Ohne Leiterplatte gäbe es keine moderne Elektronikfertigung. Und nicht nur das! Es gäbe keine kompakten Radios, Fernseher, Computer. Keine Smartphones oder Steuergeräte. Hinter dieser Technik steht ein österreichischer Ingenieur, der anfangs nicht ernstgenommen wurde.
Geistiger Leiterplattenpapa: Bereits vor Eisler gab es Leiterplatten, doch Eisler gilt als geistiger Vater der modernen Leiterplatte.
(Bild: Dall-E / KI-generiert)
Bevor Elektronikgeräte innen so ordentlich aussahen wie heute, herrschte darin vor allem eines: Kabelsalat. Widerstände, Kondensatoren, Spulen, Röhren und andere Bauteile wurden Punkt zu Punkt verdrahtet. Wer ein Radio, ein Messgerät oder später komplexere Elektronik bauen wollte, brauchte nicht nur einen Schaltplan, sondern auch Geduld, ruhige Hände und eine gewisse Toleranz gegenüber Drahtgewirr. Jede Verbindung musste einzeln hergestellt werden, jeder Handgriff musste sitzen. Jede Lötstelle war eine mögliche Fehlerquelle. Und jede Baugruppe blieb ein kleines handwerkliches Abenteuer.
Paul Eisler hatte für dieses Problem eine Idee, die heute so selbstverständlich wirkt, dass man sie kaum noch als Erfindung wahrnimmt: Warum nicht die elektrischen Verbindungen direkt auf eine isolierende Trägerplatte bringen? Statt Drähte mühsam von Punkt zu Punkt zu ziehen, könnten Leiterbahnen wie ein Muster auf einer Platte verlaufen. Bauteile würden darauf montiert und elektrisch verbunden. Die gedruckte Schaltung war geboren – und mit ihr eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Elektronikfertigung.
Paul Eisler wurde im August 1907 in Wien geboren. Er studierte Maschinenbau an der Technischen Hochschule Wien, schloss sein Studium 1930 ab und gehörte zu jener Generation von Ingenieuren, die in eine Zeit großer technischer Umbrüche hineinwuchs. Rundfunk, Telekommunikation, elektrische Messtechnik und industrielle Steuerungstechnik entwickelten sich rasant. Elektronik war längst nicht mehr nur ein Laborphänomen, sondern wurde zunehmend Teil des Alltags.
Gleichzeitig war die Fertigung elektronischer Geräte noch stark handwerklich geprägt. In vielen Geräten wurden Bauteile frei verdrahtet oder auf Lötleisten montiert. Das funktionierte, solange Schaltungen überschaubar blieben. Doch je komplexer Elektronik wurde, desto deutlicher traten die Schwächen dieser Bauweise hervor. Dazu zählten ein hoher Montageaufwand, Fehleranfälligkeit, schlechte Reproduzierbarkeit und schließlich auch das begrenzte Potenzial für Miniaturisierung.
Eisler wurde eine Arbeitsstelle in Wien als Ingenieur verwehrt, und so arbeitete er zunächst für die British Gramophone Company in Belgrad. Seine Aufgabe dort bestand darin, Funkstörungen im Musiksendesystem der Züge auf der Strecke von Belgrad nach Niš zu beseitigen. Weil das Projekt ein wirtschaftlicher Misserfolg war, wenngleich Eisler zur vollen Zufriedenheit der Auftraggeber arbeitete, kehrte er nach Wien zurück. Seine Wunschkarriere blieb ihm weiterhin verwehrt, weswegen er sich als Journalist und Drucker verdingte.
An seinem Interesse an Technik und Elektronik änderte dieser Werdegang nichts. Eisler erkannte in der traditionellen Vorgehensweise beim Schaltungsaufbau ein strukturelles Problem. Wenn Elektronik industriell skalieren sollte, musste sie anders entworfen werden. Nicht jedes Gerät konnte ein individuelles Drahtkunstwerk sein, sobald an eine Massenfertigung elektronischer Geräte gedacht werden sollte. Was also gebraucht wurde, war ein reproduzierbarer Träger für elektrische Verbindungen. Oder simpler gesagt: eine Art Landkarte für den Strom.
