Fast so viele Beschäftigte wie die Automobilindustrie, aber deutlich weniger Aufmerksamkeit: Deutschlands Elektro- und Digitalindustrie steht politisch oft im Schatten der großen Autokonzerne. Das muss sich ändern.
Einmal im Rampenlicht: Die Elektro- und Digitalindustrie bleibt oft im Hintergrund – obwohl ihre Technologien in nahezu allen Industriezweigen unverzichtbar sind.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Wenn bei Volkswagen, BMW oder Mercedes Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, dann ist die Aufregung groß. Die Politik sucht nach Lösungen, Verbände schlagen Alarm und die Medien berichten ausführlich – so entsteht eine breite Präsenz im kollektiven Gedächtnis der Öffentlichkeit. Schließlich geht es um eine der wichtigsten Industrien Deutschlands. Um Hunderttausende Arbeitsplätze. Um Wohlstand, Wertschöpfung und die Zukunft des Wirtschaftsstandorts.
Völlig zu Recht. Aber wo bleibt eigentlich dieselbe Aufmerksamkeit für die Elektro- und Digitalindustrie? Denn die ist ebenfalls eine der wichtigsten Industrien Deutschlands.
Fragen Sie jemanden auf der Straße, ob er Audi kennt. Die Antwort dürfte eindeutig ausfallen. Fragen Sie dieselbe Person nach Zollner. Das Familienunternehmen aus der Oberpfalz mit rund 12.500 Beschäftigten weltweit gehört zu Europas größten Elektronikfertigungsdienstleistern. Dass es außerhalb der Branche kaum jemand kennt, sagt viel darüber aus, wie wir industrielle Bedeutung wahrnehmen.
Ein Blick auf die Beschäftigtenzahlen zeigt, dass beide Industriezweige, Automobilindustrie und Elektro- und Digitalindustrie, durchaus in einer Liga spielen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts arbeiteten Ende Juni 2026 rund 692.000 Menschen in der deutschen Automobilindustrie. In den beiden Wirtschaftszweigen für elektronische und optische Erzeugnisse sowie elektrische Ausrüstungen waren es zusammen rund 682.000. Wohlgemerkt: Beide Zahlen beziehen sich ausschließlich auf Betriebe mit mindestens 50 Beschäftigten – aber so lassen sie sich eben auch ein wenig vergleichen. Der Branchenverband ZVEI definiert Elektro- und Digitalindustrie sogar noch breiter. Rund 865.000 Menschen arbeiten demnach in der Industrie.
Die Elektroindustrie, das halten wir einmal fest, ist also alles andere als eine kleine Nebenbranche. Trotzdem scheint sie in der öffentlichen Wahrnehmung oft nur eine Nebenrolle zu spielen.
Viele Unternehmen, wenig Sichtbarkeit
Das Problem liegt möglicherweise in ihrer Struktur. Die deutsche Automobilindustrie hat große, international bekannte Konzerne, deren wirtschaftliche Entscheidungen ganze Regionen beeinflussen. Die Elektro- und Digitalindustrie ist dagegen stark mittelständisch geprägt. Statt einiger weniger weithin bekannter Namen gibt es zahlreiche spezialisierte Unternehmen, die entwickeln, produzieren, bestücken, prüfen und liefern.
Ihre Produkte finden sich in Maschinen, Autos, Medizingeräten, Energieanlagen und unzähligen anderen Anwendungen. Aber wer kennt schon die Hersteller der Leiterplatten, Steckverbinder, Sensoren oder elektronischen Baugruppen, ohne die viele dieser Produkte überhaupt nicht funktionieren würden? Natürlich haben auch die Automobilhersteller mittelständische Zulieferer. Und deren Sorgen werden ebenfalls nicht immer ausreichend gehört. Doch zumindest verfügt die Branche mit ihren großen Herstellern über mächtige Fürsprecher, die unmittelbar Gehör in der Politik finden.
Der Elektro- und Digitalindustrie fehlt es dagegen an vergleichbarer öffentlicher Schlagkraft.
Bevor Sie jetzt mit Siemens kommen: Natürlich gibt es mit Siemens auch in der Elektro- und Digitalindustrie international bekannte Großkonzerne. Doch deren Bekanntheit überträgt sich nicht automatisch auf die vielen mittelständischen Unternehmen der Branche und schon gar nicht auf deren politische Sichtbarkeit.
