesetz sieht neben Haftstrafen auch Geldbußen für beteiligte Unternehmen vor.

Der HCSS-Bericht fordert keine Übernahme dieses Modells. Der Vergleich zeigt jedoch, wie sich neben dem Export von Anlagen und Produkten auch der Abfluss von Prozesswissen genauer erfassen ließe. Für Europa stellt sich damit die Frage, ob besonders kritisches Halbleiterwissen ähnlich klar definiert und über nationale Grenzen hinweg einheitlicher geschützt werden sollte. (sb)

(ID:50906987)