KI-Evolution trifft Cyber-Resilienz Beckhoffs Automatisierungs-Roadmap 2026

Von Manuel Christa 4 min Lesedauer

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Während sich der Automatisierungsmarkt nach volatilen Jahren wieder stabilisiert, treibt Beckhoff die Integration von generativer KI direkt an der Maschine voran. Gleichzeitig wird die Absicherung industrieller Netzwerke wegen des Cyber Resilience Act immer wichtiger. Ein technischer Rundumblick von der Hannover Messe 2026.

Umsatzwachstum: Frederike Beckhoff, Assistentin der Geschäftsführung, stellt die Unternehmenszahlen auf der Pressekonferenz zur Hannover Messe 2026 vor.(Bild:  Manuel Christa)
Umsatzwachstum: Frederike Beckhoff, Assistentin der Geschäftsführung, stellt die Unternehmenszahlen auf der Pressekonferenz zur Hannover Messe 2026 vor.
(Bild: Manuel Christa)

Das Geschäftsjahr 2025 markiert für Beckhoff Automation weit mehr als nur die Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität. Zwar liefert der weltweite Umsatz von 1,24 Milliarden Euro – ein solides Wachstum von sechs Prozent – ein starkes Signal, dass die Konsolidierungsphase nach den Ausnahmejahren in der Branche abgeschlossen ist. Doch die eigentliche Botschaft aus dem ostwestfälischen Verl ist technologischer Natur: Gestützt auf ein konstantes F&E-Budget von 80 Millionen Euro beschleunigt das Unternehmen die Verschmelzung von Informationstechnologie und klassischer Automatisierung (PC-based Control). Kurz gesagt: die sogenannte IT-OT-Konvergenz.

Auf der Hannover Messe 2026 zeigte sich deutlich, vor welchen Paradigmenwechseln der Maschinen- und Anlagenbau steht: Die reine Leistungs- und Effizienzsteigerung reicht als Innovationstreiber nicht mehr aus. Industrieanlagen der Zukunft müssen kognitive Fähigkeiten entwickeln, um flexibel auf komplexe Aufgaben reagieren zu können, und gleichzeitig als vernetzte Systeme maximal gegen Cyberangriffe geschützt sein. Wie dieser anspruchsvolle Spagat zwischen generativer „Physical AI“ an der Werkzeugmaschine und strikter „Security by Design“ im Rahmen des neuen Cyber Resilience Act in der Praxis gelingt, demonstrierte Beckhoff eindrucksvoll an seinem Messestand.

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Physical AI: Wenn die Steuerung sprechen lernt

Das unangefochtene Technologie-Highlight blieb die demonstrierte Verschmelzung von KI mit der klassischen Maschinensteuerung. Beckhoff demonstrierte, wie der modulare Industrieroboter ATRO sprachbasierte Befehle in Echtzeit ausführt und selbstständig Strategien entwickelt, um Wörter aus Buchstabenbausteinen zu legen.

Physical AI in Aktion: Gesteuert von lokalen Sprachmodellen (LLMs) über den Twincat CoAgent entwickelt der Industrieroboter ATRO selbstständig Strategien und legt das Grußwort für das Messe-Partnerland Brasilien.(Bild:  Beckhoff)
Physical AI in Aktion: Gesteuert von lokalen Sprachmodellen (LLMs) über den Twincat CoAgent entwickelt der Industrieroboter ATRO selbstständig Strategien und legt das Grußwort für das Messe-Partnerland Brasilien.
(Bild: Beckhoff)

Der technologische Kern dieser Anwendung ist der Twincat CoAgent. Die Large Language Models (LLMs) laufen lokal und direkt auf dem Industrie-PC der Maschine. „Das bedeutet, dass die Maschinenbetreiber die Hoheit über die KI und auch über ihre Daten haben“, betonte Produktmanager Johannes Beckhoff auf der Messe. Anstatt auf externe Cloud-Dienste angewiesen zu sein, interagiert der Agent über eine MCP-Schnittstelle(Model Context Protocol) direkt mit den Live-Daten der SPS, dem SPS-Code und historischen Maschinenwerten.

Der „KI-agnostische“ Ansatz bietet freie KI-Wahl: Das System zwingt Entwickler in kein starres Korsett. Über ein LLM-Gateway können sowohl proprietäre als auch offene Modelle für komplexe Engineering-Aufgaben an der Maschine eingebunden werden. Die KI wird so vom reinen Chatbot-Assistenzsystem zum aktiven Kontrollhirn in der physischen Welt, das bei der Inbetriebnahme, bei Störfällen oder bei der vorausschauenden Wartung eingreift, anstatt nur Ratschläge per Chat zu erteilen.

Regulatorik als Treiber: Security by Design bei Ethercat

Während KI das Innovationsthema schlechthin ist, zwingt der Cyber Resilience Act (CRA) der EU in Kombination mit der neuen Maschinenverordnung die Industrie zum sofortigen Handeln in Sachen Cybersecurity. Hier positioniert sich Beckhoff mit seiner PC-basierten Steuerungstechnik und Ethercat als Problemlöser.

