Industrielle Bildverarbeitung Wie Flüssiglinsen die Inspektion beschleunigen

Ein Gastbeitrag von Dr. Jürgen Geffe* 4 min Lesedauer

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Bei variierenden Objektabständen stoßen klassische optische Systeme schnell an ihre Grenzen. Flüssiglinsen bieten hier eine verschleißfreie Alternative und schlagen die Brücke zur KI-gestützten Inspektion der Zukunft.

Inspektion: Bei einem robotischen Machine-Vision-System in einer Hightech-Fertigungsumgebung kommt es auf präzise Optiken an. Eine Flüssiglinse kann hier eine Alternative darstellen.(Bild: ©  xiaoliangge - stock.adobe.com)
Inspektion: Bei einem robotischen Machine-Vision-System in einer Hightech-Fertigungsumgebung kommt es auf präzise Optiken an. Eine Flüssiglinse kann hier eine Alternative darstellen.
(Bild: © xiaoliangge - stock.adobe.com)

Bei variierenden Objektabständen oder der Inspektion auf mehreren Ebenen stoßen herkömmliche optische Systeme mit mechanischer Fokusverstellung unweigerlich an ihre Grenzen, denn sie sind zu langsam und verschleißanfällig. Hier bieten Flüssiglinsen eine interessante Alternative: Sie ermöglichen eine schnelle, präzise Fokusanpassung ganz ohne mechanische Bewegung. Vision & Control setzt diese Technologie gezielt ein, um robuste und wartungsfreie Bildverarbeitungssysteme für hochdynamische Prozesse bereitzustellen.

In der Praxis übersetzt sich diese technologische Flexibilität direkt in handfeste Vorteile und hier vor allem in der automatisierten Qualitätskontrolle und Messtechnik. Ein typisches Szenario ist die Inspektion komplexer Bauteile. In diesem Szenario lassen sich unterschiedliche Tiefenebenen ohne mechanische Umstellungen in Millisekunden fokussieren.

Die vielseitigen Einsatzszenarien

Wie groß der Mehrwert von Flüssiglinsen ist, zeigt sich beim Blick auf ganz unterschiedliche Industriezweige. Besonders in flexiblen Fertigungslinien, in denen Bauteile mit variierenden Höhen oder Formen verarbeitet werden, entfallen aufwendige mechanische Justierungen komplett. In der Elektronikfertigung sorgt die dynamische Fokusverlagerung beispielsweise bei der Prüfung von Lötstellen oder bestückten Leiterplatten für eine gleichbleibend hohe Bildqualität. Das ist selbst dann der Fall, wenn die Bauteilhöhen stark schwanken.

Ähnliche Vorteile ergeben sich in der Automobilindustrie: Hier reicht nun eine einzige Kamera aus, um komplexe Strukturen wie Zylinderköpfe oder Getriebekomponenten scharf abzubilden. Aber auch bei anspruchsvollen Oberflächen spielen Flüssiglinsen ihre Stärken aus. So gewährleisten sie in der Verpackungsindustrie das zuverlässige Lesen von Codes auf gewölbten oder unebenen Materialien und ermöglichen in der Pharmabranche die präzise, dynamische Höhenanpassung bei der Prüfung von Blisterverpackungen.

Wie funktioniert eine Flüssiglinse?

Das Prinzip der formvariablen Flüssiglinsen ist von der Bionik inspiriert und ahmt die Funktionsweise des menschlichen Auges nach. Das Herzstück der Technologie, wie bei den hier eingesetzten Modulen von Optotune, bildet dabei ein Behältnis, das mit einer optischen Flüssigkeit (Polymer) gefüllt und mit einer hochelastischen Membran versiegelt ist.

Ein elektromagnetischer Aktor (Voice-Coil-Antrieb) drückt einen Ring auf diese Membran. Wird die elektrische Stromstärke verändert, variiert der Druck des Rings. Dadurch wird die Flüssigkeit in die Mitte gedrängt, was die Wölbung der Membran verändert. Der Clou: Durch diese Veränderung der Krümmung – von konkav über flach bis konvex – lässt sich die Brennweite der Linse stufenlos anpassen. Da hierbei keine klassischen Glaslinsenelemente mechanisch auf einer Achse verschoben werden müssen, arbeitet das System weitestgehend reibungs- sowie verschleißfrei und erreicht Reaktionszeiten im Millisekundenbereich.

