Seitenblicke Die trügerische Sicherheit der Statistik
Statistik scheint den meisten Menschen wenig sexy – aber vertrauenswürdig. Das sollte besser anders sein: Mit Zahlentricksereien lassen vor allem Unternehmen und Politiker allzu gern und allzu oft ein falsches Weltbild entstehen. Für den Big-Data-Hype spielen insbesondere Ursache-Wirkung-Beziehungen eine problematische Rolle.
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«Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.» Dass diesem Spruch viel Wahrheit innewohnt, zeigen drei deutsche Forscher seit gut zwei Jahren mit ihrer «Unstatistik des Monats». «Vor allem wenn es um viel Geld geht, ist die Versuchung zu schummeln groß», sagt der Ökonom Thomas Bauer, Vizepräsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Zusammen mit dem Berliner Psychologen Gerd Gigerenzer und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer veröffentlicht er die monatlichen Kommentare zu Statistiken, Umfragen oder Zahlenangaben, die der Öffentlichkeit präsentiert wurden.
Kürzlich setzte sich das Trio – schon zum zweiten Mal – mit einer Armutsstudie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes auseinander. Demnach liegt die Armutsquote bei 15,5 Prozent aller Bundesbürger – definiert als die Menschen, die pro Monat weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. «Unabhängig davon, ob diese Zahl nun korrekt ist, hat sie mit Armut nichts zu tun», heißt es im «Unstatistik»-Kommentar.
«Denn dieser Prozentsatz bleibt der gleiche, auch wenn sich das reale Einkommen aller Bundesbürger verdoppelt.» Wenn es allen schlechter gehe, nehme die so gemessene Armut unter Umständen sogar ab.
«Wir könnten mindestens zehn Unstatistiken schreiben jeden Monat», betont Bauer. Oft seien Analysen schon im Ansatz fragwürdig. Von der Öffentlichkeit aber werde dies ganz anders wahrgenommen. «Statistiken besitzen eine hohe Glaubwürdigkeit, ein Image von Genauigkeit», so Bauer. «Das machen sich Firmen zum Beispiel bei der Werbung zunutze.» So werde von zu 95 Prozent zufriedenen Kunden geschwärmt – ein Wert, der wenig erstaune, da ja nun mal nur Kunde ist, wer das entsprechende Produkt gut findet und kauft.
«Erheblich zugenommen hat zudem die Zahl der Umfragen, damit allerdings nicht unbedingt auch deren Qualität.» Obwohl es im täglichen Leben so präsent sei, werde auf das Thema Statistik in Schule und Ausbildung kaum eingegangen.
«Wir werden mit Daten überflutet, können aber mit den damit verbundenen Unsicherheiten gar nicht umgehen», kritisiert Bauer. «Schon das Prozentrechnen besser zu beherrschen, könnte viel Unheil vermeiden helfen.» Dies gelte etwa bei der Einordnung medizinischer Ergebnisse oder der Kreditberechnung beim Hauskauf.
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