Sprechstunde beim Akkudoktor Lohnt sich bidirektionales Laden mit dem E-Auto?

Ein Gastbeitrag von Andreas Schmitz 15 min Lesedauer

Elektroautos stehen den Großteil des Tages ungenutzt. Genau daraus entsteht ein neues Versprechen: Ihr Akku soll nicht nur fahren, sondern auch als Speicher für das Stromnetz (Vehicle-to-Grid, V2G) oder das eigene Haus (Vehicle-to-Home, V2H) dienen.

Der „Akkudoktor“: 
Andreas Schmitz ist vielen vor allem aus seinem YouTube-Kanal bekannt. Anders als klassische Influencer setzt er jedoch nicht auf vereinfachte Versprechen, sondern auf nachvollziehbare Analysen. Im Mittelpunkt stehen Zahlen, Modelle und reale Anwendungsszenarien.(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
Der „Akkudoktor“: 
Andreas Schmitz ist vielen vor allem aus seinem YouTube-Kanal bekannt. Anders als klassische Influencer setzt er jedoch nicht auf vereinfachte Versprechen, sondern auf nachvollziehbare Analysen. Im Mittelpunkt stehen Zahlen, Modelle und reale Anwendungsszenarien.
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Auf den ersten Blick erscheint es bestechend logisch, Elektroautos als Speicher zu nutzen. Statt eine große Batterie auf Rädern ungenutzt altern zu lassen, soll diese im Hintergrund arbeiten. Netzbetreiber und Energieversorger sehen darin flexible Leistung für volatile Strommärkte. Hausbesitzer sehen darin mehr Eigenverbrauch, mehr Autarkie und im besten Fall sinkende Stromkosten. Hersteller und Anbieter werben entsprechend offensiv mit zusätzlichem Nutzen und teilweise sogar mit konkreten Erlösperspektiven.

Doch gerade an dieser Stelle beginnt die eigentliche Analyse. Denn weder V2G noch V2H sind automatisch wirtschaftlich. Ob sich ein Elektroauto als Netzspeicher oder Hausspeicher lohnt, hängt nicht von einem Werbeversprechen ab, sondern von Steckzeiten, Verlusten, Tarifmodellen, Hardwarekosten, Ladeleistungen, Batterienutzung und dem individuellen Verbrauchsprofil. Vor allem aber gilt: Ein großer Akku bedeutet nicht automatisch einen großen finanziellen Hebel.

Was V2G und V2H technisch unterscheidet

Beim bidirektionalen Laden kann Energie nicht nur in das Fahrzeug fließen, sondern bei Bedarf auch wieder aus dem Fahrzeug heraus. Die Richtung entscheidet über den Anwendungsfall. Vehicle-to-Grid bedeutet, dass das Auto Energie in das öffentliche Stromnetz zurückspeist. Das Fahrzeug wird damit zu einem dezentralen Speicher, der von einem Aggregator oder Energieversorger gesteuert werden kann. Für den Nutzer interessant ist dabei vor allem die Frage, ob dafür ein realer Erlös entsteht und wie stark die Batterie tatsächlich belastet wird.

Vehicle-to-Home verfolgt einen anderen Ansatz. Hier wird der Fahrzeugakku nicht für das Netz, sondern für das eigene Haus genutzt. Das Auto kann etwa tagsüber mit PV-Strom geladen werden, um abends Haushaltslasten zu versorgen. Alternativ kann es bei dynamischen Stromtarifen gezielt dann laden, wenn Strom günstig ist, und diesen Strom später im Haus wieder bereitstellen, wenn die Preise höher sind.

Beide Modelle klingen nach einer effizienten Nutzung vorhandener Speicherkapazität. In der Praxis greifen jedoch unterschiedliche wirtschaftliche Mechanismen. V2G lebt primär von der Vermarktung von Flexibilität. V2H lebt von Eigenverbrauch, Lastverschiebung und Tarifarbitrage. Entsprechend unterschiedlich fällt die Rechnung aus.

