Texten per Telefon 30 Jahre SMS: Als bei „Kurznachrichtendienst“ noch keiner an Twitter dachte

Von Michael Eckstein

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Vor drei Jahrzehnten war der „Short Message Service“ eine Sensation: Obwohl anfangs teuer, wurden die Handy-Kurzmitteilungen schnell zum Erfolg. Im Rekordjahr 2012 „simsten“ Nutzer fast 60 Milliarden Texte mit maximal 160 Zeichen allein in Deutschland. Seitdem ist das Aufkommen deutlich gesunken. Trotzdem bleibt der SMS weiter wichtig.

Die allererste SMS der Welt wurde im Vodafone-Netz vor genau drei Jahrzehnten übermittelt. Empfangen wurde sie von Vodafone-Mitarbeiter Richard Jarvis auf einer Weihnachtsfeier am 3. Dezember 1992.
Die allererste SMS der Welt wurde im Vodafone-Netz vor genau drei Jahrzehnten übermittelt. Empfangen wurde sie von Vodafone-Mitarbeiter Richard Jarvis auf einer Weihnachtsfeier am 3. Dezember 1992.
(Bild: Vodafone)

Vor 30 Jahre ging es los: Am 3. Dezember 1992 schickte der britische Software-Entwickler Neil Papworth im Auftrag von Vodafone die erste Textnachricht über den damals brandneuen „Short Message Service“, kurz SMS. Sie war 14 Buchstaben lang: „Merry Christmas“. Warum er gerade diese Zeilen bereits Anfang Dezember wählte, ist ungeklärt. Vielleicht wollte er sichergehen, dass der Empfänger, der Vodafone-Manager Richard Jarvis, die Nachricht auch tatsächlich bis zum 24. Dezember erhält.

Es hat jedenfalls geklappt – und die lawinenartige Verbreitung des über viele Jahre wichtigsten Kurznachrichtendienstes losgetreten. Lange, bevor Dienste wie WhatsApp oder Twitter dieses Wort für sich beansprucht haben. Ein Grund war sicherlich, dass die Einführung von SMS zusammenfiel mit der rasanten Verbreitung der damals brandneuen digitalen Mobiltelefone. Zum Zeitpunkt der ersten SMS allerdings gab es noch gar keine Endgeräte, mit denen man derartige Textnachrichten verfassen und versenden konnte.

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Erste digitale Mobilfunknetze ab 1991

1991, ein Jahr vor der ersten SMS-Kurznachricht, wurde in Deutschland mit dem Aufbau des ersten digitalen Mobilfunknetzes nach dem GSM-Standard im 900-MHz-Frequenzbereich begonnen. Nach rund einjähriger Versuchsphase wurde am 1. Juli 1992 der Regelbetrieb aufgenommen. Mit dabei waren die Bundespost Telekom (heute Deutsche Telekom) mit dem D1-Netz und Mannesmann Mobilfunk (Vorgänger von Vodafone) mit dem D2-Netz. Erste digitale Mobiltelefone kosteten um die 3.000 DM und waren nur in wenigen Ballungsräumen nutzbar. Trotzdem trat die Technik schnell ihren Siegeszug an.

Der darauf fußende, enorme Erfolg der SMS ist umso erstaunlicher, war sie doch eigentlich für etwas ganz anderes vorgesehen: In einem kleinen Frequenzbereich des GSM-Netzes, dem SMS-Kanal, sollten gemäß der Spezifikation eigentlich nur Hinweise zur Mobilfunk-Signalstärke und weitere technischen Informationen ausgetauscht werden.

Offizielle SMS-Einführung auf der Computermesse CeBIT 1994

Nach der ersten SMS dauerte es noch rund 15 Monate, bis der Kurznachrichtendienst kommerziell startete: Auf der Computermesse CeBIT wurde er 1994 der Öffentlichkeit vorgestellt. Und erst ab diesem Zeitpunkt konnten auch Endnutzer kurze Textnachrichten versenden. Diese waren von vorneherein beschränkt auf 160 Zeichen. Diese Länge geht auf den Bundespost-Manager Friedhelm Hillebrand zurück: Der stellte 1985 das erste Konzept für einen Textübertragungsdienst vor und war der Ansicht, dass auch bei einem Fax oder einer Postkarte meist nicht mehr Zeichen verwendet würden, um wichtige Nachrichten zu übermitteln.

Trotz anfangs hoher Preise entwickelte sich die SMS zum Goldesel der Mobilfunkanbieter: Zunächst kostete eine Textnachricht 39 Pfennig. „Richtig durchgesetzt hat sich die SMS als Kommunikationsmittel allerdings erst in den späten 90er Jahren, als Handys preiswerter wurden, die Preise für Mobilfunkdienste fielen und erste SMS-Flatrates in den Markt kamen“, erinnert sich Tanja Richter, die Technik-Chefin von Vodafone. Ab Einführung des Euros 2002 etablierte sich ein Preis von 19 Cent pro SMS, später starteten Discounter einen Preiskampf mit Angeboten um die 6 Cent.

