Laut einer Bitkom-Umfrage ist KI bereits im Alltag der Deutschen angekommen. Doch im Berufsalltag bleibt die Nutzung noch gespalten. Auch wenn die Aufgeschlossenheit vorhanden ist, steigt doch auch die Skepsis gegenüber dem KI-Einsatz, besonders was die Abhängigkeit von den USA in diesem Bereich betrifft.
KI verändert den Alltag und den Arbeitsplatz. Dabei sind die Deutschen sehr gespalten, was den Einsatz künstlicher Intelligenz im Beruf betrifft. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst spricht sich dennoch für eine verstärkte Offenheit gegenüber des Einsatzes aus. Schließlich habe gerade der Nutzen von KI in Simulation und Modellierung die Entwicklung neuer Fahrzeuge in der chinesischen Automobilbranche drastisch verkürzt.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Künstliche Intelligenz ist in Deutschland in der Breite angekommen. Laut einer repräsentativen Bitkom-Befragung unter 1.003 Personen ab 16 Jahren nutzen 58 Prozent der Bevölkerung KI-Anwendungen. Jede und jeder Dritte greift mindestens einmal pro Woche darauf zu, 15 Prozent sogar täglich.
Für die Branche im Allgemeinen sei das mehr als nur ein Stimmungsbild. KI verändert bereits Entwicklungsprozesse, Softwareerstellung, Simulation, Qualitätssicherung, Service und technische Dokumentation. Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst sagt dazu: „Künstliche Intelligenz ist schneller im Alltag angekommen als jede andere Innovation zuvor.“
Besonders hoch ist die Nutzung bei jüngeren Altersgruppen. Unter den 16- bis 29-Jährigen verwenden 29 Prozent täglich KI, bei den 30- bis 49-Jährigen sind es 22 Prozent. Damit wächst eine Generation in den Arbeitsmarkt hinein, für die KI-gestützte Werkzeuge selbstverständlich werden.
Chancen überwiegen, aber auch die Skepsis wächst
69 Prozent der Befragten sehen KI eher als Chance, 27 Prozent eher als Gefahr. Im Vorjahr lag der Chancenwert noch bei 74 Prozent. Die Technologie wird also breit akzeptiert, zugleich nimmt die Unsicherheit zu.
Wintergerst ordnet das mit der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit ein: „Es gibt jede zweite Woche neue Nachrichten.“ Gerade angekündigte Frontier-Modelle und Diskussionen über Superintelligenz weckten zugleich Hoffnung und Befürchtungen.
Für Elektronikunternehmen bedeutet das: Die Akzeptanz ist vorhanden, aber sie ist nicht stabil. Wer KI in Entwicklung, Fertigung oder Verwaltung einführt, muss Nutzen, Grenzen und Verantwortlichkeiten klar erklären.
Die gesellschaftliche Wirkung wird bereits deutlich wahrgenommen. 42 Prozent sagen, KI verändere die Gesellschaft schon heute. Insgesamt erwarten 76 Prozent, dass KI die Gesellschaft spätestens innerhalb der nächsten fünf Jahre spürbar verändern wird.
Falschinformationen, Daten und Kontrolle bleiben zentrale Sorgen
Die größte Sorge der Deutschen betrifft die Verbreitung schwer erkennbarer Falschinformationen. 50 Prozent nennen diesen Punkt. Ebenfalls 50 Prozent beklagen zu wenig Regeln und Kontrollen für KI.
49 Prozent fürchten, dass KI zu viel Macht bekommt. 43 Prozent haben Bedenken, dass persönliche Daten nicht sicher sind, 42 Prozent empfinden KI als oft undurchsichtig. 41 Prozent sorgen sich vor falschen Ergebnissen.
Für die Elektronikbranche sind diese Punkte besonders relevant, weil KI oft mit sensiblen Entwicklungsdaten, Kundendaten, Produktionsdaten oder Code in Berührung kommt. Wintergerst weist darauf hin, dass sensible Firmendaten „immer etwas zu Schützendes und etwas Vertrauenswürdiges“ seien.
