Ende des Chipmangels nicht in Sicht Infineon plant weitere Übernahmen – Milliardenbereich möglich

Von Michael Eckstein

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Gerade hat der deutsche Chipkonzern Infineon das Startup Industrial Analytics gekauft und damit sein Angebot im Bereich KI-gestützter Analyse von Maschinen und Industrieanlagen gestärkt. Nun lässt Firmenchef Jochen Hanebeck durchblicken: Weitere Unternehmenszukäufe sind geplant. Gleichzeitig schaut er mit Sorge Richtung Taiwan.

Die durch den Zukauf von Industrial Analytics gewonnnen Kenntnisse für „ prescriptive maintenance" sind durchaus auch für die Maschinen in Infineons eigenen Fabriken interessant – etwa für diesen Loading-Roboter in der Dresdner Fab.
Die durch den Zukauf von Industrial Analytics gewonnnen Kenntnisse für „ prescriptive maintenance" sind durchaus auch für die Maschinen in Infineons eigenen Fabriken interessant – etwa für diesen Loading-Roboter in der Dresdner Fab.
(Bild: Infineon Technologies)

Vor fünf Tagen hat Infineon Technologies (Infineon) seinen Einstieg beim Berliner Startup Industrial Analytics bekanntgegeben. Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ hat Infineon-Chef Jochen Hanebeck, der im Mai Reinhard Ploss als CEO des Erfolgsunternehmens abgelöst hat, nun einen Ausblick auf die Zukunft seines Unternehmens gegeben. Demnach will der Neubiberger Konzern weiter zukaufen – wobei Hanebeck durchaus Milliardenbeträge in die Hand nehmen will.

Erst Mitte 2020 konnte Infineon die bis dato größte Einzelakquisition in der Firmengeschichte abschließen: den Zukauf des US-amerikanischen Wireless-, Speicher- und Mikrocontroller-Spezialisten Cypress Semiconductor. Für das Schließen der Lücken im eigenen Portfolio hatte der deutsche Leistungs-IC-Marktführer rund 9 Milliarden Euro aufgewendet.

Auch bei zukünftigen Zukäufen will Hanebeck nicht kleckern: „Aus heutiger Sicht peile ich durchaus Übernahmen an, in kleinerer oder mittlerer Größenordnung, was sich dann durchaus auch im Milliardenbereich abspielen könnte“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Neue große Standorte seien indes nicht geplant. „Ich bin ein großer Anhänger von Skaleneffekten, deshalb lautet unsere Strategie: Wir wollen unsere drei großen bestehenden Standorte für die Wafer-Produktion noch größer machen und diese ausbauen“, sagte der Manager.

„Industrial Analytics“-Lösungen sollen Chipgeschäft ergänzen

Mit der jüngsten Übernahme von Industrial Analytics will Infineon sein Software- und Servicegeschäft im Bereich der Anwendung von Künstlicher Intelligenz zur vorausschauenden Analyse von Maschinen und Industrieanlagen stärken – was kürzer als „Industrial Analytics“ beschrieben wird und etwa Grundlage für Anwendungen wie intelligente vorausschauende Wartung ist. Dazu übernimmt Infineon 100 Prozent der Anteile an dem Unternehmen. Über die Höhe des Investments schweigen beide Firmen.

Industrial Analytics entwickelt Lösungen auf der Basis von Künstlicher Intelligenz, um zum Beispiel Anlagen zu überwachen und kritische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. So werden beispielsweise Schwingungen analysiert und ausgewertet. Die KI-Lösungen von Industrial Analytics werten dabei nicht nur Daten für die vorausschauende Wartung von Anlagen (predictive maintenance) aus, sondern geben auch Handlungsempfehlungen (prescriptive maintenance).

Industrial Analytics habe „herausragende Kompetenzen“ in diesem Bereich, sagt Peter Wawer, Präsident der Infineon-Division Industrial Power Control in einer Mitteilung. „Gemeinsam wollen wir das Geschäft von Industrial Analytics weiter ausbauen und bieten den Industriekunden von Infineon künftig neue KI-Lösungen, die unser Halbleiterportfolio ergänzen.“

Anja Vedder, Mitgründerin und Geschäftsführerin von Industrial Analytics, hofft, mit Infineon finanzstarkem Partner den eigenen Wachstumskurs der vergangenen Jahre beschleunigen zu können. Ausschlaggebend sei zudem, dass man auch Zugang zum Systemwissen von Infineon als einem führenden Halbleiterunternehmen erhalte. „Davon werden wir enorm profitieren“, ist Vedder überzeugt.

Nächste Verknappung bei Leistungshalbleitern steht schon vor der Tür

Über den schwierigen Zustand der Halbleiterindustrie macht sich Hanebeck keine Illusionen: Ein schnelles Ende der Halbleiterkrise ist seiner Meinungs nach nicht in Sicht. „Engpässe bei Halbleitern, die wir von Auftragsfertigern beziehen, etwa im Bereich der Mikrocontroller und der Konnektivität, werden wir noch bis ins kommende Jahr sehen“, sagt der Infineon-Chef. Wenn er etwas weiter in die Zukunft schaue, dann sei es sogar „sehr wahrscheinlich, dass bald die nächste Verknappung bei Leistungshalbleitern um die Ecke kommt“.

Sorge macht dem Manager auch die Zuspitzung des Konfliktes um Taiwan. „Wir haben in den vergangenen Jahren während der Halbleiterkrise gemerkt, was es bedeutet, wenn die Hersteller in Taiwan nicht genügend Chips liefern können. Wenn aus Taiwan aber gar keine Chips mehr kommen würden, hätte das tiefgreifende Auswirkungen auf alle Wirtschaftsbereiche, und zwar weltweit“, ist Hanebeck überzeugt.

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Europa sei von Halbleitern aus Taiwan noch abhängiger als von Energie aus Russland. Bei sehr ausgefeilten Halbleiterprodukten gebe es keine Möglichkeit, diese Fertigungen im nötigen Umfang in den nächsten fünf bis zehn Jahren an anderer Stelle zu ersetzen.

Mit Material von dpa, Infineon

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