Flucht und schwieriger Neuanfang
Eislers beruflicher Weg wurde nicht nur von Technik geprägt, sondern auch von den politischen Verwerfungen Europas. Als Jude verließ er 1936 Österreich und emigrierte nach Großbritannien, um Unternehmen dort einige seiner frühen und patentierten Ideen anzubieten, unter anderem zur grafischen Tonaufzeichnung und zum stereoskopischen Fernsehen. Damit begann für ihn kein geradliniger Aufstieg, sondern zunächst ein schwieriger Neuanfang. Seine Qualifikation als Ingenieur bedeutete nicht automatisch berufliche Sicherheit. Eisler musste sich in einem fremden Land behaupten, Kontakte aufbauen und versuchen, seine Ideen an den Mann zu bringen.
Gerade diese Mischung aus technischer Ausbildung, Erfindergeist und persönlicher Unsicherheit macht seine Geschichte bemerkenswert. Die Leiterplatte war so nicht das Produkt, das einem gut ausgestatteten Konzernlabor mit strategischer Roadmap entstammt. Vielmehr wurde sie von einem Ingenieur erfunden, der ein praktisches Problem sah und eine Lösung dafür brauchte.
Von 1936 an experimentierte Eisler also in London unter anderem mit gedruckten Schaltungen. Die Grundidee war elegant: Leiterbahnen sollten nicht mehr als einzelne Drähte verlegt, sondern auf ein isolierendes Trägermaterial aufgebracht werden. Damit ließen sich Schaltungen kompakter, wiederholbarer und potenziell automatisierbarer herstellen.
Heute klingt das banal. Damals war es das nicht. Heute stecken Leiterplatten in nahezu jeder Elektronik. Damals interessierte sich niemand für ihre industrielle Anwendung. Man sagte Eisler etwa beim britischen Radiohersteller Plessey, dass die Mädchen in der Montage billiger und flexibler seien, so heißt es.
Stand: 08.12.2025
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Eine Erfindung gegen den Drahtverhau
Um die Bedeutung von Eislers Idee zu verstehen, muss man sich die Elektronik der Zeit vorstellen. In Radios, Messgeräten oder militärischen Geräten verliefen Drähte oft in mehreren Ebenen durch das Gehäuse. Ein erfahrener Techniker konnte solche Schaltungen bauen und reparieren, aber sie waren aufwendig, fehleranfällig und schwer zu standardisieren. Die gedruckte Schaltung drehte dieses Prinzip um: Nicht mehr der Draht bestimmte die Struktur des Geräts, sondern die Leiterbahn auf einer Platte.
Trotzdem war Eisler mit seiner Ankunft in Großbritannien kein gemachter Mann. Ihm fehlte die Arbeitserlaubnis, und während er weiter versuchte, seine Patente anzubringen, baute er unter anderem ein Radio mit gedruckter Schaltung. Zunächst aber arbeitete Eisler in einem Kino. Und obwohl er mehreren Mitgliedern seiner Familie dabei half, Österreich zu verlassen, landete Eisler bis zu seiner Entlassung im Jahr 1941 in einem Internierungslager.
Nun konnte Eisler wieder versuchen, andere für seine Idee einer gedruckten Schaltung zu begeistern, doch sie stieß nicht auf das Maß an Zuspruch, das man rückblickend erwarten würde. Die Industrie war an bestehende Fertigungsweisen gewöhnt. Handverdrahtung war etabliert, qualifizierte Arbeitskräfte waren vorhanden, und neue Prozesse bedeuten immer auch Risiko. Eine gute Idee reicht selten aus, wenn die Umgebung noch nicht bereit ist, sie zu nutzen.
Der Umweg über das Militär
Wie so oft in der Technikgeschichte kam der eigentliche Schub nicht aus dem Konsumgütermarkt, sondern aus militärischen Anwendungen. Harold Vezey-Strong, Besitzer der Druckerei Henderson & Spalding, sah in Eislers Erfindung die Chance für den Einstieg in die Rüstungsindustrie. Für die Umsetzung der Idee wurde eigens die Tochtergesellschaft Technograph gegründet, Eisler wurde ein Angestellter. Es heißt, er habe den Vertrag nicht vor der Unterzeichnung gelesen, und deswegen habe Eisler damit seine Rechte für die Dauer seiner Anstellung für ein symbolisches Pfund Sterling aufgegeben. Immerhin erhielt er aber auch 16,5 Prozent der Anteile an Technograph. Doch in Großbritannien sollte der Durchbruch der Leiterplatte nicht gelingen.
