Harvey Hubbell entwickelte Zugschalter, Werkzeugmaschinen und ein Stecksystem, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts millionenfach verbreitete. Ausgerechnet gegen die Standardisierung seiner Anschlussmaße wehrte er sich jedoch – ohne Erfolg.
Harvey Hubbell prägte mit seinen Stecksystemen und Zugschaltern die frühe elektrische Verbindungstechnik in den USA. Die Illustration greift zentrale Erfindungen und Anwendungen aus seinem Umfeld auf.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Harvey Hubbell, genauer gesagt Harvey Hubbell II, unterstützte mit seinen Ideen den Siegeszug der Elektrizität, denn er entwickelte Anfang des 20. Jahrhunderts ein Stecksystem, das sich in den USA massenhaft verbreitete und die spätere Standardisierung wesentlich prägte. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Elektrizität zunehmend technisch beherrschbar: Sie ließ sich gezielt erzeugen, übertragen und für immer mehr Anwendungen nutzen. Elektrische Installationen wurden zunächst für jedes Gebäude und jede Anwendung individuell geplant.
Viele elektrische Verbraucher waren noch fest angeschlossen; daneben existierten unterschiedliche, untereinander nicht kompatible Anschlusslösungen. Hubbells Stecksystem machte es zunehmend möglich, Geräte ohne Neuverdrahtung anzuschließen und wieder zu entfernen.
Wir schauen uns heute das Leben und Wirken von Harvey Hubbell genauer an, der als Erfinder und Industrieller viele weitere Innovationen verantwortet, unter anderem auch den Lampensockel mit integriertem Schalter, den man über eine Schnur oder Kette bedienen kann.
Erste Lebensjahre und Unternehmensgründung
Über die ersten drei Jahrzehnte von Harvey Hubbells Leben ist nur wenig bekannt. Geboren wurde er am 20. Dezember 1857 in Brooklyn, New York City. In seinen 20er-Jahren war Harvey Hubbell für eine Firma tätig, die Schiffsmotoren und Druckmaschinen produzierte. Er schmiss den Job aber mit 31 Jahren hin und gründete 1888 in Bridgeport (Connecticut) die Firma, aus der später die Hubbell Incorporated hervorgehen sollte. Das Unternehmen existiert auch heute noch.
Hubbell stellte mit seiner Firma Produkte für private und kommerzielle Konsumenten her, ohne dabei eine bestimmte Warengruppe im Fokus zu haben. Den Start machte eine Drehrolle für Verpackungspapierhalter mit einer Zahnleiste, um eine gewünschte Papierlänge abzurollen und ohne zusätzliche Werkzeuge direkt abzuschneiden, indem man das Papier nach oben zieht. Ein Halter und Abschneider für Papierrollen also.
Da die Firma flexibel sein musste, waren immer wieder Anpassungen bei den Geräten und Werkzeugen nötig, die die Firma benötigte. Dies trieb den Erfindergeist von Harvey Hubbell offenbar an. Eine Maschine, die in seiner Firma erstmals zum Einsatz kam, wird auch heute noch in moderneren Varianten verwendet, nämlich die „Thread Rolling Machine“ (Gewindewalzmaschine), die dazu dient, Gewinde in Metall zu erzeugen. Seine Erfindung hatte deutlich weniger Materialverlust als die damals üblichen Gewindefräs-Methoden. Hubbells Innovationskraft blieb nicht unverborgen, sodass der Verkauf seiner für die Produktion hilfreichen Werkzeuge und Geräte zu einer guten weiteren Einnahmequelle wurde.
Strom an und aus – per Zugkabel
Im Jahr 1896 erfand Harvey Hubbell den Zugschalter-Sockel für Lampen. Anstatt einen Kipp- oder Drehschalter per Hand zu bedienen, zieht man an einer Schnur und legt damit einen Schalter im Inneren des Lampensockels um. Später kam eine Konstruktion für eine Metallkette. Weit verbreitet hat sich diese Methode für an der Decke hängende Lampen, zum Beispiel in kleinen Abstellkammern oder im Eingangsbereich von Kellertreppen, da man nicht erst nach einem Schalter an der Wand suchen muss.
Für die Verbreitung der elektrischen Beleuchtung war diese Innovation wichtig, denn bereits errichtete Häuser hatten noch keine ausgefeilte Verkabelung. Der Schalter direkt am Lampensockel machte einen separat installierten Wandschalter entbehrlich. Das war insbesondere dort praktisch, wo elektrische Beleuchtung nachgerüstet wurde oder der Schalter unmittelbar an der Leuchte liegen sollte. Bei kleinen Lampen für den Schreib- oder Nachttisch ist die Zugkabelvariante auch heute noch häufig anzutreffen. Natürlich konnten und können auch andere elektrische Geräte mit der Zugkabel-Mechanik bestückt werden, um einen Stromkreis zu schließen oder zu öffnen.
