Globale Neuordnung der Halbleiterindustrie Chiphersteller wenden sich von China ab

Von Henrik Bork*

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Andauernde Lockdowns, knallharte Null-Covid-Politik, zunehmende Überwachung und geopolitische Spannungen: Die Situation in China wird auch für Unternehmen immer ungemütlicher. Halbleiterunternehmen wenden sich daher von dem Land ab, wenn sie neue Standorte suchen. Gewinner sind südostasiatische Staaten wie Singapur, Vietnam, Malaysia und Thailand.

Erweiterung: In direkter Nachbarschaft zu seiner Fab 12i (im Bild) baut UMC eine weitere 300-mm-Chipfabrik in Singapur. Ihr Name: Fab12i P3. Diesem Beispiel folgen immer mehr Halbleiterproduzenten, die Standorte in süostasiatischen Ländern außerhalb Chinas planen, bereits bauen oder erweitern.
Erweiterung: In direkter Nachbarschaft zu seiner Fab 12i (im Bild) baut UMC eine weitere 300-mm-Chipfabrik in Singapur. Ihr Name: Fab12i P3. Diesem Beispiel folgen immer mehr Halbleiterproduzenten, die Standorte in süostasiatischen Ländern außerhalb Chinas planen, bereits bauen oder erweitern.
(Bild: UMC)

Zunehmende geopolitische Spannungen, der Wunsch nach resilienteren Lieferketten und viele weitere Faktoren lassen Unternehmen aus der Halbleiterindustrie nach neuen Standorten suchen – und immer häufiger entscheiden sie sich nicht für China, sondern für Südostasien. Singapur, Vietnam, Malaysia und Thailand profitieren momentan deutlich von der globalen Neuordnung einer Industrie, deren bisherige Lieferketten und Pläne von dem Technologiekrieg zwischen Washington und Peking sowie der zunehmend selbstzerstörerischen „Null-Covid“-Politik des chinesischen Quasi-Diktators Xi Jinping erschüttert worden sind.

Singapur, mit seiner stabilen, wirtschaftsfreundlichen Regierung und seinem relativ großen Pool an gut ausgebildeten Arbeitern und Ingenieuren, ist bei diesem Trend an erster Stelle zu nennen. In dem Land, das auch für seinen relativ guten Schutz von geistigem Eigentum bekannt ist, werden bereits 11 Prozent aller weltweit verbrauchten Chips gefertigt und rund ein Fünftel aller Maschinen und Anlagen der globalen Halbleiterindustrie gebaut.

Übersicht der Halbleiterunternehmen, die sich zunehmend in südostasiatischen Ländern engagieren.
Übersicht der Halbleiterunternehmen, die sich zunehmend in südostasiatischen Ländern engagieren.
(Bild: Asia Waypoint)

Foundries suchen Alternativen zu China und Taiwan

GlobalFoundries hat dieses Jahr die Ausweitung seiner Produktion in Singapur angekündigt und wird vier Milliarden US-Dollar neu dafür ausgeben. Wenn die neuen Kapazitäten fertig gebaut sein werden, wird die US-amerikanische Foundry 1,5 Millionen 300-mm-Wafers pro Jahr in Singapur produzieren können.

Auch taiwanesische Chip-Konzerne, allen voran TSMC, der weltgrößte Auftragshersteller von Halbleitern, sehen sich von dem Boykott-Druck aus Washington gegenüber China und dem militärischen Säbelrasseln aus Peking genötigt, nicht mehr wie bislang fast ausschließlich in Taiwan oder auf dem chinesischen Festland zu investieren.

Nachfrage nach 5G- und Automotive-Chips ungebrochen

Wie der US-amerikanische Chip-Experte Chris Miller, Autor des Buches “Chip War” kürzlich in der Financial Times schrieb, erwägt TSMC den Bau eines Werkes in Singapur. Das ist allerdings von dem Unternehmen noch nicht bestätigt worden.

UMC aber, eine weitere Foundry aus Taiwan, hat im Februar dieses Jahres bereits angekündigt, seine Produktion in Singapur auszuweiten und investiert dafür fünf Milliarden US-Dollar. In der Nähe einer bereits existierenden Fab in Pasir Ris sollen ab Ende 2024 monatlich 22- und 28-Nanometer-Chips gebaut werden, um die wachsende Nachfrage nach 5G- und Automotive-Chips bedienen zu können, berichtet das chinesische Fachmedium Bandaoti Hangye Guancha. Sobald die neue Fabrik fertig ist, sollen dort monatlich 30.000 Wafern pro Monat gefertigt werden können.

Zentrale Bedeutung der Halbleiterindustrie frühzeitig erkannt

In Singapur hatte die Regierung früher als in anderen Ländern die zentrale Bedeutung der Halbleiterindustrie als Anker für die High-Tech-Fertigung und die Elektronikindustrie insgesamt erkannt. Mit steuerlichen Anreizen und einem professionellen regulatorischen Rahmen hat es bereits viele Multis angelockt.

Infineon hat hier sein Hauptquartier für Asien. Multis wie Siltronic und die bereits erwähnten GlobalFoundries und die United Microelectronics Corporation (UMC) haben in den vergangenen Jahren bereits Milliarden in hochmoderne Fabriken in Singapur investiert.

