Forscher am MIT haben überzeugende Hinweise auf eine unkonventionelle Form der Supraleitung in „magischem“ Graphen gefunden – ein Durchbruch, der das Verständnis moderner Materialien verändern könnte.
Mit einer neuen Messmethode konnten Physiker erstmals nachweisen, dass „magic-angle twisted tri-layer graphene“ (MATTG) ein unkonventioneller Supraleiter ist.
(Bild: MIT, mit Genehmigung der Forschenden.)
Das Material – sogenanntes „magic-angle twisted tri-layer graphene“ (MATTG) – zeigt supraleitende Eigenschaften, die sich deutlich von den klassischen Mechanismen unterscheiden. Diese Entdeckung könnte langfristig neue Wege eröffnen, um Materialien mit höherer supraleitender Temperatur zu entwickeln und deren Anwendungen zu erweitern.
Supraleitung und das Prinzip der Twistronik
Supraleitung beschreibt den Zustand eines Materials, in dem elektrischer Strom ohne Widerstand fließt. In konventionellen Supraleitern bilden Elektronen sogenannte Cooper-Paare, die sich über Gitterschwingungen – sogenannte Phononen – koppeln. Dabei entsteht eine charakteristische Energielücke, die durch spektroskopische Messungen nachweisbar ist.
Graphen, eine nur ein Atom dicke Schicht aus Kohlenstoffatomen in Wabenstruktur, hat in den letzten Jahren die neue Forschungsrichtung der Twistronik eröffnet. Wenn zwei oder mehr Graphenschichten mit einem winzigen Verdrehwinkel übereinandergelegt werden, verändern sich ihre elektronischen Eigenschaften enorm. In diesen Systemen entstehen neue Phänomene, darunter isolierende, magnetische und eben auch supraleitende Zustände.
Das Experiment am MIT
Die MIT-Forscher konzentrierten sich auf ein dreilagiges, präzise verdrehtes Graphensystem. Frühere Arbeiten hatten bereits angedeutet, dass in solchen Strukturen ungewöhnliche elektronische Effekte auftreten können. Um den supraleitenden Zustand eindeutig nachzuweisen, kombinierten die Forscher zwei komplementäre Messmethoden. Die Tunnel-Spektroskopie und den elektrischen Transport.
Durch die Tunnel-Spektroskopie konnten sie die Energielücke direkt beobachten, während die Transportmessungen zeigten, wann der elektrische Widerstand im Material vollständig verschwand. Beide Effekte traten gleichzeitig auf. Das ist ein eindeutiges Indiz für den Eintritt in eine supraleitende Phase.
Unkonventionelles Verhalten der Elektronenpaare
Die Form der gemessenen Energielücke unterschied sich deutlich von der klassischer Supraleiter. Statt einer flachen, gleichmäßigen Struktur zeigte sich ein V-förmiges Profil. Diese Beobachtung weist darauf hin, dass sich die Elektronen nicht über Phononen (ein quantisiertes Schwingungsteilchen) koppeln, sondern über direkte elektronische Wechselwirkungen.
Die Elektronenpaare scheinen sich in diesem Fall stärker zu binden – beinahe so, als würden sie Moleküle bilden. Dieses Verhalten deutet auf ein neuartiges Kopplungsprinzip hin, das eine andere Symmetrie und Dynamik besitzt als bei klassischen Supraleitern. Solche Mechanismen werden in der Physik als „unkonventionelle Supraleitung“ bezeichnet und gelten als potenzieller Schlüssel zur Entwicklung von Materialien mit höheren Sprungtemperaturen.
Bedeutung und Ausblick
Die Studie liefert erstmals klare experimentelle Belege für unkonventionelle Supraleitung in einem gut kontrollierbaren zweidimensionalen System. Damit rückt das Ziel näher, Supraleitung gezielt zu steuern und in Materialien zu realisieren, die auch bei höheren Temperaturen verlustfrei leiten.
Künftig wollen die Forschenden ähnliche Untersuchungen an anderen verdrehten 2D-Materialien durchführen, um zu verstehen, ob sich das beobachtete Verhalten verallgemeinern lässt. Gelingt dies, könnte daraus eine neue Materialklasse entstehen, die den Weg zu effizienteren Energienetzen, leistungsfähigeren Quantencomputern und völlig neuen elektronischen Bauelementen ebnet.
Fazit
Die Entdeckung der unkonventionellen Supraleitung in verdrehtem Dreilagen-Graphen zeigt, dass selbst minimale strukturelle Veränderungen auf atomarer Ebene tiefgreifende Auswirkungen auf makroskopische Materialeigenschaften haben können. Durch präzise Kontrolle, kombiniert mit modernen Messmethoden, gelang es den MIT-Forschern, ein bislang verborgenes Phänomen sichtbar zu machen. Dieses Ergebnis stellt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer neuen Generation supraleitender Technologien dar. (mr)
Stand: 08.12.2025
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