Milliardeninvestition in Halbleitertechnologie Spanien will Sub-5-nm-Chips fertigen

Von Michael Eckstein

Plötzlich will offenbar jeder: Kurz nachdem Indien offenbart hat, eine eigene IC-Fertigung aufbauen zu wollen, verkündet Spanien, bis 2027 Hightech-Chips mit Prozessgrößen bis unter 5 nm herstellen zu wollen – und zu einem führenden Standort für die Entwicklung von Hightech-Chips zu werden.

Geplante Intel-Fab in Magdeburg: Die Fertigung von Highend-Logikchips mit Prozessknoten um 5 nm ist äußerst komplex, erfordert riesige, mit teuren EUV-Anlagen ausgestattete Fabriken – und entsprechend sehr hohe Investitionen. Spanien will in den nächsten Jahren eigene Produktionslinien hochziehen und auch die Forschung und Entwicklung im Halbleitersektor unterstützen.
Geplante Intel-Fab in Magdeburg: Die Fertigung von Highend-Logikchips mit Prozessknoten um 5 nm ist äußerst komplex, erfordert riesige, mit teuren EUV-Anlagen ausgestattete Fabriken – und entsprechend sehr hohe Investitionen. Spanien will in den nächsten Jahren eigene Produktionslinien hochziehen und auch die Forschung und Entwicklung im Halbleitersektor unterstützen.
(Bild: Intel Corporation)

Spanien ist nach Frankreich das flächenmäßig zweitgrößte Land der EU, industriell hoch entwickelt und zählt zu den 20 größten Export- und Importnationen (2017). Als Industrienation ist die heimische Wirtschaft von ausbleibenden Chiplieferungen hart getroffen – nicht zuletzt die für das Land wichtige Autoindustrie leidet darunter.

Der Schock sitzt tief – und daher plant die spanische Regierung nun, bis 2027 12,25 Mrd. Euro (ca. 13 Mrd. US-Dollar) für den Halbleitersektor auszugeben, um damit die heimische Chipindustrie auf- und auszubauen. Das berichtet das Nachrichtenmagazin Reuters. Das Programm sei auf die digitale Wirtschaft und die durch den Mangel an Chips entstehende Nachfrage ausgerichtet. Erst Anfang Mai hatte Indien angekündigt, mit rund 11 Mrd- USD eine eigene Chipfertigung aufbauen zu wollen.

9,3 Mrd. Euro für die Chipfertigung

Spaniens Wirtschaftsministerin Nadia Calvino hat den ambitionierten Plan am Dienstag dieser Woche auf einer Pressekonferenz nach der wöchentlichen Kabinettssitzung angekündigt. Allein 9,3 Mrd. Euro soll für den Bau von Produktionsanlagen verwendet werden. Interessanterweise wird nicht auf den Ende 2021 beschlossenen EU Chips Act verwiesen, vielmehr sollen die Mittel aus der Pandemiehilfe der Europäischen Union stammen.

Ebenso interessant: Das Geld soll zur Finanzierung von Produktionskapazitäten für Prozessknoten von über und unter 5 nm verwendet werden – also derzeitige Leading-Edge-Technologien. „Ziel ist es, die Design- und Produktionskapazitäten der spanischen Mikroelektronik- und Halbleiterindustrie umfassend zu entwickeln und dabei die gesamte Wertschöpfungskette vom Design bis zur Chipfertigung abzudecken“, zitiert Reuters Wirtschaftsministerin Calvino.

Mit Schmalspur-Budget zur Weltspitze in der Halbleitertechnologie – geht das?

Spätestens hier werden sich Manager in Firmen wie TSMC und Samsung vermutlich verwundert die Augen reiben. Allein der weltgrößte Auftragsfertiger TSMC investiert gerade innerhalb von drei Jahren über 100 Mrd. US-Dollar in die Entwicklung seiner Prozess- und Fertigungstechnik – und das Unternehmen hat einen umfassenden Erfahrungsschatz bei hochkomplexer Highend-Chipfertigung.

Auch Elektronikriese Samsung steckt enorme Summen in die Chiptechnologie: Laut Medienberichten investiert das Unternehmen bis 2023 rund 205 Mrd. US-Dollar in die Bereiche Halbleiter, Biopharma und Telekommunikation. Und Intel will auf dem Weg zurück zu alter Stärke ebenfalls massiv investieren, bis 2030 werden es wohl deutlich über 100 Mrd. US-Dollar sein. Davon sind allein 80 Mrd. für den Aufbau eines europaweiten Mega-Chipzentrums angedacht, weitere 20 Mrd. fließen in den Produktionsstandort Ohio, USA.

Angesichts dieser Summen erscheint Spaniens Plan sehr ambitioniert, innerhalb weniger Jahre seine Halbleitertechnologie und Chipfertigung quasi von null auf hundert zu beschleunigen und ganz vorne in der Spitzengruppe mitzufahren. Denkbar ist, dass Spanien Kooperationen mit den erfahrenen Playern im Markt anstrebt, um von deren Erfahrungen zu profitieren. Laut Branchenbeobachter Peter Clark von eenews ist das sogar unabdingbar: „Wenn es Spanien nicht gelingt, das eine oder andere dieser Unternehmen für Investitionen im Land zu gewinnen, ist es unwahrscheinlich, dass das Land über genügend Geld oder Zeit verfügt, um an der Spitze mitzuhalten.“

Fast-Forward zur Leading-Edge-Chip-Technik

Keine Frage: Nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre ist Spanien motiviert, sich im Chipsektor zu engagieren: Der weltweite Mangel an Chips (und vielen Materialien) hat Hersteller in mehreren Branchen dazu gezwungen, ihre Produktion zu drosseln. In Spanien hatte – und hat – dies beispielsweise Auswirkungen auf die Automobilhersteller Volkswagen und Renault, die ihre Fertigungslinien zeitweise stillgelegt und ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt haben.

Mangelnde Unterstützung, fehlendes Engagement, fehlende Visionen oder gar eine kohärente Strategie seien einige der Gründe, warum die Chipindustrie in Spanien bisher nicht präsent sei, fügte Calvino hinzu. Das soll sich nun ändern: Neben der Subventionierung der Fertigung werden 1,1 Mrd. Euro zur Unterstützung von Forschungs- und Entwicklungsprojekten (FUE) und 1,3 Mrd. Euro für das Chipdesign bereitgestellt. Darüber hinaus werden spanische Unternehmen bei strategischen Projekten auf europäischer Ebene unterstützt; weiterhin soll ein Risikokapitalfonds in Höhe von 200 Mio. Euro zur Finanzierung von Start-ups und Scale-ups im spanischen Halbleitersektor eingerichtet werden.

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Für Calvino ist klar: „Wir wollen, dass Spanien in diesem Technologiebereich die Rolle spielt, die es verdient, und die europäischen Fonds bieten eine außergewöhnliche Gelegenheit.“

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