Singapur: Zehntausende Menschen arbeiten bereits in der Chipindustrie

Schon 33.000 Menschen arbeiten in Singapur in der Halbleiter-Industrie, Tendenz steigend. Auch OSAT-Firmen wie ASE und JCET sind hier aktiv. Das bereits gut entwickelte Chip-Ökosystem in Singapur, das von vielen agilen Startups bis in die obersten Regionen der Wertschöpfungskette von Foundries und Design-Häusern reicht, macht den Stadtstaat jetzt zu einem der größten Gewinner des globalen Stühlerückens in der Industrie.

Der deutsche Technologie-Konzern Bosch baut ein neues Testing-Zentrum im benachbarten Malaysia. Dort, in Penang, entsteht gerade überhaupt eine Art „Silicon Valley des Ostens“. Bosch will dort noch in diesem Jahr mit dem Testen von fertigen Chips und Sensoren beginnen.

Auch Anlagen für Chip-Packaging und -Testing werden hochgezogen

Auch ASE, das grosse taiwanesische Unternehmen für Chip-Montage und -Testing, hat gerade am 10. November den ersten Spatenstich für ein große neue Montage- und Testing-Anlage in der dortigen Industriezone Bayan Lepas gefeiert. Ein Fokus liegt hier bei ASEM, also „ASE Malaysia“, auf dem Packing von Kupferklemmen und Image-Sensoren.

Stichwort Malaysia: Infineon hat Mitte Juli im dortigen Kulim ebenfalls den Spatenstich für eine neue Produktionsanlage für die neue Generation von Sic- und GaN- Leistungshalbleitern gefeiert. Diese neue Fabrik der Münchener soll im dritten Quartal 2024 stehen.

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Lam Research ist der erste Ausrüstungs-Hersteller für die Waferproduktion, der ein Werk in Malaysia baut, in Batu Kawan. Analysten sagen voraus, dass Lam Research künftig ein Drittel seiner gesamten Produktionskapazität in Malaysia besitzen wird.

Japanische Hersteller bevorzugen Thailand

Den Japanern, darunter Sony, Rohm, Murata, Toshiba und Kyocera, gefällt es vor allem in Thailand. Alle haben dort bereits Fabs gebaut, genau wie NXP, Western Digital und Microchip Technology. Am 13. November hat Sony den Bau eines neuen Chipwerks in Thailand angekündigt. Für seine Automotivechips hatte der japanische Hersteller bisher sowohl die Frontend-, als auch die Backend-Fertigung in Japan gemacht, verlagert letztere aber nun nach Thailand und behält nur noch die Frontend-Produktion daheim in Japan. Auch Murata expandiert in Thailand.

Vietnam ist es in jüngster Zeit ebenfalls gelungen, einige große Namen aus der Halbleiter-Industrie anzulocken. So hat Samsung Ende August dieses Jahres beispielsweise angekündigt, 3,3 Milliarden US-Dollar in die Ausweitung seines Halbleiter-Geschäfts in Vietnam zu investieren. Im Norden des Landes sollen ab Juli 2023 FC-BGA-Halbleiter-Packing-Substrate hergestellt werden. Der südkoreanische Hersteller Hana Micron baut seine Produktion in Vietnam ebenfalls schnell aus.

Zuviel Bürokratie, zu wenig Fachkräfte in Vietnam?

Doch obwohl die vietnamesische Regierung an dem globalen Wettrennen um Steueranreize teilnimmt und auch andere Vorteile für die Halbleiterindustrie bereitstellt – etwa Land zu reduzierten Kosten – gibt es auch kritische Analysten. Es gebe nicht genügend gut ausgebildete Arbeitskräfte in Vietnam, schon jetzt sei ein heftiger Wettbewerb unter den Unternehmen der Halbleiterbranche ausgebrochen, ist in gut recherchierten Berichten zu lesen. Auch sei die Bürokratie in der „sozialistischen Republik“ Vietnam oft ebenso schwerfällig und unberechenbar wie in der Volksrepublik China, heißt es.

Doch trotz solcher Probleme und Engpässe hat auch Intel-CEO Gelsinger angekündigt, seine Investitionen in Vietnam weiter zu erhöhen. Intel hat bereits eine Milliarde Dollar in die Chipproduktion und das Testing in Vietnam gesteckt. Durch seine „dynamische Wirtschaft“ und den großen Markt seiner 100 Millionen Einwohner sei Vietnam eindeutig „attraktiv“, so Gelsinger bei einem Treffen mit dem vietnamesischen Ministerpräsidenten Pham Minh Chinh in diesem Jahr.

Südostasien gewinnt bei der globalen Neuordnung der Halbleiterindustrie

Zusammen genommen addieren sich all diese individuellen Unternehmensentscheidungen zu einem klaren Trend: Südostasien gehört klar zu den Gewinnern der an Schwung gewinnenden, globalen Neuordnung in der Halbleiterindustrie.

Wo Zwei sich streiten, freut sich der Dritte – das gilt auch für die Chipfertigung. „Die US-Anstrengungen zur Beschneidung der chinesischen Halbleiterindustrie haben zur Folge, dass viele Unternehmen nun außerhalb Chinas expandieren wollen,“ schreibt die Straits Times in Singapur. Die andauernden, kafkaesken Corona-Lockdowns der kontrollbesessenen chinesischen Staatsführung rund um Parteichef Xi Jinping beschleunigen diesen Trend nun noch weiter. (me)

* Henrik Bork ist Analyst bei Asia Waypoint, einem auf den asiatischen Markt fokussierten Beratungsunternehmen in Peking.

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