Lieferkettenresilienz Globalisierung ist nicht tot – ihr altes Modell schon

Ein Kommentar von Susanne Braun 4 min Lesedauer

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Die klassische Globalisierung stößt an Grenzen, wo Protektionismus, Exportkontrollen und Industriepolitik globale Lieferketten einschränken. Die Antwort darauf ist weniger die Deglobalisierung als eine stärker regionalisierte und politisch geprägte internationale Arbeitsteilung – eine moderne, neue Art der Globalisierung. Ein Kommentar.

Globalisierung verändert sich zunehmend. Wer kann mithalten?(Bild:  Dall-E / KI-generiert)
Globalisierung verändert sich zunehmend. Wer kann mithalten?
(Bild: Dall-E / KI-generiert)

Die alte Globalisierung setzte vor allem auf Effizienz. Es gab einmal eine Zeit, in der die Globalisierung der weltweiten Fertigung als wirtschaftlicher Heilsbringer galt: Man tauschte kostbares Wissen gegen günstigere Arbeitskraft, man exportierte seine Aufträge und importierte die fertigen Waren. Die Globalisierung hat gute und schlechte Seiten. Und vor allem steht sie seit Jahren unter Dauerfeuer.

Politische Beschlüsse nehmen aktiv Einfluss auf den Handel. Protektionismus und wirtschaftlicher Nationalismus wenden sich von der globalen Wirtschaftsidee ab und konzentrieren sich darauf, längst verpasste Chancen für den heimischen Markt aufzuholen. Nur: Eine seit 20 Jahren etablierte Elektroniklieferkette in Asien lässt sich nicht von heute auf morgen auf einem anderen Kontinent aufbauen, weder in den USA noch in Europa.

Denn über Jahrzehnte wurden Kapazitäten verlagert und komplette Lieferketten anderswo aufgebaut. Die weltweite Werkbank wird das schon abfangen können. Wenn es dann zu einem großen, disruptiven Ereignis kommt, bekommt der Welthandel plötzlich einen gewaltigen Schluckauf. Wir haben das bei der Coronapandemie gesehen und erlebt.

Eine neue Chipfabrik macht noch keine Lieferkette

Auch deswegen – und natürlich mit Blick auf Wertschöpfung, die im eigenen Land bleiben soll – versuchen insbesondere Politiker, lokale Strukturen wieder aufzubauen. Solche etwa, mit denen sich Chips herstellen lassen. Nur wird in der politischen Debatte gern so getan, als sei mit einer neuen Waferfab bereits eine regionale Halbleiterlieferkette geschaffen.

Die Politik sollte sich durchaus einmal fragen, was denn passiert, wenn die Transistoren hergestellt wurden. Oder jemanden fragen, der Ahnung davon hat. Denn damit ist ein Chip noch lange nicht fertig. Die Wafer werden gefertigt, die Dies anschließend vereinzelt und müssen danach noch verpackt und getestet werden. In vielen Fällen geschieht genau das weiterhin in Asien, weil es in Europa bislang vergleichsweise wenig Advanced-Packaging-Kapazitäten gibt.

Also werden, ganz kurz gedacht, Wafer hierhergebracht oder hier gefertigt, die Dies vereinzelt und anschließend wieder verschickt, um später womöglich andernorts in ein Produkt eingebaut zu werden, das am Ende wiederum auf einem globalen Markt landet. Das ist noch keine neue Globalisierung. Zunächst ist es der Versuch, geopolitische Risiken und regulatorische Abhängigkeiten zu reduzieren.