Das V2G-Versprechen: 720 Euro pro Jahr

Besonders aufmerksam verfolgt wird derzeit das erste kommerzielle V2G-Angebot in Deutschland von BMW und Eon. Die Grundidee ist einfach. Wer sein kompatibles Fahrzeug an eine geeignete Wallbox anschließt, stellt dem System seinen Akku zur Verfügung. Dafür soll eine Bereitschaftsvergütung gezahlt werden. Im beschriebenen Modell liegt diese bei 24 Cent pro Stunde, solange das Auto eingesteckt ist. Die Vergütung ist allerdings auf 60 Euro pro Monat gedeckelt. Das entspricht 250 vergüteten Stunden.

Rein rechnerisch ergibt sich daraus ein Jahresertrag von 720 Euro. Diese Zahl klingt attraktiv, vor allem weil sie zunächst unabhängig davon erscheint, wie viel Energie tatsächlich be- oder entladen wird. Der eigentliche Verdienst kommt damit nicht aus dem Stromhandel selbst, sondern aus der Bereitschaft, das Fahrzeug dem System verfügbar zu machen.

Wichtig ist dabei ein oft übersehener Punkt: Wenn Energie aus dem Fahrzeugakku ins Netz zurückgespeist wird, entstehen Verluste. Beim Entladen und späteren Wiederaufladen gehen rund 20 Prozent der Energie verloren. Wer also 10 kWh ins Netz abgibt, muss später ungefähr 12 kWh nachladen, um denselben Ladezustand wieder zu erreichen. Die zusätzliche Vergütung für rückgespeiste Energie ist deshalb kein echter Zusatzgewinn, sondern in erster Linie ein Ausgleich für diese Wirkungsgradverluste. Der eigentliche ökonomische Hebel liegt im Stundenbonus.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Ist die nötige Steckzeit realistisch?

Ob die jährlichen 720 Euro erreichbar sind, hängt daran, ob die vergüteten 250 Stunden pro Monat in normalen Haushalten überhaupt zusammenkommen. Genau hier zeigt sich, dass das Modell im Alltag nicht von vornherein unrealistisch ist.

Wer sein Fahrzeug werktags typischerweise tagsüber nutzt und beispielsweise von morgens bis zum späten Nachmittag unterwegs ist, kommt trotzdem auf einen erheblichen Teil des Tages, an dem das Auto zu Hause steht. Rechnet man mit fünf klassischen Bürotagen und einem moderat genutzten Wochenende, entstehen schnell rund 440 Stunden pro Monat, in denen das Fahrzeug theoretisch angeschlossen sein könnte. Mit zwei Homeoffice-Tagen pro Woche steigt dieser Wert sogar auf etwa 512 Stunden pro Monat.

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Beide Szenarien liegen deutlich über dem Vergütungsdeckel. Für viele Haushalte ist die Obergrenze von 60 Euro im Monat damit kein exotischer Best Case, sondern eher eine realistische obere Linie. Das heißt allerdings auch, dass eine zusätzliche Steckzeit oberhalb von 250 Stunden keinen weiteren Stundenbonus mehr bringt.

Genau an dieser Stelle wird es interessant. Denn das Fahrzeug bleibt nach Erreichen dieser Grenze weiterhin mit dem V2G-System verbunden, solange die Funktion nicht deaktiviert wird. Das bedeutet, dass der Anbieter den Akku grundsätzlich weiter in die Vermarktung einbeziehen kann, auch wenn der stündliche Bonus bereits ausgeschöpft ist. Für den Nutzer bleibt dann nur noch die Vergütung für tatsächlich zurückgespeiste Energie, die in erster Linie die Verluste kompensieren soll. Wer nur den Bereitschaftsbonus mitnehmen will, müsste das System gegebenenfalls nach Erreichen des Monatslimits aktiv deaktivieren.

Worst Case: 
Ein vollständiger Lade- und Entladezyklus pro Tag würde die zyklische Alterung der Batterie deutlich erhöhen und den Verschleiß drastisch beschleunigen.(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
Worst Case: 
Ein vollständiger Lade- und Entladezyklus pro Tag würde die zyklische Alterung der Batterie deutlich erhöhen und den Verschleiß drastisch beschleunigen.
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Die zentrale Sorge: Schadet V2G dem Akku?