Diese Pfennig- oder Cent-Beträge addierten sich für die Betreiber zu Milliardenumsätzen, da der Dienst schnell viele Nutzer gewann: 1998 wurde allein in Deutschland bereits die Marke von 1 Milliarde versendeter SMS geknackt. Das Allzeithoch liegt bei knapp 60 Milliarden SMS im Jahr 2012. In den Jahreswechsel 2011/12 fällt denn auch die Höchstmarke der Deutschen Telekom: Allein an den beiden Tagen Silvester und Neujahr versendeten fleißige SMS-Nutzer über 137 Millionen kurze Textnachrichten.

WhatsApp-Messenger schickt SMS in den Sinkflug

Da war der Niedergang allerdings bereits eingeleitet: „Im Jahr 2009 kam mit WhatsApp ein Dienst auf den Markt, der Instant-Messengern zum Durchbruch verhalf und die SMS in den Sinkflug schickte“, sagt Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom. Längst hat sich das mobile Internet zum wichtigsten Umsatztreiber der Mobilfunkbetreiber gemausert, während SMS in Zeiten von Flatrates und Messenger-Diensten rapide an Bedeutung verliert.

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Im letzten Jahr verschickten Nutzer immerhin noch rund 7,8 Milliarden SMS, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen. Damit steigt die Nutzung nach einem 7,0-Milliarden-Tiefpunkt im Jahr 2020 sogar wieder. Die bleibende Beliebtheit hat mehrere Gründe: Einer ist, dass nach wie vor längst nicht alle Menschen Smartphones nutzen. Ein anderer: SMS ist wichtig beispielsweise für Authentifizierungsverfahren, etwa für Cloud- oder Bezahldienste. „Der SMS-Standard hat den Vorteil, dass er auf jedem Handy funktioniert und keine Internetverbindung oder gesonderte Anmeldung voraussetzt.“, sagt Rohleder. Die meisten Mobilfunk-Tarife beinhalten überdies eine SMS-Flat, so dass keine zusätzlichen Kosten entstehen.

Auch Tanja Richter ist überzeugt: „Die SMS wird uns im Kosmos der Kurznachrichten noch viele Jahre begleiten. Sie ist einfach zu simpel und vor allem bei Zweifach-Authentifizierungen von Zugängen für Online-Dienste oder als Benachrichtigungsservice für Mailbox-Nachrichten noch immer unverzichtbar.“ Zudem würden Mobilfunkkunden im Rahmen der derzeit laufenden Cell Broadcast-Tests über SMS wichtige Hinweise erhalten.

Fast 800 Millionen Kurznachrichten in Deutschland – jeden Tag

Nach Bitkom-Erhebungen nutzen aktuell 88 Prozent der über 16-Jährigen in Deutschland ein Smartphone oder ein herkömmliches Handy – das entspricht rund 61 Millionen Menschen. Wie eine repräsentative Bitkom-Umfrage im Jahr 2021 ergeben hat, bekommen sie täglich im Durchschnitt 13 Kurznachrichten.

Demnach gehen hochgerechnet jeden Tag mehr als 790 Millionen Kurznachrichten bei den Nutzerinnen und Nutzern von Smartphones und Handys ein. Abzüglich der SMS summiert sich dies auf rund 280 Milliarden Messenger-Nachrichten im Gesamtjahr 2021. Zunehmend werden Kurznachrichten nicht mehr nur getippt, sondern per Sprachassistent verfasst: 44 Prozent der Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer verfassen Textnachrichten auch per Sprachassistent, wie eine Bitkom-Befragung im Frühjahr 2022 ergeben hat.

SMS ist noch lange nicht obsolet

Im Jahr 2004 wurde der Begriff „simsen“ in den Duden aufgenommen und 2011 schaffte es das Akronym „LOL“ (für Laugh Out Loud, zu Deutsch: laut loslachen) in das renommierte Oxford Dictionary. Zehn Jahre später, 2021, ein weiteres Highlight: Die weltweite erste SMS mit ihrer frohen Weihnachtsbotschaft wird auf der Blockchain verewigt und von Vodafone als Non-Fungible Token (NFT) für den guten Zweck versteigert.

Wie beliebt der SMS nach wie vor ist, verdeutlicht eine aktuelle Mitteilung des Mobilfunkanbieters Vodafone: Allein in dessen D2-Netz wechseln derzeit über 4 Millionen SMS-Nachrichten pro Tag zwischen den Endgeräten. Für 2022 rechnet Vodafone im eigenen Netz mit insgesamt 1,5 Milliarden verschickten SMS-Kurznachrichten.

Baldiges Aus für die Schwestertechnik MMS

Weniger rosig sieht es hingegen für die SMS-Schwestertechnik MMS (Multimedia Message Service) aus: Sie ist ursprünglich angetreten, damit Anwender ihre kurzen Botschaften mit Fotos und Filmen anreichern konnten. Doch sie war schon immer viel zu teuer, als dass viele Verbraucher sie genutzt hätten. „Die MMS hat im Vergleich zur SMS immer ein Schattendasein geführt“, sagt Richter.

Mittlerweile ist die Technik hoffnungslos veraltet, hat gegen Dienste wie Instagramm, Twitter, Facebook & Co keine Chance mehr. „Der Kundennutzen von MMS ist minimal. Bilder und Videos werden heute fast ausschließlich per Messenger an einzelne Empfänger oder Gruppen versendet“, erklärt Richter. Daher hat Vodafone angekündigt, den MMS-Dienst ab Januar 2023 abzuschalten. (me)

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