Vielmehr bestand im Zweiten Weltkrieg ein hoher Bedarf an kompakten, zuverlässigen und in größeren Stückzahlen herstellbaren elektronischen Baugruppen. Gedruckte Schaltungen boten dafür genau jene Vorteile, die in zivilen Anwendungen zunächst noch unterschätzt wurden. Als Eisler im Februar 1943 seine zentrale Patentanmeldung zu gedruckten Schaltungen einreichte, wurde sie routinemäßig auch an das amerikanische National Bureau of Standards gemeldet.
Dort, in den USA, stieß man auf Eislers Erfindung. Insbesondere dort wurden die Leiterplatten für militärische Geräte weiterentwickelt und eingesetzt, unter anderem bei Annäherungszündern. Diese mussten klein, robust und zuverlässig sein. Klassische Verdrahtung war dafür nur bedingt geeignet. Die Leiterplatte begann ihren weltweiten Siegeszug also weder von Österreich aus noch von Großbritannien, sondern von den Vereinigten Staaten von Amerika.
Technograph selbst profitierte davon allerdings kaum. Das Unternehmen konnte seine Patentansprüche nur begrenzt durchsetzen, und nur wenige Firmen interessierten sich zunächst für Lizenzen. Eisler selbst blieb vor allem die Anerkennung als Erfinder. Wirtschaftlich profitierte er nur begrenzt von der späteren Bedeutung der Leiterplatte. Nach seiner Technograph-Zeit arbeitete er freiberuflich. Zu seinen Projekten gehörten beispielsweise Folien zum Erwärmen von „Boden- und Wandbelägen“ sowie von Lebensmitteln. Dazu kamen viele weitere praktische Anwendungen der Heiztechnik, wie der Pizzawärmer und die Heckscheibenheizung. Eisler war jedoch bei deren Vermarktung nicht so erfolgreich.
Warum die Leiterplatte alles veränderte
Die Leiterplatte löste nicht einfach nur das Problem unübersichtlicher Verdrahtung. Sie veränderte die Art, wie Elektronik überhaupt gebaut werden konnte. Vorher entstand die elektrische Verbindung in vielen einzelnen Arbeitsschritten: Draht ablängen, führen, befestigen, löten, prüfen. Jede Baugruppe war damit ein Stück Handarbeit; mit allen Vorteilen, aber auch mit allen Schwankungen, die Handarbeit mit sich bringt.
Mit der gedruckten Schaltung wurde die Verbindung selbst Teil des Entwurfs. Leiterbahnen folgten nicht mehr dem Geschick einzelner Monteure, sondern einem festen Layout. Damit entstand bei jeder Baugruppe dieselbe elektrische Struktur. Das machte Elektronik reproduzierbarer, besser prüfbar und für größere Stückzahlen geeigneter.
Auch die Miniaturisierung bekam damit eine neue Grundlage. Bauteile konnten dichter angeordnet, Verbindungen gezielter geführt und Geräte kompakter gebaut werden. Spätere Fertigungs- und Prüfprozesse wie Wellenlöten, SMT-Bestückung, Reflow-Löten, automatische optische Inspektion oder Flying-Probe-Test setzen genau diese Idee voraus: eine definierte Oberfläche, auf der Schaltung, Montage und Prüfung zusammenkommen.
Vom Träger zur Schlüsseltechnologie
Was bei Eisler als Mittel gegen den Drahtverhau begann, ist heute selbst Hochtechnologie. Moderne Leiterplatten sind nicht nur Träger für Bauteile. Sie führen Signale, verteilen Leistung, leiten Wärme ab, ermöglichen Tests und bestimmen mit, wie gut sich ein Produkt fertigen lässt.
Je nach Anwendung können PCBs mehrlagig, hochdicht, flexibel, starr-flexibel, impedanzkontrolliert, wärmeleitend oder für Hochfrequenz optimiert sein. Auf ihnen sitzen Mikrocontroller, Leistungshalbleiter, Sensoren, Funkmodule und komplexe Stromversorgungen. Damit ist die Leiterplatte längst nicht mehr nur mechanische Basis, sondern ein aktiver Teil des Systems.
In der Praxis entscheidet sie oft darüber, ob ein elektronisches Produkt zuverlässig funktioniert. Signalführung, Bauteilplatzierung, thermisches Verhalten, EMV, Lötbarkeit und Prüfbarkeit hängen eng mit dem Layout zusammen. Ein Design kann am Bildschirm überzeugend aussehen und trotzdem in der Fertigung Probleme bereiten. Genau deshalb ist die Leiterplatte bis heute kein langweiliges Basisteil, sondern einer der Orte, an denen sich entscheidet, ob aus einer Schaltung ein robustes Produkt wird.
