Igus-Jahrespressekonferenz 2026 Auf Wachstumskurs mit KI-Robotik und lokaler Produktion

Von Manuel Christa 6 min Lesedauer

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Trotz globaler wirtschaftlicher Herausforderungen verzeichnet der Kölner Motion-Plastics-Spezialist Igus für das Jahr 2025 einen leichten Umsatzzuwachs. Auf der Jahrespressekonferenz 2026 präsentierte das neu aufgestellte Unternehmen auch für die Elektronikbranche zahlreiche Neuheiten.

Igus räumt jetzt auch das Kinderzimmer auf: „Iggy Rob Home“ zeigt erstmals auf der Hannover Messe 2026 das Potenzial von humanoiden Robotern, die aus dem eigenen ReBeL-Baukasten bestehen.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
Igus räumt jetzt auch das Kinderzimmer auf: „Iggy Rob Home“ zeigt erstmals auf der Hannover Messe 2026 das Potenzial von humanoiden Robotern, die aus dem eigenen ReBeL-Baukasten bestehen.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

Das vergangene Jahr brachte für Igus eine fundamentale strukturelle Veränderung: Aus der Igus GmbH wurde die Igus SE & Co. KG. Firmengründer Frank Blase zog sich aus dem operativen Geschäft zurück und leitet nun als Chairman ein neu gegründetes Management Board. Die operative Geschäftsführung teilen sich fortan Tobias Vogel, Michael Blass, Dr. Thilo Schultes und Artur Peplinski, der als Sprecher der Geschäftsführung agiert.

Dieser Umbau soll das Fundament für die weltweiten Wachstumsambitionen stützen. Damit einhergeht eine Rekordinvestition von weltweit 124,4 Millionen Euro zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Die Zahlen geben dem Kurs recht: Mit einem konsolidierten Umsatz von 1,155 Milliarden Euro verzeichnete die Unternehmensgruppe 2025 ein Wachstum von 4,4 Prozent. Die Strategie dahinter ist klar definiert: Neben massiven Investitionen am Kölner Hauptsitz setzt Igus verstärkt auf das „Local-for-Local“-Prinzip. In Zeiten drohender Strafzölle und fragiler Lieferketten wurden eigene Spritzgussfertigungen in den Kernmärkten USA und China massiv ausgebaut. Das schützt nicht nur vor geopolitischen Unwägbarkeiten, sondern zahlt auch massiv auf die Nachhaltigkeit ein: Allein durch den Ausbau der lokalen Fertigungskapazitäten in Nordamerika und Asien konnten 2025 rund 1,2 Millionen Kilogramm Transportgewicht eingespart werden. Zudem fertigt Igus am Hauptsitz in Köln mittlerweile nach Scope 1 und 2 komplett klimaneutral.

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Investition in Liefergeschwindigkeit: Am klimaneutralen Hauptsitz in Köln investierte Igus über 40 Millionen Euro in den Ausbau der Intralogistik und Testlaborkapazitäten.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
Investition in Liefergeschwindigkeit: Am klimaneutralen Hauptsitz in Köln investierte Igus über 40 Millionen Euro in den Ausbau der Intralogistik und Testlaborkapazitäten.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

„Anlagen müssen in der Produktion 24/7 laufen, dürfen keine Stillstände haben“, formuliert Artur Peplinski seinen Anspruch an die eigene Fertigung. Um diese Geschwindigkeit auch aus Deutschland heraus garantieren zu können, investierte Igus am Standort Köln über 40 Millionen Euro in die neue „Gebäudephase 8“, in der unter anderem die Testlaborkapazitäten auf 5.500 Quadratmeter erweitert wurden. Kernstück ist jedoch die Intralogistik, wie Tobias Vogel, Geschäftsführer für Gleitlager- und Lineartechnik, verdeutlicht: „Sobald das Lager vollständig aufgebaut ist, wird hier künftig kein Mensch mehr eine Kiste bewegen müssen. Mit bis zu 1.800 Ein- und Auslagerungen pro Stunde läuft der gesamte Materialfluss vollautomatisch.“

