Aufstieg, Rückschläge, Neubeginn Vom Siemens-Spin-off zum Weltmarktführer: Die Stationen von Infineon

Von Antonio Funes 7 min Lesedauer

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Infineon hat seit dem Spin-off von Siemens eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, die geprägt war von Krisen, Rekorden und strategischen Neuausrichtungen. Wir werfen einen Blick auf zentrale Meilensteine des größten deutschen Halbleiterherstellers.

Begutachtung eines 300-mm-Wafers in Dresden.(Bild:  Infineon Technologies)
Begutachtung eines 300-mm-Wafers in Dresden.
(Bild: Infineon Technologies)

Der wohl bekannteste Halbleiterhersteller Deutschlands ist Infineon. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere noch an den medial stark begleiteten Aktiengang von Infineon im Jahr 2000 mit dem damaligen Vorstandschef Ulrich Schumacher. Der Anlass dafür war die Ausgliederung der Halbleitersparte aus dem Mutterkonzern Siemens im Jahr 1999 und damit einhergehend die Benennung der dabei neu entstandenen Firma.

Wir schauen uns einige Fakten und historische Punkte von Infineon an, wobei wir nicht streng chronologisch vorgehen. Es gibt nämlich zu viele einzelne Themengebiete, die wir jeweils separat angehen. Den Unternehmenssitz hat Infineon seit Ende 2005 in Neubiberg im sogenannten Campeon-Park. Dieser grenzt unmittelbar an München sowie Unterhaching und beheimatet neben Infineon unter anderem auch Büros der Intel Mobile Communication, die aus einer früheren Infineon-Abteilung hervorging.

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Der derzeitige Infineon-Vorstandsvorsitzende ist seit 2022 Jochen Hanebeck, der bereits seit der Gründung von Infineon mit dabei ist und zuvor ab 1994 für Siemens in der DRAM-Entwicklung tätig war. Der Umsatz von Infineon mit derzeit weltweit über 58.000 Mitarbeitern und zahlreichen Produktionsstandorten lag im Jahr 2024 bei knapp 15 Milliarden Euro.

Die Infineon-Geburtsstunde und Verlauf der Aktienkurse

Was Halbleiterchips angeht, war der Großkonzern Siemens bis weit in die 1990er-Jahre hinein ein wichtiger Player. Im Jahr 1999 beschloss Siemens, die komplette Halbleitersparte auszugliedern. Der Grund hierfür war die aufwendige Finanzierung des als zyklisch geltenden Geschäftes mit Halbleitern. Ein eigenes, aktiennotiertes Unternehmen mit Börsenfinanzierung wurde als vorteilhafter erachtet. Der Name Infineon setzt sich aus den englischen und griechischen Begriffen infinity und aeon zusammen; Unendlichkeit und Zeitalter.

Im März 2000 ging Infineon schließlich an die Börse. 2001 lag der Anteil an Aktien, die noch im Besitz von Siemens waren, bei unter 50 Prozent. Bis zum Jahr 2006 gab Siemens alle Aktien ab. Der Emissionspreis lag bei 35 Euro, der erste Börsenkurs lag aufgrund der hohen Nachfrage bei rund 70 Euro und kletterte kurzfristig über 76 Euro, fiel dann aber schon bis Jahresende rapide ab und lag Anfang 2001 nur noch bei etwa 35 Euro. Bis zum Frühjahr 2009 sank der Kurs, auch wegen der Finanzkrise, bis auf wenige kurze Peaks immer weiter ab, auf zeitweise 0,44 Euro. In den vergangenen zwölf Monaten notierten die Aktien bis auf die Monate April und Mai stets über 30 Euro.

Dresden und Warstein als Werks-Beispiele

Wir machen weiter mit zwei Standorten von Infineon, die vor der Gründung von Infineon bereits existierten und zu Siemens gehörten. Die bis dato größte Fertigungsstätte von Infineon ist in Dresden und hat neben ihrer Größe eine weitere Besonderheit. Denn sie entstand im Jahr 1994, also relativ kurz vor der Gründung von Infineon. Heute gibt es in Dresden mehr als 4.000 Angestellte, die sich auf zwei Standorte in der Stadt verteilen.

