Wearable-Entwickler kennen das Problem: Mehr Sensorleistung frisst Akku. Der neue BMI423 von Bosch Sensortec verspricht, dieses Dilemma zu lösen. Dazu bietet er einen erweiterten Messbereichen bei 25 µA. Doch hält der Sensor, was die Datenblätter versprechen?
Der von Bosch Sensortec entwickelte Inertialsensor BMI423 bietet einen erweiterten Messsbereich bei 25 µA.
(Bild: Bosch Sensortec)
Die Entwicklung von Wearables für medizinische Anwendungen gleicht einem permanenten Balanceakt. Auf der einen Seite fordern Ärzte und Patienten immer präzisere Messungen, auf der anderen Seite sollen die Geräte tagelang ohne Aufladen funktionieren. Mit dem BMI423 verspricht Bosch Sensortec genau diese Quadratur des Kreises zu schaffen – durch eine intelligente Kombination aus verbesserter Hardware und On-Sensor-Intelligence.
Das Energiedilemma moderner Wearables
Wer schon einmal ein kontinuierlich überwachendes Medizingerät entwickelt hat, weiß um die Herausforderungen. Ein typischer 6-DOF-Inertialsensor zieht im Dauerbetrieb schnell 100 bis 200 µA, während moderne SoCs im Idle-Modus oft unter 10 µA benötigen. Das Ergebnis: Die Sensorik wird zum Energiefresser, obwohl der Hauptprozessor die meiste Zeit schläft. Der BMI423 dreht dieses Verhältnis um, indem er mit nur 25 µA im Beschleunigungsmodus arbeitet und gleichzeitig intelligente Wakeup-Funktionen direkt auf dem Chip implementiert.
Diese Energieeffizienz ermöglicht völlig neue Anwendungsszenarien. Statt alle paar Tage laden zu müssen, können Patienten ihre Überwachungsgeräte wochenlang tragen. Das ist ein entscheidender Faktor für die Compliance bei chronischen Erkrankungen. Ein Parkinson-Patient beispielsweise kann sein Tremor-Monitoring-Gerät kontinuierlich tragen, ohne sich Gedanken über den Ladezustand machen zu müssen.
Erweiterte Dynamik für präzise Diagnostik
Der BMI423 verdoppelt die Messbereiche seines Vorgängers auf ±32 g und ±4.000 dps. Diese Erweiterung klingt zunächst nach einem Marketingtrick, entpuppt sich aber bei näherer Betrachtung als durchaus sinnvoll. Viele medizinische Anwendungen erfordern die Erfassung schneller, ruckartiger Bewegungen, die bisherige Sensoren an ihre Grenzen bringen.
Bei der Sturzerkennung beispielsweise treten Beschleunigungsspitzen von 20 bis 30 g auf, wenn ein Patient aufschlägt. Herkömmliche Sensoren mit ±16 g sättigen dabei und können den Aufprall nicht mehr korrekt charakterisieren. Der erweiterte Messbereich des BMI423 erfasst auch solche Extremereignisse vollständig und ermöglicht eine präzisere Unterscheidung zwischen echten Stürzen und Fehlalarmen.
Ähnlich verhält es sich bei neurologischen Anwendungen. Parkinson-Tremor kann Frequenzen bis 12 Hz mit erheblichen Amplituden erreichen, während dystopische Bewegungen noch schnellere Bewegungskomponenten enthalten. Die kombinierten erweiterten Bereiche für Beschleunigung und Winkelgeschwindigkeit erfassen diese komplexen Bewegungsmuster vollständig, was eine objektivere Krankheitsbewertung ermöglicht.
On-Sensor-Intelligence als Game Changer
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal des BMI423 liegt jedoch in seiner integrierten Intelligenz. Funktionen wie Sprachaktivitätserkennung, Gestenerkennung und Schrittzählung laufen direkt auf dem Sensor, ohne den Hauptprozessor zu belasten. Für Entwickler bedeutet dies eine fundamentale Verschiebung der Systemarchitektur.