Fokus Robotik: KI trifft auf Low-Cost-Automation

Ein wesentlicher Wachstumstreiber bleibt die Robotik. Igus baut sein ReBeL-Ökosystem weiter aus und bringt mobile Roboter in immer mehr Praxiseinsätze, vom autonomen ReBeL Move Outdoor bis hin zum ReBeL Move Pallet Mover für das Palettenhandling. Igus testet diese Systeme intensiv im eigenen Haus: Knapp 50 mobile Roboter übernehmen am Standort Köln bereits Routinetätigkeiten wie das automatische Abholen von Teilen an den Spritzgussmaschinen und beweisen die Industrietauglichkeit der Low-Cost-Systeme.

Besondere Aufmerksamkeit zieht jedoch die humanoide Robotik auf sich. Mit Modellen wie dem Iggy Rob und der Heim-Version Iggy Rob Home zeigt Igus, wohin die Reise geht. Die Systeme bestehen konsequent aus dem eigenen Baukasten: Die Intelligenz liefert die ReBeL-Cobot-Steuerung, die Höhenverstellung übernehmen drylin-Linearachsen.

KI trifft auf Low-Cost-Automation: Über die RBTX-Plattform bündelt Igus mittlerweile rund 100 humanoide Robotermodelle für den kostengünstigen Einstieg in die Automatisierung.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
KI trifft auf Low-Cost-Automation: Über die RBTX-Plattform bündelt Igus mittlerweile rund 100 humanoide Robotermodelle für den kostengünstigen Einstieg in die Automatisierung.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

Alexander Mühlens leitet den Geschäftsbereich Automatisierung und Robotik bei Igus, er sieht in der menschenähnlichen Form einen logischen Schritt: „Die Welt ist für den Menschen konstruiert und gemacht. Und so muss auch Automatisierung menschenähnlich sein.“ Auch das Thema Künstliche Intelligenz ist längst in der Kölner Hardware angekommen. Sprachschnittstellen zur Interaktion sind laut Mühlens bereits gelöst: „Sprachkommunikation ist generell kein Zukunftsthema mehr. Die KI-basierten Sprachmodelle ermöglichen Dialoge in Echtzeit, mehrsprachig.“ Wie das in der Praxis aussehen kann, demonstriert der Hersteller im eigenen Eingangsbereich: Dort empfängt ein Roboter die Kunden und interagiert dank eines speziellen Sprachmoduls sogar auf „Kölsch“ mit den Besuchern.

Doch Mühlens mahnt auch zur industriellen Realität: Die Roboter müssen derzeit noch hart in ROS 2 programmiert werden. „Die eigentliche Herausforderung ist nicht das Sprechen mit den Gästen und den Besuchern, sondern die sinnvolle Einbettung in den Anwendungsfall. Was soll der Roboter denn dann eigentlich wissen? Was soll er entscheiden? Da müssen wir gemeinsam mit Kunden noch ganz viel lösen.“

Um diesen Brückenschlag zwischen Idee und Umsetzung zu erleichtern, erweitert Igus seine Online-Plattform RBTX zu einer Vermittlungsplattform auch für die Systemintegration. Künftig sollen Anwender mit Automatisierungswunsch direkt mit passenden Integratoren gematcht werden, um kostengünstige Lösungen pragmatisch auf den Hallenboden zu bringen. Bereits heute bündelt die Plattform rund 100 humanoide Robotermodelle von 35 Herstellern. Das erklärte Ziel von Igus ist die Demokratisierung der Automatisierung: Auch kleine und mittlere Unternehmen (KMU) der Elektronikbranche mit begrenzten Budgets und wenig Vorerfahrung sollen ohne massive Einstiegshürden von den Vorteilen der Robotik profitieren können.