Kerngebiet der Fertigungen in Dresden sind Produkte auf Basis von 200-mm- und 300-mm-Wafern. Die Anlagen für die auf 300 mm basierenden Speicherprodukte wurden ab 2001 gebaut und waren damals technologisch weltweit führend. Im Sommer 2026 wird in Dresden die derzeit im Bau befindliche sogenannte Power Fab eröffnen, die Produkte im Bereich der Stromversorgung für KI-Systeme herstellen soll und in die Infineon etwa vier Milliarden Euro investiert hat. Eine weitere Milliarde Euro kommt durch staatliche Förderung dazu. Der Standort Dresden ist wegen seiner Größe, aber auch seiner Historie und der aktuellen Investitionen besonders wichtig. Man kann ihn als eine Art Fundament von Infineon bezeichnen, und zwar bereits seit dem Start von Infineon im Jahr 1999.

Doch natürlich gibt es, da Infineon aus Siemens hervorgegangen ist, noch weitere Standorte, die bereits vor dem Aktiengang von Infineon existierten. Einen zweiten, besonders alten Standort wollen wir hier als Beispiel nennen. Er entstand direkt nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 und liegt in Nordrhein-Westfalen am Rande des Sauerlands in Warstein, aus dem das gleichnamige Bier stammt. Für die Versorgung der Siemens-Mitarbeiter nach Feierabend war also gesorgt. Aber Spaß beiseite: In Warstein arbeiten derzeit über 2.000 Infineon-Angestellte im Bereich der Elektrotechnik-Produkte rund um das Thema erneuerbare Energien. Laut Infineon finden sich Leistungsmodule aus Warstein in sehr vielen Solar- und Windenergieanlagen weltweit; auch in Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen ist Technik aus Warstein im Einsatz.

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Speicherchips: erfolglose Ausgliederung

Wir werfen einen Blick auf das Jahr 2006 und das Geschäft mit Speicherchips, denn hier gab es viel Bewegung in den Anfangsjahren – die Speichersparte blieb nämlich zunächst nur wenige Jahre bei Infineon. Der ein oder andere unserer Leser, der vielleicht für seinen PC oder Laptop in den Jahren nach der Gründung von Infineon neuen Arbeitsspeicher suchte, wird damals schon auf Infineon als RAM-Hersteller gestoßen sein. Im Mai 2006, parallel zum Einzug in den Campeon München, gliederte Infineon aber seine Speicherchip-Sparte aus, wobei eine neue, separate Gesellschaft mit 12.000 Mitarbeitern entstand.

Der Name der neuen Firma war Qimonda. Aktienverkäufe sowie das neue Speicher-Geschäft kamen allerdings nie richtig in Schwung. Im Jahr 2008 hielt Infineon noch immer fast 78 Prozent der Qimonda-Aktien. Am 23. Januar 2009 musste Qimonda am Münchner Amtsgericht Insolvenz anmelden.

Kurz danach begann eine weitere Umstrukturierung, durch die Infineon über einen bis ins Jahr 2011 andauernden Prozess die Sparte Wireless Communications an Intel verkaufte. Hieraus entstand die schon anfangs angesprochene, Intel Mobile Communications, die bis heute im Campeon-Park sitzt. Nötig war der Verkauf nicht zuletzt wegen des gescheiterten Qimonda-Projektes sowie weiterer Umsatzeinbußen und Kostenberge, durch die Infineon 2008 und 2009 insgesamt über 2,5 Milliarden Euro Verlust aufsummierte. Nur durch Anleihen wurde eine Insolvenz von Infineon vermieden.

Mehrere Übernahmen und Großinvestitionen

Nach den finanziellen Schwierigkeiten und dem Verkauf der Wireless Communication-Sparte im Jahr 2011 gelang Infineon ein erfolgreicher Neustart, von dessen positiven Auswirkungen mehrere größere Übernahmen von 2015 bis heute zeugen. 2015 übernahm Infineon für etwa drei Milliarden Dollar International Rectifier, einen kalifornischen Spezialisten für Halbleiter und integrierte Schaltkreise. 2016 kaufte Infineon das Halbleiterunternehmen Innoluce BV. Der geplante Erwerb des US-Halbleiterherstellers Wolfspeed scheiterte 2017 an einem Veto des damals neu gewählten US-Präsidenten Donald Trump.

Die größte bisherige Übernahme und gleichzeitig auch größte Einzelinvestition in der Historie von Infineon fand dann schließlich im Jahr 2020 statt, als Infineon das kalifornische Unternehmen Cypress Semiconductor Corporation kaufte. Durch Informationen aus dem Jahr 2019 geht man von einer Investitionssumme von neun Milliarden Euro aus, was mehr als dem damaligen Jahresumsatz von Infineon entsprach.