Eine nahtlose Integration

Bild 1: Das telezentrische Objektiv mit dem Namen „vicotar“ und einer integrierten Flüssiglinse.(Bild:  Vision & Control)
Bild 1: Das telezentrische Objektiv mit dem Namen „vicotar“ und einer integrierten Flüssiglinse.
(Bild: Vision & Control)

Technologisch basieren die hier integrierten Flüssiglinsen des Herstellers Optotune auf einer flexiblen Membran, die ihre Krümmung durch das Anlegen einer elektrischen Spannung verändert und so den Fokus anpasst. Da dies innerhalb von Millisekunden geschieht, sind die Reaktionszeiten im Vergleich zu herkömmlichen mechanischen Systemen extrem kurz. Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, integriert die Bildverarbeitungsplattform „vicosys“ die Ansteuerung der Flüssiglinsen nahtlos und ermöglicht eine softwaregesteuerte Fokusverlagerung in Echtzeit.

Mit speziellen Systembefehlen lässt sich der Fokuspunkt automatisch setzen und präzise auslesen. Das sorgt nicht nur für eine lückenlose Dokumentation und Prozesskontrolle, sondern vereinfacht auch die Hardwarearchitektur: Da separate Steuergeräte überflüssig werden, lässt sich die Lösung deutlich leichter in bestehende Produktionsumgebungen implementieren.

Passgenaue Flüssiglinsen-Lösungen aus einer Hand

Bild 2: Die Flüssiglinse von Optotune verändert ihre Krümmung durch elektrische Spannung und ermöglicht so das Scharfstellen in Millisekunden.(Bild:  Vision & Control)
Bild 2: Die Flüssiglinse von Optotune verändert ihre Krümmung durch elektrische Spannung und ermöglicht so das Scharfstellen in Millisekunden.
(Bild: Vision & Control)

Um solche Systeme erfolgreich in die Praxis zu bringen, begleitet Vision & Control Anwender ganzheitlich. Das beginnt beim Engineering und reicht bis zur Fertigung. Die Basis dafür bildet ein breites Spektrum an telezentrischen Mess- und Großfeldobjektiven, Mikroskop- sowie entozentrischen Objektiven. Gepaart mit kundenspezifischen Optikentwicklungen und präzisen Hardware-Anpassungen lassen sich auch hochkomplexe individuelle Anforderungen mit einer extrem kurzen Time-to-Market realisieren.

Photonik und KI wachsen zusammen

Die Zukunft der industriellen Bildverarbeitung liegt in der intelligenten Verknüpfung von photonikbasierter Sensorik und datengetriebener Auswertung. Künstliche Intelligenz ermöglicht zunehmend die automatische Klassifikation von Fehlern sowie adaptive Prüfstrategien in Echtzeit. In Kombination mit reaktionsschnellen Systemen wie den Flüssiglinsen, die den Fokusbereich anhand der KI-Vorgaben in Millisekunden anpassen, entstehen so autonome und hochflexible Inspektionslösungen der nächsten Generation.

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Die Kombination aus adaptiver Flüssiglinsen-Technologie und leistungsfähiger Bildverarbeitung eröffnet völlig neue Spielräume für die Automatisierung. Der entscheidende Hebel ist dabei der Verzicht auf bewegliche mechanische Bauteile: Das macht die optischen Systeme nicht nur extrem schnell und präzise in der Scharfstellung, sondern erhöht auch ihre Lebensdauer und Ausfallsicherheit signifikant. Gerade bei Hochgeschwindigkeitsanwendungen und dynamischen Inline-Inspektionen, bei denen jeder Bruchteil einer Sekunde über die Taktzeit der Anlage entscheidet, spielen diese verzögerungsfreien Fokuswechsel ihre volle Stärke aus. (heh)

* Dr. Jürgen Geffe ist Geschäftsführer bei Vision & Control.

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