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Hightech für die Elektronik- und Halbleiterfertigung

Die Anforderungen in der Wafer- und Batteriefertigung steigen enorm, insbesondere was lange Transportwege betrifft. Kira Weller, Produktmanagerin e-ketten und Reinraum-Expertin, umreißt die wachsenden logistischen Herausforderungen dieses Sektors: „In modernen Halbleiterfabriken durchlaufen Silizium-Wafer zahlreiche Prozessschritte, die in unterschiedlichen Anlagen stattfinden. Automatisierte Systeme übernehmen dabei den Transport über lange Strecken und brauchen vor allem eines: eine absolut zuverlässige Energie- und Datenversorgung.“

Partikelfrei auf bis zu 30 Metern: Die neue C6 Energiekette mit eSpin-Führungsrädern erreicht die ISO-Klasse 1 und ist ideal für lange Wafer-Transportwege in der Halbleiterfertigung.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
Partikelfrei auf bis zu 30 Metern: Die neue C6 Energiekette mit eSpin-Führungsrädern erreicht die ISO-Klasse 1 und ist ideal für lange Wafer-Transportwege in der Halbleiterfertigung.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

Als Lösung für genau diese Anforderungen präsentierte Igus die neue C6 Energiekette mit eSpin-Führungsrädern. Diese ermöglicht erstmals die partikelfreie Leitungsführung (ISO-Klasse 1) auf extrem langen Verfahrwegen bis zu 30 Metern, ideal für den automatisierten Transport von Waferkassetten. Zudem erreichte die schmierfreie drylin Linearachse SLW1040 die Zertifizierung für die ISO-Klasse 4 im Trockenreinraum. Um Konstrukteuren die Planung solcher komplexen Reinraumsysteme zu erleichtern, flankiert Igus die Hardware mit digitalen Tools: Der neu vorgestellte eSkin Flat Konfigurator ermöglicht die schnelle, automatisierte Auslegung von zertifizierten Clean Cables inklusive technischer Zeichnungen und Stücklisten in wenigen Klicks.

Praxisbeispiel: Vibrationsfreie Kabelführung in der Chip-Produktion

Wie essenziell mikrovibrationsfreie Kabelführungen in der Praxis sind, zeigte der Jenaer Antriebstechnik GmbH, die Igus auch mit ihrem eigenen Vector-Award in Silber auszeichnete. Das Unternehmen entwickelte das Positioniersystem Fast4 P&P für die Mikrochip-Produktion. Michael Blass, Geschäftsführer Energiekettensysteme, ordnet die Leistung ein: „Ihr ultraschnelles und hochpräzises Positioniersystem erreicht Genauigkeiten von plus/minus 0,1 Mikrometern, ist also 700 Mal feiner als ein menschliches Haar.“ Um solche Werte und Beschleunigungen von bis zu 100 m/s² zu erreichen, kombinieren die Thüringer CFK-Leichtbau, Luftlagertechnik und Granit.

Silberner Vector-Award für die Jenaer Antriebstechnik: Das hochpräzise Positioniersystem für die Chip-Produktion nutzt die e-skin flat von Igus, um störende Mikrovibrationen zu eliminieren.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
Silberner Vector-Award für die Jenaer Antriebstechnik: Das hochpräzise Positioniersystem für die Chip-Produktion nutzt die e-skin flat von Igus, um störende Mikrovibrationen zu eliminieren.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

Da klassische Energieketten hier zu viele Vibrationen erzeugt hätten, setzten die Konstrukteure auf die flache, reinraumtaugliche Leitung e-skin flat von Igus. Ein entscheidender konstruktiver Vorteil: Durch die in das Flachbandkabel integrierten Pneumatik-Schläuche können die Luftlager des Systems direkt versorgt werden, wodurch zusätzliche Bauteile komplett entfallen. Das minimiert nicht nur den Abrieb, sondern sorgt für ein reibungsfreies, hochdynamisches Bewegungsverhalten.