Eisler und die EMS-Welt
Für die moderne Elektronikfertigung ist Eislers Idee deshalb mehr als eine historische Randnotiz. EMS-Dienstleister arbeiten heute mit einer Grundannahme, die ohne Leiterplatte nicht existieren würde: Elektronische Schaltungen lassen sich auf standardisierbaren Trägern entwickeln, bestücken, löten, prüfen und in Serie bringen. Ob Prototyp, High-Mix-Low-Volume oder Serie: Die Leiterplatte ist die gemeinsame Ebene, auf der Entwicklung und Fertigung praktisch zusammenfinden.
Auf dieser Grundlage beraten Fertiger bei Layoutfragen, prüfen Stücklisten, entwickeln Testkonzepte, optimieren Lötprofile, bewerten Materialalternativen und sichern Qualität über unterschiedliche Stückzahlen hinweg.
Gerade hier zeigt sich die Aktualität von Eislers Erfindung. Ein ungünstig platzierter Steckverbinder, ein schlecht gewählter Footprint, zu enge Abstände oder fehlende Testpunkte können aus einem theoretisch funktionierenden Design ein Fertigungsproblem machen. Die Leiterplatte ist damit nicht nur Ergebnis des Designs, sondern auch Prüfstein seiner Praxistauglichkeit. Eisler wollte elektrische Verbindungen ordnen und reproduzierbar machen. Heute geht es im Kern noch immer darum, nur mit mehr Lagen, kleineren Strukturen, höheren Frequenzen, engeren Lieferketten und deutlich mehr Anforderungen auf derselben Fläche.
Wenig Ruhm für eine große Idee
Wie viele Erfinder profitierte auch Eisler nur begrenzt von der wirtschaftlichen Bedeutung seiner Idee. Die Leiterplatte wurde zu einer Schlüsseltechnologie der Elektronikindustrie, aber ihr Erfinder blieb vergleichsweise unbekannt.
Das hat mehrere Gründe. Leiterplatten sind unsichtbare Infrastruktur. Sie glänzen selten im Produktmarketing. Niemand kauft ein Smartphone wegen der Leiterplatte, niemand bewundert beim Auto zuerst die Steuergeräteplatine, und kaum jemand denkt beim Einschalten einer Waschmaschine an das Layout ihrer Elektronik. Die Leiterplatte ist immer da, aber meist verborgen.
Das passt sogar auf eigentümliche Weise zur EMS-Branche. Auch sie ist systemrelevant und häufig unsichtbar. Ohne Fertiger gäbe es viele Produkte nicht, aber auf dem Gehäuse steht selten ihr Name. Ohne Leiterplatte gäbe es moderne Elektronik nicht, aber im Alltag denkt kaum jemand an sie. Paul Eisler erfand also ausgerechnet eine Technologie, deren größter Erfolg darin besteht, dass sie selbstverständlich wurde.
Eine stille Grundlage moderner Technik
Paul Eisler starb 1992. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Leiterplatte längst ihren Siegeszug durch die Elektronik angetreten. Computer, Telekommunikation, Unterhaltungselektronik, Medizintechnik, Luftfahrt, Industrieautomatisierung und Automobiltechnik waren ohne PCBs nicht mehr denkbar.
Heute ist die Leiterplatte noch immer präsent, aber sie steht vor neuen Herausforderungen. Advanced Packaging, Chiplets, Leistungselektronik, Miniaturisierung, Nachhaltigkeit und Lieferkettenrisiken verschieben die Anforderungen weiter. Gleichzeitig wächst der Druck, Elektronik effizienter, reparierbarer und ressourcenschonender zu entwickeln. Auch dabei bleibt die Leiterplatte zentral: als Verbindungsebene, als thermischer Pfad, als mechanische Plattform und als Schnittstelle zwischen Bauteil, System und Fertigung.
Vielleicht liegt genau darin Eislers eigentliche Leistung. Er hat nicht einfach ein Bauteil erfunden. Er hat eine Denkweise verändert. Elektrische Verbindung wurde vom handwerklich gezogenen Draht zur geplanten, reproduzierbaren Struktur. Aus Verdrahtung wurde Layout. Aus Layout wurde Fertigungsgrundlage. Aus der Leiterplatte wurde das Rückgrat moderner Elektronik. (sb)