Sorgfaltspflichten bei Lieferketten Countdown Lieferkettengesetz: Was Unternehmen jetzt tun sollten

Von Jan Hendrik Sohn *

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Der Countdown läuft: Das Lieferkettensorgfaltsgesetz (LkSG) der Bundesregierung tritt zum 1. Januar 2023 in Kraft. Die Anforderungen an Unternehmen sind komplex. So müssen diese etwa sicherstellen, dass direkten Lieferanten keine Menschenrechte verletzen. Dieser Beitrag informiert, was Unternehmen wissen und tun müssen.

Supply Chain Management: Das Lieferkettensorgfaltsgesetz (LkSG) tritt zum 1. Januar 2023 in Kraft.
Supply Chain Management: Das Lieferkettensorgfaltsgesetz (LkSG) tritt zum 1. Januar 2023 in Kraft.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Mit dem Lieferkettensorgfaltsgesetz (LkSG) wird in Deutschland erstmals eine neue wirtschaftliche Handlungsmoral gefordert und auf eine komplexe Anforderungsebene erhoben, die zurzeit vielen Firmen Kopfzerbrechen bereitet. Der Grund: Ab dem Stichtag müssen Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten sicherstellen, dass ihre direkten Lieferanten keine Menschenrechte verletzen, die Grundsätze der Arbeitssicherheit einhalten und faire Arbeitsbedingungen sicherstellen.

Noch strenger ist das EU-Lieferkettengesetz

In sichtbarer Reichweite liegt zudem das noch schärfere EU-Lieferkettengesetz, dessen Entwurf von der Europäischen Kommission im Februar dieses Jahres vorgelegt wurde. Auch wenn dieser noch nicht verabschiedet wurde, wird das Europäische Sorgfaltspflichtgesetz (Corporate Sustainability Due Dilligence) aller Voraussicht nach als Katalysator wirken und noch mehr Unternehmen noch weitgehender verpflichten, den Nachweis zur Einhaltung noch strengerer Standards auf noch größere Teile ihrer Lieferkette auszudehnen.

Internationale Lieferketten: Transparenz ist gefragt

Der Handlungsbedarf der Unternehmen ist unterschiedlich groß: Größere Unternehmen arbeiten aus Eigeninteresse beispielsweise wegen entsprechender Kundennachfrage seit längerer Zeit daran, ihre Lieferketten transparenter zu gestalten und sich besser auf Krisen vorzubereiten. Dafür haben sie eigene Standards im Sinne einer modernen, nachhaltigen Corporate Social Responsibility (CSR) definiert und sich mit den nötigen digitalen Werkzeugen ausgestattet. Doch was bisher eine Besonderheit von relativ wenigen Unternehmen war, wird jetzt zur gesetzlichen Pflicht: Die Schaffung von Transparenz über die Arbeit mit Lieferanten. Damit hat das deutsche Lieferkettengesetz die Kraft, einen weiteren Modernisierungsschub durch Digitalisierung auszulösen, der zuvor lange vertagt wurde. So sind bereits in der Covid-19-Pandemie neue Schwachpunkte deutlich zutage getreten. Dazu zählen zum einen Datensilos, ineffiziente und teilweise immer noch papiergebundene Prozesse und zum anderen mangelnde Transparenz und zu starke Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten oder Regionen sowie eine insgesamt zu geringe Flexibilität. Unternehmen haben erkannt, dass sie nun doch beziehungsweise deutlich schneller und umfassender auf digitale Lösungen setzen sollten.

Trotz offensichtlicher Herausforderungen bin ich davon überzeugt, dass die Umsetzung des aktuellen Lieferkettensorgfaltspflichtgesetzes nach dem derzeitigen Stand der Technik grundsätzlich möglich und für die meisten Unternehmen auch praktisch realisierbar ist. Der Aufwand und die Kosten lassen sich nur schwer beziffern, da sie stark von der Unternehmensstrategie, dem Geschäftsfeld und dem digitalen Reifegrad der jeweiligen Organisation abhängen. Im Folgenden möchte ich mich auf drei wesentliche Aspekte fokussieren:

1. Externe Daten aggregieren und auswerten

Daten sind das Gold des digitalen Zeitalters. Die meisten Einkäufer informieren sich routinemäßig bei Rating-Anbietern wie Creditreform oder Dun & Bradstreet über die Bonität ihrer Partner und verwenden externe Wetter- und Klimadaten. Die Einbeziehung von CSR- und Umweltrisiken ist vergleichsweise neu. Hier sind es Anbieter wie EcoVadis, die Unternehmen mit eigenen Experten analysieren und bewerten oder wie Tealbook Informationen aus verschiedenen Online-Quellen aggregieren. Riskmethods bietet sogar zusätzlich eine Vielzahl unterschiedlicher Risikoparameter aus anderen Bereichen an. Eines haben alle gemeinsam: Einkäufer können anhand der Informationen prüfen, ob ihre Lieferanten internationale Standards einhalten. Das klingt simpel, doch wie so oft steckt die Tücke im Detail – und zwar in der technisch-organisatorischen Umsetzung, Stichwort manuelles Handling.

