Steigende Rohstoffpreise infolge geopolitischer Spannungen rücken Materialien in den Fokus, die in der Elektronikfertigung lange als gesetzt galten. Silber im Lötzinn ist etwa ein funktional wichtiger Bestandteil, der aber zunehmend kostenkritisch wird.
Selbst bei Loten mit weniger als 1 Prozent Silber schlagen die gestiegenen Rohstoffpreise spürbar zu Buche.
Zu den Industriesektoren, die empfindlich auf geopolitische Spannungen reagieren, dürfte auch die Elektronik- und Digitalindustrie zählen. Vor allem die Ressourcen, die für viele Anwendungen und Endprodukte benötigt werden, sind global verteilt und nur begrenzt flexibel. Viele der benötigten Metalle stammen aus unterschiedlichen Regionen der Welt und durchlaufen komplexe Lieferketten, bevor sie in der Fertigung ankommen. Eine kurzfristige Ausweitung der Verfügbarkeit ist daher kaum möglich.
Besonders deutlich wird dies bei kritischen Rohstoffen wie seltenen Erden, deren Förderung und Verarbeitung in weiten Teilen von China dominiert wird. Preise entstehen deswegen nicht allein durch Angebot und Nachfrage, sondern werden auch durch geopolitische Rahmenbedingungen und industriepolitische Entscheidungen beeinflusst. Für die Elektronikfertigung bedeutet das eine erhöhte Anfälligkeit gegenüber externen Einflüssen – und eine wachsende Bedeutung strategischer Materialentscheidungen.
Bereits seit Beginn des Jahres und auch im Zuge der jüngsten Spannungen im Nahen Osten haben sich die Preise für verschiedene Metalle deutlich nach oben bewegt. Neben Energie- und Industriemetallen betrifft das auch Edelmetalle wie Silber – und damit einen Werkstoff, der in der Elektronikfertigung an zentraler Stelle eingesetzt wird.
Silber als technischer Standard
Silber ist ein zentraler Bestandteil vieler bleifreier Lote, insbesondere der verbreiteten SAC-Legierungen. Seit der Umstellung auf RoHS-konforme Prozesse Anfang der 2010er-Jahre dominieren sogenannte SAC-Legierungen (Zinn-Silber-Kupfer), die sich durch gute Benetzung, hohe mechanische Festigkeit und zuverlässige Lötverbindungen auszeichnen. Gerade in Anwendungen mit hohen thermischen Belastungen – etwa in der Leistungselektronik oder im Automotive-Bereich – sorgt der Silberanteil für stabile und langlebige Verbindungen. Zudem lassen sich silberhaltige Lote gut verarbeiten und sie liefern reproduzierbare Ergebnisse, was wiederum wichtig für die Sicherstellung der Prozesssicherheit ist.
Was technisch sinnvoll ist, sollte allerdings unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zunehmend hinterfragt werden. Bleiben wir allein beim Silber, so wirken sich steigende Silberpreise allein aufgrund der schieren Produktionsmengen in der Elektronikfertigung direkt auf die Materialkosten aus, nachvollziehbarerweise insbesondere in der Serienfertigung mit hohen Stückzahlen.
Preisentwicklung verstärkt den Druck
An den Rohstoffmärkten zeigt sich, nicht nur, aber auch, bei Silber ein deutlicher Aufwärtstrend: Nach Daten der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) ist der Preis in den vergangenen Jahren um mehr als 160 Prozent gestiegen und setzte seinen Anstieg auch 2026 fort. Nach einer relativ stabilen Phase bis zum Jahr 2024 mit Preisen von weniger als 20 US-Dollar pro Feinunze, stieg der Preis bis Ende 2025 auf knapp unter 80 US-Dollar.
Der Blick auf aktuelle Marktpreise verdeutlicht die Dynamik: Silber notiert derzeit bei rund 75 bis 80 US-Dollar je Feinunze (Stand: 14. April 2026), nachdem Anfang 2026 zwischenzeitlich sogar deutlich höhere Werte erreicht wurden. Die starke Volatilität unterstreicht, dass sich der Rohstoff zunehmend von einem stabilen Kostenfaktor zu einer schwer kalkulierbaren Größe entwickelt. Gleichzeitig verzeichnet der Rohstoffsektor insgesamt steigende Preise, was die Materialkosten in der Industrie zusätzlich unter Druck setzt.