Gleichzeitig ist KI für viele bereits ein praktisches Werkzeug. 58 Prozent der KI-Nutzenden sparen damit Zeit, 50 Prozent verstehen komplexe Themen besser, 48 Prozent erhalten neue oder kreativere Ideen. Wintergerst beschreibt die drei Rollen treffend als „KI als Turbo, KI als Coach oder KI als Sparringspartner“.
Arbeit verändert sich, aber viele Unternehmen schulen zu wenig
Im Berufsleben ist KI bereits angekommen, aber nicht gleichmäßig. 48 Prozent der Erwerbstätigen nutzen KI bei der Arbeit. 8 Prozent tun dies täglich, 18 Prozent mindestens einmal pro Woche und 22 Prozent seltener.
Fast ebenso viele, nämlich 48 Prozent, nutzen KI im Job bislang gar nicht. 45 Prozent lehnen eine Unterstützung durch KI bei ihrer Arbeit grundsätzlich ab, während 49 Prozent gern eine KI als persönlichen Assistenten hätten.
Für Engineering-Teams, Softwareentwicklung und technische Kommunikation ist der Wandel bereits sichtbar. Wintergerst nannte im Transkript ausdrücklich Softwareentwicklung sowie Kommunikations- und Marketingabteilungen als Bereiche, in denen KI schnell Einzug gehalten habe.
Die Weiterbildungszahlen zeigen jedoch eine Lücke. Nur 21 Prozent der Erwerbstätigen haben bereits eine KI-Fortbildung ihres Arbeitgebers genutzt. Weitere 13 Prozent hätten Angebote, haben sie aber noch nicht wahrgenommen. Aus Sicht Wintergersts fällt diese Kennzahl „deutlich zu schmal“ aus.
Digitale Souveränität wird zum Wettbewerbsthema
Bei den genutzten Diensten dominieren US-Anbieter klar. 71 Prozent der KI-Nutzenden verwenden ChatGPT, 50 Prozent Gemini, 43 Prozent Microsoft Copilot und 35 Prozent Meta AI. Europäische Angebote liegen weit dahinter, LeChat von Mistral kommt auf 4 Prozent.
Stand: 08.12.2025
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Das passt nicht zum Wunsch nach mehr Unabhängigkeit. 72 Prozent sehen Deutschland bei KI als zu abhängig von den USA. 67 Prozent würden gern eine KI aus Deutschland nutzen, 65 Prozent sprechen sich für eine eigene KI aus der Europäischen Union aus.
Wintergerst formuliert daraus einen industriepolitischen Auftrag: „Europa darf sich bei KI nicht einseitig abhängig machen. Wir brauchen eigene, starke Anbieter für unsere digitale Souveränität.“ Für Elektronikunternehmen betrifft das nicht nur Softwaretools, sondern auch Datenräume, Edge-KI, Embedded AI und industrielle Plattformen.
Der Wettbewerbsdruck zeigt sich besonders deutlich in der Automobilindustrie, die für viele Elektronikunternehmen ein zentraler Absatzmarkt bleibt. Wintergerst verwies darauf, dass chinesische Hersteller Entwicklungszyklen massiv verkürzen und KI bereits breit für Simulationen nutzen. „In China wird heute schon massiv beispielsweise künstliche Intelligenz für die Simulation von Prozessen eingesetzt“, sagte der Bitkom-Präsident. Während dies die Entwicklungszeiten für neue Fahrzeuge im dortigen Markt auf zwei Jahre verkürzt habe, brauche die deutsche Automobilindustrie hierfür dagegen noch nahezu die doppelte Zeit. Für Zulieferer, Halbleiteranbieter, Embedded-Spezialisten und Automatisierer bedeutet das: KI wird nicht nur ein Effizienzwerkzeug, sondern ein Faktor für internationale Wettbewerbsfähigkeit.
Auf die Frage nach der Rolle der Politik sagte Wintergerst, Deutschland und Europa müssten im Technologiewettlauf mithalten und mehr Investitionen ermöglichen. Regulierung dürfe Innovation nicht ausbremsen. Sein Fazit: „Wir müssen auf jeden Fall in Technologie investieren, um nicht noch mehr digitale Kolonie zu werden.“ (sg)