Werkstoffe der Zukunft: PFAS- und BPA-frei

Als Antwort auf immer strengere EU-Vorgaben, insbesondere die ab Mitte 2026 geltende EU-Verordnung 2024/3190 zum Verbot hormonell wirksamer Substanzen in neuen Lebensmittelmaschinen, hat Igus den Werkstoff iglidur A351 entwickelt. Dieser ist FDA-konform, komplett frei von Bisphenol A (BPA) und Bisphenol S sowie durch seine blaue Farbe optisch leicht detektierbar. Technisch überzeugt das Material mit 78 MPa Druckfestigkeit, minimaler Feuchtigkeitsaufnahme (0,6 %) und einer Temperaturbeständigkeit bis +180 °C. Es widersteht extremen Reinigungsprozessen und ist flexibel als Granulat, Halbzeug oder 3D-Druck-Filament einsetzbar.

Auch bei den „Ewigkeitschemikalien“ (PFAS) agiert Igus vorausschauend: Trotz noch ausstehender EU-Entscheidung bietet das Unternehmen bereits für 70 bis 80 Prozent seiner Gleitlager-Anwendungen PTFE-freie, schmierfreie Alternativen (z.B. iglidur A181-PF). Dies gibt Konstrukteuren schon heute Planungs- und Rechtssicherheit vor drohenden Verboten. Validiert werden diese Materialinnovationen im 5.500 Quadratmeter großen Kölner Testlabor, wo jährlich über 17.000 tribologische Tests die Langlebigkeit und Verschleißfestigkeit der neuen Compounds unter realen Bedingungen garantieren.

E-Mobility Infrastruktur: Ordnung im Depot

Neben Entwicklungen für den Maschinenbau und die Halbleiterproduktion stellte Igus auch Neuheiten für die Infrastruktur der E-Mobilität vor. Christoph Koch, verantwortlich für das e-tract-System, präsentierte ein horizontal installiertes Ladekabel-Speichersystem (verfügbar als DC- und AC-Variante) für Depots und Logistikzentren. Gerade Nutzfahrzeuge mit besonders hohen Energiebedarfen, wie E-Lkw, E-Reisebusse oder E-Linienbusse, profitieren von dieser platzsparenden Lösung. Das modular aufgebaute System lässt sich flexibel auf Traversen oder in bestehende Hallenstrukturen integrieren. Die Leitungen werden dabei oberhalb geführt und elektrisch nur zum Laden in den Rangierbereich abgesenkt.

Ordnung im Depot: Das Ladekabel-Speichersystem e-tract führt Kabel für E-Nutzfahrzeuge bodenfrei. Das schützt effektiv vor Verschleiß, Kollisionen und Vandalismus.(Bild:  Igus SE & Co. KG)
Ordnung im Depot: Das Ladekabel-Speichersystem e-tract führt Kabel für E-Nutzfahrzeuge bodenfrei. Das schützt effektiv vor Verschleiß, Kollisionen und Vandalismus.
(Bild: Igus SE & Co. KG)

„Es gibt keine Bodenberührung, kein Schleifen des Ladekabels und damit deutlich weniger Verschleiß an Leitungen und Steckern“, erläuterte Koch. Das System schafft bodenfreie Rangierflächen für Zustellfahrzeuge und E-Busse und schützt die Ladeinfrastruktur so effektiv vor Kollisionen, Verschleiß und Kabeldiebstahl. Im eingefahrenen Zustand ist das teure Kabel nämlich nicht zugänglich und somit optimal gegen Vandalismus gesichert. Für beengte Umgebungen wie Parkhäuser oder Tiefgaragen bietet Igus das System zudem in einer herunterskalierten AC-Variante an, um auch hier Rangierfreiheit und Sicherheit zu gewährleisten. (mc)

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