Stecker und Steckdosen
Kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert machte sich Harvey Hubbell schließlich an die Entwicklung von Steckern und Steckdosen, um zu ermöglichen, elektrische Geräte örtlich flexibel einzusetzen. Im Jahr 1904 wurde ihm das Patent zu seinem „Separable Attachment Plug“ erteilt, einem zweiteiligen Stecksystem aus Anschlussstecker und passendem Gegenstück. Hubbell experimentierte zunächst mit Rundkontakten und wechselte anschließend zu flachen Kontaktzungen.
Stand: 08.12.2025
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Mit einem ebenfalls von Hubbell entwickelten Adapter konnte man seinen Stecker mit den damals üblichen Lampensockeln verwenden. Mit Hubbells Steckern respektive Steckdosen sowie von weiteren Erfindern kreierten Steckverbindungen begann weltweit eine kleine Revolution. Denn wie wir schon anfangs erwähnten, waren elektrische Geräte damals entweder fest verkabelt oder mussten je nach Bedarf in Eigenregie respektive durch Fachpersonal angeschlossen werden. Beim direkten Anschließen waren Verdrahtungsfehler möglich, die Kurzschlüsse, Schäden oder Stromschläge verursachen konnten.
1906 bot Hubbells Firma einen Adapter an, um seine Stecker an einer sogenannten Chapman-Steckdose zu betreiben, die in den USA damals vergleichsweise weitverbreitet war. Sein Stecker versprach dabei eine höhere Anschlusssicherheit. Typisch für Hubbells Stecker waren Klemmen, die den Stecker in der Steckdose halten sollten – dies war wichtig, da man meist Steckdosen verwendete, die an einem Kabel hingen. Fest installierte Wandsteckdosen hielten erst in den späteren Jahren mehr und mehr Einzug.
Hubbell wird unfreiwillig zum Standard
Hubbells Erfindungen waren ein großer Erfolg: Bis zum Jahr 1915 verkaufte seine Firma bis zu 30 Millionen Produkte aus dem Bereich Stecker und Steckdosen. 1917 verzeichnete der Katalog, über den Hubbells Firma die Produkte landesweit anbot, schon mehr als 1.000 Produkte. Eines der Produkte war eine Innovation aus dem Jahr 1916, nämlich ein 3-poliger Stecker, der auch eine Erdung vorsah. Das Patent erhielt 1916 George P. Knapp, ein Entwickler von Harvey Hubbell Incorporated. Die von Hubbell Inc. patentierte dreipolige Bauform wurde später zur Grundlage des australischen Stecksystems.
In China wurde eine leicht abgewandelte Form eingesetzt. In den USA kopierten viele Hersteller die Stecker von Hubbell, zumindest was die Maße anging. Harvey Hubbell ging dagegen zwar im Jahr 1919 rechtlich vor, hatte damit allerdings keinen Erfolg. Bei einer Konferenz mit Herstellern von Lampen, Lampensockeln, Steckern und Steckdosen wurden Hubbells Produkte quasi zum Standard erklärt, was ihm allerdings nicht gefiel.
Hubbell selbst wehrte sich gegen die Standardisierung. Andere Hersteller entschieden sich jedoch für die von seinem Unternehmen verwendeten Abmessungen und Kontaktabstände, weil bereits Millionen Hubbell-Anschlüsse installiert waren. Hubbell klagte 1919 unter anderem gegen General Electric, konnte daraus aber kein ausschließliches Recht ableiten: Das Gericht sah in der Übernahme der nicht geschützten Abmessungen zum Zweck der Kompatibilität keinen unlauteren Wettbewerb. Für Verbraucher hatte die Entwicklung einen großen Vorteil – Stecker und Anschlüsse unterschiedlicher Hersteller wurden zunehmend untereinander austauschbar.
Tod und ein weiterhin florierendes Unternehmen
Am 17. Dezember 1927 verstarb Harvey Hubbell in Bridgeport (Connecticut) drei Tage vor seinem 70. Geburtstag. Bis zu seinem Tod hatte Harvey Hubbell II mindestens 45 Patente erfolgreich angemeldet; ein zeitgenössischer Nachruf schrieb ihm gar mehr als 100 Patente zu.
Zusammen mit seiner Ehefrau Louie Edwards hatte er einen Sohn, Harvey Hubbell III, der am 23. Mai 1901 geboren wurde und die Firma nach dem Tod seines Vaters übernahm. Da er schon vorher im Unternehmen seines Vaters tätig war, konnte er Hubbell Incorporated erfolgreich weiterführen. Im Zweiten Weltkrieg spielte Hubbell Incorporated eine wichtige Rolle für elektrische und elektronische Komponenten in Militärfahrzeugen und Flugzeugen, etwa Batterieladesysteme für Panzer, Stromanschlüsse, Funkzubehör und diverse Steckerverbindungen.
Nach dem Tod von Harvey Hubbell III wurde Hubbell Incorporated von familienfremden Managern weitergeführt und hat bis heute großen Erfolg. Mit aktuellem Sitz in Shelton (Connecticut) erwirtschaftet die Hubbell Incorporated mehr als 5 Milliarden US-Dollar Umsatz pro Jahr und zählt über 18.000 Angestellte. Produktionsstätten gibt es unter anderem in Kanada, Mexiko, China, Brasilien, Spanien, UK und natürlich in den USA. (sb)