Wegen möglichem chinesischem Einfluss Britische Regierung: Nexperia muss Newport Wafer Fab verkaufen

Von Michael Eckstein

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Die britische Regierung drängt den niederländischen Chiphersteller Nexperia, seine Wafer-Fab in Newport zu verkaufen. Offenbar hat man erst jetzt, lange nach dem Verkauf von Nexperia an ein chinesisches Unternehmen, Bedenken entwickelt, dass nationale Sicherheitsinteressen betroffen sein könnten.

Zankapfel: Erst durfte Nexperia die Newport Wafer Fab (NWF) in Wales übernehmen, jetzt soll es auf Drängen der britischen Regierung mindestens 86 Prozent der Anteile daran wieder verkaufen.
Zankapfel: Erst durfte Nexperia die Newport Wafer Fab (NWF) in Wales übernehmen, jetzt soll es auf Drängen der britischen Regierung mindestens 86 Prozent der Anteile daran wieder verkaufen.
(Bild: Nexperia)

2021 hat der niederländische Chiphersteller Nexperia die „Newport Wafer Fab“ in England gekauft. Konkret hat es 86 Prozent der Anteile an der Fabrik übernommen – 14 Prozent hielt es vorher schon. Damit wurde Nexperia vom Minderheits- zum Volleigentümer der Fab. Offenbar hat man in der britischen Regierung nun noch einmal etwas genauer hingeschaut und entdeckt, dass Nexperia nicht nur eine Ausgründung von NXP Semiconductor ist, die sich auf diskrete Bauelemente, Logikbausteine und MOSFETs spezialisiert hat – sondern 2016 an ein chinesisches Konsortium verkauft wurde und nun eine Tochtergesellschaft des in Shanghai börsennotierten Halbleiterherstellers Wingtech ist. Wingtech wiederum ist teilweise in staatlichem Besitz und somit Teil der chinesischen Staatsdoktrin, unabhängig(er) von Chip-Importen zu werden.

Nun befürchtet die britische Regierung, dass durch die Übernahme der Wafer-Fab nationale Sicherheitsinteressen gefährdet sein könnten – und zieht die Notbremse: Über ein Jahr nachdem es die Kontrolle über die Fabrik übernommen hat, soll Nexperia nun mindestens 86 Prozent seiner Anteile an der Newport Wafer Fab verkaufen. Diese ist die größte Wafer-Fabrik im vereinigten Königreich. Allerdings fertigt sie mit alter 180-nm-Technologie, die Produktionskapazität ist mit monatlich 32.000 8-Zoll-Wafern verhältnismäßig gering. Hier gibt es durchaus Parallelen zum Fall des deutschen Chipherstellers Elmos.

Galliumnitrid-Verbindungshalbleiter im Fokus

Die britische Regierung erklärte, es bestehe ein nationales Sicherheitsrisiko im Zusammenhang mit den Aktivitäten der Fab im Bereich der strategisch wichtigen Verbindungshalbleitertechnologie an diesem Standort und der Möglichkeit, dass diese Aktivitäten britische Fähigkeiten untergraben könnten. Dahinter könnte der Umstand stecken, dass Nexperia Feldeffekt-Transistoren auf Basis von Galliumnitrid-(GaN-)Substraten fertigt – und diese Produkte Exportkontrollen im Rahmen des Wassenaar-Abkommens unterliegen. Schließlich könnten sie neben zivilen auch militärischen Zwecken dienen (Dual-Use).

Laut Anordnung könnte die Lage des Standorts auch den Zugang zu technologischem Fachwissen in der Region Südwales erleichtern und verhindern, dass diese Region an künftigen Projekten beteiligt wird, die für die nationale Sicherheit relevant sind. In der Anweisung heißt es: „Der Staatssekretär ist der Ansicht, dass die endgültige Anordnung notwendig und angemessen ist, um das Risiko für die nationale Sicherheit zu mindern.“

Nexperia will gegen Anordnung ankämpfen

Nexperia seinerseits erklärte, dass es die vorgebrachten nationalen Sicherheitsbedenken nicht akzeptiere. Schließlich hätten zwei frühere Sicherheitsüberprüfungen keine nationalen Sicherheitsbedenken ergeben, die eine Blockierung des Erwerbs gerechtfertigt hätten. „Wir sind schockiert. Die Entscheidung ist falsch, und wir werden Berufung einlegen, um die Veräußerungsanordnung aufzuheben“, sagte Toni Versluijs, britischer Country Manager von Nexperia. Man befürchtet, dass die rund 600 Jobs am Standort Newport nun auf der Kippe stehen.

Nach Angaben des Unternehmens habe man im Mai 2022 aus öffentlichen Medienberichten erfahren, dass der britische Staatssekretär für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie (BEIS, Business, Energy and Industrial Strategy) von seiner gesetzlichen Befugnis Gebrauch macht, die im Juli letzten Jahres angekündigte Übernahme von NWF rückwirkend zu blockieren. Möglich macht dies das neue Gesetz über nationale Sicherheit und Investitionen (National Security and Investment Act), das im Januar 2022 in Kraft getreten ist.

Nun habe sich die britische Regierung entschieden, „nicht in einen sinnvollen Dialog mit Nexperia einzutreten oder gar den Standort Newport zu besuchen. Mehr als 500 Beschäftigte in Newport haben ihre eigenen erheblichen Bedenken gegen eine solche Veräußerung geäußert – die Regierung hat sich entschieden, nicht auf sie zu hören und stattdessen diese Entscheidung zu treffen, die den Lebensunterhalt von ihnen und ihren Familien sowie mehr als 100 Millionen Pfund Steuergelder völlig unnötig aufs Spiel setzt“. Nexperia werde die Anordnung nun anfechten und alles tun, um das Werk zu erhalten und seine Beschäftigten in Südwales zu schützen.

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Bewegte Historie der Newport Wafer Fab

Die Wafer-Fab hat eine bewegte Vergangenheit: Errichtet hat sie der britische Halbleiterhersteller Inmos im Jahr 1980. Für den Bau hatte das Unternehmen stattliche Subventionen eingestrichen. Gefertigt wurde hier unter anderem der 1983 vorgestellte Transputer, ein Parallelrechner mit integrierter Kommunikationshardware. Das Konzept konnte sich allerdings nicht durchsetzen, sodass Inmos letztlich scheiterte.

Nexperia – selbst eine Abspaltung des Produktbereichs für diskrete Bauelemente, MOSFETs und Analog- und Logikbausteine von NXP Semiconductor (früher Philips Halbleiter) – war Kunde der Newport Wafer Fab und beteiligte sich 2019 mit 14 Prozent an der Fabrik. Teil des Deal war die Option, die Fabrik zu 100 Prozent übernehmen zu können und zwei Direktorenposten im Vorstand besetzen zu dürfen. Davon machte Nexperia 2021 Gebrauch und kaufte die restlichen 86 Prozent für insgesamt rund 80 Millionen britische Pfund. (me)

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