„Made with Taiwan“ statt „Made in Taiwan“

Ein Neudenken der Globalisierung aber ist unausweichlich. Das finden unter anderem Führungskräfte des taiwanischen Unternehmens Foxconn, aka Hon Hai Technology, eines der weltweit größten Elektronikhersteller. Denn, so Young Liu, Vorsitzender, bei einem Fireside-Chat: „Durch die KI beschleunigt sich alles. Die ganze Welt muss gemeinsam daran arbeiten. Wir müssen anders denken. Künftig müssen wir darüber nachdenken, wie wir ‚Made With Taiwan‘ statt ‚Made In Taiwan‘ umsetzen können.“

Daraus lässt sich schließen, dass die Globalisierung nicht abgeschafft werden muss. Nein, die Globalisierung und das, was wir darunter verstehen, müssen sich weiterentwickeln. Denn Unternehmen bleiben international verflochten. Auch das lässt sich nicht mit einem Fingerschnippen lösen. Märkte bleiben global. Know-how und Kapital zirkulieren weiter. Aber die Logik ändert sich.

Resilienz kostet – Ausfälle aber noch viel mehr

Neben den offensichtlichen Produktionskosten zählen heute viel stärker solche Kosten, die im besten Fall vermieden werden. Eine unterbrochene Lieferkette kann Hersteller von Elektronik und nachgelagert auch die Endkunden sehr teuer zu stehen kommen. Waren, die nicht aus einem Land aus- oder in ein Land eingeführt werden dürfen, haben keinen Wert. Unsichere Transportwege bringen Kapital und Versorgungssicherheit in Gefahr.

Darauf will Liu mit seinem „Made with Taiwan“ hinaus. Globalisierung wird regionaler, redundanter. Produktion verteilt sich stärker auf mehrere Regionen, kritische Komponenten werden doppelt abgesichert, Unternehmen fertigen näher an ihren Absatzmärkten und arbeiten trotzdem international zusammen. Begriffe wie De-Risking, Friendshoring, Regionalisierung oder „local for local“ beschreiben das besser als das alte Verständnis von Globalisierung.

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„Made with Taiwan“ bedeutet dann nicht mehr, dass alles in Taiwan produziert und weltweit exportiert wird. Sondern: Taiwanisches Know-how, Technologie und Partnernetzwerke werden in verschiedene Regionen mitgenommen.

„Made with Germany“ könnte nach demselben Prinzip funktionieren: Deutsches Know-how und Technologie werden international eingesetzt, ohne dass jede Stufe der Wertschöpfung zwanghaft nach Deutschland zurückkommen soll. Im gleichen Atemzug muss es ebenfalls darum gehen, die hier vorhandenen industriellen Kompetenzen und Wertschöpfungsstufen zu erhalten und dort zu stärken, wo sie strategisch wichtig sind.

Wer lokale Produktion will, muss sie auch ermöglichen

Das funktioniert allerdings nur, wenn lokale Produktion wirtschaftlich eine reale Option ist. Wer Unternehmen dazu bewegen möchte, wieder näher an ihren Absatzmärkten zu fertigen, muss deshalb auch die Standortbedingungen betrachten. Schon innerhalb Europas unterscheiden sich Energiepreise, Arbeitskosten, Genehmigungsverfahren, Regulierung und steuerliche Belastungen erheblich. Eine Produktion in Deutschland kann deshalb aus ganz anderen Gründen teurer sein als eine vergleichbare Fertigung etwa in Osteuropa.

Politik kann also nicht einerseits resilientere und regionalere Lieferketten verlangen und andererseits Standortbedingungen ignorieren, die genau diese Produktion erschweren. Nicht jede Regulierung ist unnötig und nicht jeder Kostenunterschied politisch verursacht. Aber dort, wo politische Rahmenbedingungen vermeidbare Nachteile schaffen, gehört ihr Abbau ebenfalls zu einer neuen Strategie für globale Lieferketten.

Kurioserweise ist es ausgerechnet die künstliche Intelligenz, die dieses „alte“ Verständnis von Globalisierung derzeit besonders unter Druck setzt. Angesichts dessen, wie extrem sich die führenden Unternehmen der Elektronikindustrie auf den KI-Boom ausrichten, müssen die Lehren daraus schnell gezogen werden, wenn man bei diesem Tempo noch Schritt halten will.

Regionales Sourcing. Kürzere Transportwege. Lokale Produktion. Abbau politischer Stolpersteine. Globale Partnerschaften. (sb)

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