Die europäischen Halbleiterhersteller sind führend bei der Herstellung von Automobil-Chips. Bisher dominieren Infineon, ST und NXP ein Drittel des weltweiten Marktes. Derzeit leiden sie massiv unter der zyklischen Krise der Automobilindustrie. Sind Stellenstreichungen wie die 1.400 bei Infineon der Ausweg aus dem Dilemma?
Warum die Automobilkrise die europäischen Chip-Fabrikanten ins Minus treibt.
Autos sind für Halbleiterhersteller eine Goldgrube. In einem modernen Verbrenner sind über 1.000 Halbleiter verbaut. Im Elektroauto reicht es sogar an die 3.000 Chips heran. Tendenz steigend.
Daran partizipieren auch die europäischen Chipfabrikanten Infineon, STMicroelectronics und NXP, die übrigens weltweit führend bei der Herstellung von Halbleitern für die Automobilindustrie sind und mehr als ein Drittel des weltweiten Absatzes dominieren.
Bei allen sind die Umsätze (und Gewinne) jedoch aufgrund der Elektroauto-Verkaufsdelle massiv eingebrochen. ST hat kürzlich ein Minus von 27 Prozent offenbart,, was auch mit dem starken Gewinneinbruch bei Tesla, dem größten Kunden, zusammenhängt. Auch Infineon und NXP haben an fehlenden Aufträgen aus der Automobilindustrie zu knappern.
Einzig NXP-Chef Kurt Sievers glaubt derzeit, dass die Talsohle des zyklischen Automobilgeschäfts bereits überwunden sei. Alle anderen wollen erst einmal sparen.
„In einem nach wie vor herausfordernden Marktumfeld behauptet sich Infineon weiterhin gut“, betont Hanebeck. Problematisch wären die hohen Lagerbestände bei den Automobilisten. Am Aufbau dieser Lagerbestände hatte man in den Jahren nach Corona allerdings nicht schlecht verdient.
Hanebeck erklärt weiter: „Neben dem Management des aktuellen Nachfragezyklus arbeiten wir im Rahmen unseres Strukturverbesserungsprogramms „Step Up“ weiter an der Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit.“ Das heißt übersetzt massive Stellenstreichungen: weltweit 1.400 und die Verlagerung von weiteren 1.400 Stellen ins Ausland. Ein Schock. In Deutschland sollen es 800 Stellen sein.
Von der Vorzeigefabrik in Regensburg nach Kulim
Ein betroffener Standort ist Regensburg. Hier wurde einst eine Hightech Vorzeigefabrik gebaut und gerühmt, die u.a. 60-GHz-Radar-Chips für das autonome Fahren herstellt und einhaust. Mit einem ausgeklügelten Verfahren namens eWLB (embedded Wafer Level BGA). Jetzt ist die Produktion zu teuer und die Anlagen veraltet.
Auf der anderen Seite beginnt Infineon am 8. August 2024 in Kulim, Malaysia, offiziell die erste Produktionsphase einer neuen, in der Corona-Zeit geplanten Fabrik, die die weltweit größte und wettbewerbsfähigste 200-mm-Fabrik für Leistungshalbleiter aus Siliziumkarbid (SiC) werden soll. Hier schafft Infineon insgesamt 4.000 Jobs, davon 900 hochqualifizierte Arbeitsplätze bereits in der ersten Phase.
Nach Kulim gelockt haben Unternehmensangaben zufolge Kundenzusagen in Höhe von rund fünf Milliarden Euro für neue Design-Wins in den Bereichen Automobil und Industrie sowie Vorauszahlungen von rund einer Milliarde Euro.
Natürlich wird die hocheffiziente und vollautomatisierte 200-mm-SiC-Fabrik (inklusive GaN-Epitaxie) die Position von Infineon als Weltmarktführer bei Leistungshalbleitern stärken. Das Marktpotenzial ist immens, aber der Wettbewerb ist hart. „Daher müssen wir Maßnahmen ergreifen, um unsere Position als Marktführer bei Leistungshalbleitern zu halten. Zu diesem Zweck ist die 200-mm-Großserienfertigung in Kulim einer der wichtigsten Bausteine: Hier werden wir Größenvorteile erzielen, die alles übertreffen, was wir bisher aus anderen Regionen der Welt kennen“, erklärt Peter Friedrichs, Fellow SiC Innovation and Industrialization bei Infineon.
Die hochmoderne Fabrik ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Infineon bezeichnet sie als „One Virtual Fab“ für Wide-Bandgap-Technologien. Dahinter verbirgt sich, dass Kulim eng mit dem Infineon-Standort in Villach, Österreich, synchronisiert ist. „Kulim und Villach verhalten sich wie Geschwister“, erklärt Thomas Reisinger, Mitglied des Vorstands der Infineon Austria AG.
Auslaufmodell Deutschland, Asien als Zukunftsmarkt?
Zurück zum Dilemma nach Deutschland. Bei der Nachfrage nach Automobilhalbleitern sieht Infineon-Chef Hanebeck zwei entgegengesetzte Kräfte: Die schon erwähnte Korrektur der Lagerbestände sowie den strukturell steigenden Halbleiterwert pro Fahrzeug. In diesem Nachfrageumfeld erwarte man für das Automotive-Geschäft im Geschäftsjahr 2024 weiterhin ein Umsatzwachstum von rund 3 Prozent.
Stand: 08.12.2025
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Man befinde sich derzeit „in einer Phase der Bodenbildung. ... Der größte Teil der Korrektur liegt hinter uns, aber eine vollständige Erholung ist noch nicht in Sicht“, erklärt Hanebeck.
„Wir wollen unsere Kostenstruktur verbessern, ohne Chancen im Markt liegen zu lassen“, rechtfertigt sich Hanebeck. „Derzeit bereiten wir die Umsetzung der Programmmaßnahmen in den Bereichen Fertigungsproduktivität, Portfoliomanagement, Preisqualität und Betriebskosten-Optimierung vor“. Das Ziel sei ein positiver Effekt auf das Ergebnis im Automotive-Sektor „im Wert eines hohen dreistelligen Millionen-Euro-Betrags pro Jahr“ mit Effekt in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2027.
Stellen massiv in Deutschland zu streichen liegt leider im Trend.
ZF: 14.000
Bosch: 1.500
Infineon: 1.400
Tesla: 400
SAP: 10.000
Was bleibt von den medial so hoch beschworenen und hochgelobten Halbleiterinitiativen für den Standort Deutschland, für den Standort Europa? Das europäische Chip-Gesetz ist in Kraft getreten. Milliarden sind geflossen. War das genug? Hat es die einheimischen Chipfabrikanten in Europa gehalten? Hat es Investoren angezogen?
Intel kommt nach Magdeburg, vielleicht, vielleicht aber auch eher nicht. Schlechte Geschäfte und weltweit 15.000 Stellenstreichungen sind Stand der Dinge. Subventionen fließen trotzdem reichlich. Wolfspeed will ins Saarland mit Partner ZF. Aber die zugesagte Förderung reicht dem Unternehmen bisher nicht.
Immerhin legt TSMC in Dresden (mit Infineon, Bosch und NXP im Schlepptau) schon im August 2024 los. AMD ist da und auch Global Foundries – ganz ohne finanzielle Anreize seitens des deutschen Staates. Und auch Infineon investiert weiter in Dresden, hier sollen 1.000 Stellen geschaffen werden. Das sind zwar nicht unbedingt Automotive-Chips, die dort produziert werden, aber trotzdem ein Silberstreifen am Horizont? (kr)