Zukunftstechnologien sind nicht die ganze Industrie
Letztens erst las ich im Handelsblatt einen Beitrag darüber, dass Deutschland und Europa ein Problem mit der Leiterplatte haben. Für die Leute aus der Branche ist das keine Neuigkeit und es trifft da umso mehr, dass Unimicron jetzt auch die Fertigung in Deutschland einstellen will. Der Handelsblatt-Kommentar war mir allerdings etwas zu pauschal. Denn Leiterplatte ist nicht gleich Leiterplatte. Der Boom um KI-Rechenzentren und hochkomplexe IC-Substrate ist nicht gleichbedeutend mit einem Boom für die europäische Leiterplattenindustrie, deren Kunden vor allem aus anderen Anwendungsbereichen stammen. Das lässt sich nicht alles über einen Kamm scheren.
Stand: 08.12.2025
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Ich las den Kommentar zufällig, als ich auf dem beyond economy Festival war. Die Veranstaltung dreht sich darum, eine gesellschaftsfreundliche Zukunft zu entwerfen, auch mit KI, auch mit Kreislaufdenken, mit allem, was dazu gehört. Ich wurde gefragt, was ich da lese, und ich sagte: „Die Leiterplatte hat es ins Handelsblatt geschafft.“ Ich habe mich gefreut, dass die Leiterplatte ein Thema außerhalb eines Fachmediums ist, doch gleichzeitig weiß ich, dass dieser Artikel nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. In der öffentlichen Wahrnehmung ist eine Industrie, in der fast 700.000 Menschen arbeiten, häufig unsichtbar.
Und wenn die Elektronikindustrie dann einmal größere politische Aufmerksamkeit erhält, geht es häufig um die prestigeträchtigen Zukunftstechnologien. KI, Quantentechnologie und Mikroelektronik machen sich schließlich gut auf politischen Agenden. Die industrielle Basis dahinter gerät dabei allzu leicht aus dem Blick. Aber die Elektro- und Digitalindustrie besteht eben nicht nur aus diesen öffentlichkeitswirksamen Technologien, sondern aus einem umfassenden und teils enorm spezialisierten Ökosystem.
Was ist mit dem mittelständischen EMS-Dienstleister, dem Leiterplattenhersteller, dem Entwickler von Industrieelektronik oder dem Produzenten elektromechanischer Komponenten? Mit den Unternehmen, die jeden Tag dafür sorgen, dass aus technologischen Möglichkeiten tatsächlich funktionierende Produkte werden? Auch sie müssen investieren, Fachkräfte finden, Energie bezahlen, regulatorische Anforderungen erfüllen und im internationalen Wettbewerb bestehen. Und auch sie brauchen Rahmenbedingungen, unter denen sich die Produktion in Deutschland noch lohnt. Eine erfolgreiche Industriepolitik darf sich deshalb nicht allein auf prestigeträchtige Technologien und große Namen konzentrieren.
Die Elektroindustrie muss lauter werden
Natürlich hat die Branche mit dem ZVEI eine Interessenvertretung, die sich seit Jahrzehnten für ihre Belange einsetzt. Es wäre unfair, das Gegenteil zu behaupten. Doch offenbar reicht diese Arbeit allein nicht aus, um der Elektro- und Digitalindustrie die öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen, die ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entspricht.
Gemeinsam mit dem ZVEI und den vielen anderen Verbänden, die wertvolle Arbeit für die Elektro- und Digitalindustrie leisten, müssen auch wir lauter werden, alle miteinander. Die Branche muss selbstbewusster auftreten. Nicht nur mit technologischen Erfolgsgeschichten, sondern mit ihrer gesamten wirtschaftlichen Leistung, ihrer Beschäftigung und ihren Forderungen an die Politik. Denn wenn Deutschland seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhalten möchte, reicht es nicht, große Automobilhersteller zu unterstützen und einige ausgewählte Zukunftstechnologien zu fördern.
Es braucht auch den Mittelstand, der einen erheblichen Teil der technologischen und industriellen Basis dieses Landes bildet. Die Elektro- und Digitalindustrie braucht keine Sonderbehandlung. Aber sie verdient dieselbe Aufmerksamkeit, die wir anderen großen Industriezweigen ganz selbstverständlich zugestehen. In allen Bereichen. (sb)