Bleiben wir beim Silber als Beispiel: Die steigenden Preise sind auch Ausdruck struktureller Verschiebungen in der Nachfrage. Silber wird heute in mehreren Wachstumsfeldern gleichzeitig benötigt, allen voran in der Photovoltaik, die im Zuge der Energiewende enorme Mengen des Metalls bindet. Gleichzeitig bleibt Silber aufgrund seiner elektrischen Leitfähigkeit und stabilen Kontakteigenschaften in der Elektronik unverzichtbar.
Damit konkurrieren unterschiedliche Industrien zunehmend um denselben Rohstoff, während das Angebot nur begrenzt ausgeweitet werden kann. In Kombination mit geopolitischen Unsicherheiten, die Edelmetalle zusätzlich als Anlageklasse attraktiv machen, entsteht ein Preisdruck, der sich zunehmend bemerkbar macht.
Noch gilt Silber aus Versorgungssicht als vergleichsweise unkritischer Rohstoff. „Obwohl die Angebotskonzentration als unbedenklich eingestuft werden kann, befindet sich der Silbermarkt seit nunmehr fünf Jahren in einem strukturellen Defizit. Zwischen 2019 und 2025 stieg die globale Nachfrage um etwa 14 Prozent, während das Angebot nur um rund 1,4 Prozent zulegte“, merkt die DERA im Januar 2026 dennoch an und warnt davor, dass auch Silber zum Spielball geopolitischer Gebaren in Form von Zöllen werden könnte.
Stand: 08.12.2025
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Trend zu Low-Silber-Legierungen
Natürlich reagiert die Industrie darauf nicht erst seit heute. Bereits seit einigen Jahren gewinnen sogenannte Low-Ag-Legierungen an Bedeutung, bei denen der Silberanteil teilweise auf unter ein Prozent reduziert wird. Der Vorteil von Low-SAC-Loten wurde früh von Herstellern wie Felder adressiert und hat sich seither in vielen Anwendungen etabliert. Ziel ist es, die Kosten zu senken, ohne die Zuverlässigkeit der Lötverbindungen wesentlich zu beeinträchtigen. Parallel dazu werden silberfreie Alternativen entwickelt, die bei mechanischer Stabilität oder Langzeitverhalten unter thermischer Belastung jedoch noch auf Grenzen stoßen.
Für die Elektronikfertigung wird die Wahl der Lötlegierung damit zu einer strategischen Entscheidung. Steigende Rohstoffpreise erhöhen den Druck, Materialkosten zu optimieren. Gleichzeitig bleiben Anforderungen an Qualität und Lebensdauer unverändert hoch. Die zentrale Frage lautet daher: Wie viel Silber ist notwendig, um die gewünschten Eigenschaften zu erreichen – und wo lassen sich Kompromisse eingehen?
Regionale Rohstoffstrategien
Zusätzlich rückt die Frage nach einer langfristigen Rohstoffstrategie stärker in den Fokus. Institutionen wie die Deutsche Rohstoffagentur weisen seit Jahren darauf hin, dass industrielle Wertschöpfung zunehmend von gesicherter Materialverfügbarkeit abhängt. Für die Elektronikindustrie bedeutet das nicht nur eine Diversifizierung von Bezugsquellen, sondern auch ein Umdenken im Umgang mit vorhandenen Ressourcen.
Sekundärrohstoffe – etwa aus Recyclingprozessen elektronischer Baugruppen – gewinnen an Bedeutung, da sie einen Teil der Abhängigkeiten von Primärförderung abfedern können. Gerade Metalle wie Silber lassen sich prinzipiell zurückgewinnen, werden jedoch bislang nur begrenzt im Kreislauf geführt. Angesichts steigender Preise und geopolitischer Unsicherheiten sollte sich das ändern. (sb)
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