Kaum ein Punkt wird so kontrovers diskutiert wie die Frage nach der Batteriedegradation. Die populäre Befürchtung lautet: Wer den Fahrzeugakku regelmäßig für Netzstützung nutzt, verschleißt ihn unbemerkt im Stand und bezahlt einen vermeintlich kleinen Erlös später mit einem vorzeitig gealterten Akku.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Rechnerisch lässt sich ein extremes Szenario leicht konstruieren. Ein großer Akku mit rund 100 kWh Kapazität kann über eine 11-kW-Wallbox innerhalb eines Tages grundsätzlich einmal vollständig geladen und wieder entladen werden. Ein täglicher Vollzyklus entspräche auf das Jahr hochgerechnet 365 Vollzyklen. Würde ein Fahrzeug tatsächlich in dieser Form betrieben, käme eine erhebliche zusätzliche zyklische Belastung zusammen.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Genau dieses Szenario ist aber in der Praxis kaum realistisch. V2G-Systeme arbeiten nicht wie ein grobschlächtiger Verbraucher, der den Akku jede Nacht vollständig leert. Viel wahrscheinlicher ist eine Steuerung in kleineren Lade- und Entladefenstern, mit klaren Reservegrenzen und begrenzten nutzbaren State-of-Charge-Fenstern. Kein Anbieter kann es sich leisten, dass ein Nutzer morgens ein leeres Auto vorfindet. Schon aus Kundensicht muss das Fahrzeug jederzeit als Fahrzeug verfügbar bleiben. Typisch ist deshalb eher ein begrenzter Nutzungsbereich, etwa zwischen konservativen Ladezustandsfenstern, sowie eine Vermarktung in Märkten, die keine stundenlangen Vollentladungen verlangen.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Hinzu kommt ein technischer Aspekt, der in der Debatte oft untergeht. Nicht jede Batterienutzung ist automatisch schädlich. Lithium-Ionen-Batterien altern nicht nur zyklisch, sondern auch kalendarisch. Ein Akku altert also selbst dann, wenn er nur herumsteht. Hohe Ladezustände über lange Zeiträume sind für viele Zellchemien dabei alles andere als ideal. In einem moderaten State-of-Charge-Fenster bewegt und nicht permanent vollgeladen zu werden, kann aus Sicht der Zellchemie unter Umständen günstiger sein als langes Stehen bei hohen Ladezuständen. Die Aussage, jeder zusätzliche Stromfluss sei automatisch ein Schaden, ist deshalb zu simpel.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Das heißt nicht, dass V2G degradationsfrei wäre. Aber es heißt, dass die reale Zusatzbelastung deutlich stärker von Ladeleistung, State-of-Charge-Fenstern, Temperaturmanagement, Zellchemie und Steuerstrategie abhängt als von der bloßen Tatsache, dass Energie bidirektional fließt. Ohne Transparenz darüber, wie aggressiv ein Anbieter den Akku tatsächlich nutzt, bleibt der Betrieb für den Nutzer allerdings eine Blackbox.

Warum Teillast statt Vollzyklen dominiert

Für die Vermarktung von Fahrzeugakkus kommen typischerweise nicht nur klassische Spotmärkte infrage, sondern auch Flexibilitäts- und Regelleistungsmärkte. Dort geht es häufig weniger darum, über viele Stunden große Energiemengen zu verschieben, sondern darum, innerhalb eines überschaubaren Zeitfensters auf Preissignale oder Systembedarfe zu reagieren.

Für die Batterie ist das ein Unterschied. Kurze, gezielte Lade- und Entladevorgänge mit moderater Leistung sind etwas anderes als ein täglicher tiefer Vollzyklus. Auch aus wirtschaftlicher Sicht spricht viel dafür, dass Anbieter eher dort agieren, wo mit begrenzten Energieumsätzen ein sinnvoller Markterlös erzielt werden kann. Das reduziert nicht automatisch die Komplexität, aber es relativiert das Bild vom Akku, der Nacht für Nacht brutal leergehandelt wird.

Der kritische Punkt bleibt dennoch, dass Nutzer in der Regel nicht sehen, was im Hintergrund tatsächlich passiert. Wer V2G ernsthaft bewerten will, braucht deshalb nicht nur Marketingaussagen, sondern Daten über reale Zusatzzyklen, State-of-Charge-Fenster, genutzte Märkte und die erwartete Degradation pro Jahr.

