Gleichzeitig Chipmangel und Überkapazitäten Trotz sinkender Chip-Nachfrage: Weiterhin Engpässe in der Automobilindustrie

Von Michael Eckstein

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Die aktuelle Situation ist ungewöhnlich: Es gibt gleichzeitig Mangel, Überkapazitäten und Überbestände bei Halbleitern. Das erschwert für viele Hersteller die Bestandsplanung.

In Autos und Industrieanlagen kommen auch in Zukunft zu einem großen Teil Controller und Analog-Bausteine zum Einsatz, die nicht auf den allerneusten Technologieknoten basieren.
In Autos und Industrieanlagen kommen auch in Zukunft zu einem großen Teil Controller und Analog-Bausteine zum Einsatz, die nicht auf den allerneusten Technologieknoten basieren.
(Bild: Clipdealer)

Gespräche auf der electronica untermauern, was Marktbeobachter wie Roland Berger beschreiben: Die Nachfrage nach Chips in mehreren hochvolumigen Produktsegmenten bricht erheblich ein. Gleichzeitig bleibt die Versorgungslage in den Sektoren Automobil und Industrie angespannt.

Während des ersten Pandemie-Jahres schien die Nachfrage nach Computern, Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten keine Grenzen zu kennen – und mit ihr schoss der Bedarf an Mikrochips und anderen Halbleitern in die Höhe. Dass diese Märkte irgendwann gesättigt sein würden, war erwartbar. Mittlerweile ist dies der Fall. Spätestens seit der zweiten Jahreshälfte 2022 kennen die Verkäufe etwa von Smartphones und Fernsehern nur eine Richtung: nach unten. Die Umsätze sind bereits um gut ein Drittel gesunken.

Mangel bei Chips für Automobil- und Industrieelektronik

Die Folge: Ein Überangebot an vielen Hochleistungschips wie Computerprozessoren und System-on-Chips für Smartphones und Umsatzeinbußen bei den Halbleiterherstellern. Konkret gebe es derzeit für rund die Hälfte der Chips, die in der Unterhaltungselektronik verwendet werden, für fast 40 Prozent in der Computertechnik und 34 Prozent in der Telekommunikation ein Überangebot auf dem Markt.

Doch das ist nur eine Seite der aktuellen Situation: Chips, die mit größeren Legacy-Technologieknoten gefertigt werden und typischerweise in der Automobilelektronik und in industriellen Applikationen zum Einsatz kommen, sind nach wie vor stark nachgefragt und werden weiterhin ein knappes Gut bleiben – zum Beispiel Mikrocontroller sowie Analog- und Mixed-Signal-Bausteine. Darauf müssen sich Elektronikentwickler einstellen, warnt die Unternehmensberatung Roland Berger in ihrer neuen Studie „Semiconductor shortage: A different kind of trouble ahead“. Laut der Analyse machen diese Bausteine 57 Prozent der Chips in industriellen Anwendungen und fast zwei Drittel in der Automobilindustrie aus.

Verrückte Situation: Gleichzeitig Mangel, Überkapazität und Überbestand

Die Analysten haben ermittelt, dass zum Beispiel die Anbieter von Fertigungsdienstleistungen für elektronische Produkte wie Smartphones oder Fernsehgeräte ihre Lagerbestände von einem Durchschnitt von 16 Prozent über das letzte Jahrzehnt auf 23 Prozent in den ersten beiden Pandemie-Jahren erhöht haben. Dieses Horten hat zunächst den Chipmangel verschärft und im weiteren Verlauf in Zeiten sinkender Nachfrage das Risiko eines sogenannten „Bullship“-Effektes erhöht: Er besagt, dass bereits kleine Veränderungen in der Endkundennachfrage große Schwankungen im Auftragsvolumen entlang der mehrstufigen Lieferkette hervorrufen können. Roland Berger empfiehlt betroffenen Unternehmen, schnell ihr Bestandsmanagement zu überarbeiten, um nachteilige finanzielle Auswirkungen und/oder den Abbau von Lagerbeständen zu vermeiden.

Die Experten von Roland Berger raten Einkäufern von Halbleitern daher, die nächsten Monate zu nutzen, um ein strategisches Halbleitermanagement aufzubauen und die Transparenz in der Lieferkette deutlich zu erhöhen. Vor allem Automobilzulieferer und Fertigungsdienstleister sollten ihre Lagerbestände sowie ihr Cash- und Kostenmanagement optimieren.

Kurzfristig sollten sich die Unternehmen darauf konzentrieren, ihre Bestände zu korrigieren und zu optimieren, um ihren Cash-Bestand zu verbessern und unnötige Kosten zu vermeiden, während sie gleichzeitig das Engpassmanagement für die in der Produktion verwendeten Ersatzteile aufrechterhalten. Mittel- bis langfristig müssten die Unternehmen die strukturellen Ungleichgewichte angehen, die sich weiterhin auf die Verfügbarkeit der alten Chips auswirken. Dies gelte insbesondere für Automobil- und Industrieunternehmen, für die das Risiko künftiger Engpässe am größten ist.

US und EU Chips Act helfen nicht akut

Die Analysten sind überzeugt, dass zuletzt beschlossene Fördermaßnahmen wie der US CHIPS and Science Act oder das europäische Chipgesetz (EU Chips Act) die aktuelle Situation wenig bis gar nicht verbessern werden. Nicht nur, weil die Vorlaufzeiten im Halbleitergeschäft sehr lang sind, sondern weil praktisch nur neuste Fertigungsverfahren gefördert werden. Produktionsanlagen für „ältere“ Chipgenerationen bleiben fast gänzlich außen vor. So hat Roland Berger ermittelt, dass zum Beispiel in den USA von den 39 Milliarden Dollar an Subventionen für die Halbleiterproduktion nur zwei Milliarden oder fünf Prozent in die Chipproduktion älterer Generationen fließen.

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Diese seien aber essenziell für Branchen wie die Automobilindustrie. Daher empfehlen die Analysten von Roland Berger speziell den Entscheidungsträgern in der Europäischen Union, weniger in Highend-Technologieknoten und mehr in so genannte „Mature and Advanced Nodes“ zu investieren – gemeint sind also „bewährte“ bis „fortschrittliche“ Knoten von etwa 65 nm bis hinunter zu ca. 14 nm. Diese Empfehlung läuft diametral entgegen den Zielen des EU Chips Act, der klar auf die Förderung von Highend-Knoten unter 7 nm abzielt.

Perspektivisch müssen sich Industrie- und Automotive-Unternehmen nach Einschätzung der Analysten darauf einstellen, demnächst verstärkt auf die neusten Chipgeneration zu setzen, da primär hier die Kapazitäten ausgebaut werden. Dafür müssten sie allerdings selbst schnell sehr aktiv werden. (me)

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