Detailverliebter Technikpionier

Ehemaliger Bosch-Chef Scholl wird 80

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Ganz entgegen der Art des ansonsten eher zurückhaltenden Unternehmens trieb er zudem aggressiv die feindliche Übernahme des Heizungsbauers Buderus voran. Dieser Prozess habe sich über mehrere Jahre hingezogen, so Scholl: «Im Bereich der Heizungstechnik standen wir unter einem gewissen Zugzwang. Damals hat eine Konzentration auf dem Markt stattgefunden.» Der damalige Geschäftsbereich Junkers sei zu klein gewesen, um langfristig bestehen zu können.

Unter Scholls Führung brachte Bosch Technologien voran, die heutzutage für Autofahrer eine Selbstverständlichkeit sind. Er führte die Benzin-Direkteinspritzung zur Serienreife, unter seiner Ägide wurden das Anti-Blockier-System (ABS) und das elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) entwickelt. «Sie haben durch Ihre Arbeit Tausenden von Menschen das Leben gerettet», würdigte der ehemalige Trumpf-Chef Berthold Leibinger ihn einmal in einer Laudatio.

Auf ABS und ESP sei er schon ein bisschen stolz, sagt Scholl. «Heute ist ESP in Europa und den USA in jedem Neuwagen Pflicht. Und für 2016 wird es in Europa auch verbindlich für Motorräder vorgeschrieben.» Scholl selbst meldete im Lauf seines Berufslebens über 50 Patente an.

Schon als Kind bastelte der Sohn eines Psychologen ein Tonbandgerät und eine Gangschaltung fürs Fahrrad. Dann studierte Scholl Nachrichtentechnik in Stuttgart, promovierte und arbeitete sich von 1962 an bei Bosch zielstrebig bis ganz nach oben. 1978 ist er mit 43 Jahren einer der jüngsten Geschäftsführer, die Bosch je hatte.

Fehrenbach sagte über Scholl, er habe einen überragenden analytischen Verstand: «Ich habe nie wieder jemanden kennengelernt, der so präzise arbeitet.» Vorlagen, die auch nur sprachliche Fehler hatten, gab Scholl zurück. «Wenn etwas sprachlich nicht sauber ist, dann ist es auch sonst nicht durchdacht», hat Scholl einmal gesagt. Unter anderem sei sprachliche Präzision nötig, um erfolgreich arbeiten zu können.

Und doch blieb Scholl gern im Hintergrund - so unbekannt war er lange, dass eine Regionalzeitung bei seinem Amtsantritt ein falsches Foto abruckte. Der passionierte Cello-Spieler, der mit seinem Quartett nicht nur bei Bosch-Veranstaltungen auftrat, ist ein Freund der leisen Töne. «Ich spiele jeden Tag eine halbe bis eine Stunde Cello. Das mache ich, um fit zu bleiben.»

Sein Abschied vom operativen Geschäft ist entsprechend nüchtern: eine Aufsichtsratssitzung, ein Abendessen. Bescheiden, zurückhaltend. Seinen Geburtstag will er ebenso begehen: Im privaten Kreis, sagt er.

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