Zeitliche 
Verschiebung: 
Nutzung niedriger Strompreise zum Laden und hoher Preise zum Entladen.(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
Zeitliche 
Verschiebung: 
Nutzung niedriger Strompreise zum Laden und hoher Preise zum Entladen.
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

V2H: viel Kapazität, wenig Nutzen

Wenn das Auto schon bidirektional laden kann, liegt die nächste Idee nahe. Warum Energie ins öffentliche Netz geben, wenn sie sich im eigenen Haus nutzen lässt? Genau damit wirbt V2H. Das Auto wird zum zusätzlichen Hausspeicher und soll den Eigenverbrauch von Photovoltaik erhöhen.

Technisch ist das attraktiv. Ein Fahrzeugakku mit 60, 80 oder 100 kWh wirkt im Vergleich zu klassischen Heimspeichern riesig. Ökonomisch ist die Sache jedoch viel nüchterner. Denn beim PV-Eigenverbrauch gilt nicht automatisch: mehr Speicher bringt mehr Nutzen. Der entscheidende Zusammenhang ist die Sättigung.

Wer noch gar keinen stationären Heimspeicher besitzt, kann von zusätzlicher Speicherkapazität stark profitieren. Die ersten Kilowattstunden Speicher haben in vielen Haushalten einen deutlichen Effekt auf Eigenverbrauchsquote und Netzbezug. Wird tagsüber PV-Strom gespeichert und abends oder nachts genutzt, ersetzt das teuren Netzstrom. Genau in dieser frühen Phase liegt der größte Hebel.

Anders sieht es aus, wenn bereits ein Heimspeicher vorhanden ist. Hat ein Haushalt beispielsweise schon einen Speicher im Bereich von etwa 8 kWh, sind die größten Effekte oft längst abgegriffen. Die Nacht ist schlicht zu kurz, um zusätzliche 60 oder 80 kWh Fahrzeugbatterie sinnvoll auszunutzen. Das Haus wird durch den zweiten Speicher nicht proportional „autarker“, sondern häufig nur redundanter. Man vergrößert den Tank, ohne dass der tägliche Bedarf entsprechend mitwächst.

Das führt zu einem zentralen Paradoxon. Ein riesiger Fahrzeugakku klingt nach maximaler Unabhängigkeit, bringt im realen Haushaltsbetrieb aber oft nur noch einen kleinen Zusatznutzen, weil Lastprofil und PV-Erzeugung den Speicher gar nicht ausreichend ausreizen.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Kleine PV: begrenzter Nutzen von V2H

Auch das Gegenbeispiel ist wichtig. Manche hoffen, dass sich mit einem kleinen Balkonkraftwerk und einem großen Fahrzeugakku besonders viel herausholen lässt. Gerade hier ist die Ernüchterung oft besonders groß. Bei sehr kleinen PV-Anlagen oder Balkonkraftwerken wird ein erheblicher Teil der Erzeugung bereits direkt von der Grundlast des Haushalts aufgenommen. Kühlschrank, Router, Standby-Verbraucher und weitere Dauerlasten laufen ohnehin. Es bleibt damit oft wenig Überschuss übrig, den man in einem großen Speicher zwischenspeichern könnte. Der zusätzliche Nutzen eines großen V2H-Speichers ist in solchen Fällen gering. Deutlich sinnvoller ist es dann meist die Eigennutzung des PV-Stroms.

Die Eignung von V2H hängt deshalb stark von drei Faktoren ab: von der Größe der PV-Anlage, vom Jahresverbrauch und vom Lastprofil. Pauschale Aussagen helfen hier wenig. Ohne Simulation oder zumindest eine überschlägige Rechnung lässt sich kaum seriös sagen, ob V2H im konkreten Fall wirtschaftlich sein kann.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

V2H ohne PV: Lohnt sich Arbitrage?