Security by Design: Um die Anforderungen des Cyber Resilience Act zu erfüllen, bilden PC-based Control und Ethercat ein von Haus aus sicheres technologisches Fundament.(Bild:  Beckhoff)
Security by Design: Um die Anforderungen des Cyber Resilience Act zu erfüllen, bilden PC-based Control und Ethercat ein von Haus aus sicheres technologisches Fundament.
(Bild: Beckhoff)

Der technologische Vorteil von Ethercat liegt in seiner Architektur: Das Protokoll ist strikt von übergeordneten IP-Netzwerken getrennt. Prinzipien wie das Processing-on-the-fly, bei dem Daten im Vorbeiflug verarbeitet werden, und Topologie-Scans bei jedem Hochlauf reduzieren die Angriffsfläche drastisch. Normale, IP-basierte Schadsoftware wird in der Hardware der Sub-Devices schlichtweg zerstört.

Diesen „Security by Design“-Ansatz hat Beckhoff nun durch die UL Solutions unabhängig prüfen lassen. Die Evaluierung nach der Norm IEC 62443-3-3 bestätigt, dass bestehende Ethercat-Systeme bereits ohne Modifikationen für typische Factory-Automation-Szenarien (Security Level 2) gerüstet sind. Für kritischere Infrastrukturen oder Anlagen mit erhöhtem Exponierungsrisiko (Fulfillment-Center) lassen sich durch zusätzliche Softwaremaßnahmen in der Steuerung auch höhere Security-Level bis hin zu kryptografischen Verschlüsselungen realisieren. Für Maschinenbauer bedeutet dies Investitionssicherheit, da bestehende Anlagenarchitekturen erhalten bleiben können.

Flankierende Hardware- und Engineering-Neuheiten

Um die massiven Datenmengen für KI und Security verarbeiten zu können, braucht es Rechenleistung. Hier profitiert Beckhoff von der unmittelbaren Nähe zur IT-Welt:

  • Prozessoren ohne Effizienzkerne: Mit der Integration der Intel Core Series 2 Prozessoren (Bartlett Lake 12P) in die Industrie-PCs (z.B. C6040) kehrt Intel bei High-End-Anwendungen zu einer reinen Performance-Core-Architektur zurück. Bis zu 12 Kerne mit 5,9 GHz Turbo-Takt liefern genau die deterministische Single-Thread-Leistung, die anspruchsvolle Echtzeit-Automatisierung erfordert, ohne dass komplexe Scheduling-Verfahren der einstigen Hybrid-Architektur zwischen Performance- und Efficiency-Cores nötig wären.
  • Intralogistik der nächsten Generation: Mit den neuen MDR-Controllern EP741x adressiert Beckhoff den Boom bei rollengetriebenen Fördersystemen. Das Alleinstellungsmerkmal der IP54-Boxen ist die Integration von Safe Torque Off (STO) via Safety over Ethercat (FSoE). Wo der Markt bisher aufwendige Parallelverdrahtungen oder das komplette Abschalten der Versorgungsspannung forderte, trennt die EP741x die Motor-Endstufe sicher ab, hält aber die Logikspannung aufrecht – ein Novum, das dezentrale Sicherheitszonen extrem vereinfacht.
  • Engineering für das MX-System: Mit dem webbasierten MX-System Designer wird die schaltschranklose Automatisierung planbar. Elektroplaner können Aktoren, Antriebe und I/Os per Drag-and-Drop strukturieren. Das Tool übernimmt das Routing der Kabel, prüft elektrische Parameter und ermöglicht ein vollständiges Rule-Checking noch in der Konzeptphase.

Fazit: Das Fundament für die nächsten Dekaden

Dass Beckhoff diese Bandbreite an Innovationen zeitgleich auf die Straße bringt, ist kein Zufall, sondern das Resultat einer konsequenten Strategie, die auch in wirtschaftlichen Konsolidierungsphasen an hohen F&E-Investitionen (80 Millionen Euro) festhält. Das Unternehmen feiert auf der Messe 40 Jahre PC-based Control und 30 Jahre Twincat. Die damals visionäre Entscheidung, die Steuerungshardware von der Software zu trennen und IT-Standards in die Fabrik zu holen, ist genau das Fundament, auf dem heute LLMs direkt mit der Maschinenmechanik kommunizieren können.

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Ein weiterer entscheidender Faktor für diese Zukunftssicherheit, gerade im Hinblick auf den Cyber Resilience Act, ist die enorme Fertigungstiefe: Durch die eigene Entwicklung und Produktion von Motherboards und Elektronikbaugruppen in Ostwestfalen behält Beckhoff die volle Kontrolle über die Architektur und garantiert Langzeitverfügbarkeit.

Letztlich zeigen die neuen Ansätze rund um Physical AI: Die Automatisierung entmündigt den Ingenieur nicht, sondern erweitert lediglich seinen Werkzeugkasten massiv. Beckhoff liefert mit offenen Standards und seinem KI-agnostischen Ansatz die Bausteine dazu. Es bleibt nun spannend zu beobachten, wie kreativ der Maschinen- und Anlagenbau diese neuen Freiheitsgrade adaptieren wird, um den nächsten technologischen Sprung in der Praxis zu vollziehen. (mc)

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