Die Sprachaktivitätserkennung arbeitet besonders clever: Statt Audiodaten zu verarbeiten, analysiert der Sensor die Vibrationen der Knochenleitung beim Sprechen. Für medizinische Hearables eröffnet das neue Möglichkeiten: Von der automatischen Medikamenten-Erinnerung bis zur Compliance-Überwachung bei Sprachtherapien. Gleichzeitig bleiben Privatsphäre und HIPAA-Konformität gewahrt, da keine Audiodaten aufgezeichnet werden.
Die integrierte Gestenerkennung geht über einfache Taps hinaus und erkennt komplexe Bewegungsmuster. Ein Diabetiker könnte beispielsweise durch eine spezifische Handbewegung seine Insulineinnahme dokumentieren, ohne das Smartphone zu zücken. Das System bleibt dabei energieeffizient, da nur bei erkannten Gesten der Hauptprozessor aktiviert wird.
Rauschperformance für präzise Langzeitmessungen
Die technischen Spezifikationen des BMI423 lesen sich auf dem Papier beeindruckend: 5,5 mdps/√Hz beim Gyroskop und 90 µg/√Hz bis 120 µg/√Hz beim Beschleunigungssensor. In der Praxis bedeutet dies, dass auch subtile Bewegungsänderungen zuverlässig erfasst werden können. Bei der Ganganalyse beispielsweise lassen sich frühe Anzeichen einer sich verschlechternden Mobilität erkennen, lange bevor sie dem Patienten oder Arzt auffallen.
Stand: 08.12.2025
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Die minimierte Temperaturdrift ist besonders für Langzeitmessungen relevant. Wearables erleben im Alltagseinsatz erhebliche Temperaturschwankungen. Das reicht von der kalten Winterluft bis zur warmen Dusche. Herkömmliche Sensoren zeigen dabei oft signifikante Offsetverschiebungen, welche die Messergebnisse verfälschen können. Der BMI423 kompensiert diese Einflüsse bereits intern, was die Kalibrierungsanforderungen reduziert und die Datenqualität über die gesamte Batterielebensdauer aufrechterhält.
Integration in moderne Entwicklungsumgebungen
Für Entwickler besonders wichtig sind die flexiblen Schnittstellen des BMI423. Die Unterstützung für I³C ermöglicht es, moderne, energieeffiziente Protokolle zu nutzen, während die Rückwärtskompatibilität zu I²C die Integration in bestehende Designs vereinfacht. Das kompakte LGA-Gehäuse mit 2,5 mm x 3 mm x 0,8 mm passt auch in miniaturisierte Patches oder diskrete Überwachungsgeräte.
Die wahre Stärke liegt jedoch im Entwicklungs-Ökosystem. Bosch Sensortec stellt nicht nur den Sensor zur Verfügung, sondern liefert auch vorkonfigurierte Algorithmen für typische Anwendungsfälle mit. Statt monatelang eigene Bewegungserkennungsalgorithmen zu entwickeln und zu kalibrieren, können Entwickler auf erprobte Lösungen zurückgreifen.
Praktische Anwendungsfälle im Entwickleralltag
Der BMI423 eröffnet Entwicklern neue Designmöglichkeiten, die bisher nicht praktikabel waren. Ein kontinuierlich überwachendes Epilepsie-Warngerät kann nun als dezenter Patch gestaltet werden, der wochenlang ohne Wartung auskommt. Die On-Sensor-Bewegungserkennung identifiziert präiktale Bewegungsmuster und alarmiert nur bei echten Anfallsrisiken, wodurch Fehlalarme minimiert werden.
Für die Rehabilitation bietet der Sensor neue Möglichkeiten der objektiven Fortschrittsmessung. Physiotherapeuten können ihren Patienten Wearables mitgeben, die Übungen automatisch erkennen und bewerten. Die erweiterten Messbereiche erfassen auch schnelle Bewegungen vollständig, während die niedrige Leistungsaufnahme mehrtägige Messzyklen ohne Unterbrechung ermöglicht. (heh)