Hier helfen beispielsweise die Tools von Ivalua: Über die Spend-Management-Plattform können Organisationen den kompletten Beschaffungsprozess abwickeln und auf einen Blick sehen, von welchen direkten Lieferanten sie bei der Beschaffung bestimmter Waren und Dienstleistungen abhängig sind. Auch deren Partner, also Sub-Lieferanten, lassen sich in unserer Lösung erfassen. Sobald die Daten vorliegen, können Einkäufer per Mausklick ihre gesamte Lieferkette visualisieren. Zu jedem Partner werden Risiko-Informationen von verschiedenen Drittanbietern ergänzt, sodass eine umfassende Bewertung von Lieferanten und Sub-Lieferanten möglich wird. Sie werden unter anderem farblich mit Details zu ihrer CSR-Leistung gekennzeichnet. Damit dies jedoch funktioniert, müssen Organisationen wissen, mit welchen Partnern ihre direkten Lieferanten zusammenarbeiten. Dazu ist ein umfassender Informationsaustauch notwendig, der Stand heute in den meisten Unternehmen noch nicht gegeben ist.

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2. Transparenz und effizientes Risikomanagement sicherstellen

Für Organisationen mit internationalen Lieferketten ist die Anzahl der Risiko-Parameter inzwischen so hoch, dass eine Auswertung ohne technische Unterstützung nicht mehr möglich ist. Die meisten Datenanbieter verfügen über eine eigene Software, sodass eine umfassende Risikobewertung fast immer zusätzliche manuelle Schritte erfordert. Dies gilt auch für automatisierte Regeln und Prozesse innerhalb bestehender ERP-Software: Aufgrund der mangelnden Integrationsmöglichkeiten für externe Risikoinformationen lassen sich Freigaben, Sperrungen oder Warnmeldungen nur zeitversetzt aktivieren und müssen regelmäßig manuell nachjustiert werden. Dies kostet wertvolle Zeit und verlangsamt sowohl den Sourcing-Prozess als auch die Lieferantenauswahl. Zudem senkt es die künftig erforderliche erhöhte Flexibilität, denn Einkäufer können auf bekannt gewordene Menschenrechtsverletzungen oder Krisenereignisse wie Covid-19 nur stark verzögert reagieren. Was hilft? Um diese Herausforderung zu meistern, ist eine Digitalisierung des Source-to-Pay-Prozesses notwendig – und zwar möglichst rasch.

3. Zusammenarbeit mit Lieferanten verbessern

Obwohl wir noch mit dem deutschen Lieferkettensorgfaltsgesetz beschäftigt sind, rückt das EU-Lieferkettengesetz in greifbare Nähe. Die Herausforderung liegt nicht allein in der digitalen Transformation, wie sie sich beispielsweise in Form eines digitalen Risikomanagements und der Digitalisierung des Einkaufs zeigt, oder auch in der Neubewertung von Partnerschaften. Es geht um viel mehr, um Ganzheitlichkeit. Denn: Um das angestrebte neue Maß an Transparenz in internationalen Lieferketten zu erreichen, das zu CO2-Reduktion, Nachhaltigkeit, fairen Arbeitsbedingungen und besseren Einkaufsentscheidungen führen soll, müssen Unternehmen einen holistischen Ansatz verfolgen.

Die Digitalisierung der Einkaufsprozesse ist eine notwendige Voraussetzung, um mit den passenden Technologien die Einhaltung von Vorschriften auf Seiten ihrer Lieferanten kontinuierlich im Auge behalten zu können. Dazu muss eine regelmäßige und intensive Kommunikation mit Zulieferern stattfinden. Außerdem müssen Partner mit überdurchschnittlichen Arbeitspraktiken erkannt, Nachbesserungen angeregt oder die Zusammenarbeit im Extremfall auch eingestellt werden. Das erfordert einen smarten Ansatz für die Beschaffung, der die Zusammenarbeit mit den Lieferanten erleichtert und Erkenntnisse über die Einhaltung von ESG-Standards liefert sowie internationale Lieferketten kontinuierlich verbessert. Außerdem müssen Organisationen die Zusammenarbeit mit Lieferanten verbessern und Partnerschaften dringend auf ein neues Level bringen. Unter dem derzeit vorherrschenden Preisdruck werden diese Veränderungsprozesse nicht im erforderlichen Maße möglich sein. Hier sollten Unternehmen ernsthaft nachdenken, ob sie zugunsten von mehr Transparenz nicht auf den einen oder anderen Cent verzichten können.

Fazit: Das LkSG ist nur die Vorstufe des umfassenderen EU-Sorgfaltspflichtengesetzes

Technik hilft, ist allein aber kein Erfolgsgarant. Vor allem das unternehmerische Mindset muss stimmen. Nachhaltigkeit in Lieferketten ist schon seit längerem kein Nischenthema mehr, sondern wird von Kundinnen und Kunden nachgefragt und ist in der Mitte der globalen Gesellschaft angekommen – und damit auch in der (deutschen) Wirtschaft. Doch Lieferkettengesetze müssen vom Ziel her verstanden und sukzessive umgesetzt werden. Außerdem sollten Organisationen schon heute nach Wegen suchen, wie sie künftig partnerschaftlicher mit ihren Lieferanten zusammenarbeiten können. Der Countdown für Deutschland läuft: Bis 2023 ist nicht mehr viel Zeit.

* Jan Hendrik Sohn ... ist Vice President DACH und CEE bei Ivalua.

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