Weitere Unternehmensübernahmen gab es 2022 in Form der Industrial Analytics, einem Berliner Start-up, sowie 2023 durch den Kauf von Imagimob, einem schwedischen Spezialisten für maschinelles Lernen, und GaN Systems, einem kanadischen Chiphersteller. Was die Investitionen in das eigene Unternehmen angeht, so hatten wir ja bereits die vier Milliarden Euro für die Power Fab in Dresden erwähnt. Eine zweite große Einzelinvestition fand im österreichischen Villach statt, wo Infineon ab Mai 2018 etwa 1,6 Milliarden Euro für ein neues Halbleiterwerk und Forschungszentrum ausgab – die Bauarbeiten gingen bis zum September 2021. Außerdem eröffnete Infineon 2024 in Malaysia ein Werk, das laut des Unternehmens die leistungsfähigste auf 200-mm-Siliziumkarbid-Wafern basierende Fertigungsanlage ist.

Negative Schlagzeilen

Es gab auch einige Phasen, in denen Infineon von dunklen Wolken umgeben war, und zwar nicht aus normalen Management- oder Marktgründen. 2004 gab Infineon Preisabsprachen rund um DRAM-Speicherchips zu, die in den beiden Anfangsjahren von Infineon 1999 und 2000 stattfanden und wegen der schließlich vier Manager in den USA Gefängnisstrafen antreten mussten. 2005 trat der damalige Infineon-COO Andreas von Zitzewitz zurück, nachdem die Münchner Staatsanwaltschaft Vorwürfe gegen mehrere Infineon-Manager unter anderem wegen Bestechlichkeit erhob.

2010 gab es von der EU-Kommission eine Strafe in Höhe von knapp 56,7 Millionen Euro, ebenfalls wegen Preisabsprachen zu DRAM-Chips. In negative Schlagzeilen geriet Infineon zudem zuletzt im August 2023 im Rahmen des Ukrainekriegs. In Trümmern von russischen Marschflugkörpern wurden Chips entdeckt, die von Infineon stammen und deren Verkauf nach Russland gegen Sanktionen verstoßen würde. Beweise eines Fehlverhaltens von Infineon konnten allerdings bislang noch nicht erbracht werden.

Infineon: vier Pfeiler und Meilensteine

Infineon ist seit vielen Jahren Weltmarktführer bei diskreten Leistungshalbleitern und -modulen. Mittlerweile unterscheidet Infineon vier Unternehmensbereiche, für die Kennzahlen getrennt im Jahresabschluss aufgeführt werden. Der umsatzstärkste Sektor ist dabei der Bereich Automotive mit Chips und Sensoren für die Automobilfertigung, bei denen Infineon 2024 der Weltmarktführer war.

Viel Zukunftspotenzial dürfte der Bereich der Green Industrial Power haben, der Halbleiter für Produkte rund um erneuerbare Energien entwickelt und anbietet. Wirtschaftlich für Infineon essenziell ist der dritte Sektor mit der Bezeichnung Power & Sensor Systems, der für Chips zuständig ist, die für Stromeffizienz und Hochfrequenz-Anwendungen in moderner Unterhaltungselektronik sowie Computern gedacht sind. Der vierte Bereich – Connected Secure Systems – ist auf Controller für SIM-Karten sowie Chips für Ausweiskarten spezialisiert. Infineon ist hierbei unter anderem ein Großlieferant für die in deutschen Personalausweisen integrierten Chips, die schon seit 2005 auch von Infineon stammen. Bei Sicherheits-Schaltkreisen (ICs) ist Infineon mit fast 25 Prozent Marktanteil weltweit die Nummer eins.

In den Jahren 2021 bis 2024 lagen die Jahresumsätze von Infineon zwischen 11 und 16,4 Milliarden Euro bei Vorsteuergewinnen von 1,3 bis 3,9 Milliarden Euro. Infineon-Technik steckt und steckte auch in bemerkenswerten Großprojekten. Unter anderem wurden im französischen TGV, als dieser im Jahr 2007 mit 574,8 Kilometern pro Stunde einen Geschwindigkeitsweltrekord aufstellte, dem Mars-Erkundungsfahrzeug Rover Curiosity (2012) und dem James Webb-Weltraumteleskop (2021) Chips von Infineon verbaut. (sb)

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