Ein wesentlicher limitierender Faktor ist die eingeschränkte Marktteilnahme. Für Endkunden – etwa über Anbieter wie Tibber – ist heute praktisch nur der Day-Ahead-Markt zugänglich. Die Preissignale kommen damit einen Tag im Voraus und erlauben keine kurzfristige Reaktion auf Marktbewegungen. Über Aggregatoren könnte sich das grundlegend ändern. Sie ermöglichen prinzipiell den Zugang zu weiteren Marktsegmenten wie dem Intraday-Handel oder Regelenergiemärkten, etwa der aFRR. Dort entstehen Preissignale deutlich kurzfristiger, und die Spreads können entsprechend attraktiver ausfallen. Dies reduziert zudem das Prognoserisiko der Day-Ahead-Märkte, da auf unvorhergesehene Schwankungen im Minutentakt reagiert werden kann.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Besonders interessant wird das in Kombination mit dynamischen, lokal differenzierten Netzentgelten. Wenn Netzentgelte den Zustand des Verteilnetzes widerspiegeln, könnten Fahrzeugbatterien gezielt netzdienlich eingesetzt werden. Etwa zur Spannungshaltung über Blindleistungsbereitstellung im Sinne einer Q(U)-Regelung. Das Potenzial ist damit sowohl ökonomisch als auch systemisch. Entscheidend bleibt jedoch der regulatorische Rahmen. Marktzugang für kleine Akteure, standardisierte Schnittstellen und Anreize, die netzdienliches Verhalten auch vergüten.

Was die Wirtschaftlichkeit bestimmt

Aus solchen Simulationen lassen sich drei wesentliche Hebel ableiten. Der erste ist der Verbrauch. Ein höherer Stromverbrauch erhöht grundsätzlich das absolute Einsparpotenzial, weil mehr Energie durch günstige Ladefenster verschoben werden kann. Prozentual steigt der Nutzen aber nicht im selben Maß. Irgendwann ist der Akku oder die Ladeleistung der begrenzende Faktor. Ein Haushalt mit großem Bedarf kann absolut mehr sparen, aber nicht beliebig effizienter werden.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Der zweite Hebel ist die Ladeleistung. Ein Speicher kann günstige Preisfenster nur nutzen, wenn er in dieser Zeit ausreichend Energie aufnimmt. Bei niedrigen Ladeleistungen gelingt das oft nicht, sodass weiterhin Strom zu hohen Preisen bezogen werden muss. Die Wirtschaftlichkeit hängt daher stark von der Ladeleistung ab. Unter etwa 3 kW ist das System meist zu träge, um die oft nur kurzen günstigen Phasen vollständig auszunutzen. Erst darüber lassen sich Preisvorteile effektiv nutzen. Höhere Leistungen, etwa 11 kW, bringen zusätzliche Vorteile, jedoch mit abnehmendem Grenznutzen.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Der dritte Hebel ist die Akkugröße. Hier sitzt der größte Denkfehler. Intuitiv erscheint ein 60- oder 80-kWh-Fahrzeugakku einem klassischen Heimspeicher haushoch überlegen. Ökonomisch stimmt das nicht zwangsläufig. Ein durchschnittlicher Haushalt verbraucht pro Tag oft nur einen Bruchteil dieser Energiemenge. Wenn das Haus in teuren Phasen gar nicht genug Energie abnimmt, bleibt ein großer Teil des Speichers schlicht ungenutzt. Der riesige Akku ist dann nicht zu klein, sondern zu groß für das Lastprofil. Zusätzliche Kapazität, die nur in seltenen Extremsituationen gebraucht wird, stiftet im Jahresmittel wenig Nutzen.

Kapazität: 
Der größte Nutzen entsteht bei fehlendem Heimspeicher. Zusätzliche Kapazität zeigt danach nur noch geringe Mehrwerte.(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
Kapazität: 
Der größte Nutzen entsteht bei fehlendem Heimspeicher. Zusätzliche Kapazität zeigt danach nur noch geringe Mehrwerte.
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Der Hebel: dynamische Netzentgelte (§14a)

Besonders interessant wird die Rechnung dort, wo nicht nur der Strompreis dynamisch ist, sondern auch die Netzentgelte zeitvariabel sinken können. Genau dann vergrößert sich die Marge zwischen günstigen und teuren Zeitfenstern spürbar. In einem Rechenbeispiel springt die rechnerische Ersparnis dadurch von rund 69 Euro auf über 200 Euro pro Jahr.

Das ist bemerkenswert, weil sich damit zeigt, dass nicht allein die Technologie über die Wirtschaftlichkeit entscheidet, sondern vor allem das regulatorische und tarifliche Umfeld. Ohne ausreichenden Preisunterschied frisst der Wirkungsgradverlust den Vorteil weitgehend auf. Mit dynamischen Netzentgelten kann sich dieselbe technische Konstellation plötzlich deutlich besser rechnen.

