Fehlende Vorprodukte Herbe Umsatzeinbußen: Lieferengpässe haben deutscher Industrie massiv zugesetzt

Von Michael Eckstein

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Anhaltender Chip- und Materialmangel haben in den vergangenen eineinhalb Jahren zu herben Umsatzeinbußen in Höhe von knapp 64 Milliarden Euro geführt, weil Güter nicht fertiggestellt werden konnten. Allein 2021 kosteten fehlende Vorprodukte rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, hat das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung IMK ermittelt.

Auf Halde: Automobilhersteller haben in den vergangenen Monaten zehntausende Fahrzeuge nicht fertigstellen können. Auch Zulieferer haben massive Umsatzeinbußen erlitten, weil sie  unfertige Vorprodukte nicht verkaufen konnten.
Auf Halde: Automobilhersteller haben in den vergangenen Monaten zehntausende Fahrzeuge nicht fertigstellen können. Auch Zulieferer haben massive Umsatzeinbußen erlitten, weil sie unfertige Vorprodukte nicht verkaufen konnten.
(Bild: gemeinfrei / Pixabay)

Folgen von zu weit optimierten Lieferketten: Wegen Lieferengpässen bei vielen aus dem Ausland bezogenen Vorprodukten hat die deutsche Industrie herbe Produktionseinbußen hinnehmen müssen. Von Anfang 2021 bis Mitte 2022 konnten aus diesem Grund Güter im Wert von knapp 64 Milliarden Euro nicht hergestellt werden, wie eine vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am Montag veröffentlichte Untersuchung ergab. Besonders stark traf es demnach die Autoindustrie. Deren Wertschöpfung in Deutschland sei wegen des Mangels an Vorprodukten um knapp 31 Milliarden Euro geringer ausgefallen.

Massive Materialengpässe belasten die deutsche Industrie seit der Corona-Krise. War der Mangel an Vorprodukten zunächst darauf zurückzuführen, dass das Angebot an Vorleistungen nicht Schritt halten konnte mit der dynamischen Nachfrageerholung, so traten durch den Ukraine-Krieg neue Lieferengpässe auf. Der Mangel an Vorleistungen hat dazu geführt, dass sich zwar der Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe auf Rekordhöhe befindet, die Industrieproduktion hat sich nach der Corona-Krise jedoch nur verhalten entwickelt.

Automobilindustrie besonders stark betroffen

Das IMK hat die entgangene Bruttowertschöpfung sowohl für das gesamte verarbeitende Gewerbe als auch speziell für die Automobilindustrie ermittelt. Demnach beträgt der reale kumulierte Wertschöpfungsverlust im verarbeitenden Gewerbe beträgt für das Jahr 2021 39,2 Milliarden Euro, bis zur Jahresmitte 2022 sogar 63,9 Milliarden Euro. Allein bei der Automobilindustrie ist es zu Wertschöpfungsverlusten von 19,9 Milliarden Euro 2021 und 30,7 Milliarden Euro bis Mitte 2022 gekommen. Damit dürfte der Wertschöpfungsverlust in der Automobilindustrie den Wert der fehlenden Komponenten um mindestens das Zehnfache übersteigen, schätzt das IMK.

„Diese Zahlen untermauern den Bedarf, der Resilienz der Lieferketten künftig zulasten der Kosteneffizienz ein höheres Gewicht beizumessen“, betonten die IMK-Experten Thomas Theobald und Peter Hohlfeld. Ohne die Störungen der Lieferketten hätte das deutsche Bruttoinlandsprodukt nach den Berechnungen der Experten Ende 2021 um 1,2 Prozent und Mitte 2022 um 1,5 Prozent höher gelegen. Die Beeinträchtigungen gehen insbesondere auf Produktionsausfälle in Ostasien und Transportprobleme, aber auch auf Fehleinschätzungen in den Beschaffungsstrategien der Unternehmen zurück.

Der Umfang der Ausfälle verdeutliche, dass die bisherige geschäftspolitische Ausrichtung, mit der die deutsche Industrie in internationale Lieferketten eingebunden sei, in weltwirtschaftlichen Stresssituationen alles andere als optimal sei, warnten Theobald und Hohlfeld. Bessere Resultate verspreche eine Strategie, die auf eine stärkere Resilienz, mehr Lagerreserven, Diversifikation und Nachhaltigkeit der Lieferketten setze. Die sei umso wichtiger, da die anhaltende Null-Covid-Strategie in China und neue geopolitische Spannungen im Zusammenhang mit den Konflikten in der Ukraine und mit Taiwan als international bedeutendem Halbleiterstandort neue Lieferengpässe nach sich ziehen könnten.

Zuletzt leichte Entspannung bei der Liefersituation

Nach Angaben des Ifo-Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München) hat sich die Situation zuletzt etwas entspannt. So sei die Materialknappheit in der Industrie leicht zurückgegangen. Im November berichteten 59 Prozent der vom Ifo-Institut befragten Firmen über fehlende Teile und Vorprodukte – fast 5 Punkte weniger als im Oktober und der niedrigste Wert seit April 2021. „Die Zahlen machen Hoffnung. Dennoch kann noch nicht von einer tiefgreifenden Entspannung gesprochen werden“, sagt Umfragenleiter Klaus Wohlrabe am Mittwoch. „Viele Aufträge können noch immer nicht abgearbeitet werden.“

In der Autoindustrie stieg der Anteil der Unternehmen mit Materialmangel sogar von 75 auf 83 Prozent. Im Maschinenbau berichteten 79 Prozent der Unternehmen, dass sie nicht alle Materialien und Vorprodukte bekommen. Auch bei den Herstellern von elektrischen Ausrüstungen sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen und bei den Getränkeherstellern liegt der Anteil über 70 Prozent. In der Metallerzeugung und -bearbeitung dagegen hat sich die Situation entspannt: Mit 16 Prozent liegt der Anteil der Unternehmen mit Materialmangel so niedrig wie zu Beginn der Beschaffungskrise. (me)

Mit Material von dpa, IMK, Ifo

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