Obsoleszenz Bewährungsprobe für resiliente Lieferketten im Nahost-Krieg

Ein Kommentar von Jane Enny van Lambalgen* 2 min Lesedauer

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Der Nahost-Krieg hat gravierende Auswirkungen auf international agierende Unternehmen. Die Herausforderungen für die Lieferketten sind immens. Ein Weckruf für Europa.

Internationale Schifffahrt: Nicht nur der Nahost-Krieg ist eine große Herausforderung.(Bild:  Georg_Wietschorke /  Pixabay)
Internationale Schifffahrt: Nicht nur der Nahost-Krieg ist eine große Herausforderung.
(Bild: Georg_Wietschorke / Pixabay)

Der Nahost-Krieg stellt eine Bewährungsprobe für die Resilienz industrieller Lieferketten dar. Nach der Corona-Pandemie haben viele Industrieunternehmen auf Local Sourcing umgestellt, um ihre Abhängigkeit von Zulieferern aus Übersee zu reduzieren. Beim Trump‘schen Zoll-Chaos haben viele dieser Firmen bereits von der Neuausrichtung profitiert. Aber erst der Nahost-Krieg ist die Nagelprobe, wie gut die Regionalisierung der Versorgungsstrukturen tatsächlich gelungen ist.

Derzeit sind praktisch alle relevanten Seewege zwischen Asien und Europa blockiert sind: die Straße von Hormus, der Persische Golf, der Golf von Oman, das Rote Meer einschließlich Bab al-Mandab als einziger südlicher Zugang zum Suezkanal und der Suezkanal selbst. Die Umleitung über das Kap der Guten Hoffnung ist mit zehn Tagen bis zwei Wochen längerer Transitzeit verbunden. Bei den Frachtraten ist mit Steigerungen von 30 bis 60 Prozent zu rechnen – auch im Luftfrachtverkehr, der ebenfalls stark in Mitleidenschaft gezogen ist. Neben höheren Kosten und deutlichen Verzögerungen stellt die Überlastung der Häfen ein riesiges Problem dar. Es herrscht ein Lieferketten-Chaos, das zu Produktionsstopps und höheren Endverbraucherpreisen bei vielen Produkten führen wird.

Weckruf für Europa

Für die europäische Politik sollte der Nahost-Krieg ein Weckruf sein, die interkontinentale Energieabhängigkeit zu reduzieren. Ähnlich wie die Rolle von Starlink im Ukraine-Krieg ein Aufbruchsignal für die europäische Satelliten- und Raumfahrtbranche war, sollte der aktuelle Flächenbrand im Nahen Osten ein Weckruf für die europäische Energieversorgung und Industrieproduktion werden. Dabei sollte neben dem Ausbau der Erneuerbaren Energien auch eine Rückkehr zur Kernkraft nicht ausgeschlossen werden, insbesondere in Deutschland.

Local Sourcing ist die Empfehlung für die Industrie, denn die Besinnung auf Zulieferer vor Ort oder jedenfalls auf dem eigenen Kontinent erhöht nicht nur die Resilienz gegenüber geopolitischen Störungen, sondern senkt auch die Kosten. Zudem ist die lokale Beschaffung gut für die Umwelt.

Allerdings kann es für viele mittelständische Unternehmen, die oft tief in globalen Nischenmärkten verankert sind, ein langwieriger und teurer Prozess sein, neue Zuliefererbeziehungen aufzubauen und unter Umständen sogar eigene Produktionsstätten zu verlagern. Dennoch ist die Re-Regionalisierung von Lieferketten der strategisch beste Weg, um sich mehr Unabhängigkeit von geopolitischen Unsicherheiten zu verschaffen.

Digitaler Zwilling als Grundlage für faktenbasierte Entscheidungen

Als zweite wichtige Lehre aus Corona, die sich angesichts des aktuellen Kriegs im Nahen Osten leider bewahrheitet hat, ist die Einrichtung eines digitalen Zwillings. Dabei handelt es sich um eine digitale 1:1-Simulation der Fertigung und der Supply Chain. Anhand eines digitalen Zwillings lässt sich jederzeit durchspielen, welche konkreten Auswirkungen aktuelle Krisen von Zöllen bis Kriegen auf die eigene Versorgungslage und die Produktion haben. So erhält die Unternehmensführung binnen kürzester Zeit verlässliche Daten als Grundlage für faktenbasierte Entscheidungen.

Die aktuelle Entwicklung im Nahen Osten zeigt erneut, dass Resilienz in Lieferketten nicht nur ein Nice-to-have, sondern eine absolute Notwendigkeit ist. Die deutsche Industrie steht vor der Aufgabe, die Vorteile ihrer globalen Vernetzung weiterhin zu nutzen, gleichzeitig aber strategische Abhängigkeiten zu reduzieren.  (mk)

* Jane Enny van Lambalgen ist CEO der Beratungs- und Managementfirma Planet Industrial Excellence.

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