Gleichzeitig ist hier Vorsicht geboten. Die Rahmenbedingungen unterscheiden sich regional stark, und viele Haushalte haben entsprechende Modelle bislang noch gar nicht aktiviert. Wer solche Rechnungen aufstellt, muss deshalb sauber kennzeichnen, ob er mit realen lokalen Daten oder mit exemplarischen Annahmen arbeitet.

Was bidirektionales Laden kostet

Alle bisherigen Überlegungen greifen nur, wenn die technische Infrastruktur vorhanden ist. Genau hier liegt eine der größten Hürden. Bidirektionales Laden ist derzeit kein günstiges Nebenfeature, sondern ein System aus Fahrzeug, Wallbox, Tarifmodell und oft zusätzlicher Messtechnik.

Im BMW/Eon-Beispiel beginnt die Rechnung bereits beim Fahrzeug. Der BMW iX3 hat einen Basispreis von etwa 68.900 Euro. Dazu kommt die BMW Wallbox Professional für 2.095 Euro. Zusammen ergibt das knapp 71.000 Euro, bevor weitere mögliche Kosten wie Installation oder Smart Meter berücksichtigt sind.

Natürlich wäre es falsch, diese Summe vollständig als V2G-Investition zu interpretieren. Niemand kauft ein Fahrzeug nur wegen der 720 Euro Jahresbonus. Trotzdem zeigt das Beispiel, dass V2G derzeit an ein hochpreisiges Ökosystem gekoppelt ist. Es ist eben kein nachrüstbares Billig-Feature für die breite Masse.

Hinzu kommt die Stromvertragsseite. Im geschilderten Modell scheint das V2G-Angebot an einen Eon-Tarif mit fixen Preisen und Grundgebühr gekoppelt zu sein. Das kann ein erheblicher Punkt sein, denn wer für V2G auf einen möglicherweise weniger attraktiven Tarif festgelegt wird, muss diese Opportunitätskosten mitdenken. Ein schöner Bereitschaftsbonus hilft wenig, wenn der Haushaltsstrompreis an anderer Stelle höher liegt und den Gewinn teilweise wieder auffrisst.

(Bild:  Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)
(Bild: Andreas Schmitz, c/o REACH OUT GmbH)

Warum BMW und Eon auf DC setzen

Auffällig ist, dass im BMW/Eon-Modell keine klassische AC-Wallbox zum Einsatz kommt, sondern eine 11-kW-DC-Wallbox. Das ist im Heimumfeld ungewöhnlich. Im Alltag dominieren normalerweise AC-Wallboxen, während DC-Technik eher aus dem öffentlichen Schnellladebereich bekannt ist.

Der technische Unterschied ist wesentlich. Bei AC-Lösungen liegt ein größerer Teil der Leistungselektronik im Fahrzeug. Die Wallbox reicht im Prinzip Wechselstrom weiter, und das Fahrzeug übernimmt die Umwandlung. Dadurch sind AC-Wallboxen tendenziell günstiger. Bei DC-Wallboxen sitzt mehr Leistungselektronik in der Wallbox selbst. Das erhöht Komplexität und Preis, kann aber Vorteile bei Effizienz, Regelbarkeit und Reaktionsgeschwindigkeit bringen.

Gerade für V2G ist das aus Sicht des Anbieters nachvollziehbar. Wer Flexibilität am Strommarkt präzise steuern will, profitiert von einem System, das Lade- und Entladevorgänge direkt und eng führen kann. Für den Endkunden bleibt dennoch erst einmal die nüchterne Konsequenz. DC ist im Heimbereich teurer. Bidirektionale AC-Wallboxen liegen im Bereich von etwa 800 bis 1.500 Euro, während die betrachtete BMW-Lösung darüber liegt.

V2H: Mehr Optionen, aber enge Grenzen

Bei V2H gibt es prinzipiell mehr Freiheitsgrade. Hier können je nach Fahrzeug- und Systemarchitektur sowohl AC- als auch DC-Lösungen in Frage kommen. Dennoch ist der Markt heute noch stark eingeschränkt. Wer Vehicle-to-Home nutzen will, braucht ein Fahrzeug, das bidirektionales Laden technisch unterstützt. Genau das tun bislang nur wenige Modelle.

Das begrenzt die Wirtschaftlichkeit zusätzlich. Denn die Frage lautet nicht nur, ob sich V2H im Betrieb rechnet, sondern auch, welchen Aufpreis oder welche Einschränkungen bei der Fahrzeugwahl man dafür in Kauf nehmen muss. Solange bidirektionale Fahrzeuge eine Nische bleiben, ist auch V2H vor allem ein Modell für Early Adopter und nicht für die breite Masse.

Bildergalerie

Aus all dem ergibt sich kein einfaches Ja oder Nein, sondern ein differenziertes Bild. V2G kann heute bereits interessant sein, wenn ein Fahrzeug ohnehin lange zu Hause angeschlossen ist, die vergüteten Steckstunden zuverlässig erreicht werden und die Tarifbedingungen nicht an anderer Stelle gegen den Nutzer arbeiten. Dann ist das Modell aus Kundensicht vor allem ein Bereitschaftsgeschäft. Der kritischste Punkt bleibt die fehlende Transparenz über die reale Batterienutzung. V2H mit PV ist vor allem dann spannend, wenn noch kein stationärer Heimspeicher vorhanden ist. In diesem Fall kann das Fahrzeug einen klassischen Heimspeicher teilweise ersetzen oder ergänzen. Wer bereits einen ausreichend großen Speicher besitzt, gewinnt durch den Fahrzeugakku meist deutlich weniger hinzu, als die riesige Kapazität vermuten lässt.

V2H mit dynamischem Tarif kann wirtschaftlich werden, wenn mehrere Bedingungen zusammenkommen: ausreichender Verbrauch, sinnvolle Ladeleistung, geeignete Tarifstruktur und möglichst große Preisspreads, etwa durch zeitvariable Netzentgelte. Ohne diese Hebel bleibt der finanzielle Effekt oft klein.

Das Auto wird zum Energiesystem

Bidirektionales Laden ist mehr als ein technisches Gimmick. Es markiert einen grundlegenden Wandel. Das Elektroauto ist nicht mehr nur ein Verbraucher, sondern potenziell ein aktiver Bestandteil des Energiesystems. Diese Verbindung von Mobilität und Stromnetz ist energiewirtschaftlich hochrelevant. Sie kann Flexibilität erschließen, PV-Eigenverbrauch verbessern und perspektivisch neue Geschäftsmodelle ermöglichen.

Die nüchterne wirtschaftliche Bewertung fällt allerdings deutlich weniger spektakulär aus als manche Marketingbotschaft. Das bekannte V2G-Versprechen von 720 Euro pro Jahr ist unter realistischen Steckzeiten durchaus erreichbar, aber es ist kein risikofreier Selbstläufer. Die Zusatzvergütung für eingespeiste Energie kompensiert vor allem Verluste. Die eigentliche Rendite hängt an der Bereitschaftspauschale. Gleichzeitig bleibt offen, wie stark der Akku im Hintergrund tatsächlich beansprucht wird.

Auch V2H ist kein pauschaler Jackpot. Der große Fahrzeugakku beeindruckt auf dem Papier, stößt im Haushalt aber schnell an Sättigungseffekte. Mehr Kapazität bringt nicht automatisch mehr Nutzen. Entscheidend sind Verbrauch, PV-Größe, Lastprofil, Ladeleistung und Tarifmodell. Besonders spannend wird es dort, wo dynamische Preise und variable Netzentgelte genügend Spreizung erzeugen. Dann kann sich der Fahrzeugakku als Hausspeicher durchaus rechnen. In vielen Standardfällen bleibt die Ersparnis jedoch überschaubar.

Das vielleicht wichtigste Ergebnis lautet deshalb. V2G und V2H sind keine Universallösungen, sondern kontextabhängige Werkzeuge. Für einige Haushalte können sie heute schon sinnvoll sein. Für viele andere sind sie eher ein Ausblick auf einen Markt, der technisch hochinteressant ist, wirtschaftlich aber noch in der Findungsphase steckt.

Dieser Artikel basiert auf den Rechercheunterlagen des auf YouTube bekannten „Akkudoktors“ Andreas Schmitz, der sich regelmäßig mit datengetriebenen Analysen zu Energiethemen beschäftigt und seine Ausarbeitungen für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat. (mr)

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